Kritik zu: Das Rheingold
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Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach, wir Armen! (Goethe,"Faust")

Richard Wagner hat mit der Handlung seiner Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" auch eine Chiffre für die fatalen Nebenwirkungen des Kapitalismus ersonnen - ein Aspekt, der allerdings erst in Bayreuther Nachkriegs-Inszenierungen deutlicher herausgearbeitet wurde. Die Uraufführung fand noch ohne Billigung des Komponisten 1869 in München statt, 1876 eröffnete dann der "Vorabend" die erste Bayreuther Präsentation des gesamten "Rings".

Die neue "Ring"-Inszenierung an der Berliner Staatsoper Unter den Linden stammt von Dmitri Tcherniakov. Premiere dieser Version war am 2. Oktober 2022. Am Pult der Staatskapelle Berlin steht Christian Thielemann.

Das ungewöhnlich ausführliche Vorspiel vermittelt ein Gefühl für die "Ursuppe" des Rheins, in der die Rheintöchter Flosshilde(Anna Lapkovskaja), Wellgunde (Natalia Skrycka) und Woglinde (Evelin Novak) in aller Unschuld den Schatz des Rheingolds hüten. Doch der Nibelung Alberich (Johannes Martin Kränzle) nähert sich auf der Suche nach Liebe. Die Wassernixen lassen ihn abblitzen, verraten aber das eigentliche Geheimnis ihres Goldschatzes: daraus kann man einen Ring schmieden, der "maßlose Macht" verleiht. Die Bedingung: der Ringträger muss der Liebe entsagen.

Alberich überlegt nicht lange, schwört der Liebe ab, raubt das Gold und entkommt unter dem Protestgeschrei der Rheintöchter. Sein Ziel ist das unterirdische Nibelheim, wo er mit dem neugeschaffenen Ring  das dort hausende Volk der  Nibelungen zur Zwangsarbeit verdonnert.

Auf der Erdoberfläche haben inzwischen die Riesenbrüder Fasolt ( Mika Kares) und Fafner ( Peter Rose) wie vereinbart die Götterburg Walhall errichtet. Göttervater Wotan (Michael Volle) hatte ihnen zum Lohn die göttliche Freia ( Anett Fritsch) versprochen, die als einzige die Äpfel aus dem Garten der Jugend pflücken kann, denen die Götter ihre Unsterblichkeit verdanken. Wotan sucht nach einem Ersatz für Freia und bittet Loge (Rolando Villazon) um Rat. Der hört unterwegs von Alberich und seinem Ring. Die Riesen sind interessiert, behalten aber einstweilen Freia als Geisel.

Wotan und Loge reisen nach Nibelheim und luchsen Alberich den Nibelungenschatz samt Tarnhelm und Ring ab. Alberich schäumt vor Wut und verflucht den Ring. Urmutter Erda taucht auf, warnt vor dem unheilvollen Ring und prognostiziert eine "Götterdämmerung", das Ende der Götter. Wotan gibt den Riesen den Schatz mit Tarnhelm und Ring, und sogleich zeigt der Fluch seine Wirkung: Fafner erschlägt Fasolt im Streit um die Beute.
Die Götter nehmen Walhall in Besitz, aber die unheilvolle Wirkung des vermaledeiten Rings steht erst am Anfang.

Tcherniakovs szenische Imaginationskraft ist mit Wagners zaubrischer Götterwelt gänzlich unverwandt. Hier tragen die Götter moderne Strassenanzüge, und die Aufgabe, einen Hauch von Wagners ursprünglichen Vorstellungen ins Hier und  Jetzt zu holen, fällt gänzlich Christian Thielemann und seiner Staatskapelle zu, die diese ihre Kunst allerdings auch auf höchst überzeugende Weise unter Beweis stellen.

Die Eingangsszene zeigt nicht etwa schwimmende Nixen, sondern drei Krankenschwestern, die vor einem Stresslabor promenieren, in dem Alberich an einen Patientensessel gefesselt ist. Die Stimmen der Pflegerinnen sind gut abgeglichen. Wie entwendet Alberich nun das Gold ? Aha, er reisst sich los und verflucht die Liebe. Er nimmt das Inventar einfach mit und läßt das Pflegepersonal ratlos zurück.

