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„Eine Tragikomödie“ nennt Autor Dirk Heidicke seine Szenenfolge aus dem Leben des Komponisten Paul Abraham, und treffender kann man diese bald erheiternden, bald erschütternden Stationen eines an Höhen und Tiefen reichen Künstlerlebens kaum zusammenfassen. Heidickes Collage kam erstmals 2015 in Magdeburg auf die Bühne und ist jetzt als Berliner Erstaufführung mit Susanne Bard und Jörg Schüttauf  im Schlosspark Theater zu sehen. Am Flügel begleitet Jens-Uwe Günther die Bühnenhandlung mit musikalischen und szenischen Impulsen. Für Regie und Ausstattung zeichnet Klaus Noack verantwortlich. 

Als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer Klavierlehrerin kam Paul Abraham 1892 im damals ungarischen Apatin zur Welt. Früh zeigte sich ein musikalisches Talent, ohne dass sich daraus zunächst irgendwelche Erfolge ableiten liessen. 1927 wurde er Kapellmeister am Budapester Operettentheater, und im selben Jahr kam dort seine erste Operette „Der Gatte des Fräuleins“ heraus. Ihr folgt als zweite Operette „Viktoria“ mit Erfolg in Budapest. Auf Drängen von UFA-Produzent Erich Pommer ging Abraham gemeinsam mit seiner Frau Sarolta Feszelyi nach Berlin. 

Hier überarbeiten die Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda die Budapester „Viktoria“, die im Jahre 1930 als „Viktoria und ihr Husar“ über die Bühne des Metropol-Theaters geht und einen fulminanten Erfolg hat. Das liegt großenteils an Abrahams zukunftsweisender Musik, die ins Orchester eine Jazzband integriert und mit raffinierten Stilmischungen arbeitet. Stets dirigiert Abraham selbst das Orchester, wobei er weisse Handschuhe trägt. Als nächste Operette folgt „Die Blume von Hawaii“, deren Publikumserfolg nochmals neue Maßstäbe setzt. Abraham verdient viel Geld und gibt es mit vollen Händen aus. Die dunkle Seite seiner Existenz: er findet oft keinen Schlaf und streift stattdessen durchs nächtliche Berlin, wo er Spielcasinos und Bars besucht und sexuelle Abenteuer nicht scheut. Seine Frau verläßt ihn und geht zurück nach Budapest.

Im Dezember 1932 kommt seine nächste Operette „Ball im Savoy“ heraus, und noch einmal spendet die politische Prominenz um Reichskanzler Kurt von Schleicher im Metropoltheater dem jüdischen Komponisten Applaus, bevor dieser durch zunehmende Anfeindungen von Seiten der heraufziehenden Nazidiktatur zur Flucht gezwungen wird. Seinem Chauffeur vertraut er den Schlüssel zu seinem Safe an, in dem angeblich 200 unveröffentlichte Kompositionen liegen, die anschließend Zug um Zug an „arische“ Komponisten veräußert werden. Dieser Teil von Abrahams Selbstaussage ist allerdings ohne nachprüfbaren Beleg. 

Abraham flieht nach Budapest und Wien, dann in Pariser Emigrantenkreise, schließlich in die USA. Ein Jahr Barpianist in Havanna, dann folgt New York, wo ihm der Broadway aber die kalte Schulter zeigt. Freunde begleichen stillschweigend die Rechnungen im Hotel „Windsor“, in dem er lebt.     Nun zeigen sich Symptome einer geistigen Krankheit, die mit zunehmender Realitätsferne einhergeht. 1946 dirigiert er auf der Madison Avenue ein nur in seiner Phantasie existierendes Orchester und wird von der Polizei wegen Verkehrsgefährdung festgenommen. Es folgen Jahre in der Psychiatrischen Klinik von Creedmor auf Long Island, bis sich in Hamburg ein „Paul-Abraham-Komitee“ gründet und das gescheiterte Kompositionsgenie 1956 nach Deutschland zurückholt. Es gelingt, seine Frau Sarolta aus Ungarn herbeizuholen, die ihren Gatten nun hingebungsvoll versorgt. Paul Abraham wähnt sich bis zum Schluß im New Yorker Hotel „Windsor“. 1960 stirbt er in Hamburg an den Folgen einer Krebsoperation. 

