Lear

Bewertung und Kritik zu

LEAR 
von William Shakespeare
Regie: Sebastian Hartmann 
Premiere: 30. August 2019 
Deutsches Theater Berlin 

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Zum Inhalt: Ein König, ein Reich, drei Töchter: Was also läge näher, als auch das Erbe auf drei Schultern zu verteilen? Bekanntermaßen scheitert Lears Vorhaben, weil sich Cordelia, seine Jüngste, nicht so benimmt wie erwartet und ihrem Vater den gewünschten Liebesbeweis vorenthält. Sie wird enterbt. Doch ist das für uns, die wir zeitliche Wesen sind, überhaupt möglich: nicht zu erben, nicht in Sprachen, Geschichten, Traditionen und Weltzustände hineingestellt zu sein? Inwieweit lässt sich ein Erbe ausschlagen, inwiefern wählen? Und umgekehrt, was ist es, das wir weitergeben? Kann man geben, was man nicht hat? Woraus wird Morgen gemacht sein (Victor Hugo)? 
Zusammen mit dem Ensemble geht Sebastian Hartmann den Spuren des Erbes, der Gabe und des Künftigen in Shakespeares Königsdrama nach. Und sorgt im Zuge dieser Spurensuche für eine höchst überraschende Begegnung: Lear trifft auf den jüngsten Theatertext von Wolfram Lotz, das leichtfüßige, raffinierte, hoch rhythmisierte Sprechstück Die Politiker, einen gedankenschnellen Wortstrom, dessen Kaskaden Kindheitssplitter, Kanister und "klägliche Signale in der Finsternis" umspülen und das als Teil der Inszenierung im Deutschen Theater uraufgeführt wird.

Mit Elias Arens, Michael Gerber, Manuel Harder, Peter René Lüdicke, Markwart Müller-Elmau, Linda Pöppel, Natali Seelig, Birgit Unterweger, Cordelia Wege, Katrin Wichmann

Regie / Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme; Adriana Braga Peretzki
Licht: Rainer Casper
Dramaturgie: Claus Caesar

TRAILER


 
Meinung der Presse zu „Lear“ - Deutsches Theater


rbb
★★☆☆☆

nachtkritik
★★★☆☆

Der Tagesspiegel
★★☆☆☆


Die Welt
★☆☆☆☆

Zitty
★★☆☆☆

tip
★★☆☆☆

DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Zäher Lear, grandioser Lotz
  · 01.09.19
''Erst als plötzlich Cordelia Wege im schwarzen Abendkleid allein an der Bühnenrampe sitzt und den Text Die Politiker des Dramatikers Wolfram Lotz, von dem Hartmann schon für seine Dresdner Dostojewski-Inszenierungen Texte verwendete, in einem fast ununterbrochenen Zuge herunterrattert, bekommt der Abend plötzlich eine Intensität, die man sich die ganze Zeit gewünscht hätte. Lotz‘ Text ist, wie er selbst betont, ein „Selbstgespräch am offenen Fenster“, ein fast dadaistisches Langgedicht, das in wiederholender, wild assoziierender Folge dem Begriff der „Politiker“ bestimmte und z.T. sinnfreie Eigenschaften und Handlungen zuschreibt, die allerdings nicht werten sollen, sondern nur Gefühle und auch Ängste, Ohnmacht und Ratlosigkeit transportieren. Lotz kommt dabei vom sprichwörtlichen Hölzchen aufs Stöckchen, von Bratkartoffeln übern Gartenschlauch bis auf die Katze. Aber auch deutliche und poetische Sätze wie „Die Politiker sind der Wind in den Bäumen, die wieder stehen auf den Hügeln vor Verdun. Die Politiker sind der Nebel, der am Morgen einfällt, vor dem Gelände in Buchenwald. Die Politiker sind das Gras, das wächst auf den Wiesen der Leipziger Völkerschlacht.“ kommen vor. Letztendlich ist das aber eher zu werten als ein Aufruf, Schuld nicht bei anderen zu suchen und Verantwortung zu delegieren, sondern selbst zu handeln. „Was findet wir und wo?“ Ein denkwürdiger Prolog zu einer längeren, leider etwas verschlafenen Ouvertüre.'' schreibt Stefan Bock am 1. September 2019 auf KULTURA-EXTRA
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Rasantes Solo als halbwegs versöhnliches Ende eines schwachen Abends
  · 27.09.19
Zwischen den Nebelschwaden, assoziativen Schnipseln und Loops macht sich eine düstere, bleierne Stimmung breit. Statt eines atmosphärisch dichten Abends über das Abtreten, Sterben und Erben, der dem Regisseur anfangs wohl vorschwebte, ist nur Ratlosigkeit spürbar. Bleiern schleppt sich Szene um Szene dahin.

Quäl-Theater der fadesten Sorte, das Auditorium leert sich langsam weiter. Von hochkochenden Emotionen, die bei Sebastian Hartmann während seiner Leipziger Intendanz fast garantiert waren, ist nichts zu spüren. Wie auf Valium plätschert der Abend vor sich hin. Auch Linda Pöppel, die sich mit ihrer ebenso furiosen wie polarisierenden Performance „In Stanniolpapier“ auf Rang 2 bei der Wahl zur Schauspielerin des Jahres katapulierte, setzt in diesem Einerlei kaum Akzente.

In der letzten halben Stunde versucht Sebastian Hartmann das Ruder herumzureißen. Er lässt den „Lear“ auf sich beruhen und gibt die Bühne frei für ein Solo von Cordelia Wege. Im Affenzahn arbeitet sie sich im schicken Cocktailkleid vor golden beleuchtetem Windrad durch den Text „Die Politiker“ von Wolfram Lotz. Dieser Monolog spielt mit den politikverdrossenen Textbausteinen der Wutbürger, kalauert wie Jelinek, berauscht sich an seinen Assoziationen und verliert sich hemmungslos im Dadaismus.

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Gnadenlose Shakespeare-Vernichtung
  · 02.09.19
''Auf der riesigen Bühne gibt es keinen Lear und kein Britannien, sondern zwei tattrige Greise (Michael Gerber und Markwart Müller-Elmau), die sterbenskrank in ihren Betten liegen. Der eine könnte König Lear sein, der andere Graf Gloster, sie sprechen beide kaum ein Wort, sondern sabbern nur und lallen, werden von ihren in Töchtern und Söhnen unentwegt beschimpft und malträtiert. Die Kinder übernehmen es, den Text ihrer Väter zu sprechen, sie klauben sich ein Brocken aus dem Shakespeare-Drama heraus und vermischen alles mit unzähligen undefinierbaren Fremdtexten, die von Macht und Intrige, Arbeit und Alltag erzählen, von familiären Abgründen und politischen Morden, kolonialer Ausbeutung, Umweltzerstörung und geraubter Zukunft. Auf Video-Leinwänden sehen Bilder von brennenden Wäldern und zerfallenden Städten. In musikalischen Endlos-Schleifen wird mit wummernden Bässen und wabernden Beats die Kakophonie der Katastrophe in irritierende Klänge übersetzt. Irgendetwas, das an das Shakespeare-Drama erinnern würde, einen König von Frankreich, einen Grafen von Kent, gibt es nicht. Alles ist chaotisch, konfus, rätselhaft, nervig. Wir werden Zeuge einer gnadenlosen Shakespeare-Vernichtung und wüsten Theater-Austreibung und zu Geiseln eines Regisseurs, der seine Melancholie in eine apokalyptische "Lear"-Performance verwandelt.'' schreibt Frank Dietschreit auf rbbKultur
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