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Er war unvergleichlich, eine Ikone des Stummfilms, schließlich auch im Tonfilm erfolgreich. Er kam aus einfachsten Verhältnissen, wurde zum Liebling des Publikums und erhielt am Ende zahllose Ehrungen, darunter 1975 den Ritterschlag von der Hand der britischen Königin Elisabeth II. Er wollte einfach nur ein liberaler Weltbürger sein und polarisierte gleichwohl auch auf der politischen Ebene wie wenige vor ihm. Der französische Schriftsteller Daniel Colas hat aus den Lebensdaten dieses Künstlers eine Szenenfolge für die Bühne zusammengestellt, die vom Hausherrn des Schloßpark-Theaters Dieter Hallervorden ins Deutsche übertragen wurde. Dieses Stück „Ein gewisser Charles Spencer Chaplin“ hatte dort jetzt seine deutschsprachige Erstaufführung. 

Die Bühne des Schloßpark-Theaters hat keine große Tiefe, aber dafür eine gut funktionierende Drehbühne, die in der Inszenierung von Rüdiger Wandel diesmal zum Dreh- und Angelpunkt der Szene wird. Das Bühnenbild von Jan A. Schroeder suggeriert auf engstem Raum wechselnde Spielorte, deren genaue Bezeichnung mit Jahresangabe auf ein Tableau projiziert wird. So lassen sich wichtige Ereignisse und Phasen aus Charlie Chaplins beispiellosem Weg zum Welterfolg einleuchtend aneinanderreihen. 

Anfangs war er ein Niemand. 1889 kam er nach eigenem Bekunden als Kind zweier Varietékünstler in London zur Welt und stand schon in jungen Jahren wie auch sein Halbbruder Sidney in MusicHall-Shows auf der Bühne. Der Impresario Fred Karno bot ihm die Chance einer Amerikatournee, die sehr erfolgreich war und Chaplin den ersten Kontakt zum Filmstudio von Mack Sennet einbrachte. Über die Jahre wuchs die Publikumsresonanz ebenso wie die Honorareinnahmen, und die Erfindung der Figur des „Tramp“ mit abgewetztem Anzug, schäbigen Schuhen und einer Melone auf dem Kopf ebnete ihm den Weg in die Herzen der Kinogänger. Die Drehbücher seiner Filme mischen Kalkül und Gefühl auf instinktsichere Weise. Schliesslich bringt er es zu eigenen Filmstudios in Los Angeles. Meisterwerke wie „Lichter der Großstadt“, „Moderne Zeiten“ und „Der große Diktator“ entstehen.  Aber sein politisches Image bringt ihn in Konflikt mit den puristischen Intentionen der McCarthy-Ära. 1952 wird ihm die Wiedereinreise in die USA verweigert, und er siedelt nach Corsier-sur-Vevey am Genfer See in der Schweiz über. Bei der Verleihung des Ehren-Oscars 1972 spendet ihm das Publikum zwölfminütigen Applaus - ein beispielloses Ereignis in der Geschichte dieser Trophäe. Chaplin starb mit 88 Jahren 1977.

Es ist gewiss nicht ganz einfach, aus der Fülle der Ereignisse im Leben dieses Kult-Künstlers diejenigen Momente herauszupicken, die eine plausible Kontinuität ergeben und auch etwas vom Charakter des Menschen Charlie Chaplin vermitteln. Das geschickte Bühnenbild auf der Drehbühne ermöglicht mit Unterstützung flinker Helfer rasche Szenenwechsel, wobei Musik vom Band aus der Swing-Ära ein passendes Zeit-Feeling vermittelt. Während die Handlung anfangs etwas spröde einsetzt, entwickelt sie sich im weiteren Verlauf zunehmend flüssig und endet mit einem szenischen Geniestreich, der alle Elemente noch einmal zusammenfasst. 

Die Hauptlast der Wiedererweckung des Charlie-Mythos hat Wolfgang Bahro in der Titelrolle zu tragen, und er löst seine Aufgabe bravourös. Er schafft das vor allem dadurch, dass er sich nicht auf die Momente der Charlie-Imitation allein verlässt, sondern eben auch den Menschen Charles Spencer Chaplin vor den Augen der Zuschauer aufleben lässt. Gleichwohl gelingt ihm der Nonsens-Song aus „Moderne Zeiten“ ganz besonders glücklich, weil er hier auch noch Charlies Stimme erstmals erklingen lassen kann, die dem Publikum bis dahin im Stummfilm verborgen geblieben war. 

