0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Die vom Coronavirus inszenierte Attacke auf den Kulturbetrieb hat gerade für die kleinen Häuser ziemlich ruinöse Folgen. Einige von ihnen haben sich dennoch dafür entschieden, zum Publikum hinzugehen, wenn das Publikum sie schon nicht besuchen darf. Das Transfermedium ist das Internet, die Aufführungsform der zeitgleiche Livestream. Beifall und Zwischenrufe entfallen zwar, aber jeder Theaterfan kann sich auf diese Weise immerhin einen  Eindruck von Charakter und Qualität einer Aufführung verschaffen. Bleibt nur die Hoffnung, dass auch Mittel und Wege gefunden werden, den Privattheatern den schmerzlichen Ausfall der Ticketeinnahmen zu entgelten. 
Das Stück stammt vom US-amerikanischen Autor Leonard Gershe, kam 1969 auf die Bühne und war 1972 unter dem Titel "Butterflies are free" die Vorlage für einen erfolgreichen Kinofilm mit Goldie Hawn, der zahlreiche Auszeichnungen bekam. Regisseurin am Schlosspark Theater ist Irene Christ.
Der junge Don Baker(Johannes Hallervorden) wagt einen mutigen Schritt und zieht von zu Hause aus. Sein Handikap: er ist blind, aber er macht kein Aufhebens von dieser Eigenschaft, die er mit Intelligenz, Geruchs- und Tastsinn sowie Hörvermögen kompensiert. Überdies kann er Gitarre spielen und verfügt über eine angenehme Songstimme. In seiner simpel möblierten Bude besucht ihn seine Nachbarin Jill Tanner (Helen Barke), ein recht aufgedrehtes Mädchen mit grossen Träumen von der eigenen Zukunft. Beide kreisen Im Dialog um ihre Situation, wobei die Wahrnehmungsdivergenzen zwischen Blinden und Sehenden einen roten Handlungsfaden liefern. 
Bis auf einmal die Mutter Frau Baker ( Julia Biedermann) in der Tür steht, mit Ironie geladen und berstend vor Energie, die beiden inzwischen verliebten jungen Leute auseinanderzubringen. Sie häuft Sarkasmen, Bosheiten und Anmassungen nach einem Don wohlbekannten Muster aufeinander. Der durchaus blitzende Dialog schlägt Funken und liefert ein amüsantes Feuerwerk kleiner zwischenmenschlicher Gemeinheiten. Aber die dominante Mutter gibt nicht nach und will ihren widerstrebenden Sohn zurück nach Hause holen. Das Vorhaben misslingt. 
Nun richtet Mutter ihre destruktiven Energien auf Jill von nebenan und versucht, ihr die ersehnte Karriere als Schauspielerin madig zu machen. Jetzt fliegen die Dialogfetzen zwischen der eifersüchtigen Mutter und der angehenden Geliebten des Sohnes. Vorhang.
Dann Mutter und Sohn wieder in der Bude mit Hochbett. Mutter gibt sich zum Schein nachgiebig und lobt das Talent ihres Sohnes als Songschreiber. Jill kehrt zurück, mit dem Regisseur  Ralph Austen( Fabian Stromberger) im Arm. Heftige Diskussion über ein Stück, in dem Jill eine Rolle spielen soll. Eine Tournüre der Drehbühne bringt Jills Nebenzimmer ins Spiel. 
Don begreift, dass ihm Jill zu entgleiten droht. In einem widerborstigen Wortgefecht erinnert die Mutter an Texte, die sie einstens verfasste, um die Emanzipation ihres Sohnes zu fördern. Jill will ausziehen, spendiert ein Abschluss-Statement über ihren Konnex mit Ralph. Aus dem finalen Gezänk entwickelt sich dann die abschliessende Kulmination: Don und Jill brauchen einander und wollen ihren weiteren Weg gemeinsam gehen. 
Ein grosses Kompliment verdient die Initiative, diese Aufführung per Livestream zu vermitteln. Da spielt es keine Rolle, dass die Farben des Bühnenbildes gelegentlich etwas schwach ausgeleuchtet sind und der Ton in Spitzenlautstärke nicht zu vernehmen ist. Auf jeden Fall lässt sich in Zeiten der erzwungenen Publikumsabstinenz kein besseres Bindeglied zu einem  liebgewordenen Theater finden als eine solche Livestream-Übertragung. 

