Kritik zu: Boris Godunow
1 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Die Inszenierung von Richard Jones versteht es meisterhaft, den durchgehend archaisch-düsteren Charakter dieser Handlung, die von der überaus eigenwilligen, gelegentlich schroffen, dann wieder elegisch dahinfliessenden Musik Moussorgskis wie in weiten Bögen getragen wird. Eine besonders markante Rolle spielt das Volk, das sich in seiner dumpfen Hörigkeit über eindrucksvolle Chöre (Einstudierung Raymond Hughes) artikuliert. Eine gute Unterstützung gibt das Bühnenbild von Miriam Buether, dessen Raumaufteilung nach Art russischer Ikonen zusammen mit der ausgewogenen Lichtregie den szenischen Rahmen liefert. 
 
Unter der Leitung von Kirill Karabits schafft das Orchester der Deutschen Oper mit einfühlsamer Intensität das musikalische Fundament dieser Aufführung. Abgesehen von einigen Momenten dramatischer Verdichtung herrscht vor allem der weite Atem ausgeprägt russischer Melodik vor, in dem bisweilen das Zeitgefühl zur Nebensache wird und ein lähmender Fatalismus vorherrscht, aus dem vor allem die Not und Rechtlosigkeit des Volkes hervorscheint. Weiterlesen
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Die Besetzung erfüllt an diesem Abend nahezu sämtliche Wünsche. Allen voran sind die Chöre zu nennen, von Raymond Hughes wirkungsvoll einstudiert und von der Regie aus der statischen Positur herausgeholt und  in dynamischer Choreographie inszeniert. Die Wucht von Sentas leidenschaftlicher Ballade im zweiten Aufzug bläst die schwatzhaften Zuhörerinnen buchstäblich zur Seite, und im finalen Matrosenchor, der mit intensiver Dramatik entlang der Rampe gesungen wird, sorgt die akribisch genau durchdachte Personenführung für mitreissende Bewegung. Der heimliche Held dieser Aufführung ist der Erik von Thomas Blondelle, dessen heller, vom Liedgesang geschulter Tenor mit vorbildlich klarer Artikulation den Leidensweg des verschmähten romantischen Liebhabers in bewegender Weise vorführt. Die Senta von Ingela Brimberg  bringt mit leidenschaftlich ausdrucksvollem Sopran die  Hingabe und existentielle Identifikation mit dem Schicksal des Holländers überzeugend zum Ausdruck. Tobias Kehrers samtig getönter Bass gibt dem Seefahrer Daland Farbe und Charakter. Lediglich der Holländer von Samuel Youn bleibt bei aller Zerquältheit die tiefere dämonische Faszination schuldig, und die Stimme scheint mehrfach der physischen Belastung nicht recht gewachsen zu sein. 
Fundament des gesamten musikalischen Erscheinungsbildes ist einmal mehr das Orchester der Deutschen Oper unter Leitung des Wagnerspezialisten Donald Runnicles. Ist der Einstieg anfangs noch etwas breit angelegt, gewinnt das Klangbild im Laufe des Abends an Entschiedenheit und rhythmischer Prägnanz, und auch die tänzerische Liebenswürdigkeit der Empfangsszene bei der Heimkehr Dalands gelingt hervorragend. 
Ausführlicher Beifall vom Publikum, akzentuiert von ein paar vereinzelten Buh’s für das Regieteam. Weiterlesen
Kritik zu: Phädra
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Die Inszenierung von Stephan Kimmig hat den Vorzug der Konzentration auf die wesentlichen dramatischen Elemente. Vor dem strahlend weissen Hintergrund des allgegenwärtigen Bühnenbildes haben die Akteure alle Möglichkeiten, plausible Charakterbilder und zutreffende Signale ihrer Interdependenz zu entwickeln. Die Wirkung hängt zum guten Teil auch vom Umgang mit Schillers anspruchsvoller Sprache ab. Das gelingt am überzeugendsten Corinna Harfouch in der Titelrolle, dicht gefolgt von Bernd Stempel als Theseus. Bei ihm versteht man jedes Wort, und seine verschiedenen Auftritte in verblüffend wechselndem Habit bis zu Sommeranzug und Sonnenbrille verbreiten den erforderlichen szenischen Reiz. Unübertrefflich der Schlusseffekt von Phädras Sterbeszene in blutrotem Reifrock vor weissem Hintergrund. Weiterlesen
Kritik zu: Glückliche Tage