Drei Damen im Diskussionsraum, die Projektion einer Planskizze von Walhall führt weiter in der Handlung. Wotan (Michael Volle) und Fricka (Claudia Mahnke) im Dialog über den Neubau. Aber was ist mit Freia ? Sie ist in der Gewalt der Riesen.  Freia stürzt herein. Wotan will Loge konsultieren. Erst einmal rühmen sich die Riesen ihrer Bauleistung. Froh (Siyabonga Maqungo) stellt sich schützend von Freia. Loge (Rolando Villazón) im Cordanzug   weiss Rat: Er bringt die Sache mit dem geraubten Gold ins Gespräch, dazu den machtverleihenden Ring. Die Riesen wollen sich statt Freias mit dem Nibelungenhort zufriedengeben. Wotan verfügt: Auf nach Nibelheim ! Eine Fahrstuhltür öffnet sich.

Grandios: zwei Ebenen tiefer liegen die Arbeitsräume der Zwangsarbeiter von Nibelheim. Alberich drangsaliert seinen Bruder Mime (Stephan Rügamer). Schrittweise entlocken Wotan und Loge dem Alberich, wie sein Machtgefüge funktioniert. Per Tarnhelm will er sich in eine Riesenschlange verwandeln(die man sich hinzudenken muss). Loge verlangt, dass er auch eine Kröte werde. Dann wird er gefesselt.  Per Fahrstuhl gehts wieder nach oben, vorbei an den Kaninchen, die schon Tierschützern ein Dorn im Auge waren.
Dem Alberich wird sowohl der Tarnhelm wie der Ring entrissen. Mit einem erneuten Fluch legt er die Wurzeln künftiger Verwicklungen. Die Riesen erhalten den Hort, Urmutter Erda (Anna Kissjudit)  spricht ihre Prophezeiung, die Riesen bekommen auch noch den Ring und werden durch Pistolenschuss erste Opfer des Fluchs, der ihm anhaftet.

Summa summarum muß man wohl etwas Abbitte leisten, was die Regiekonzeption angeht. Tcherniakov hat immerhin eine handfeste  Krimihandlung zustande gebracht, wie sie in unseren Tagen auch im  Fernsehen angeboten wirdDas versöhnlich-verbindende  Band ist Thielemanns bewunderungswürdige Orchesterleitung, kraftvoll und transparent zugleich, ein Wunder an imaginativer Kreativität. Hervorzuheben ist wohl die sängerische und darstellerische Leistung von Alberich (Johannes Martin Kränzle), die in seinem letzten Fluch gipfelt, der überzeugend zum geheimen Motor der gesamten  Handlung wird.

Horst Rödiger
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Kritik zu: Turandot
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Puccinis letzte Oper nach dem Theaterstück von Carlo Gozzi wurde nach dem Tode des Komponisten von Franco Alfano anhand von Aufzeichnungen Puccinis vollendet und erst 1926 unter der Leitung von Arturo Toscanini an der Mailänder Scala uraufgeführt. Die Berliner Neuinszenierung von Philipp Stölzl leitet Zubin Mehta am Pult der Staatskapelle Berlin. Die Aufzeichnung wird über Arte concert verbreitet.
Die Oper "Turandot" hat der Opernszene gleich eine ganze Reihe von Paraderollen beschert. Allen voran die grausame Prinzessin Turandot selbst, eine beherrschende Bühnenerscheinung für dramatische Soprane. Gut in Erinnerung Gladys Kuchta an der Deutschen Oper Berlin, als Gast auch einmal Birgit Nilsson, unvergeßlich mit James King als Prinz Calaf. Ebenso im Glanz eines unvergänglichen Starruhms: Luciano Pavarotti mit seiner sieghaften Arie "Nessun dorma" - "Keiner schlafe": eine Arie, die regelmäßig überbordenden Publikumsjubel auszulösen imstande war.

Entsprechend hoch sind die Erwartungen, die an die Neuinszenierung der Berliner Staatsoper geknüpft werden. Regisseur Philipp Stölzl löst die Aufgabe der szenischen Rahmengestaltung durch Überhöhung ins Symbolische. Die Bühne wird im Hintergrund nahezu gänzlich von einer über Schnüre dirigierten, überdimensionalen Puppe eingenommen, die sowohl die Allmacht der mörderischen Prinzessin wie auch die mechanistische Starre einer Diktatur fernöstlicher Prägung vergegenwärtigt.