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
6 von 6 Personen fanden die Kritik hilfreich
Am Anfang war's ein Stück von William Shakespeare, uraufgeführt im Jahre 1598, eine Säule der englischsprachigen Klassik, seither unter Bühnenprofis und Laiendarstellern gleichermaßen beliebt. Ein Herrscherpaar, junge Liebende, eine Schar von Handwerkern und Elfen samt Elfenkönig sowie ein Zaubertrank sorgen für einen belebten Handlungsablauf, mit dem sich Alt und Jung identifizieren können. Felix Mendelssohn Bartholdys Bühnenmusik zum "Sommernachtstraum" war 1843 erstmals zu hören. Peter Pears und Benjamin Britten formten aus Shakespeares Text  ein Opernlibretto, und Britten gab ihm die musikalische Gestalt. Die Uraufführung fand 1960 in der Jubilee Hall von Aldeburgh statt. 

Die Neuinszenierung von Brittens Opus an der Deutschen Oper Berlin kann mit zwei unstrittigen Vorzügen aufwarten: einem klaren Regiekonzept und der sensiblen musikalischen Gestaltung.

Regisseur Ted Huffmann stellt die Handlung konsequent unter das imagnierte Dach eines Zauberwaldes, in dem vieles anders ist als in unserer gewohnten realen Welt. Allerdings baut er dabei auf die Fantasie des Zuschauers, und wem diese Dimension versagt ist, der wird sich an diesem Abend irgendwie einsam oder sogar gelangweilt fühlen. 

Die Bühne von Marsha Ginsberg ist zwei Akte lang in kahles Hellgrau getaucht. Kein Blättchen und keine Ranke stützt die Illusion vom Zauberwald, wenn man  von einem herabschwebenden Wölkchen und einem stimmungsvollen Sichelmond absieht. Dort herrschen Oberon (ein sanfter Countertenor: James Hall) und Tytania (ein kraftvoller Sopran: Siobhan Stagg) über ein Heer von Feen ( in den wunderbar stimmungsvollen Kostümen von Annemarie Woods: der Kinderchor der Deutschen Oper Berlin). Dann ist da noch der virtuos an zwei hauchdünnen Seiten turnende Puck (Jami Reid-Quarrell), dem auch das Schlußwort des ganzen Abends bleibt. Oberon erklärt sich einfach für unsichtbar und stiftet zauberwäldischen Schabernack. Puck bekommt den Auftrag, den Saft der Liebesblume zu beschaffen, und mit diesem Destillat werden nun die Augen mehrerer Personen benetzt, deren Sinne sich dadurch in kurioser Weise verwirren. Zwei Liebespaare treten auf: Hermia (Karis Tucker) und Lysander (Gideon Poppe) gefolgt von Demetrius (Samuel Dale Johnson) und Helena (Jeanine de Bique), aber es muß sich erst klären, wer nun zu wem gehört. Sechs Handwerker aus Athen treten auf, die bei der bevorstehenden Hochzeit des  Athener Herzogs Theseus (Padraic Rowan) mit der Amazonenkönigin Hippolyta (Annika Schlicht) das Laienspiel "Pyramus und Thisbe" aufführen wollen. 

Im zweiten Akt tut der Zaubersaft der Liebesblume nun nachhaltig seine Wirkung, von Puck kräftig unterstützt. Der macht aus dem Weber Bottom (überaus ergötzlich: James Platt), der in der Handwerkertruppe den Pyramus spielen soll, ein Wesen mit Eselskopf, in das sich nun Tytania verliebt. 

Der dritte Akt überrascht mit gewandelter Grundfarbe: ein leuchtendes Rot signalisiert den Thronsaal des Herzogs, wo die beiden Liebespaare als Gäste der herrlich albernen Aufführung von "Pyramus und Thisbe" folgen. Dann ist auch schon Schluß, Oberon und Tytania sind versöhnt, und Puck spricht seinen berühmten Schlußmonolog. 