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Wie Dagmar Manzel da mit Hingabe und Akribie in Winnies Erinnerungskasten kramt, ist durch die Geschlossenheit der hier ausgebreiteten Alltagsphilosophie durchaus faszinierend. Winnie spult auch nicht einfach ihren Text ab, sondern inszeniert ihn als Interaktion mit dem Publikum. Zahllose Erinnerungen tauchen überraschend aus den Tiefen ihres Gedächtnisses auf, ohne dass wehmütige, nostalgische Gefühle die Oberhand gewinnen. So schmerzlich diese Reminiszenzen sein könnten, Winnie gewinnt der Erinnerung stets etwas Positives ab und bewahrt sich auf diese weise instinktiv vor dem Versinken in einer Flut von Klagen. Obwohl sie am Ende nahezu erstarrt in unbeweglicher Pose verharrt, nähert sich ihr Gatte auf allen Vieren mit devoter Geste, wie um Verzeihung bittend, und Winnie haucht ein rührendes Dokument verflossener Herrlichkeit, das Couplet „Lippen schweigen, s flüstern Geigen“ aus Léhars „Lustiger Witwe“. Viel Applaus für bemerkenswerte schauspielerische Leistungen, in den auch das Regieteam einbezogen wird. Weiterlesen
Kritik zu: Niemand
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Das Panoptikum kulminiert im Aufeinandertreffen der beiden Brüder Fürchtegott und Kaspar Lehmann, die ihre jeweilige Lebensgeschichte aus Kindheitserlebnissen ableiten und sich instinktiv als Sparringspartner verstehen. Dabei kommt der Hausbesitzer ums Leben und entschwebt an einem Seilzug in die Höhe des Bühnenhimmels. Zurück bleibt Bruder Kaspar, der auch die nunmehr alleinstehende Witwe Ursula umarmt, sich aber bald wieder aus dem Staube macht. Auf der Szene steht am Ende die dunkle Silhouette der verlassenen Frau. 
Ach ja, und wer ist „Niemand“? Vermutlich einfach Gott, ein irgendwo verschwundenes höheres Wesen, das sich der Kommunikation verweigert und das man ebensogut „Satan“ nennen könnte. 
Die sorgfältig gezeichnete Reihe der Charakterbilder macht den Abend sehenswert. Viel Beifall für das gesamte Ensemble, das  zum Schluß auch noch als Begleitband für einen resümierenden Song zu hören ist. Weiterlesen
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Ein Anstellungsversuch von Biff bei einem früheren Schulfreund Oliver mißlingt- der erkennt ihn gar nicht, und Biff klaut ihm lediglich seinen Füllhalter.  Ein gemeinsames Dinner der beiden Söhne mit dem Vater, zu dem Happy eingeladen hatte, um den erwarteten Job für Biff zu feiern, zerflattert - die beiden Söhne ziehen mit rasch angeheuerten Mädchen davon und ignorieren Vater Willy. Als alle wieder zu Hause sind, zieht die nächste Auseinandersetzung herauf - Biff gibt zu, während einer dreimonatigen Abwesenheit wegen Diebstahls im Gefängnis gewesen zu sein, und kündigt seinen Auszug aus dem Elternhaus an. Vor dem abendlichen Schlafengehen verläßt Willy das Haus, um den Tod zu suchen, damit seine Familie von der Lebensversicherung existieren kann. Viel Beifall für die eindringliche Zeichnung der Figuren, für Ulrich Matthes und das übrige Ensemble. Weiterlesen
Kritik zu: Tod in Venedig
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Benjamin Britten illustriert und begleitet diese Handlung mit einer ungemein fein gesetzten und disponierten musikalischen Gestalt, die von einem kleinen Orchester mit weitgefächertem Schlagwerk, Klavier als quasi-Rezitativcontinuo und ausgesprochen erlesenen Flöten- und Bläsersoli bestimmt wird. Nur gelegentlich weitet sich das Klangbild zu intensiver Breitenwirkung, etwa in dem reizvollen Vorspiel zum zweiten Akt und der eindrucksvollen „Kyrie“-Steigerung im weiteren Verlauf, in der auch der im übrigen überaus sorgfältig einstudierte und disponierte Chor hinter der Szene(Einstudierung Raymond Hughes) sich mit dem Chor der Solisten (Einstudierung Ido Arad und Christopher White) verbindet. (...) 
