Gaia googelt nicht

Bewertung und Kritik zu

GAIA GOOGELT NICHT 
von Nele Stuhler
Regie: Sarah Kurze 
Premiere: 9. Juni 2021 
Deutsches Theater Berlin 

Zum Inhalt: Nele Stuhlers neues Stück ist eine Reise zum Anbeginn der Welt. Dort, am Ursprung aller Dinge, steht Gaia. Sie ist die Weltenschafferin. Sie schöpft aber auch alle anderen Dinge: die Himmel, die Mond, die Luft, die Chaos, die Sonne, die Liebe, die Universum, die Zeit. Anstrengend ist das. Und manchmal kompliziert. Schließlich macht sie das alles zum ersten Mal. Ein wenig eintönig wird der Zyklus des Schaffens dann auch. Nach der hundertundeinsten Gebirgskette. Das ändert sich erst, als Gaia den Phallus schöpft. Eher aus Missgeschick. Da teilt sich die Schöpfung in Sie und Er, aus Urana wird Uranos, aus Einzelschöpferin werden Beischläfer und Gebärerinnen. Und der Lauf der Welt verändert sich.

Mit: Harald Baumgartner, Maren Eggert, Sarah Maria Grünig, Lisa Hrdina, Alexander Khuon, Eli Riccardi

Regie: Sarah Kurze
Bühne: Manuel La Casta
Kostüme: Henrike Huppertsberg
Musik: Marcel Braun, Björn Mauder
Dramaturgie: Sima Djabar Zadegan, Bernd Isele


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kalauernde Mythen-Spielereien
  · 19.06.21
Nele Stuhler, die gemeinam mit Falk Rößler auch das Duo FUX bildet und beispielsweise im HAU unterwegs ist, spielt in ihrem Text „Gaia googelt nicht“ mit Kalauern, feministischen Sprachspielen, Persiflagen auf den Ödipus-Mythos oder Kastrations-Kettensägen-Slapstick. Maren Eggert ist der ruhende Pol in diesem Chaos, ihre wichtigste Gegenspielerin zu Beginn ist Lisa Hrdina, die Expertin für überdrehte Comedy-Auftritte im Ensemble des Deutschen Theaters Berlin. Leider wahrt Eggert jedoch zu wenig Distanz zu den oft albernen Gags des „Gaia googelt nicht“-Sommertheaters. Anders als in ihrer mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Rolle der Archäologin Alma in Maria Schraders Androiden-Komödie „Ich bin Dein Mensch“ lässt sich Eggerts Göttin zu sehr in die Späße hineinziehen. Die lakonische Überlegenheit, mit der Eggert im Kino Sandra Hüller als Marketingfrau der Tech-Firma und ihren Androiden-Lover auflaufen ließ, hätte auch der Uraufführungs-Inszenierung von Sarah Kurze sehr gut getan.

Ohne diesen erhofften, stärkeren Kontrapunkt von Eggertschem Ernst und Strenge plätschert der Text von Nele Stuhler doch zu flach-witzelnd dahin. Warum Gaia nicht googelt, wird in diesen 90 Minuten nicht klar, aber die aktuelle Fassung ist die 3. Stufe eines Work in Progress. Bereits bei den Autorentheatertagen von 2019 und 2020 wurden Gaia-Texte von Nele Stuhler als szenische Lesungen präsentiert. Regie führte auch damals Sarah Kurze, die zwei Jahre lang als Regieassistentin am DT Berlin beschäftigt war und gegen Ende des ersten Corona-Lockdowns den Live-Stream „Die härteste Tochter Deutschlands“ entwickelte. Es spricht für Ulrich Khuon und das Deutsche Theater Berlin, dass sie Autorinnen mit langem Atem fördern. Seltsam ist allerdings, dass das DT mit dem „Gaia“-Projekt auf ein schwächeres Pferd setzt: bei der dreitägigen Werkschau von zehn aktuellen Texten Anfang Oktober blieb Stuhlers Gaia-Text deutlich hinter anderen Beiträgen zurück, nicht nur hinter Elfriede Jelineks Corona-Fragment „Blindes Sehen“, das sie zum kürzlich am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführten „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen“ ausbaute, sondern auch hinter Martina Clavadetschers Schneewittchen-Chor „Der Glassarg ist doch auch bloß ein öffentliches Bett“ oder Milena Michaleks „Das hier (Anrufungen aus der ideologischen Moderne)“ zurück, die wesentlich facettenreicher waren als Stuhlers kalauernde Mythen-Spielereien.

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Göttlich war vor Google
  · 25.08.21
''Träume lassen sich nicht erziehen, wie das Fortsetzungsdrama Gaia googelt nicht von Autorin Nele Stuhler poetisch schwelgerisch weismacht. Uranos ist es jedoch bald leid, Gaias Schöpfungen in das Weltenlos hineinzutragen, ihr gar hinterher zu räumen.

Auch Kronos (Alexander Khuon) erklärt Gaia bald, dass das Denken über schöpferische Verbindungen gefährlich sei. Gaia redet mit ihm über mögliche Ängste, hofft jedoch insgeheim weiterhin auf die gewinnträchtige Bindung. Bald kommt es zum umstürzlerischen Showdown. Denn das Männliche lässt sich nun nicht mehr zurücknehmen. Im Rudelberg der Unendlichkeit entspinnt sich entgegen aller Ladies first-Gentlemanliness ein bedeutungsschwerer Machtkampf.

Nele Stuhlers komisches, experimentierfreudiges Stück überzeugt durch gut aufgelegte Darsteller. Die betont weibliche Perspektive auf Schöpfung ist erfrischend und sprudelt nur so vor Inspiration. Mit Einfall der Abenddämmerung werden die Gesten und das humorvolle Spiel mit den Geschlechterrollen umso bewegter. Der im Werktitel genannte Suchdienst wird in der Vorführung mit keinem Wort erwähnt. Trotzdem geht mit der Schöpfung stets auch sichtlich eine Suche einher.'' schreibt Ansgar Skoda am 23. August 2021 auf KULTURA-EXTRA
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