Eingangs huldigt das Volk dieser übermächtigen Symbolfigur. Ein Ausrufer rezitiert die Bedingungen, die für Bewerber um die Hand der Prinzessin Turandot gelten: drei Rätsel sind zu lösen, und wer versagt, wird dem Henker ausgeliefert. Prinz Calaf (Yusif Eyvazov) findet in der Volksmenge seinen verschollen geglaubten Vater Timur (René Pape) wieder, der von Liù ( Aida Garifullina) geleitet wird. Pantomimisch unterstützte Chorszene bis zum Auftritt des Henkers Put-in-Pao, der sein Messer wetzt. Ein gescheiterter Bewerber wird hingerichtet, dem Volk zum Trotz, das Gnade fordert. 
Prinz Calaf ist vom Anblick der Prinzessin fasziniert und bewirbt sich als  Rätsellöser. Die  drei Minister Ping (Gyula Orendt), Pang (Andrés Moreno Garcia) und Pong (Siyabonga Maqungo) versuchen vergeblich, den verliebten Prinzen von der Bewerbung abzuhalten. Auch die warmherzige Einrede von Liù vermag nichts auszurichten. Calaf ruft nach Turandot und bewirbt sich.

Die drei Commedia dell'Arte - Minister Ping, Pang und Pong haben eine kurzweilige Stunde der Geschichtsinterpretation. Sie schreiten über den Berg von Schädeln der gescheiterten Bewerber und träumen von einer schöneren Welt.

Den greisen Kaiser Altoum singt Siegfried Jerusalem. Calaf beteuert, sich der Prüfung unterziehen zu wollen. Turandot (Elena Pankratova) tritt auf und stellt ihre Rätselfragen, nicht ohne zuvor einen Exkurs in die Geschichte des chinesischen Reiches zu unternehmen, der erhellt, was der psychologische Hintergrund ihrer grausamen Mordpraxis ist: niemand soll sie je besitzen dürfen.

Das erste Rätsel: Calaf löst es als "Die Hoffnung". Nun das zweite: auch hier hat Calaf die richtige Deutung: "Das Blut". Zweimal richtig, aber was nun ? Ihr letzter Trumpf ist Nummer drei, und alle bangen um Calaf. Es fällt ihm nicht leicht, aber er findet das richtige Lösungswort: "Turandot". Es ist geschafft, die Prinzessinpuppe fällt auseinander, und nun muss wohl der Sieg der Liebe verkündet werden. Die gedemütigte Prinzessin bittet Vater Altoum indes um einen Aufschub. Calaf seinerseits stellt nun ein Rätsel: Wie ist sein Name ? Bevor der Tag anbricht, muss die Frage beantwortet sein.

Eingehüllt in eine Wärmedecke singt Calaf seine berühmte Arie "Keiner schlafe". "Im Morgengrauen werde ich siegen": mit überraschendem Glanz und strahlender Kraft präsentiert Eyvazov diesen klassischen Dauerbrenner. Das Volk versucht, den unbekannten Namensträger mit tausend Tricks zu umgarnen, und die drei Minister tun das Ihrige, um ihn unter Druck zu setzen. Timur und Liù werden herbeigeschleppt und erpreßt. Liù bleibt standhaft und begeht Selbstmord, ohne den Namen dessen zu verraten, den sie liebt.

Den Schluß der Oper liefert die ergänzende Alfano-Fassung. Turandot und der unbekannte Prinz bewegen sich aufeinander zu. Turandot will sich vor Schändung bewahren und nimmt einen Trank zu sich, der sich aber eher als  Liebestrank erweist. Der Prinz nennt aus freien Stücken seinen Namen, und Turandot verkündet dem Volk, sein Name sei "Liebe". Alle atmen auf, die gnadenlose Mordserie hat ein Ende.

Der Berliner Staatsoper ist mit dieser Inszenierung ein Volltreffer gelungen. Das Sängerensemble ist in allen Partien mit hervorragenden und leistungsfähigen Stimmen besetzt, und Altmeister Zubin Metha am Pult der Staatskapelle ist ein Garant für eine wirkungsvolle Präsentation der Puccini-Partitur. Insgesamt ein gelungener Opernabend, der den ganzen Reiz dieser letzten Puccini-Oper ausschöpft.

Diese Aufzeichnung ist bis zum 13.01. 2023 auf Arte Concert zu verfolgen.