Dirigent Donald Runnicles führt sein Instrumentalensemble zu Höhepunkten feinfühliger Klangabstimmung. Alles Gehörte bleibt durchsichtig wie ein Schleier, kann sich aber auch zu markanten Akzenten verstärken. Das Premierenpublikum honoriert die geschlossene Leistung von Solisten, Chor und Orchester mit anhaltendem Applaus, der auch das Regieteam einschliesst und ein paar versprengte Buhrufe eher als Untermalung erscheinen läßt. Weiterlesen
Kritik zu: Konstellationen
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Den Texten gibt Autor Payne mannigfache Farbe, Elemente des Skurrilen und Überraschenden. Marianne ist Physikerin und gibt Daten kosmischer Strahlung in ihren Computer ein. Roland ist von gänzlich konträrer Mentalität und widmet sich eher der Bienenzucht. Eine Aufzählung der drei Gruppen eines jeden Bienenvolkes liest er entweder vom Blatt, oder er kann auch darauf verzichten und Marianne stattdessen einen Heiratsantrag machen. 
Keine Frage, dass ein solcher Spielvorwurf ein ideales Terrain ist für zwei souveräne Darsteller, die über Nuancenreichtum des Ausdrucks und eine differenzierte Skala sprachlicher Gestaltung verfügen. Suzanne von Borsody vermittelt beredten Charme ebenso überzeugend wie vielfach variierte Eindringlichkeit. Guntbert Warns kann ein eher spröder Einzelgänger ebenso wie ein begeisterter Liebhaber sein. Besonderen Szenenbeifall gibt es, als die präsentierten Sprachversionen sich ganz auf die Gebärdensprache reduzieren, von beiden in einer ausführlichen Passage virtuos und suggestiv dargeboten. 
Das Premierenpublikum im ausverkauften Haus folgt den Gedankenspielen mit nie versiegender Aufmerksamkeit, und diese Spannung entlädt sich am Ende in einem ausgiebigen Beifallssturm, der gleichermaßen Dankbarkeit und Anerkennung ausdrückt. Weiterlesen
Kritik zu: Fehler im System
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Es war ein weiter Weg von der frühen Faszinationskraft jener Automatenwesen in Menschengestalt nach Art von „Coppélia“ oder „Hoffmanns Erzählungen“ bis zur leicht schaurig angehauchten Attraktivität des Begriffes „Künstliche Intelligenz“ in unseren Tagen. Gerade mal ein Jahr alt ist das Stück „Fehler im System“, das Folke Braband bearbeitet und jetzt als Regisseur  im Berlin-Steglitzer Schloßpark-Theater zur deutschen  Erstaufführung gebracht hat. Dabei geht es nicht, wie man vielleicht anhand des Titels argwöhnen könnte, um eine Mängelrüge an Schwächen unseres Systems der parlamentarischen Demokratie. Stattdessen liegt der Angelpunkt mehr im Vordergründig-Hintergründigen. Eine gewisse Duldsamkeit gegenüber Science-Fiction-Stories erleichtert dabei den Zugang und das ungetrübte Vergnügen. Weitere Vorkenntnisse sind aber nicht erforderlich. (...)
Das ganze Spiel wird auf der Bühne mit einem hilfreich simplen Bühnenbild, wandlungsfähiger Lichtregie und präzise eingespielten Videoprojektionen flott in Gang gehalten. Weiterlesen
Kritik zu: Edward II.
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Thomas Jonigk liefert ein intelligentes Libretto, das die einzelnen Szenen samt naheliegenden Gedankenverknüpfungen bildkräftig herausarbeitet. Die Musik von Andrea Lorenzo Scartazzini liefert gewiss keine Motive, die man später zu Hause nachpfeift. Sie ist aber überaus illustrativ, unterstreicht den szenischen Gehalt und kennt ausser dramatischem Schlagzeugeinsatz auch leise, besinnliche Töne, die beeindrucken. Mit dem Regisseur Christoph Loy wurde ein Inszenator gefunden, der in dem gothisierenden Bühnenbild von Annette Kurz eine fesselnde Folge von Auftritten mit hervorragend stilisierten Personen ansiedelt, die von dem immerwährenden Antagonismus zwischen Individuum und Masse berichten. Weiterlesen

Premieren

10 September 2017
Die Kameliendame
Philip Tiedemann
Schlosspark Theater

10 September 2017
Jacobowsky & der Oberst
Jürgen Wölffer
Ku'damm Bühnen

19 September 2017
Zeppelin
Herbert Fritsch
Schaubühne

20 September 2017
It Can't Happen Here
Christopher Rüping
Deutsches Theater

21 September 2017
Caligula
Antú Romero Nunes
Berliner Ensemble

Google play