Was aber diese Aufführung kongenial begleitet und auf eine besondere Höhe erhebt, ist die musikalische Gestalt, geformt vom spezialisierten Orchester der Deutschen Oper unter Leitung ihres überaus einfühlsamen Generalmusikdirektors Donald Runnicles. Was der in spätromantischen Klangwogen so geübte Schotte hier an äußerst feinfühliger, sanfter Klangregie bewirkt, ist bemerkenswert. In dieser   höchst feinsinnig komponierten Partitur steckt der eigentliche Schlüssel zur Welt des Zauberwaldes. 

Viel Applaus vom großenteils verzauberten Premierenpublikum.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
5 von 5 Personen fanden die Kritik hilfreich
Von der sonst bei solcher Gelegenheit zu erwartenden dramatischen Bühnenhandlung bleibt in diesem "Theaterstück" von Thomas Schendel, der auch Regie führt, nicht viel übrig - stattdessen erobert ein Rockensemble die Szene. Ein kleines Geplänkel, ein intimes Gezänk liefert den roten Faden der eher kargen Handlung, die aber für gelegentliche Ruhepunkte zwischen den einzelnen Musiknummern unentbehrlich ist. 
Aber das ist ja diesmal nur der Background für die eigentliche Präsentation: das musikalisch tadellose Heraufbeschwören unverändert vitaler Sounds aus dem Umfeld der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Und auch das Publikum, mit ein paar jüngeren Gesichtern durchwirkt, besteht aus lauter höchst begeisterungswilligen Menschen, die zu Zeiten von "Queen" gerade mal zwanzig waren oder etwas darüber.
Was sie erleben, ist ein kleines Wunder an Revitalisierung. Ein hervorragend zusammengesetztes Ensemble unter Leitung des in der Berliner Musikszene wohlbekannten und verdienten Harry Ermer fühlt sich bestens ein in den originalen Sound einer kreativen Rock-Ära und dreht die Zeit genau so weit zurück, wie es die Wiedergabe der Songs mit authentischem Drive erfordert. Das reicht von der unsterblichen "Bohemian Rhapsodie" bis zu "We are the Champions", dieser Hymne für thriumphale Momente. 
Der Leadsänger im Goldlamé-Shirt (Thomas Borchert) behauptet zwar von sich, "nicht Mercury" zu sein, übernimmt aber dessen Rolle recht überzeugend. Ihm zur Seite die stimmkräftige Sophie Berner als Lisa, Marco Billep als Ken und Michael  Ernst als Frank. Stimmlich sind sie durch die Bank grandios, und Ermers "UnderPressured Rockband" liefert die perfekte Soundgrundlage mit dem Percussion-Profi Philipp Schmitt und den beiden virtuosen Gitarristen Sebastian Vogel und Benjamin Berritt. 
Das Publikum goutiert die Show in höchst animierter Laune und spendet am Schluß nicht enden wollende "standing Ovations".
Fazit: Für "Queen"-Fans mit entsprechend belastbarem Gehör ein absolutes "Must have".

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de

 

Preis: €14,95 €11,95

UNSERE BÜCHER
ALS PDF-DATEI

AUSWAHL

 

Preis: €14,95 €11,95

 

DAS KÖNNTE DICH AUCH INTERESSIEREN





AUF DER BÜHNE © 2020

AUF DER BÜHNE

Auf der Bühne

TICKETS KAUFEN
eventim


PDF-Datei: 11,95 € 8,95 €
Weitere Formate
auf Amazon:
Kindle Ebook
Taschenbuch

WEITERE BÜCHER


ANZEIGE

3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
5 819+
4 1837+
3 1610+
2 998+
1 419+
Kritiken: 2697

PDF-Datei: 22,60 € 16,95 €

Weitere Formate auf Amazon:
Kindle Ebook - Taschenbuch


UNSERE BÜCHER ALS PDF-DATEI

AUSWAHL


ANZEIGEN

BUCH ALS PDF-DATEI
Toggle Bar
X

Right Click

No right click