Dawson (Staatsballett Berlin)

Bewertung und Kritik zu

DAWSON 
VOICES und CITIZEN NOWHERE von David Dawson
Premiere: 26. September 2021 
Staatsballett in der Deutschen Oper Berlin 

Zum Inhalt: Eine Reflexion über das Menschsein steht im Zentrum des Ballettabends, den der namhafte Choreograph David Dawson mit dem Staatsballett Berlin erarbeitet.
Im Januar 2021, einem der dunkelsten Momente der Pandemie, begab er sich mit den Tänzerinnen und Tänzern seiner Besetzung auf eine individuelle introspektive Suche, um im geschützten Raum des Probensaals eine vertrauensvolle Gemeinschaft wachsen zu lassen. Aus diesem einenden Geist erwächst aufrichtige Hoffnung, die sich im Ergebnis als eine universelle menschliche Empfindung auch dem Publikum mitteilt. Die musikalische Grundlage fand David Dawson in Max Richters Komposition VOICES (von 2020). Der Musiker beschäftigte sich mehrere Jahre lang mit der Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948, und gab dem Wortlaut der ersten Artikel dieser Resolution vielstimmigen Ausdruck: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren«. Das ist der inhaltliche Auftakt zu seinen musikalischen Szenen, die er unter dem Eindruck aktueller, internationaler, bedrückender Ereignisse fertigstellte, und zwar als Vision einer besseren und gerechteren Welt, deren Verwirklichung in den Händen der Menschen selbst liegt.

Demgegenüber findet sich David Dawsons Choreographie CITIZEN NOWHERE. In diesem Solostück von 2017 beschäftigt er sich mit dem Gefühl der Verlorenheit des Individuums in einer Zeit der Weltgeschichte, in der Menschen, vollkommen einsam, in eine »moderne Zwangslage geraten, sobald sie, vielleicht auf der Flucht, mit dem Status der Staatenlosigkeit ihre tatsächliche Existenz infrage gestellt sehen«. Inspiriert von »Der kleine Prinz« verleiht dieses Solostück der Philosophie von Antoine de Saint-Exupéry körperlichen Ausdruck. David Dawson: »CITIZEN NOWHERE zeigt, dass allein die Existenz eines Menschen das Kostbarste auf der Welt ist. Selbst wenn Du von einer Million Menschen umgeben bist, erlebst Du noch immer Deinen eigenen Schmerz. Du erlebst immer Deine eigene Wahrheit, Deine Angst und Deine Freude. Niemand kann diese Dinge für Dich erleben. Das ist das Wunder, menschlich zu sein.« Die Musik für dieses Stück entstand in enger Zusammenarbeit mit dem polnischen Komponisten Szymon Brzóska.

Chreographie und Konzept: David Dawson
Musik: Szymon Brzóska / Max Richter
Bühne: Eno Henze
Kostüme: Yumiko Takeshima
Licht: Bert Dalhuysen


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Traum von einer besseren, friedlicheren Welt
  · 19.10.21
Mitten in der Unsicherheit und Tristesse des endlos scheinenden Januar-Lockdowns entwarf der britische William Forsythe-Schüler zwei Choreographien, die in diesem Herbst auf dem Spielplan des Staatsballetts stehen. Beide Choreographien sind dezidiert politisch und verbreiten eine sehr optimistische Grundstimmung.

„Citizen Nowhere“ konzipierte Dawson unter dem Schock des Brexit-Votums seiner Landsleute schon 2017 für das Dutch National Ballet in Amsterdam. Von der dortigen Uraufführung stammt auch die Einspielung von Szymon Brzoskas Komposition, der Orchestergraben bleibt leer. Die Bühne gehört ganz allein Alexander Bird, der ein träumerisches Solo nach Motiven aus dem Kinderbuch-Klassiker „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry tanzt.

Vor Eno Henzes oszillierender Bühne, über die markante Zitate der Buch-Vorlage, Schriftzeichen und immer wieder eine Frau ganz in Rot flimmern, schwelgt Bird in einem Traum von einer Idylle und einer schöneren Welt. In seltenen Momenten werden Angst und Unsicherheit spürbar, aber das halbstündige Solo „Citizen Nowhere“ versprüht eine fast schon kindliche Zuversicht nach einer harmonischen, heilen (Post-Corona)-Welt, wie sie in der berühmten Buchvorlage spürbar wird.

Voller Optimismus und Zuversicht ist auch der einstündige zweite Teil des Abends. Als „Voices“ werden die hehren Ansprüche aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, hinter denen die Realpolitik so häufig zurückbleibt, in verschiedenen Sprachen beschworen. Zu einem Feel-good-Klangteppich von Max Richter tanzt das Ensemble des Staatsballets Berlin die Dawson-Choreographien. Oft wird an diesem Abend die Sehnsucht nach der Schönheit des klassischen Balletts und nach der Perfektion des Spitzentanzes der Ballerinen bedient, seltener lässt Dawson modernere Akzente einfließen.

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Der Choreograf David Dawson
  · 27.09.21
''Für seine Uraufführung von "Voices" verwendet David Dawson das "Voices"-Album des deutsch-britischen Komponisten Max Richter, erschienen im Juli 2020, darauf seine elegische Entspannungsmusik und die Erklärung der Menschenrechte, vorgelesen von Menschen aus mehr als 70 Ländern. "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren" - ein Ideal, das da formuliert wurde und im Stück erklingt. Und ein Ideal an Tanz wollte offensichtlich auch Dawson erschaffen. Mitten in den Lockdowns, mit der täglichen Angst, nicht weiter proben zu können, hat er ein Stück entwickelt, das von Liebe, Gemeinschaft und Fürsorge erzählt. (...)

"Citizen Nowhere" hingegen, das zweite Stück des Abends, ist ein Solo, das David Dawson 2017 auch in Reaktion auf den Brexit und auf der Grundlage von Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz" choreografiert hat. Zitate aus dem Buch erscheinen auf der Leinwand, wie auch eine Frau in Rot, die wie als ein Sehnsuchtsziel des Tänzers Olaf Kollmannsperger wirkt. Er hat sich damit fulminant aus der zweiten Reihe ganz nach vorn getanzt. Es ist ein existenzialistisches Stück, ein Tänzer, der in Einsamkeit seinen Gefühlen nachspürt, seiner Kindheit, seinen Träumen und Wünschen, eine Tour de Force der Gefühle, vor allem der Sehnsucht, denen Kollmannsperger noch recht zurückhaltend Raum gibt.'' schreibt Frank Schmid auf rbbKultur
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