Melissa kriegt alles

Bewertung und Kritik zu

MELISSA KRIEGT ALLES
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Premiere: 29. August 2020 
Deutsches Theater Berlin

F: Ich hab neulich so'n Buch angefangen zu lesen, über 'nen Erickson, das ist ein Psychotherapeut in Amerika gewesen, und worum der sich gekümmert hat, ist Hypnose. Da werden verschiedene Methoden angerissen, wie man jemanden in Hypnose versetzen kann, und es gibt nicht nur die klassische Variante mit Finger hin und her oder Pendel oder so. Er sagt, man kann einfach auch jemandem das eine sagen, und dann das andere, das dem komplett widerspricht, dann kann man den schon so’n bisschen in Trance versetzen. In meinem Leben ja auch, wenn ich zum Beispiel sage, ich krieg Hartz IV oder so, und trotzdem wird mir gesagt, kauf möglichst alles bio oder so, für die guten Hühner, ja? Und wie soll ich denn das machen? Ich bin natürlich, wie soll ich sagen, wenn ich Eier kaufe, permanent in Trance. Du hast diese Bioeier im Kopf und steuerst dann bei Rewe auf die Ja!-Kisten zu. So laufe ich durch 'nen Supermarkt.

Mit Kathrin Angerer, Franz Beil, Jeremy Mockridge, Bernd Moss, Katrin Wichmann, Martin Wuttke

Regie: René Pollesch
Bühne: Nina von Mechow
Kostüme: Tabea Braun
Video: Ute Schall
Licht: Matthias Vogel
Dramaturgie: Anna Heesen


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Von Aischylos bis Bullerbü oder Wer A sagt, ist nur zu faul zum B-Denken
  · 04.09.20
''Er hätte auch ganz gerne mal eine Gesamtansicht von sich, referiert er gewohnt fahrig von der Großbild-Videoleinwand herunter auf das Bühnenbild in zwei Zimmern. Das alte Lied der Innen- und Außenwahrnehmung. Sich selbst beim Handeln zusehen, eine Vorstellung davon haben, was man gerade tut. Man könnte das auch als Unvermögen der Reflexion bezeichnen, oder auch das Denken und Handeln nicht immer eine Einheit bilden. Der Zweifel und das Einverständnis als Triebkraft des Marxismus. Aber so ganz klar ist das dann wieder auch nicht. Nebenbei geht es neben dem geplanten Bankraub, der hier nur schleifendrehende Denkblase bleibt, außerdem noch um Brecht und die Weigel als Intendantin und Mutterdarstellerin, Leben und Tod, die paradoxe Gleichzeitigkeit des revolutionären Marxisten, den Wuttke hier mit Marxbart, russischer Fellmütze und Prawdazeitungs-Nachthemd gibt sowie um die Unmöglichkeit der Liebe in der falschen Gesellschaft.

Das Gefühl, die Revolution verpasst zu haben, führt bei Kathrin Angerer in einem letzten Monolog geradewegs zur postrevolutionären Depression, die sich ihre neuen Zeichen sucht und seien es nur Katzenvideos oder was René Pollesch im Lockdown sonst noch so gesehen und gelesen hat. Die Kritik der Repräsentationsroutine gegen die Routine des immer gleichen Diskurses nur in anderem Gewand. Dass man dabei auch wieder mit schönen Anekdoten gegen den Theaterbetrieb ätzt wie etwa Katrin Wichmann mit ihrem Bericht über entwürdigende E-Castings oder den kanonisierten Ton des Theaters von „Aischylos bis Bullerbü“ geißelt, ist schöne Abwechslung im allgemeinen Einerlei der Uneindeutigkeiten. Wenn Bernd Moss erkennt, dass man schon wieder in die falsche Richtung gespielt hat, weil ein voll besetzter Theatersaal im Großbild-Video an der Rückwand erscheint, dreht sich das Bühnenbild einfach um und lässt einen wieder allein mit der Ungewissheit offener Fragen. Auch das ein Spiegel der momentanen Ohnmacht des Theaters und einer Gesellschaft im Notstand.'' schreibt Stefan Bock am 4. September 2020 auf KULTURA-EXTRA
War die Kritik hilfreich?
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Funke springt nicht über
  · 01.09.20
''Einem Martin Wuttke, einer Kati Angerer sieht man natürlich immer gern zu, auch Katrin Wichmann, Franz Beil und Jeremy Mockridge, vor allem nach so langer Theaterpause. Doch gerade weil Pollesch seine Stücke erst auf den Proben entwickelt, hätte das Stück zumindest eine winzige Verbindung zeigen können zu den großen philosophischen Fragen, die die Welt und das Theater umtreiben – auch auf Meta-Ebene. Doch es ist ein Abend, der wie eine Pollesch-Schneekugel im Regal steht, seltsam abgeschlossen vom Rest der Welt. Und ein Abend voller Melancholie: Am Ende sinniert Angerer über das Verschwinden einer großen Liebe. Dass der Funke nicht überspringt, liegt auch an den wenigen Zuschauern, der reduzierten Reaktion aus dem Publikum. Die Hoch-Stimmung, die sonst bei Pollesch aufkommt, kann bei einem nur viertel gefüllten Saal nicht entstehen. Es ist, als stehe man mit drei Leuten auf der Tanzfläche. Und obwohl am Ende alle klatschen, klingt der Applaus mit so wenigen Zuschauern lau.

So sehr man sich darüber freut, dass wieder gespielt werden kann: Corona hat das Theater deutlich verändert. Nach den ersten Premieren an der Volksbühne, am Gorki Theater, am DT wird deutlich, was mit Corona verloren gegangen ist. Die Energie zwischen Zuschauenden und Spielerinnen fließt nicht. Die Spieler wirken wie auf Reserve. Und das Gemeinschaftsgefühl im Publikum ist so groß wie in einem halbleeren Fußballstadion. Das verändert das Theater, diese Publikumskunst, ganz beträchtlich – nie konnte man das so gut studieren wie jetzt. Schlimmer als alle Huster dieser Welt ist ein totenstiller Zuschauerraum. Es bleibt ein Hoffen auf die Zeit, in der der Überschwang, das Gesurre und Gebrumme, die Anspannung, Aufregung, die Freude und das Leben ins Theater zurückkehren dürfen.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
War die Kritik hilfreich?
0 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Schnitzeljagd und Verbeugung vor Volksbühne
  · 29.08.20
Monatelang rätselten Feuilletons und Soziologen, wie sich die Welt und das Theater durch Corona wohl verändern werden. René Pollesch macht mit seinen Weggefährten in "Melissa kriegt alles" am DT Berlin einfach ganz unaufgeregt weiter wie bisher: die übliche anspielungsreiche Schnitzeljagd für Nerds, die Alexandra Kollontai mit Jennifer Lopez und Woody Allen mit Helene Wegel kurzschließt. Eine kleine Akzentverschiebung gibt es aber doch: der designierte Intendant der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz, winkt ein paar Mal deutlich hinüber zu seiner alten, neuen Wirkungsstätte, über der demostrantiv in großen Lettern „OST“ prangte.

Wie üblich bei Pollesch dürfen die Spieler*innen als Ko-Autor*innen auch loswerden, was ihnen auf den Nägeln brennt: Katrin Wichmann macht sich über E-Castings lustig und Jeremy Mockridge stichelt in einem Solo vorne an der Rampe gegen die „Perlen vor die Säue“-Attitüde, mit der Stars wie Benedict Cumberbatch im Londoner Old Vic vor ihr Publikum treten.

Weiterlesen
War die Kritik hilfreich?
Um eine Kritik zu schreiben musst du dich einloggen.