Eine herausgehobene Stellung im Leben des Vielbewunderten hatten die Frauen. Judith Wegner verkörpert unter anderem Paulette Goddard, die Chaplin 1936 heimlich geheiratet hatte. 1942 wurde diese Ehe wieder geschieden. Dann lernte Chaplin seine spätere Frau Oona O’Neill kennen, die Tochter des renommierten Dramatikers Eugene O’Neill, hier dargestellt von Elinor Eidt. Charlies Mutter Hannah Hill, genannt Lilly Harley, wird mit Hingabe und unter viel Applaus von Brigitte Grothum verkörpert. Chaplins Bruder Sydney, sein kaufmännischer Geschäftsführer, ist Karsten Kramer. Jörg Westphal übernimmt die Rolle von Al Reeves, dem Leiter der Chaplin-Studios. Besonders einprägsam agiert Oliver Nitsche als FBI-Chef J. Edgar Hoover, der in Chaplin einen verkappten Kommunistenfreund und getarnten Juden meint bekämpfen zu müssen. In mehreren Rollen von Jack bis zum Schiffskapitän ist Herbert Schöberl zu sehen, und als Ballett-Tänzerin bringt Viktoria Feldhaus pantomimische Atmosphäre auf die Bühne.

Das Publikum feiert die ausführliche Chaplin-Revue mit viel Applaus, und das gesamte Ensemble wird zum Dank mit Blumensträußen bedacht. 


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Nüchtern betrachtet ist die Idee ja nicht ganz neu, eine x-beliebige, eigentlich für Profi-Schauspieler gedachte Handlung von Laien exekutieren zu lassen, die dann mit schlafwandlerischer Sicherheit von Panne zu Panne taumeln. Im Bühnenstück von Henry Lewis, Jonathan Sayer und Henry Shields mit dem Originaltitel „The Play That Goes Wrong“ (uraufgeführt 2012 in London) bekommt dieser Handlungskern allerdings eine raffinierte zweite Ebene, denn die Akteure spielen nur Laien, sind aber in Wahrheit ausgepichte Profis, bei denen jeder Gag vielmals geprobt ist und jede scheinbar zufällige Wendung zielbewusst und präzise herbeigeführt wird. Was da jetzt auf der eigentlich kleinen Bühne des Renaissance-Theaters zu sehen ist, steigert sich zu einem äusserst amüsanten Abend. 

Zur Abwechslung ist hier einmal an erster Stelle das Bühnenbild zu rühmen, das von einer ganzen Schar technischer Helfer im Hintergrund zum Funktionieren gebracht wird. Angeblich aus Elementen des Fundus von 1957 zusammengesetzt, bietet es Spielorte in zwei Stockwerken und kann sogar mit einem veritablen Fahrstuhl aufwarten, der unter Donner und Qualm seinen Dienst versieht. Da gibt es einen Kaminaufsatz, der einfach nicht an seinem Platz haften will und später durch helfende Hände ersetzt wird, und es gibt Wandbilder, die unvermittelt herunterfallen, später aber nach längerem Festhalten wieder in der alten Position an der Wand haften. Im Laufe des Abend stürzen Teile des Bühnenbildes in wohlkalkulierten Phasen herunter, und was für Augenblicke katastrophal wirkt, erweist sich als wohldisponierter Effekt.

In der Übersetzung von Martin Riemann ist die fiktive Evangelische Ernst-Reuter-Platz Gemeinde Theatergruppe (EERPGT) Träger der Handlung. Folgerichtig tritt Klaus Christian Schreiber als Pfarrer Christian T. Schleifer in den schlecht ausgerichteten Scheinwerferkegel vor dem Vorhang und hält in herrlich salbungsvollem Ton eine Begrüßungsansprache, ehe er sich wenig später in den Inspektor Carter verwandelt. 

Wenn sich der Vorhang öffnet, liegt Charles Haversham (Regisseur Guntbert Warns) scheinbar leblos auf einem samtroten Sofa, und vom weiteren Gang der Handlung soll hier garnichts verraten werden. Es genügt der Hinweis, dass es zwei Damen mit feuerroter Perücke gibt ( Anna Thalbach und Anna Carlsson), die sich mit wechselndem Glück um liebevolle Kontakte bemühen. Boris Aljinović ist in einem hochmodischen Knickerbocker-Ensemble und herrlich trockenem Humor Thomas Colleymore, der Bruder von Perückenträgerin Florence Colleymore. Thomas Schendel ist der fabelhafte Perkins, hingebungsvoller Butler auf Schloß Haversham. Cecil Haversham, den Bruder von Charles, spielt Martin Schneider, der später auch der Gärtner ist (übrigens nicht der Mörder). Als Trevor Bohnenkamp, der Licht- und Tontechniker der Gruppe, agiert Guido Föhrweisser, der in der Vorbereitung auch für das Fechttraining sorgte.


Den ganzen Abend über ist des Vergnügens kein Ende, weil auch die allesamt fabelhaften Akteure buchstäblich über sich hinauswachsen. Ganz zu Recht tritt aber am Schluss zuerst die Riege der Bühnentechniker an die Rampe, der es zu danken ist, dass die optischen und akustischen Überraschungen Knall und Fall aufeinanderfolgen und jede neue Panne ein genau eingesetzer Gag ist. Das begeisterte Publikum feiert das gesamte Ensemble mit rhythmischem Applaus. Von irgendwelchen Unpäßlichkeiten im Laufe der Vorstellung wird lediglich über gelegentliche Lachkrämpfe berichtet. 

