Hekabe – Im Herzen der Finsternis

Bewertung und Kritik zu

HEKABE – IM HERZEN DER FINSTERNIS
nach Homer und Euripides
Regie: Stephan Kimmig 
Premiere: 22. November 2019 
Deutsches Theater Berlin 

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Zum Inhalt: Woher kommt der Hass? Wie sucht er sich seine Opfer, was für Helden produziert er? Und wie tief ist er verwurzelt? Mit dem Fokus auf die Frauenfiguren und Verliererinnen des trojanischen Kriegs und somit die Archetypen der Antike untersucht die Inszenierung von Stephan Kimmig das Herz der Finsternis: den Hass der Sieger auf die Besiegten, der Stärkeren auf die Schwächeren, der Männer auf die Frauen, an denen sich die Gewalt und Grausamkeit des Krieges fortsetzt. In klaren Schritten und Schnitten folgt Kimmig den Spuren der "Troerinnen" und dem selten gespielten Frauenstück Hekabe von Euripides. Im Mittelpunkt steht dabei die Königin von Troja Hekabe als Inkarnation von Leid, Verlust und Klage, Mutter von fünfzig Söhnen und Töchtern, die alle durch den Krieg sterben. Dennoch sind Hekabe und ihre Töchter keine reinen Opfer. Durch die Stimmen und die Sprache, die Euripides seinen Frauenfiguren gegeben hat, erwächst aus der Klage eine Kraft, eine sprachliche Gegengewalt zu dem geschehenen Unrecht. Sie stehen damit im krassen Gegensatz zur Glorifizierung der griechischen Helden Odysseus und Agamemnon durch Homer. Doch wie Ausbrechen aus diesen ewigen Konflikten von Hass gegen Hass, Tätern gegen Opfer, Unrecht und Rachewunsch?

Mit Paul Grill, Katharina Matz, Linn Reusse, Almut Zilcher, Michael Verhovec (Live-Musik)

Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß Kostüme Anja Rabes
Musik: Michael Verhovec
Licht: Robert Grauel
Dramaturgie: John von Düffel

TRAILER


 
Meinung der Presse zu 
„Hekabe – Im Herzen der Finsternis“
Deutsches Theater Berlin


nachtkritik
★★☆☆☆

Berliner Zeitung
★★☆☆☆


Tagesspiegel
★★☆☆☆

Die Welt
★☆☆☆☆

tip
★☆☆☆☆

DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Die Kraft der Sprache
  · 25.11.19
'Das Konzept der Inszenierung ist durchaus nachvollziehbar: Kimmig und sein Dramaturg John von Düffel möchten sich ganz auf die Kraft der Sprache konzentrieren – denn auch Hekabe ist bei Euripides eine sprachmächtige Figur. Als Kriegsgefangene stehen ihr nichts als ihre Worte zur Verfügung. Allein ihre Argumentationskunst führt dazu, Agamemnon, den griechischen Heerführer, vom unfassbar großen Unrecht zu überzeugen, das ihr zuteil wurde. Agamemnon gibt ihr erst die Erlaubnis und Möglichkeit, sich am Mörder ihres Sohnes und dessen Kindern zu rächen. Die Frauen sind hier also nicht nur Opfer, Hekabe ist nicht nur die Mutter aller Leiden. In ihrer Sprachgewalt liegt die Hoffnung, den Hass, den Teufelskreis von Krieg und Rache letztlich womöglich zu durchbrechen und durch Kommunikation, durch Reflexion zu mehr Selbstbestimmung zu gelangen.