Dirk Heidickes Abraham-Revue setzt 1956 mit dem Rückflug nach Hamburg ein und läßt dann in Rückblenden die vorangegangenen Lebensphasen aufleuchten. Wie Jörg Schüttauf als Paul Abraham und Susanne Bard in verschiedenen Frauenrollen diese Stationen eines Lebens zwischen rauschendem Erfolg und langjährigem Abstieg lebendig werden lassen, ist sehens- und erlebenswert. Susanne Bard kann sowohl einen mondänen Vamp wie ein besorgtes Hausmütterchen darstellen und gibt den eingestreuten Chansons Farbe und reizvolle musikalische Gestalt. Jörg Schüttauf schließlich schlüpft mit künstlerischem Ernst und virtuos eingestreuter Clownerie absolut glaubwürdig in die Abraham-Maske und gibt diesem Lebenslauf fesselnde Präsenz.

Das Publikum dankt mit ausgiebigem Applaus für einen anregenden und instruktiven Abend, der ein fast vergessenes Komponistenleben wieder ins öffentliche Bewusstsein rückt.  

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Nicht weniger als 24 abendfüllende Stücke und 21 Einakter hat er geschrieben, der Meister des Vaudeville und der türenklappenden Tempo-Komödie, Georges Feydeau. Sein „Champignol malgré lui“ (Champignol wider Willen) wurde 1892 im Théâtre des Nouveautés in Paris uraufgeführt.

An der Berliner Schaubühne hat jetzt Herbert Fritsch das Stück inszeniert. Der Name des Regisseurs steht für einen ganz eigenen Stil im Umgang mit Komödien und ist noch aus Zeiten der Volksbühne für so erfolgreiche Aufführungen wie „Die spanische Fliege“ und „Murmel Murmel“ in guter Erinnerung. Zu seinen Inszenierungen an der Schaubühne gehören „Zeppelin“ und „Null“. 

Der nur pietätvolle Umgang mit chirurgischem Besteck ist nicht seine Art des Herangehens an eine Spielvorlage. Stattdessen wird unter seinen Händen daraus eine ganz neue, überaus vitale und konsequent umgesetzte Bühnenversion. Fritsch vermählt die Vorlage des seligen Georges Feydeau mit dem Geist und den Ausdrucksformen von Louis de Funès. So entsteht eine Spielvorlage von konsequent grotesker szenischer Wirkung. Alle verwehte gezügelte Darbietung von gestern ist vergessen. Was wir stattdessen bekommen, ist eine enorm gegenwärtige, auf starke Wirkungen zielende Interpretation unserer Tage. Die Schauspieler werden klug geführt und gleichzeitig exzessiv von der Leine gelassen. Das ergibt ein exakt choreographiertes Herumhampeln und Grimassenschneiden, das den Akteuren sichtlich ein eminentes Vergnügen bereitet. 

Champignol (Florian Anderer) ist ein in Paris ansässiger Maler,  derzeit auf Reisen. Seine Frau Angèle (attraktiv und souverän: Ursina Lardi) vertreibt sich die Zeit  bis zur Rückkehr ihres Gatten mit dem Herumtreiber Saint-Florimond (überaus beweglich: Bastian Reiber). Bis ein Gendarm (Stefan Staudinger) auftaucht, der den vermeintlichen Champignol zum Wehrdienst abholen soll. Er greift sich den einzigen Mann im Maleratelier, der nach dem Urteil aller dort Anwesenden der fragliche Maler sein muss. Klappende Türen sucht man in dieser Inszenierung vergebens. Stattdessen offeriert das Bühnenbild (ebenfalls von Herbert Fritsch) eine klaffend rote Spalte in der Bühnenmitte, in der Treppenstufen hinunter- und wieder heraufführen. Das Dienstmädchen Charlotte (Carol Schuler) nutzt diese Treppe mehrfach, um ihre üppig wippende Haarpracht vorzuführen.

Das Bühnenbild läßt im  übrigen viel Raum für zwei Inventarstücke, die lebhaft hin- und her bewegt werden: ein voluminöses Sofa, das im Hintergrund der Bühne halbkreisförmig platziert wird, und ein faltbares Militärzelt, aus dem die Militärs verschiedenster Ränge herauspurzeln und dorthin auch wieder zurückkehren. Der zweite Teil bis zur Pause spielt in diesem herrlich persiflierten Regimentsmilieu, in dem sich nacheinander der Capitaine Camaret (Axel Wandtke), seine Adjutant Ledoux (Robert Beyer) und Commandant Fourrageot in herrlich überdrehtem Kasernenton vernehmen lassen. Als Caporal Grosbon glänzt Carol Schuler mit einer Exerzierstunde für die im Halbkreis aufgestellten Reservisten. Natürlich potenzieren sich die Irrtümer und Verwechslungen, als nicht nur der falsche, sondern auch der echte Champignol im selben Regiment Dienst tun. 

