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Von der sonst bei solcher Gelegenheit zu erwartenden dramatischen Bühnenhandlung bleibt in diesem "Theaterstück" von Thomas Schendel, der auch Regie führt, nicht viel übrig - stattdessen erobert ein Rockensemble die Szene. Ein kleines Geplänkel, ein intimes Gezänk liefert den roten Faden der eher kargen Handlung, die aber für gelegentliche Ruhepunkte zwischen den einzelnen Musiknummern unentbehrlich ist. 
Aber das ist ja diesmal nur der Background für die eigentliche Präsentation: das musikalisch tadellose Heraufbeschwören unverändert vitaler Sounds aus dem Umfeld der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Und auch das Publikum, mit ein paar jüngeren Gesichtern durchwirkt, besteht aus lauter höchst begeisterungswilligen Menschen, die zu Zeiten von "Queen" gerade mal zwanzig waren oder etwas darüber.
Was sie erleben, ist ein kleines Wunder an Revitalisierung. Ein hervorragend zusammengesetztes Ensemble unter Leitung des in der Berliner Musikszene wohlbekannten und verdienten Harry Ermer fühlt sich bestens ein in den originalen Sound einer kreativen Rock-Ära und dreht die Zeit genau so weit zurück, wie es die Wiedergabe der Songs mit authentischem Drive erfordert. Das reicht von der unsterblichen "Bohemian Rhapsodie" bis zu "We are the Champions", dieser Hymne für thriumphale Momente. 
Der Leadsänger im Goldlamé-Shirt (Thomas Borchert) behauptet zwar von sich, "nicht Mercury" zu sein, übernimmt aber dessen Rolle recht überzeugend. Ihm zur Seite die stimmkräftige Sophie Berner als Lisa, Marco Billep als Ken und Michael  Ernst als Frank. Stimmlich sind sie durch die Bank grandios, und Ermers "UnderPressured Rockband" liefert die perfekte Soundgrundlage mit dem Percussion-Profi Philipp Schmitt und den beiden virtuosen Gitarristen Sebastian Vogel und Benjamin Berritt. 
Das Publikum goutiert die Show in höchst animierter Laune und spendet am Schluß nicht enden wollende "standing Ovations".
Fazit: Für "Queen"-Fans mit entsprechend belastbarem Gehör ein absolutes "Must have".

Horst Rödiger
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Kritik zu: Lehman Brothers
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Es war bestimmt eine reizvolle Aufgabe, die weltumspannende Story vom größten Bankenskandal der jüngeren Geschichte auf die kleine Vagantenbühne in Berlin-Charlottenburg zu hieven. Das Ergebnis ist auf jeden Fall höchst sehenswert, auch wenns einen unterwegs gelegentlich gruselt. 
Das Szenario stammt aus dem Jahre 2013 vom vielfach preisgekrönten italienischen Gegenwartsdramatiker Stefano Massini, der heute Berater am Mailänder Piccolo Teatro ist.  Die Szenenfolge hangelt sich an der Familiengeschichte bayerischer Auswanderer entlang, die einen Neustart im gelobten Land der unbegrenzten Möglichkeiten wagen.  Aus Heyum Lehmann, dem Sohn eines jüdischen Viehhändlers, wird 1844 in Alabama Henry Lehman, der ein kleines Stoffgeschäft in Montgomery eröffnet. Der atemberaubende Aufstieg führt von dort über die Gründung einer eigenen Bank bis in die Gipfellage der New Yorker Finanzwelt - und hinein in einen Absturz, der 2008 nicht nur bei internationalen Finanztrusts den Herzschlag stocken ließ. 
Das Stück ist kein Krimi, kein Finanzkrimi und auch kein gesellschaftskritisches Scherbengericht. Regisseur Lars Georg Vogel, seit neuestem auch Leiter der  Vagantenbühne, der die vorliegende Bühnenfassung selbst bearbeitet hat, bietet stattdessen  eine erzählende Szenenfolge vom Werdegang einer einst renommierten Bankdynastie. Hierzu steht ihm ein virtuos agierendes Ensemble zur Verfügung, dessen individuelle Gestaltungsleistung und fabelhafte Textsicherheit grosses Lob verdienen. Die kleine Bühne ist mit spartanischer Einfachheit gestaltet. Im Geviert abgehängte Papierbahnen grenzen ab und sind zugleich Projektionsflächen für einfallsreiche Videos, die sich einmal sogar auf einem  Anzugsakko abbilden lassen (Stella Schimmele).
Statt akribischer Nachforschungen über das Finanzgebaren von Lehman Brothers wird vielmehr die Familienhistorie aufgeblättert,beginnend mit Henry Lehman (Urs Stämpfli), Emanuel Lehman (Andreas Klopp) und Mayer Lehman(wunderbar wandlungsfähig: Joachim Villegas). Stella Schimmele steuert einfühlsam und gut sichtbar von der Seite die Videoprojektionen bei. 
Vom Erfolgsrezept der Lehmann Brothers erfährt man lediglich, dass sie die boomenden Industrien der USA mit feinem Spürsinn genutzt haben. Am Anfang war's einfach Kaufen und Verkaufen, erst in Baumwolle, dann in Kaffee, schließlich in Verkehrsmitteln und Kriegsgerät. Die unterwegs gegründete Bank floriert in ungeahntem Maße, gibt Kredite für alle möglichen Wachstumsfelder, und die Lehmann-Söhne und Enkel profitieren. Einen ersten Dämpfer bekommt die Erfolgsgeschichte im Börsencrash von 1929. Aber nach erneuter Erholung läßt sich der Depressionsbazillus nicht gänzlich abschütteln. Immer komplexer und abstrakter wird das Geschäft, bis schließlich die ganze Blase in den Strudel des Niedergangs gezogen wird. Die drei Hauptdarsteller demonstrieren diese Schlußphase mit einem wirbelnden Tanz, und im Hinauslaufen rafft jeder noch rasch, was er greifen kann.
Begeisterter Applaus vom Premierenpublikum für einen fantasievollen, fesselnden Abend mit bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen.

