Kritik zu: Don Pasquale
Gaetano Donizettis dreiaktige Oper im Geiste der Komödien Carlo Goldonis wurde 1843 in Paris uraufgeführt und gehört bis heute zu seinen beliebtesten Werken.
Die Hamburger Neuinszenierung von David Bösch setzt nur behutsame szenische Modernisierungen wie Videos und Handygebrauch ein, wahrt aber die Grundzüge der Handlung in der überlieferten Form.
Don Pasquale ist ein steinreicher Hagestolz, der sich etwas spät zur Heirat entschließt. Symbol seines überbordenden Reichtums ist ein  gigantischer Geldschrank, der den ganzen Bühnenhintergrund ausfüllt und der zur Untermalung der Szene wirkungsvoll geöffnet wird (Bühnenbild: Patrick Bannwart).
Don Pasquale (Ambrogio Maestri) möchte Norina (Danielle de Niese) heiraten, die aber ihre Liebe dem jungen Ernesto, Pasquales Neffen( Levy Sekgapane)  zuwendet. Pasquale wirft ihn erst mal hinaus. Norina präsentiert im Schaumbad ihre erste Bravourarie. Dann taucht Dottore Malatesta (Kartal Karagedik) auf und serviert eine Lösungsmöglichkeit für die  widerstreitenden Liebesbeziehungen: Pasquale soll Sofronia heiraten, angeblich die Schwester Norinas aus klösterlicher Zucht, in Wahrheit aber natürlich Norina selbst. Die darf nun laut Ehevertrag alles bestimmen und nutzt ihre Stellung weidlich aus, um den "fetten, altersschwachen" Pasquale nach Strich und Faden zu verspotten. Ungebremst und schamlos schraubt sie ihre Forderungen immer höher.
Angesichts der Ausgabenfreudigkeit seiner Angetrauten fürchtet Pasquale im Hospital zu enden. Das schöne alte Motiv von der bis zum Eheschluß sanften Schönheit, die sich nach der Hochzeit als ruinöses Biest erweist, wird hier zum Vergnügen des Publikums voll ausgekostet. Das geht bis zur Szene mit gegenseitigen Ohrfeigen.
Ein hinreissendes Chorensemble: Unter einem Schauer von Geldscheinen rühmen die Bediensteten ihre Herrin (Chorleitung Christian Günther). Schliesslich klagt Pascale dem Dottore sein Leid: Hätte ich doch Norina dem Ernesto gegeben ! Ein anonymer Brief weckt Pasquales Argwohn: ist ein heimliches Rendezvous seiner Frau mit Ernesto im Garten geplant ?
Dort dann Ernestos einschmeichelnde Arie an die Aprilnacht: Geliebte, warum kommst du nicht ? Unterm Sternenhimmel ein betörendendes Liebesduett. Der Geldschrank ist inzwischen als Kletterfelsen im Gartenboden versunken. Dann entpuppt sich Sofrania als Norina, und dem Eheglück der beiden Verliebten steht nichts mehr im Wege, zumal Pasquale froh und dankbar ist, dass er sein aufmüpfiges Ehgespons los werden konnte. Zum versöhnlichen Schluss
gibts für alle ein Stück "Pizza morale": Heirate nie im Alter !
Musikalisch ist der Abend ein wirklicher Genuss. Der fette alte Pasquale ist treffend und mit Liebe gezeichnet. Sein Neffe Ernesto kann mit einer herrlich strahlenden Tenorstimme punkten, und seine Norina glänzt mit wendigem Koloratursopran.   Was sie an strahlenden Spitzentönen gelegentlich vermissen lässt, macht sie mit komödiantischem Impetus mühelos wett. Nicht minder trefflich agiert der Dottore Malatesta.
Am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters hat Maestro Matteo Beltrami alle Soli und Tutti gut im Griff mit dem rechten Gespür für Donizettis spritzige Musik, und besonders die Ensembles gelingen ihm absolut perfekt. Viel Beifall vom Premierenpublikum für einen rundum trefflichen Opernabend. Die Aufzeichnung ist in der Arte-Mediathek bis 27. 08.2022 abrufbar.

