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Bewertung und Kritik zu

DIE AFFÄRE RUE DE LOURCINE
von Eugène Labiche
Regie: Karin Henkel
Premiere: 17. Januar 2016 
Deutsches Theater Berlin

Eine Nacht voller Alkohol. Der nächste Morgen. Filmriss. Hinter Lenglumé schnarcht es. Hat er etwa jemanden abgeschleppt, beim Ehemaligentreffen gestern Nacht? Mann oder Frau? Da ist eine Lücke in seinem Gedächtnis, die sich einfach nicht schließen will. Aus dem Bett kriecht einer namens Mistingue. Wer ist das? Und wo kommt er her? Dann berichtet die Zeitung beim Frühstück, vergangene Nacht sei in der Rue de Lourcine ein junges Mädchen ermordet worden. Alle Indizien verweisen auf Lenglumé und Mistingue. Was jetzt? Eine Komödie über Erinnerungsnöte, Identitätsverwirrung und die realitätsstiftende Gewalt der Einbildung.

Mit Michael Goldberg, Felix Goeser, Anita Vulesica, Christoph Franken, Wiebke Mollenhauer, Camill Jammal

Regie: Karin Henkel
Bühne: Henrike Engel
Kostüme: Nina von Mechow
Musik: Arvild Baud
Dramaturgie: Claus Caesar, Hannes Oppermann


 
Meinung der Presse zu „Die Affäre Rue de Lourcine“ - Deutsches Theater Berlin


FAZ
★★★★☆

rbb
★★★☆☆

taz
★★★☆☆

nachtkritik
★★★★☆

Berliner Zeitung
★★★★☆

Der Tagesspiegel
★★★☆☆

Theater heute
★★★★☆

Die Welt
★☆☆☆☆

Zitty
★★★★☆

tip
★★★☆☆

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Eines Katers wundersame Wirkungen
  · 24.01.17
Er war ein überaus produktiver Komödienschreiber, der französische Autor Eugène Marin Labiche, aus dessen Feder unter anderem auch „Das Sparschwein“ in der Botho-Strauß-Übersetzung von 1973 dem Berliner Theaterpublikum noch in guter Erinnerung ist. Seine „Affäre Rue de Lourcine“ stammt aus dem Jahre 1857 und speist sich eigentlich aus einer ganz simplen Kernidee, deren Wirkungen sich auf wundersam bühnenwirksame Weise erweitern und steigern.

Was die Regisseurin Karin Henkel nun aus dieser Vorlage herausholt, ist in hohem Maße ergötzlich und unterhaltsam, und die Bühne mit drei Kreissegmenten auf einer Drehbühne, die den Ort der Handlung aus verschiedenen Perspektiven zeigt (Bühne: Henrike Engel), ist ihr dabei eine adäquate Unterstützung. Noch während sich der Zuschauerraum füllt, betreibt ein achtköpfiges Putzgeschwader in aseptischer Montur eine akribische Tatortreinigung der gesamten Vorderbühne mit Sprühspray und Kameradokumentation. 

Oscar Lenglumé (Michael Goldberg) ist böse bezecht vom Klassentreffen mit den Ehemaligen heimgekehrt. Nun quält er sich, nach verwunderter Mahnung vom Stubenmädchen Justine (Wiebke Mollenhauer) und von der Ehefrau Norine (pointiert präzise: Anita Vulesica) endlich aus seinem Bett, rutscht die dort angesetzte Rampe herunter und präsentiert in einem ersten Monolog seine Erinnerungslücken und katertypischen Malaisen. Später stellt sich heraus, dass eine zweite Person namens Mistingue (Felix Goeser) auf dem selben Lager übernachtet hat und nur mit größter Mühe in den Tag hineinfindet. Was die beiden da an fürchterlichen Alkoholfolgen vorführen, würde jeder Entziehungsklinik als abschreckendes Beispiel dienen können. Zu den Nachwirkungen des genußreichen Abends gehört auch ein Flatulissimum vom Feinsten, worüber sich das animierte Publikum kringelt. Am schlimmsten ist aber, dass - ausgelöst von einer Zeitungsanzeige - in den beiden Klassenkameraden der Verdacht aufkeimt, sie könnten in ihrer vernebelten Rage ein junges Mädchen getötet haben. Jetzt wird diese fatale Möglichkeit mit wuchernder Fantasie ausgeschmückt, und beide sehen sich schon als ertappte Mörder, die nun natürlich auch alle Mitwisser und Belastungszeugen aus dem Wege räumen müssen. Diese haarsträubende Entwicklung der Geschichte wird nun hingebungsvoll verfolgt und ausgeschmückt. 

Indes: im selben Maße, wie die Folgen des Alkoholexzesses nachlassen, drängt sich auch wieder das banale, reale Leben nach vorn, und die ausufernden Blähungen der Imagination erweisen sich - zum Glück - als vorübergehende, vom schlechten Gewissen induzierte Schreckbilder. Der Sohn (Camill Jammal) präsentiert einen schmissigen Finalsong - das war’s. 

Lebhafter Beifall vom Publikum und eine Rose für die Darsteller - schliesslich war es die (vorerst ?) letzte Vorstellung dieser Erfolgsproduktion. 

http://roedigeronline.de
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Publikums-Erfolg zwischen Klamauk und Loop-Effekten
  · 02.02.16
Im Zentrum von Labiches Komödie, die tief im Klamauk und Slapstick herumwühlt, stehen zwei verkaterte Männer mit „Filmriss“. Oscar Lenglumé und sein Zech-Kumpel Mistingue werden von Michael Goldberg und Felix Goeser mit recht brachialer Komik gespielt. An diesen beiden Hauptfiguren des Stücks wird deutlich, wie brüchig das Fundament ist, auf dem gesellschaftliche Konventionen und Moralverstellungen errichtet wurden. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes bereit, über Leichen zu gehen und vermeintliche Belastungszeugen aus dem Weg zu räumen.
Dass der Abend trotz seines derben Grundtons erstaunlich gut funktioniert, liegt vor allem an einer umwerfenden Anita Vulesica als Norine (Gattin von Lenglumé). Urs Widmer schrieb im Programmheft über Labiches Stücke: „Nicht zufällig sind sie voller Bombenrollen für Männer, die Frauen sind alle auswechselbar, entweder jung oder nicht mehr so jung oder Dienstmädchen.“ Damit räumt Regisseurin Karin Henkel auf: Vulesica ist das Kraftzentrum ihrer Inszenierung und erntet den stärksten Applaus. Wie sie vor Zorn bebt, um Fassung ringt und sich verzweifelt müht, die bürgerlichen Fassaden am Tag der Taufe ihres Neffen zu wahren, ist der Höhepunkt des Abends. Ganz in Schwarz gehüllt zieht sie in der sterilen weißen Umgebung ohnehin schon die Blicke auf sich. Der Überbiss, durch den sie ihre Ermahnungen zischt und keift, verstärkt diesen Effekt noch. Weiterlesen
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