Horst Rödiger
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Kritik zu: Extrawurst
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Das Stück ist eine intelligente Paraphrase über gesellschaftliche Antagonismen. Oder verständlicher ausgedrückt: hier werden Alltagsgegensätze mit Schwung auf die Schippe genommen. Die Komödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob,  2019 in Hamburg uraufgeführt und jetzt unter der Regie von Guntbert Warns im Berliner Renaissance-Theater zu sehen, spielt im Versammlungsraum des Tennisvereins TC Lengenheide, dessen Mitgliederversammlung gerade ein paar weittragende Beschlüsse fassen soll. Manfred Gruber baut der Auseinandersetzung eine Bühne, auf der sowohl der Vereinsmuff wie ein begrenzter Gesichtskreis trefflich abgebildet sind, von der Holztäfelung der Wände bis zu den hochgesetzten Borden, auf denen die Vereinstrophäen in Gestalt zahlloser Pokale Platz finden. 
Der verbale Schlagabtausch innerhalb dieser diskussionstechnischen Sahneschnitte entzündet sich an der Frage, welcher Gasgrill als Nachfolger eines ausrangierten Vorläufers angeschafft werden soll. Denn unter den ambitionierten Mitgliedern des Tennisvereins ist auch Erol Oturan (Atheer Adel), ein Muslim mit türkischen Wurzeln. Vereinsmitglied Melanie Pfaff (Simone Thomalla) gibt zu bedenken, dass man Erol angesichts der muslimischen Speisevorschriften wohl nicht zumuten könne, Würste von einem Grill zu essen, der zuvor, horribile dictu, durch Schweinefleisch belastet worden ist. Nun geraten der Vereinsvorsitzende Dr. Heribert Bräsemann (Felix von Manteuffel), sein Vize Matthias Scholz (Hans Czypionka), und Melanies Gatte Torsten Pfaff (Christoph M. Ohrt) an immer neuen Dissenspunkten gehörig aneinander, wobei die Pointen zum Vergnügen des Publikums gut gesetzt sind und ordentlich knallen. Ein ganzer Strauß von Vorurteilen wird zum Nutzen der Handlung aufgeblättert, und verschiedene Religionen bekommen ebenso ihr Fett weg wie die Essgewohnheiten von Vegetariern, die Eigenschaften von Schwulen oder die Einstellungen notorischer Nazis. 
Nachdem die Fetzen geflogen sind und die einzige Tür  ordentlich geknallt hat, setzen sich die Akteure nacheinander ab, weil offensichtlich die Bindung an den Verein trotz aller Entschuldigungen erheblich gelitten hat. 
Das Publikum geniesst das Feuerwerk der wiederholten Beleidigungen und bisweilen blitzgescheiten Repliken mit hörbarem Vergnügen und spendet am Ende sämtlichen Darstellern und dem Regieteam fröhlich anerkennenden Applaus. 

Horst Rödiger
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