Horst Rödiger
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Die 1843 in Dresden uraufgeführte "romantische Oper in drei Aufzügen" von Richard Wagner entstand unter dem Eindruck einer stürmischen Schiffsfahrt des Komponisten von Riga nach London. Die Handlung stützt sich auf die Geschichte des niederländischen Kapitäns Bernhard Fokke. Der hatte vergeblich versucht, das Kap der Guten Hoffnung zu umschiffen, und weil er dabei Gott und Natur gleichermaßen verfluchte, wurde er dazu verdammt, mit seinem Geisterschiff auf ewige Zeiten die Weltmeere zu durchkreuzen. Wagner verlegte die Handlung in der Urfassung des Werkes nach Schottland, später nach Norwegen. 1860 hat der Komponist die bis dahin nur mäßig erfolgreiche Oper überarbeitet. Bei ihm darf der rastlos Suchende nur alle sieben Jahre an Land gehen und kann lediglich durch die Liebe einer treuen Frau von seinem Fluch erlöst werden.

Die Neuinszenierung im Nationaltheater Mannheim stammt von Roger Vontobel. Das Orchester des Nationaltheaters Mannheim steht unter der Leitung von Jordan de Souza. Die Einstudierung des Opernchores besorgte Dani Juris.
Die Ouvertüre sehr plastisch und lebhaft, mit kraftvollen Einwürfen der Bläser. Als sich der Vorhang öffnet, ist eine Projektion zu sehen, die auf suggestive Weise seemännisches Tauwerk mit einer Imagination der Senta-Figur verbindet. Der erste Matrosenchor auf Dalands Schiff, das vom Sturm vom Kurs getrieben wurde. Arie des Steuermanns ( Juraj Holly): die Stimme etwas gepresst, außerdem gibt's anfangs Schwierigkeiten, in der Übertragung den korrekten Wiedergabemodus anzusteuern.

Arie des Holländers (Michael Kupfer-Radecky) "Die Frist ist um". Neben ihm der tänzerisch kommentierende "Traum-Holländer" (Michael Bronczkowski). Des Holländers warmgetönter Bass kann zusätzlich  auch mit gut verständlicher Artikulation aufwarten. Der Tänzer des Traum-Holländers verharrt am Boden. Senta durchschreitet einen Verhau aus Schiffstauwerk. Der Holländer verzweifelt an der Hoffnung, "ew'ge Treu" auf Erden zu finden. Daland (Patrick Zielke)  weckt den eingeschlafenen  Steuermann: Dort liegt ein Schiff ! Dialog mit dem Holländer: Woher des Wegs ? Daland geht auf den Holländer zu. Der Holländer bietet ihm Freundschaft an, wenn ihm Obdach gewährt wird, kostbare Schätze aus dem Laderaum seines Schiffes werden offeriert. Hast Du eine Tochter? Ja, ein treues Kind. Holländer und Daland schliessen einen Pakt aus sich ergänzender Interessenlage.
Ihr Konsens-Duett wird flankiert vom Auftritt des Traum-Holländers und der Traum-Senta (Delphina Parenti), mit deren Beitrag die Szene zusätzliche Handlungselemente gewinnt. Der zweite Matrosenchor unter Tauwerk in eindrucksvoller Lichtregie (Florian Arnholdt). 

Senta (Daniela Köhler) und ihr Traum-Double in der Spinnstube, auf der Drehbühne unter wieder raffiniert ausgeleuchtetem Tauwerk. Auf diese Weise bleibt die Schiffsatmosphäre kontinuierlich präsent. Senta verinnerlicht den Charakter ihres Vortrags. Dann  bricht es aus ihr heraus: sie berührt die Hand des Traum-Holländers und extemporiert die Ballade vom Schicksal des rastlosen verfluchten Holländerkapitäns. Stimmlich eine fesselnde Leistung.
Im Hintergrund turnt der Traum-Holländer illustrierend durch das hängende Tauwerk und umarmt die Traum-Senta. So wird dem Auge, unterstützt von der Lichtregie, ergänzende szenische Schau geboten, ohne gänzlich fremde Elemente einzuführen. Senta sagt sich damit los von ihrem Verlobten Erik (Jonathan Stoughton). Auch Sentas Amme Mary ( Marie-Belle Sandis) vermag an Sentas Gefühlslage nichts zu ändern. Noch einmal klagt Erik über Sentas neue Wunschvorstellungen, sieht seine Felle davonschwimmen. Er schildert ihr einen Traum, der das Scheitern seines Werbens um Senta zutreffend voraussagt.

