Bewertung und Kritik zu

HERBSTSONATE
nach dem Film von Ingmar Bergman
Regie: Jan Bosse 
Berlin-Premiere: 23. Januar 2015 
Deutsches Theater Berlin

Sieben Jahre ist es her, dass sie sich das letzte Mal trafen - nun unterbricht die erfolgreiche Konzertpianistin Charlotte Andergast ihr internationales Tourneeleben, um ihre Tochter in ihrem Haus in der norwegischen Provinz zu besuchen. Eva ist dort mit Viktor, dem Pfarrer der ländlichen Gemeinde, verheiratet. Charlotte hat vor kurzem ihren langjährigen Freund Leonardo durch eine Krankheit verloren. Dieser Schicksalsschlag scheint die Chance einer Erneuerung der Beziehung zwischen Mutter und Tochter zu bieten, die Erwartungen sind groß, man freut sich aufeinander. Das Haus jedoch birgt ein Geheimnis: Eva hat ihre behinderte Schwester Helena bei sich aufgenommen. Charlotte hatte ihre zweite Tochter vor langer Zeit in einer Privatklinik unterbringen lassen. Als sie nun damit konfrontiert wird, brechen in wechselseitigen Vorwürfen alte Verletzungen und ungestillte Sehnsüchte zwischen Mutter und Tochter auf.

Mit Corinna Harfouch, Fritzi Haberlandt, Natalia Belitski, Jörg Pose, Damian Fink / Bennet Schuster

Regie: Jan Bosse
Bühne: Moritz Müller
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno Kraehahn
Video: Meika Dresenkamp
Dramaturgie: Gabriella Bußacker


