jedermann (stirbt)

Bewertung und Kritik zu

JEDERMANN (STIRBT)
von Ferdinand Schmalz
Regie: Data Tavadze 
Premiere: 1. März 2020 
Deutsches Theater Berlin 

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Zum Inhalt: Ein blühender Garten, Zeichen des bürgerlichen Reichtums, ein Ort für ausschweifende Partys und zugleich eine hermetisch umzäunte Festung, die keine Fremden und keine Armut hereinlassen soll. Auch der Tod war nicht zum Gartenfest geladen. Gekommen ist er trotzdem. "Ists wirklich schon so spät?". Der vielfach preisgekrönte österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz hat Hugo von HofmannsthalSpiel vom Sterben des reichen Mannes für das 21. Jahrhundert über- und neugeschrieben. Sein Jedermann ist kein "prächtiger Schwelger" mehr, wie ihn der Teufel bei Hofmannsthal nennt. Er ist ein knallharter Geschäftsmann neoliberalen Zuschnitts. Dass außerhalb seines Gartenzauns das Chaos tobt und das Kriegsrecht ausgerufen ist, schert ihn wenig. Zumindest im Moment. Auch er wird den Weg allen Fleisches gehen, allerdings mit wenig Hoffnung auf das Himmelreich: "erlöst oder nicht ist wirklich unerheblich".

Data Tavadze, Leiter des Royal District Theaters in Tiflis und einer der herausragenden jungen Regisseure Georgiens, wird das Spiel rund um Geld, Macht und Tod in Szene setzen. Er arbeitet zum ersten Mal am Deutschen Theater.

Regie: Data Tavadze
Bühne / Kostüme: Janja Valjarević
Musik: Nika Pasuri
Licht: Kristina Jedelsky
Dramaturgie: Sima Djabar Zadegan, Juliane Koepp


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Missverständnis eines Textes, so dass die Ironie auf der Strecke bleibt
  · 07.03.20
Diese Überschreibung des Salzburger „Jedermann“-Spektakels durch den Österreicher Ferdinand Schmalz erinnere ihn sehr an seine beiden letzten Berliner Gastspiel-Inszenierungen, erzählte der georgische Regisseur Data Tavadze im Programmheft-Interview. „Jedermann (stirbt)“ füge sich sehr gut in eine Reihe mit „Women of Troy“ und „Prometheus – 25 Years of Independence“, mit denen sich der Leiter des Royal District Theaters in Tiflis im Juni 2018 beim Radar Ost-Festival beim Deutschen Theater. Damals erzählte er von traumatisierten, stark verunsicherten Menschen, denen nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Bürgerkrieg das Grundvertrauen fehlt.

Ganz konsequent bringt er den Ferdinand Schmalz-Text „Jedermann (stirbt)“ als düstere, schwermütige Sprechoper auf die Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters.

Doch diese Lesart ist ein gewaltiges Missverständnis. Bei dieser Berliner Neuinszenierung des Burgtheater-Auftragswerks bleibt vieles auf der Strecke, was den sprachverliebten, metaphernsatten Text ausmacht: die Ironie und vor allem das barocke, spielerische, vielleicht auch typisch österreichische Verhältnis zum Tod, das zwischen Lebensgenuss und Todessehnsucht pendelt.

Neben diesem Missverständnis kommt ein zweites Problem hinzu: Tavadze, der den Text nicht auf Deutsch, sondern nur in einer Übersetzung lesen konnte, konzentriert sich ganz auf den Klang der Wörter. Mal nur flüsternd, mal im Stakkato gehen die einzelnen Wörter unter, verlieren ihre Bedeutung, sind nur noch Teil eines Oratoriums, begleitet von stark überzeichneten Gesten wie aus einem expressionistischen Stummfilm und von einem Klangteppich der drei Live-Musiker an Kontrabass, Posaune und Klarinette im Hintergrund.

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Ein leiser Abend
  · 03.03.20
''Data Tavadze war bereits 2018 mit Gastspielen am DT zu sehen, seinen "Prometheus" hatte er damals mit der Unabhängigkeitserklärung Georgiens verknüpft. Ebenfalls eine bildstarke, tiefschwarze Inszenierung ohne Hoffnungsschimmer. Doch zudem war sie laut, gewaltvoll. Dieser Abend nun ist leise, voller Pausen, die man aushalten muss. Natali Seelig, eine eher exaltierte Spielerin, war selten so zurückgenommen auf der Bühne zu sehen. Es wird stetig gewispert, geflüstert. Das kann man spröde und langatmig finden. Auch, weil die Spieler zu häufig am Mikrofonhalter herumstehen. 

Doch die zurückhaltende, formal strenge Gesamtkomposition, den Mut zur Stille, zur Ernsthaftigkeit, ironiefrei über Sterblichkeit und Lebenssinn nachzudenken, ist durchaus angenehm, im deutschen Theater eher ungewöhnlich und zeitweise sogar berührend.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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