Der Idiot

Bewertung und Kritik zu

DER IDIOT 
nach Fjodor M. Dostojewski
Regie: Sebastian Hartmann 
Premiere: 3. November 2021 
Deutsches Theater Berlin 

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Zum Inhalt: Was heißt es, die Welt anders wahrzunehmen, als es die Umwelt tut? Wie prägen frühe Erfahrungen ein Leben? Woran erinnert man sich, woran nicht? Wie determiniert ist das eigene Handeln, welche Freiheitsgrade zeichnen es aus? Und wie viele Facetten hat ein Ich? Im Zentrum von Dostojevskijs Roman steht Fürst Myschkin, jener "Idiot", der nach mehrjährigem Sanatoriumsaufenthalt in der Schweiz nach Russland zurückkehrt, nun scheinbar geheilt, sprach- und gesellschaftsfähig geworden. Der Text erzählt von Missbrauchsgeschichten, zeigt Figuren, deren Handlungen und Sprechakte zunächst erratisch anmuten, berichtet von Momenten größter Naivität und unmittelbarer Todesnähe. Für Regisseur Sebastian Hartmann auch eine zärtliche Reise hinein in den Kopf Dostojevskijs, hin zu seinen Obsessionen, Begierden und Ängsten.

Mit Elias Arens, Bea Brocks, Manuel Harder, Peter René Lüdicke, Linda Pöppel, Ruth Reinecke, Birgit Unterweger, Niklas Wetzel

Regie / Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Bildregie: Voxi Bärenklau
Animation: Tilo Baumgärtel
Dramaturgie: Claus Caesar


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Russisches Bilder- Roulette
  · 07.11.21
'Die Bühne hat Sebastian Hartmann wieder selbst gestaltet. Zwei Tipis und eine rote Barockfassade kreiseln auf der Drehbühne des Deutschen Theater. Die Kostüme von Adriana Braga Peretzki sind schwarz oder weiß. Auch die Männer tragen zum Teil Kleider und fantastische Federhüte. Mit der bei Hartmann häufig eingesetzten digitalen Livekamera wird das Geschehen immer wieder auf fahrbare Screens übertragen. Animierte Videobilder von Tilo Baumgärtel auf der Bühnenrückwand und Livemusik von Arno Waschk und Samuel Wiese unterstützen das szenische Geschehen auf der Bühne. Es entstehen dabei auch ikonografische Bilder wie zum Beispiel das im Roman beschriebene Holbein-Gemälde Christus im Grab. Der ziemlich pathosbeladene Bilderkitsch kulminiert in einer Hängeparty der blutbesudelt an Schnüren hochgezogen Linda Pöppel, die wie ein leidender Christus einen verzweifelten Monolog hält, in dem es um Glauben, Vergebung, Schuld, das Scheitern des wissenschaftlichen Fortschritts und die Menschheit leitende Ideen geht.

Hartmann versucht das Pathos durch szenische Einfälle zu brechen, wie etwa das aus der Rolle fallen von Ruth Reinecke, die unter dem Einwurf „Linda friert!“ alle auffordert, die in transparente Plastikfolie eingewickelte Schauspielerin aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Es folgt im letzten Teil ein szenisches Videogewitter, das Adolf Hitler, Nazi-Jubelaufmärsche und Kriegsbilder zum apokalyptischen Dauerloop vereint. Für ein minutenlanges Knallkonzert mit Platzpatronen gab es schon in der Pause kostenlosen Hörschutz. Russisches Roulette mit Dostojewskij. Nicht jeder Geistesblitz kann ein Volltreffer sein. Danach ist die Luft ziemlich raus und die von Ruth Reinecke dargebrachte Erzählung Myschkins vom Bauernmädchen Marie wirkt wie ein Nachklapp in Sachen Nächstenliebe. Da ist einem die ganze Chose um epileptische Anfälle und Lichtblitze eines höheren Seins aber schon relativ piepegal, der „rote Faden“ war bereits wesentlich früher abhandengekommen.'' schreibt Stefan Bock am 6. November 2021 auf KULTURA-EXTRA
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Eklatant ausufernde Szenen und harte, knirschende Brüche
  · 04.11.21
''Die längste Zeit aber genügt sich Hartmann darin, seinen persönlichen Albtraumbildern und Bewusstseinsströmen nachzuhängen und mit viel Sentimentalität und Pathos zu bombastischen Elektro- und Piano-Sounds die eigene Endlichkeit zu beweinen.

Die Szenen ufern an diesem viel zu langen Abend eklatant aus, zwischendurch harte, knirschende Brüche. Am Ende folgt dann, wie immer: die Apokalypse, Endzeitstimmung, die Welt liegt in Schutt und Asche.

So sehr man Hartmanns Befragung der Welt jenseits aller Rationalität und oberflächlicher Nacherzählung schätzen muss: Seine neuste Dostojewskij-Episode wirkt in all ihrer Abschweifung weniger universell, weniger das große Ganze hinterfragend, als narzisstisch – und eitel.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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Virtuose Nummern an überlangem Abend
  · 04.11.21
Sehr zäh schleppt sich der Abend bis zu den Buhrufen und der ersten Pause. Vom Bilderrausch der beiden Live-Stream-Inszenierungen "Zauberberg" und "Buch der Unruhe" ist wenig zu spüren, die analoge Arbeit fällt zwei Schritte zurück.

Im Mittelteil kommt der Abend auf Betriebstemperatur, es gibt einige virtuose Soli von Niklas Wetzel oder Linda Pöppel, bevor sich der Abend mit der "Linda friert"-Slapstick-Nummer in die zweite Pause rettet.

Der mit 4,5 Stunden viel zu lange Abend ist über weite Strecken nicht mehr als eitles Selbstbehauptungsgebrüll, wie Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung zusammenfasste.

Von dieser Premiere bleiben ansonsten noch die Verve und Ausdauer in Erinnerung, mit der eine Zuschauerin ihre Viren und Aerosole konsequent ohne Maske in den Saal ballerte. Ein Stresstest für die hochgelobten Lüftungsssysteme und ein ungutes Gefühl, ob die "Hygienekonzepte" aufgehen und die Theater für den nächsten Corona-Herbst/Winter ausreichend gewappnet sind.

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