Bewertung und Kritik zu

NORA 
von Henrik Ibsen - Für die Bühne neu eingerichtet von Armin Petras
Regie: Stefan Pucher 
Premiere: 4. Dezember 2015 
Deutsches Theater Berlin

Nora ist seit Jahren mit Torvald Helmer verheiratet, der gerade zum Leiter einer kommunalen Bankfiliale ernannt wurde. Doch dieser Karrieresprung ist gefährdet. Nora hat vor einigen Jahren die Unterschrift auf einem Schuldschein gefälscht und ihren Mann damit vor dem finanziellen Ruin bewahrt. Als Torvald davon erfährt, reagiert er mit Beschimpfungen und Furcht, obwohl er weiß, dass Nora aus Liebe zu ihm gehandelt hat. "Ich muss herauskriegen, wer Recht hat, die Gesellschaft oder ich." Am Schluss von Ibsens 1879 erschienener Nora verlässt die Protagonistin ihren Ehemann und die gemeinsamen Kinder – eine Urszene der Emanzipation.

Regie: Stefan Pucher
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Video: Meika Dresenkamp
Dramaturgie: Juliane Koepp


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3.3/5 Insgesamt 4 Bewertungen (3 mit Rezension)
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Nora im Deutschen Theater
  · 19.07.17
Es ist ein Wagnis, Henrik Ibsen umzuschreiben, Armin Petras hat es getan und »Nora« für die Bühne im Deutschen Theater in Berlin »neu eingerichtet«. Unter der Regie von Stefan Pucher ist dafür eine interessante Lösung gefunden worden.
Über der Bühne laufen auf einer Leinwand Theaterszenen in Schwarzweiß, die altmodisch und melodramatisch, wie aus den 1930er Jahren stammend, wirken. Sie werden aber von denselben Schauspielern gespielt, die unten auf der Bühne in einer grellen, lilabunten Lackfarbenwelt in modernen Kleidern Neureiche karikieren. Die Sparche unterscheidet sich auf beiden Ebenen: oben der klassische Ibsen, unten der veränderte Ibsen. Doch der Inhalt bleibt unverändert: Nora ist eine konsumsüchtige Püppchenfrau, die mit ihren Kindern ja in einem »Puppenheim« lebt, wie Ibsen sein Stück ursprünglich betitelt hatte.
Erpresst, weil sie ihm hochgeholfen hat
Nora behandelt ihren Mann Torvald kindlich-liebevoll, während er ihr gegenüber wie ein Vater auftritt, der sie wie ein Kind bevormunden und zurechtweisen kann, ganz nach Belieben, weil es eben zum echten Nachdenken nicht fähig ist. Darüber fühlt er sich groß, während in Wahrheit sie es ist, die ihm hochgeholfen hat, dann aber von einem seiner gerade entlassenen Mitarbeiter erpresst wird, weil sie die Unterschrift auf einem Schuldschein gefälscht hat.
Will er sich ihr nähern, macht er das plump und fordernd
Das festgefügte Rollenmuster, das hier gläsern die Lüge sichtbar macht, hindert die Protagonisten, ihren echten Gefühlen Ausdruck zu verleihen, daher wird auch die Sexualität zwischen den beiden künstlich und undurchführbar. Er: »Ich bin absolut sauber!« / Sie: »Kannst du ja gar nicht sein, sonst wärst du ja nicht Bankdirektor!« / Er: »Liebe! Schon mal gehört?«  Will er sich ihr nähern, macht er dies plump und fordernd, sie schreckt vor ihm zurück, weicht ihm aus, wehrt ihn ab. Beide bewegen sich keinen Millimeter aus den vorgegebenen Rollen heraus. Als der Ehemann von dem Erpresserbrief erfährt, dreht er durch und beschimpft seine vorher doch scheinbar so sehr Angebetete in ekelerregender Weise. Das Fehlen der Liebe wird vollständig enthüllt.
Nora hat es plötzlich begriffen: So ein Leben will sie nicht mehr
Freundlich wird er erst wieder, als sich die Sache mit dem Schuldschein erledigt hat. Er bittet um Versöhnung und stellt alles als Scherz hin. Doch da hat es Nora plötzlich begriffen. So ein Leben will sie nicht mehr führen und verlässt ihren Mann. Dies passiert allerdings hier dramaturgisch dermaßen schnell, dass man es im Grunde nicht richtig mitbekommt. Die Püppchenwelt war ihr doch auf den Leib geschnitten, woher nun plötzlich der Zweifel? Es ist so, als wäre Nora jetzt auch von der Regie verlassen.
Heute: Glitzern-gelacktes Bankenmilieu
Armin Petras’ Umschreibung spielt im Bankenmilieu, ebenso glitzernd wie gelackt vor modernistischen Möbeln in kalten Farben. Die Rolle der Nora ist mit Katrin Wichmann gut besetzt. Allerdings kann sie in der lasziv konzipierten Schwarzweißfassung ihren Schlafzimmerblick keine Minute ablegen.