Horst Rödiger
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Kritik zu: Katja Kabanová
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Leoš Janáčeks dreiaktige Oper aus der beengten Lebenswelt einer jungen Ehefrau, uraufgeführt 1921 im Nationaltheater Brünn, fußt auf einem Libretto des Komponisten nach dem Drama "Gewitter" von Alexander Ostrowski. Die diesjährige Salzburger Inszenierung stammt von Barrie Kosky, dem langjährigen Intendanten der Berliner Komischen Oper.
Dass es sich bei dieser Handlung um ein Gesellschaftsdrama handelt, macht Regisseur Kosky gleich in der Einleitung deutlich, in der die Kamera an den Rücken einer Volksmenge entlang fährt, die in den Bühnenhintergrund starrt. Die Szene des 1. Aktes spielt im Vordergrund dieser Situation. Anfangs eine Auseinandersetzung zwischen Dikoj (Jens Larsen) und seinem Neffen Boris (David Butt Philip). Anschliessend bekriegen sich die reiche Witwe Kabanicha (Evelyn Herlitzius) und Katja (Corinne Winters). Die Pflegetochter Varvara (Jarmila Balázová) setzt sich für Katja ein. Beide sinnieren über ihr Dasein.
Janáčeks Musik ist auf intensive Weise mit der tschechischen Sprachmelodie verwoben. Dirigent Jakub Hrúša arbeitet dies am Pult der Wiener Philharmoniker sorgfältig heraus.

Katja träumt von Freiheit, vom Fliegen wie ein Vogel. Sie träumt aber auch von einem anderen Menschen als ihrem Ehemann Tichon (Jaroslav Brezina), und sie begreift das durchaus als Sünde. Ihr Mann beteuert, sie immer noch zu lieben. Tichon muss auf Geschäftsreise, und Katja will, dass er ihr einen Schwur abnimmt, in seiner Abwesenheit niemand anderen anzusehen. Die Kabanicha, Tichons Mutter,  mischt sich mit eigenen Forderungen ein.
Zweiter Akt. Wieder Individuum und Gesellschaft im Kontrast. Kabanicha tadelt Katjas Verhalten beim Abschied von Tichon. Varvara fädelt feinsinnig ein Treffen mit Boris ein. Ein Schlüssel brennt wie Kohlen in Katjas Hand. In Gedanken spielt sie Phasen der Annäherung an Boris durch. Sie will ihn sehen.

Die Kabanicha als Domina mit ihrem Geliebten Dikoj, der dem Alkohol verfällt. Zwischenspiel, Hrúša am Pult als sensibler Zeichengeber.

Boris und Katja in einer Verquickung  von Sehnsucht und Abwehr. "Ich habe keinen freien Willen", sagt Katja. Boris' Wille möge über sie herrschen. Ein erster Kuss, dezent und delikat. "Warum sterben, wenn das Leben so schön ist ?" Varvara und Kudrjáš (Benjamin Hulett) kommen hinzu. Aus dem Off die emphatisch gesteigerten Stimmen von Katja und Boris.
Dritter Akt. Katja wird von Zweifeln über ihr Handeln heimgesucht. Disput über die Natur eines Gewitters. Tichon kommt von der Reise zurück. Ihr schlechtes Gewissen plagt sie. Katja beichtet ihren Fehltritt. Dramatische Kulmination in der Musik. Varvara hat das böse Ende kommen sehen.

Katjas Geständnis hat ihr keine Erleichterung verschafft. Ihr Monolog im Rücken der Volksmasse: Keine Erinnerung blieb ihr an das Rendezvous mit Boris. Grandiose Personenregie, Ausdruck von Katjas Qualen. "Wozu soll ich noch leben ?" Aber die Sehnsucht nach Boris bleibt. Und er tritt erneut hinter sie, dann vor sie. Spiel der Hände. Vergeblicher Versuch, ihn zu halten. Ob er i für ihr Geständnis böse ist ? Wie soll alles weiter werden ? "Laß mich dich ansehen, zum letzten Mal". Ein paar irrwitzige Visionen, dann springt sie ins Wasser. Harte Schläge des Orchesters beenden das Drama.

Die darstellerischen und sängerischen Leistungen sind erstklassig, allen voran die Katja von Corinne Winters, die sowohl als szenische Interpretin wie in ihrer stimmlichen Leistung von strahlender Schönheit höchstes Lob verdient. Die musikalische Präsenz der Wiener Philharmoniker bringt unter  Jakub Hrúša die feinsten Klanggebilde aus Janáčeks Partitur bewegend zu Gehör. Bis 20. September noch in der 3Sat-Mediathek zu sehen.   

Horst Rödiger
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