Allerdings ist diese Regie-Setzung mit Minute Eins des Abends offensichtlich und unverrückbar. Zwar ist es nie verkehrt, die emanzipatorische Kraft von Frauen zu beschwören – spannend wird das hier aber kaum. Denn es wird ein Zustand beschrieben, keinerlei Handlung. Das führt zu einer entdramatisierten Inszenierung, abstrakt und spröde, deren Konfliktpotential gleich Null bleibt.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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Unter dem Krieg der Männer leidende Frauenstimmen
  · 25.11.19
''Ein Kreislauf der Rache und Gewalt, der hier von den drei Schauspielrinnen Katharina Matz, Linn Reusse, Almut Zilcher und dem Schauspieler Paul Grill ohne feste Rollenzuschreibungen an Notenpulten stehend vorgetragen wird. Drei Generationen von Schauspielrinnen teilen sich die meisten der Frauenrollen wie Hekabe, Kassandra oder Andromache und Paul Grill übernimmt die griechischen Helden Agamemnon, Odysseus sowie weitere Männer am Rande des Leidenswegs der Troerinnen. In 10 Abschnitte mit Titeln wie „Götter“, „Männer“, „Frauen“ oder „Mütter“ geteilt folgt der Text dabei den Berichten Homers vom Disput der Götter Athene und Poseidon über ihre Einflussnahme am Krieg und den wütenden Klagen Poseidons über die Zerstörung der Stadt mit der Schändung der Frauen und geht dabei bis zu den Irrfahrten des Odysseus, den Klagen der Toten im Hades und der trojanischen Frauen über ihr Schicksal und die Ermordung ihrer Kinder. Der Abend kulminiert dann schließlich im Rachefeldzug der Hekabe gegen den Verräter Polymestor.

Begleitet wird die szenisch sparsame Inszenierung durch eine ausgefeilte Lichtregie, die die mit Bretterwänden ausgekleidete Bühne in immer neue Farben taucht, und den rhythmischen Klängen, die Michael Verhovec mit einem elektronischen Xylophon erzeugt. Der Ton der Darstellerinnen macht aber die Musik. Mal getragen deklamierend kann er sich auch kreischend in die Höhe schrauben. Ein Tänzchen zu viert ist dann schon das exaltierteste an Bewegungschoreografie. Almut Zilcher hat noch als mythische Rachehündin Hekabe einen kleinen Auftritt. Auch wenn einen das schon angesichts der Mörder, die zu endlosen nach dem Alphabet aufgereihten Namenketten von gefallenen Helden, die die vielen namenlosen Opfer-Frauen übertönen, nicht kaltlassen kann, so bleiben die kurzen 80 Minuten wie schon bei David Martons Howl-Inszenierung einen Tag zuvor in der Volksbühne ein doch etwas zu sparsam und kunstvoll serviertes Appetithäppchen, das auf Dauer sicher nicht satt machen kann.'' schreibt Stefan Bock am 25. November 2019 auf KULTURA-EXTRA
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Oratorium der Kriegsopfer
  · 22.11.19
Die mythische Hekabe, die bei Homer nur eine Randfigur war, aber von Euripides ins Zentrum gerückt wurde, wählte auch der Dramaturg und Autor John von Düffel als titelgebende Protagonistin seines Langgedichts „Hekabe – Im Herz der Finsternis“, das er für das Deutsche Theater Berlin schrieb. In bewusst archaischer Sprache mixt er assoziativ Erzählstränge und Motive von Homer und Euripides.

Stephan Kimmig setzte den Text im Stil eines Oratoriums um: die meiste Zeit stehen die vier Spieler*innen Paul Grill, Katharina Matz, Linn Reuse und Almut Zilcher hinter ihren Notenständern und deklamieren die sperrigen Textbrocken von der Rampe ins Publikum: meist einzeln, seltener im Chor.

Begleitet von minimalistischen Klängen (Michael Verhovec) und nur durch eine homöpathische Dosis szenischer Einfälle aufgelockert wird der Text, der einiges an Antiken-Kenntnis voraussetzt, als statisches Frontal-Theater ins Publikum gehämmert.

Erst spät wird dieses Live-Hörspiel durch einige Beatbox-Einlagen von Paul Grill und tänzelnde Lockerungsübungen angereichert. Der Abend schleppt sich dennoch ächzend und ermüdend dahin.

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