Daland kehrt heim, vom Holländer begleitet. Wer ist der Fremde ? Eine wunderbare musikalische Floskel begleitet Dalands Werben um die Aufgeschlossenheit seiner Tochter, auch wenn er im Hinterkopf deutlich den Gedanken an die verheissenen Schätze des Holländers bewahrt. Aber nicht das hingehaltene Geschmeide, sondern der schliessliche Anblick des Holländers läßt Senta einlenken.

"Wie aus der Ferne längst vergang'ner Zeiten" fühlt sich der Holländer angesichts Sentas Erscheinung angesprochen. Die ausgedehnten Passagen der Bekenntnisse beider werden wieder durch tänzerischen Ausdruck der Traumfiguren von Holländer und Senta ergänzt und interpunktiert.
Noch kann der Holländer kaum glauben, dass seine Erlösung greifbar nahe sein könnte. Er prüft die Ernsthaftigkeit ihres Treuegelöbnisses. Sie bekräftigt ihre Absicht, "Treue bis zum Tod" zu halten. Schliesslich legt Daland die Hände beider ineinander.

Szenenwechsel: "Steuermann, halt die Wacht" mit viel Bewegung des Matrosenchors auf der  Schiffstreppe von Dalands Schiff. Mitreissend in Tempo und Akzentuierung vorgetragen. Doch der Kontakt zur Mannschaft des Holländerschiffs kommt nicht zustande: die Matrosen dort scheinen tot zu sein. Die Chorszenen sind sehr dynamisch choreografiert und musikalisch überaus exakt ausgeführt. Auf einmal antwortet die vermeintlich tote Holländer-Mannschaft, flankiert von lebhafter Lichtregie. Eindrucksvolles Bühnenbild (Fabian Wendling).
Noch einmal ein Dialog von Erik und Senta, der von den beiden Traumfiguren geleitet und gestärkt wird. Hatte sie etwa schon Erik die "ewige Treue" versprochen ? Der Holländer kommt hinzu und glaubt sein Schicksal verloren. Noch habe Senta nicht "vor dem Ewigen" ihm die Treue gelobt. Der Holländer will sie vor dem Schicksal bewahren, das derjenigen droht, die ihr Treuegelöbnis bricht. Er bekennt, der gefürchtete "Fliegende Holländer" zu sein. Aber Senta hält unbeirrt an ihrer Treuezusage fest und wird daraufhin in des Himmels Höhe verklärt.

Reicher Applaus des Premierenpublikums für eine zügig vorgeführte, schlüssige Inszenierung, die ohne aufgepfropfte szenische Gewaltakte auskommt. Ausgezeichnete Chöre, ausdrucksvolle Solisten, dazu die musikalische Leitung von Jordan de Souza, der das Orchester des Nationaltheaters mit sicherer, gut disponierter Hand durch die dynamisch weit auseinander driftenden Phasen der Partitur geleitet. Die Aufzeichnung ist bis 24. Oktober 2022 auf Opera Vision abrufbar.

Horst Rödiger
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Kritik zu: Der Vampyr
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Über dem nachhaltigen Ruhm des Musicals und der Polanski-Filmversion von "Tanz der Vampire" ist in Vergessenheit geraten, dass schon der Komponist Heinrich Marschner im Jahre 1828 seine Oper "Der Vampyr" in Leipzig zur Uraufführung gebracht hatte. In Hannover, wo Marschner jahrzehntelang als königlich-hannoveraner Kapellmeister und Intendant tätig war, hatte jetzt eine Neuinszenierung des Werkes in der Regie von Ersan Mondtag Premiere. Marschner gilt als wichtigster deutscher Opernkomponist zwischen Weber und Wagner. Am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover stand am Premierenabend Stephan Zilias.
Die Handlung der Oper erfordert vom Publikum die Bereitschaft, sich auf eine fantasievolle Fabel einzulassen, die tief in den Wesenszügen der Romantik wurzelt.
Erster Akt: Ahasver und Astarte treffen im Text von Wilhelm August Wohlbrück versgebunden beim Geistermeeting aufeinander. Hauptperson der folgenden Handlung ist der Vampyr Lord Ruthwen (Michael Kupfer-Radecky), der nach dem Gebot seiner Vampyrmeisterin (Oana Solomon) binnen 24 Stunden drei junge Frauen opfern muss, um ein weiteres Jahr leben zu können. Als erstes Opfer verführt er Janthe (Petra Radulovic), die Tochter des Kardinals Berkley ( Daniel Eggert).Janthes Vater Berkley versucht noch, seine Tochter zu retten, kann aber nur noch ihren Entführer Ruthwen im Handgemenge niederstechen.
Lord Byron (Benny Claessens) trägt in rosaseidenem Anzug (als Elton John-Adaption) ein ziemlich groteskes Gedicht und einen pointiert jetztzeitigen Song vor.