Kinder kommen in Petras’ Variante gar nicht vor, da Nora sie ja nur zu Puppen in einem Puppenheim erzogen hat, interessiert sich auch der Autor nicht mehr für sie. Der Erpresser (Moritz Grove) ist als Charakter etwas eindimensional geraten. Der Ehemann (Bernd Moss, eine Starbesetzung), ist schärfer konturiert.
Sprache dem Volk abgelauscht, das sich auf facebook vernetzt
Die Sprache hat Petras dem Volk abgelauscht, das sich auf Facebook vernetzt. Es ist ein ubiquitär-neoliberaler Jugend-Slang, der menschliche Beziehungen versachlicht, ganz so, als hätte man es mit Apparaten und nicht mit Kommunikation und Interaktion zu tun. Da gibt es klare Antworten, entweder ja oder nein, eins oder zwei, der Mensch ist aber mehr ein Dazwischen. Da wirkt die Sprache manchmal ein ganz klein wenig zu jung für die Protagonisten. Weiterlesen
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ein gutes vorzeichen: die stets höchst anspruchsvolle, gern verkniffene kritiker-riege hat die inszenierung bereits im chor benörgelt und abgewatscht. da ich der regiearbeit von pop-magiker stefan pucher schon in den dt-inszenierungen "baal" und "was ihr wollt" viel frollainwunderbares abgewinnen konnte, war ich sehr auf ibsens "nora" (oder ein puppenheim, 1879!) gespannt, mit der sprache von armin petras, der auch weiß, was smarter mainstream mit eigener note sein kann. die 80 minuten neuzeit-nora wurden zum ziemlich hinreißenden kaleidoskop. ebene 1 zoomt in die gut situierte yuppie-ehe mit karrieregatten und der schmucken frau an seiner seite (die 3 kinder blieben gesichtslos außen vor). ebene zwei zeigte sich in großen s/w-einblendungen auf den zimmerwänden. getragene film-szenen mit texten aus dem original, in nostalgischen kostümen, mit dem nötigen ernst inszeniert. schön. bernd moss mit dem markanten gesicht gibt den karrierehengst und göttergatten torvald helmer, betet seine göttin nora vor allem körperlich an. katrin wichmann ist aber auch reizend besetzt. edel-blond, feminin, elegant, deluxe-madamig, aber auch schnatterig, überdreht, frustriert, dann wieder tapfer, stolz. es wabert der konflikt der unerlaubten urkundenfälschung. (nora erschlich über den verstorbenen vater einen immensen kredit, um damit den burn-out-gatten in eine offzeit zu schicken). als torvald dies erfährt, eskaliert die situation. bernd moss steigert sich hier in eine energetische szene hinein, in der er seine angebetete in grund und boden beleidigt. was ist vertrauen??? nebenfigur christine linde wird von tabea bettin verkörpert, ebenso bildschön und ausdrucksstark wie katrin als nora. diese christine wird den konflikt provozieren aber auch wieder eindämmen. somit beruhigt sich der dominante helmer schließlich, hat aber mit seinem entlarvenden ausbruch seine frau verloren. nora verliert sich nun in die große enttäuschung und wird ihn verlassen. sie muss. 
das bühnenbild präsentiert sich zwischen lässig und statisch, gibt die umgebung in modernen details preis. pucher zieht konsequent eine vordergründig/hintergründig auf edelglanz polierte regie durch und fasziniert wieder mit musikalischen brüchen. die protagonisten dürfen popstarlike singen und magnetisieren, kurz in ihre abgründe abtauchen. viel spielfreude, viel applaus.
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Die Verdopplung der Handlung auf zwei verschiedenen Zeitebenen wäre eine diskussionswürdige Idee. Es wird nur nicht klar, was das Regieteam damit bezwecken will: an diesem Abend passt einfach nichts zueinander.
Auf einige bekannte Pucher-Stilmittel ist dennoch auch bei dieser missglückten Inszenierung Verlass: die phantasievollen Kostüme von Annabelle Witt und opulenten Roben, die an diesem Abend oft gewechselt und von den Schauspielern spazieren geführt werden, sind aufwändig gemacht und ein echter Blickfang. Auch die schönen Popsongs, die bei Pucher nie fehlen dürfen und diesmal vor allem von Katrin Wichmann und Tabea Bettin gesungen werden, sorgen kurzzeitig für willkommene Abwechslung, die wenigstens für einige Augenblicke die Tristesse der schwer erträglichen Dialoge durchbrechen.
Für diese Gesangseinlagen gab es mehrfach verdienten Szenenapplaus. Ebenso berechtigt waren aber die lauten Buhrufe, als das Regieteam nach achtzig Minuten verschenkter Lebenszeit auf die Bühne kam. Weiterlesen
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