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4.0/5 Insgesamt 2 Bewertungen (2 mit Rezension)
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Wie in einem Escher – Täuschbild
  · 19.07.17
Die Filmadaptation „Herbstsonate“, nach Ingmar Bergmann, im Deutschen Theater, in der Regie von Jan Bosse, in Kooperation mit dem Schauspielhaus Stuttgart, ist eine absolute Glanzleistung!
Fritzi Haberland und Corinna Harfourch haben der Herbstsonate von Ingmar Bergmann zu einer neuen historischen Interpretation verholfen! Die beiden haben, obgleich zum Text und Interieur keine Änderungen gegenüber dem Film sichtbar wurden, heutige, moderne Frauentypen gespielt und damit geschafft, den klassischen Filmstoff aus den 60-er Jahren in unsere Zeit zu transportieren.
Meisterstück psychologischer Menschenkunde
Das Stück ist ein Meisterwerk psychologischer Menschenkunde. Vordergründig verhandelt es die alte Frauen-und Eheproblematik des Spagats zwischen Kindererziehung und Frauenverwirklichung, es macht sichtbar, was die Privatisierung gesellschaftlicher Ungleichheit innerhalb der Familien konkret bedeutet, es zeigt Fremdheit zwischen Ehepartnern, begründet diese nun aber in einem nächsten Schritt durch Sichtbarmachen der generationalen Hintergründe. In diesem  Fall wird eine Mutter-Tochter-Beziehung seziert, die durch eine dramatische Mischung von Schuld, Fremdheit, Abstoßung und Anziehung gekennzeichnet ist (CHARLOTTE: Ich wollte immer, dass du dich um mich kümmerst, ich wollte, dass du mich in die Arme nimmst und tröstest. EVA: Ich war doch ein Kind.)
Erkenntnis über das Umgedrehte des Üblichen
Aber: Diese ist keine klassische „Mutter im Haushalt“, die dem Kind oft ja durch Überfürsorge lästig wird,  diese Mutterfigur dreht die übliche Rollenfestschreibung um, das Ganze ist also gleichzeitig als ein Kampf zu sehen, ihr zu entgehen. Und, sehr subtil, wird erst dadurch sichtbar, was den Kindern in der Regel vom ewig abwesenden Vater geschieht. Da es sich hier aber nicht um den Vater handelt, der diese Rolle gesellschaftlich akzeptiert, seit Tausenden von Jahren und angeblich biologisch bedingt, wahrnimmt,  sondern um die Mutter, die diese Rolle, entgegen üblichen Umwelterwartungen, ausfüllt, wird Erkenntnis durch das Umgedrehte des Üblichen hervorgerufen, es kommt zu einer doppelten Brechung von Vorurteilen, mit Vervielfältigung tragischer Wirkung. Die Mutter hat Schuldgefühle, (besonders deutlich in der Sequenz mit dem weggegebenen Kind, der behinderten Schwester) dies passiert einem in dieser Rolle meist ebenso gefangenen Mann durch die gesellschaftliche Akzeptanz seines Lebensstils nicht so stark. Dementsprechend wehrt sie die Schuld ab und so erst kommt es dazu, dass sie so uneinfühlsam, schamlos, so künstlich, kalt und eisig, so grenzenlos egomanisch auftritt. Dabei entfaltet sich eine klassische Doppel – Beziehung zur Tochter, die Mutter verweigert Liebe und fordert sie gleichzeitig ein.  Das Elend der Tochter wird dadurch tiefer sichtbar.
Basis narzistische Persönlichkeit
Aber man kann die Mutter nicht hassen: Deutlich wird: Karrieresucht der eigenen Eltern, gesellschaftlicher Leistungsdruck von außen, Getriebensein durch Minderwertigkeitsgefühl, entfliehen wollend der Enge der vorgeschriebenen Frauenrolle, im Griff schuldbesetzter Erwartungsgefühle, das alles ist Basis für die narzißtische Persönlichkeit, die in Folge unfähig zu Empathie und gleichwertiger Kommunikation wird.
Keine Lösung der Ungleichheitsprobleme  zwischen Mann und Frau
Alles Themen, die heute wieder hochaktuell geworden sind, besonders an die Frauen ergeht die Forderung, trotz fehlender Krippenplätze und unzulänglichstem Betreuungsschlüssel in Kitas, ihre Kinder der Gesellschaft zu lassen und die angeblich genau gleichen beruflichen Chancen des wunderschönen Kapitalismus zu nutzen. Nun wird aber ein menschenfeindlicher Arbeitsprozess, wenn man eine Frau dahinein zwängt, nicht menschenfreundlicher, dies ist auch nicht, wie ausgegeben, Lösung der Ungleichheitsprobleme  zwischen Mann und Frau, die Bedingungen von Konkurrenz und Kapitalismus stehen kindlich-harmlosen Bedürfnissen, wie zB dem nach Zeit, diametral entgegen.
Wodurch entstehen Depressionen
Doch steckt noch mehr in dem neuzeitlichen Drama shakespear´scher Dimension. Wodurch entstehen Depressionen, (sehr gut im Ehemann materialisiert), Zwangshandlungen, Behinderungen, Krankheiten, wodurch entsteht das Reden mit einem Verstorbenen, Alpträume, Verfolgungswahn? Durch die Lebensumstände, Punkt! Und nicht, wie man uns neuerdings wieder gern weißmachen will, durch Genetik und Stoffwechsel, durch etwas, was nur durch Pillen, weniger durch Aufdeckung heilbar wäre.  Und Aufdeckung, das geschieht hier! Und es bewirkt Heilung, zumindest den ersten Schritt dahin: Erkenntnis. Und die Tiefe, in der beide Schauspielerinnen ihre Charaktere auszuloten verstehen, sie wahrhaft dialektisch, ambivalent, widersprüchlich, schillernd, nie verurteilend, immer nur beschreibend, die Tiefe in Analyse und Handlungen, das ist eine große Gemeinschaftsleistung beider.
Durch die einzwängenden Arme der Mutter an den Stuhl gefesselt
Einzigartig die Szene, wo die Pfarrersgattinnen-Tochter der Konzertpianisten-Mutter Klavier vorspielt und sie danach die Rollen tauschen, die Mutter der Tochter vorspielt. Zu diesem Zweck werden ihre Gesichter einmalig vergrößert auf Leinwand gezeigt. Durch die einzwängenden Arme der Mutter, an den Stuhl gefesselt, sitzt die Tochter und kann nicht entfliehen. Ein starkes Bild!
Der bleibt mir immer
Fritzi Haberland wirkt mal sehr vernünftig, kühl, unnahbar, dann wieder klein, emotional, weich, fremd mit dem Mann und fremd mit sich selbst (wer bin ich?) findet sie wiederum nur Trost in ihrem toten Sohn, „der bleibt mir immer“. Corinna Harfourch spielt die Mutter einerseits quirlig-lustig, energiegeladen, dann wieder scharf verletzend, Worte werden wie mit dem Skalpell in die Seele ihrer Tochter eingeschnitten. Psychologisch perfekt: Das Doublebind-Muster der Mutter bringt das Wahnhafte im Wesen der Tochter hervor. Schon in der ersten Szene, wenn sich Mutter und Tochter begrüßen wollen und das mit dem Näherkommen und Umarmen, wie bei zwei sich umgekehrt zugekehrten Magneten, einfach nicht klappt, (man kriegt sie nicht zusammen, sie stoßen sich geradezu durch die Luft hinweg ab), weiß man, dass dies hier ungeheuer großartig gespielt und inszeniert ist.
Wie in einem Escher – Täuschbild
Auch die Bühne. ( Moritz Müller). Sie besteht aus übereinanderliegenden Teilzimmern, zum Publikum hin offen, die durch hintereinanderstehende Leitern, verwinkelte Treppen, ähnlich wie in einem geometrischen Escher-Täuschbild, alptraumartig  miteinander verbunden und dadurch das Haus, die Wohnung, überausverschachtelt wirkt. Gleich dem Bewusstsein des Menschen, dass nach Freud aus ebensolchen Zimmern in einem Haus besteht.  Hier ist alles offen, nie gibt es einen wirklich verschlossenen Raum, da werden alle Fenster und Türen nacheinander geöffnet, da wird auch in der Tiefe des dreistöckigen Aufbaus noch etwas sichtbar (zb das gestorbene Kind), da wird aus der Höhe, wo die kranke Schwester hockt, ein Tuch geworfen, in das sich Mutter und Tochter verwickeln. Großartig die Farben, herbstartig dunkel, ebenso wie das Unterbewusste, aus dem nacheinander und schmerzlich die Erinnerungen wie Fetzen zerrissenen Stoffes hervorgeholt werden müssen. Ein Meisterwerk! Unbedingt hingehen! Weiterlesen
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Harfouch & Haberlandt im Gespenstischen Mutter-Tochter-Drama
  · 25.01.15
{Jan Bosse} versucht, sich vom düsteren Realismus Ingmar Bergmans abzusetzen und lässt vor allem Fritz Haberlandt das psychologische Kammerspiel mit komischen Einlagen durchbrechen. Noch weiter entfernt er sich von der Vorlage, als er die unterforderte Natalia Belitski und einen Kinderdarsteller als Gespenster durch das labyrinthische, sich drehende Bühnenbild huschen lässt. In dem ernsten Familiendrama aus den 1970er Jahren wirken die eingebauten Motive aus dem Horror- und Mystery-Genre jedoch wie ein Fremdkörper. Weiterlesen
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Kritiken: 144
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