Der junge Edgar Aubry, dem Ruthwen einst das Leben rettete, kehrt in einem VW Käfer von der Reise zurück. Er weiss zwar, dass Ruthwen ein Vampir ist, hat jedoch geschworen, diesen Umstand geheim zu halten.
Aubrys Geliebte Malwina( Mercedes Arcuri) will ihrem Vater, dem Ölmagnaten Lord Davenaut (Shavleg Armasi) Edgar als ihren Verlobten vorstellen. Davenaut hat aber bereits den wohlhabenden Earl von Marsden als Ehemann für sie erwählt, den zu heiraten sich Malwina nun nachdrücklich weigert. Als Marsden inmitten einer grossen Schar von Geburtstagsgratulanten erscheint, erkennt Aubry in ihm den Vampir Lord Ruthwen. Da aber Malwina das nächste Opfer von Ruthwen werden könnte, muss er prüfen, wie er sein Schweigegelübde halten kann. Schöner mehrstimmiger Ensemblesatz mit Chorbegleitung. Davenaut lädt alle zum Hochzeitsfest ein.

Die Pause wird mit einer von leichter Hand gemixten Folge von Interviews mit den Hauptpersonen gefüllt. Darin gibt es auch eine Passage für den Dirigenten des Abends, Generalmusikdirektor Stephan Zilias, der einige Schwerpunkte der Musik Heinrich Marschners erläutert und dabei verwandte Züge sogar zu Gustav Mahler entdeckt.
Im zweiten Akt wird zunächst gezecht und gesungen - wieder eine gelungene Sequenz mit dem Chor (Einstudierung Lorenzo Da Rio). Dann treten anfangs wieder Ahasver (Jonas Grundner-Culemann) und Astarte ( Oana Solomon) als strippenziehende Geister aufeinander. Intelligente Texte für Freunde sarkastischer Interpretation. Auch Lord Byron gesellt sich wieder hinzu und steuert die gegenwartsnahen Boah-Eyh-Rap-Texte bei.
Emmy (Nikki Treurniet)(vielleicht der schönste Sopran des Abends) wartet auf ihren Bräutigam George (Philipp Kapeller), der dann rasend vor Eifersucht bemerkt, dass der Earl of Marsden Emmy einen Ring als Hochzeitsgeschenk übergibt. Dabei bleibt es nicht -Ruthwen nimmt sie gefangen. Nun sind die Hauptpositionen markiert, die Gegensätze abschliessend definiert. Noch einmal ein Auftritt der babylonischen Liebesgöttin Astarte.
Als eine Art Satyrspiel feiern die vier Trinker James Gadshill (Pawel Brozek), Richard Scrop (Peter o'Reilly), Robert Green (Darwin Prakash) und Toms Blunt ( Markus Suihkonen). Noch einmal kommt Lord Byron ausschweifend zu Wort. Sein heiseres Plädoyer ruft zur Revolution auf. Oder doch nicht ? Schüsse ertönen, und George kommt mit der Leiche von Emmy herein.

Hochzeitsfeier für Malwina. Earl von Marsden in Wartestellung. Edgar Aubry springt dazwischen und enthüllt das Geheimnis des vermeintlichen Earls. Doch nun schlägt die Uhr Eins, und Lord Ruthwens Lebensfrist ist überschritten. Alle feiern die Bestrafung des Vampyrs.

Regisseur Ersan Mondtag gelingt das Kunststück, die manchmal etwas starre Vorlage mit Ergänzungen auf legitime Weise so an die Gegenwart heranzuführen, dass die Szene immer fesselnd und nach aktuellem Verständnis unterhaltsam dargeboten wird, ohne dem überlieferten Material über Gebühr Gewalt anzutun. Dazu tragen auch die fantasievollen Kostüme von Josa Marx angemessen bei. Das Dirigat von Stephan Zilias wird der überlieferten, mit Sorgfalt freigelegten Marschner- Partitur mit Engagement gerecht. Marschners Musik hat einen wunderbar romantischen Touch, der irgendwo zwischen Weber und Lortzing angesiedelt ist. Insgesamt ein Abend mit einer reizvollen Entdeckung. Das Video ist noch einige Monate bei Opera Vision abrufbar.

Horst Rödiger
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