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Kritik zu: L'Invisible
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Maurice Maeterlinck war Belgier, schrieb als bedeutender Vertreter des Symbolismus in französischer Sprache beispielsweise das von Debussy vertonte Drama „Pelléas et Mélisande“ und bekam 1911 den Literatur-Nobelpreis. Aribert Reimann verknüpfte die drei Maeterlinck-Texte „L’intruse“, „Intérieur“ und „La mort de Tintagiles“ unter dem Titel „L’invisible“ zu einem von ihm vertonten Libretto mit der Bezeichnung „Trilogie lyrique“. Die Atmosphäre der drei Szenarien ist von Traumsequenzen, von Todesnähe und von rätselhaften Erscheinungen geprägt. Mehr als die vordergründige Handlung zählen häufig Empfindungen und Ahnungen.

Die Handlung setzt ein mit „L’intruse“ (Der Eindringling). Eine Familie sitzt zusammen bei Tisch. Die Mutter hat kürzlich ein Kind bekommen, aber es war eine schwere Geburt, und das Neugeborene hat bisher noch kein Lebenszeichen erkennen lassen. Stattdessen ist die Mutter noch immer bettlägerig und dem Tode nahe. Der blinde Großvater spürt die Ankunft eines unheimlichen Fremden, den die anderen einschliesslich der Dienerin (Ronnita Miller)  aber nicht wahrnehmen. Das Neugeborene läßt sich mit einem Schrei vernehmen, und im selben Moment stirbt die Mutter. 

Nahtlos schliesst sich die zweite Episode mit dem Titel „Intérieur“ an. Der Alte und der Fremde beobachten durch das Fenster eine Familie. Der Fremde hat im Fluss die Leiche einer der Töchter gefunden, die sich vermutlich das Leben genommen hat. Die beiden Männer zögern, der Familie die Todesnachricht zu überbringen. Marie, eine Enkelin des Alten, kommt hinzu und berichtet, dass die Dorfbewohner sich bereits mit der Toten dem Haus nähern. Ihre Schwester Marthe drängt den Alten, ins Haus zu gehen und die Familie zu informieren. Schliesslich überbringt der Alte die Todesnachricht, und die anderen beobachten ihn dabei durch das Fenster. 

Der dritte Teil der Trilogie ist „La mort de Tintagiles“ (Der Tod des Tintagiles) überschrieben und handelt, kurzgefasst, von den Möglichkeiten, sich eines unliebsamen Thronprätendenten schon im Kindesalter zu entledigen. Keiner hat die Königin bisher gesehen, die vermutlich auch dem jungen Tintagiles nach dem Leben trachtet. Seine Schwestern Ygraine und Bellangère wollen ihn zusammen mit dem alten Vertrauten Aglovale vor Attacken schützen. Bellangère hat drei Dienerinnen der Königin belauscht, die eine Entführung Tintagiles planen. Einmal gelingt die Abwehr dieses Zugriffs, aber beim zweiten Mal sind sie erfolgreich, und der Knabe kommt zu Tode. 

Aribert Reimanns Musik umgibt diese Szenen vom Wirken unsichtbarer Einflüsse mit illustrativem Klang, dessen dramatische Akzente Chefdirigent Donald Runnicles seinem Orchester durch klare, intensive Zeichengabe weitergibt. Mal sind es die markant eingesetzten Streichergruppen, die der Handlung begleitende Impulse geben, mal treten in der dritten Episode massiv gesetzte Blechbläser hinzu. Insgesamt unterstreicht die Instrumentierung den geheimnisvollen, von unheimlichen Effekten gekennzeichneten Charakter der Bühnenhandlung. 

Die Inszenierung von Vasily Barkhatov ist konzeptionell intelligent und technisch absolut überzeugend. Besonders das Nebeneinander von realen Personen und projizierten Schattengestalten, die das Handlungsbild erweitern, erscheint als wirkungsvoll und angemessen. Die Bühne von Zinovy Margolin läßt sich ohne übertriebenen Aufwand den unterschiedlichen Handlungsräumen anpassen.

Diese Oper kommt einmal ohne Chor aus, aber desto bedeutungsvoller ist die Rolle der Gesangssolisten. Allen voran ist Rachel Hamisch zu rühmen, deren warmer, in großen Gesangsbögen geführter Sopran den Gestalten von Ursula, Marie und Ygraine Kontur und Farbe gibt. Annika Schlichts kraftvoller Mezzo interpretiert mit lebhafter Intensität die Rollen von Marthe und Bellangère. In der Familienrunde der ersten Szene ist Seth Carico der Vater, Stephen Brock gestaltet den seherischen blinden Großvater und später den Alten und den Vertrauten Aglovale, Thomas Blondelle ist sowohl der behende Onkel wie der zaghafte Fremde im zweiten Teil, und der Junge Salvador Macedo schlüpft mit klar artikuliertem französischen Sprechtext in die Rolle von Tintagiles. Die drei Countertenöre Tim Severloh, Matthew Shaw und Martin Wölfel sind in fantastischen Kostümen (Olga Shaishmelashvili) die Dienerinnen der unsichtbaren Königin.

Das Publikum spendet begeisterten Applaus, der ohne den geringsten Schatten eines Mißfallens auch dem Regieteam und dem Komponisten Aribert Reimann gilt. 

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3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
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