Der dritte Teil nach der Pause präsentiert einen elegant stilisierten Empfangssaal, in dem eine geheimnisvolle Asiatin (Taiko Saito) zunächst ein virtuoses Vibraphonsolo präsentiert, bis sich dann die Irrungen und Wirrungen zwischen verschiedenen Heiratswilligen fortsetzen. Ein dekorativer Kronleuchter entfällt der Saaldecke, und der schlaksige Reservist Prinz von Valance (Maximilian Diehle) klettert eine goldene Leiter hinauf, um dem Kronleuchter  einen Schubs zu geben. Onkel Camel (Werner Eng), seine Tochter Mauricette (Iris Becher) und deren Mann (Damir Avdic) sowie die Capitainestocher Adrienne (ebenfalls Iris Becher) sowie Neffe Célestin (Bernardo Arias Porras) stürzen sich abwechselnd in den Trubel. Wie sich der Widerstreit von News und Fake News am Ende auflöst, soll hier nicht verraten werden, damit der Knalleffekt nicht verpufft.

Man ist am Ende gleichermaßen erschlagen wie bezaubert. Das Publikum, von geringfügigen Abwanderungen zur Pause einmal abgesehen, spendete den Akteuren und den exzellenten Musikern begeisterten Applaus. 

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Das Stück stammt vom US-amerikanischen Bühnenautor und Liedtexter Joe DiPietro und wurde 1996 uraufgeführt. Zu den Vorzügen dieser Komödie gehört, dass sie pointenreiche Dialoge mit nachdenklichen Passagen mischt, was einen kurzweiligen Handlungsablauf ergibt. 

Am Berliner Schlosspark Theater wird daraus in der Regie von Anatol Preissler  ein sehr unterhaltsamer Theaterabend mit begeisterter Publikumsresonanz. Neben routinierter Dialogregie bewährt sich vor allem der szenische Kniff der Lichtregie, einzelne Akteure  für einen kurzen inneren Monolog per Punktscheinwerfer aus der Gesamtbühne herauszuheben. Norbert Bellens Bühnenbild und Kostümgestaltung unterstützt die Rahmenwirkung betont schlichter Häuslichkeit.

Hauptakteur und Mittelpunkt der Handlung, die im wohlbehüteten Raum der nordamerikanischen Provinz spielt, ist der junge Nick Cristano, den Johannes Hallervorden mit Charme, Herz und hervorragender Sprachpräsenz spielt. Eine berufliche Veränderung steht für ihn bevor: er soll auf eine Position befördert werden, die den Umzug ins entfernte Seattle erfordern würde. Bis dahin war seine angestammte Umgebung vor allem die Wohnung der Großelternpaare, die sich mit ihm allwöchentlich zum Essen im Familienkreis treffen. Die Großeltern, das sind Aida Gianelli (Anita Kupsch) und Frank Gianelli (Herman van Ulzen) sowie Emma Cristano (Dagmar Biener) und Nunzio Cristano (Holger Petzold). Es sind vor allem die Großeltern, von denen diese zentripetale Kraft der Familienidee ausgeht. Nicks Eltern kommen nur einmal kurz per Telefon ins Spiel. Die Großeltern setzen nun alle zu Gebote stehenden Machtmittel ein, um die Abwanderung des geliebten Enkelsohns zu vereiteln. Oma Aida ist eine Virtuosin der Küche und pflegt Gäste mit der Formel zu begrüßen, sie sähen gänzlich verhungert aus. Schließlich läuft der versammelte Ratschluß der Großelterngeneration darauf hinaus, den in die Ferne strebenden Enkel mit der attraktiven Caitlin O’Hare (Katharina Maria Abt) zu verkuppeln. 

Das Trommelfeuer der Bleibeaufforderungen geht Nick am Ende derart auf die Nerven, dass er mit einer Herzattacke zu Boden geht und anschließend ein paar Wochen im Hause der Großeltern pausieren muss. 

Aber alle Bemühungen, Nick vom Fortzug abzuhalten, bleiben letztlich wirkungslos - die lockenden Chancen beruflicher Weiterentwicklung gewinnen die Oberhand. Nick reist ab, grüßt aus der Ferne und bekommt als erstes eine Riesenpackung Lasagne aus der Küche von Oma Aida nachgeschickt. Nach und nach verabschieden sich die Großeltern vom Leben, aber was bleibt, ist die verklärende Idee von der integrativen Familienbindung. 

Das Publikum folgt dem Pointenfeuerwerk mit verständnisinniger Hingabe - manches Mal fühlt man sich in dieser Familienwelt fast wie zu Hause. Am Ende begeisterter Beifall, der sich zu rhythmischem Klatschen steigert und allen Mitwirkenden gilt, allen voran Johannes Hallervorden mit seinem äußerst gewinnenden Auftreten. Zu Recht gibts für alle einen Blumenstrauß aus der Hand des Intendanten Dieter Hallervorden. 

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