3 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Die Ahnenreihe des Stückes reicht weit zurück: der „Erfinder“ der Volpone-Figur, der englische Bühnenautor und Dichter Ben Jonson, war ein Zeitgenosse William Shakespeares und lebte von 1572 bis 1637. Eine Bearbeitung von Stefan Zweig wurde 1926 zu dessen größtem Bühnenerfolg. Im Berliner Schloßpark-Theater hatte jetzt eine wiederum freie Bearbeitung der Stefan Zweig-Vorlage von Thomas Schendel Premiere. Schendel führte auch Regie. Die Zeichnung der einzelnen Personen wie auch der szenische Stil orientieren sich konsequent an der italienischen Commedia dell’Arte. Die verbindende Musik, die sich geradezu ideal in den Ablauf des Stückes einfügt, stammt von Jacques Offenbach.

Volpone (Mario Ramos) ist ein venezianischer Kaufmann, der es sich in den Kopf gesetzt hat, seine im Kaufmannsleben erworbenen Schätze zu verwenden, um die unverhohlene Habgier einiger seiner Mitbürger zu entlarven. Dabei soll ihn sein Diener Mosca (Dieter Hallervorden) als raffinierter Strippenzieher  unterstützen, der die notwendigen Aktionen ersinnt und seinem Herrn die ausgesuchten Opfer in die Arme treibt. 

Das Stück hebt an, indem der Thespiskarren einer Schauspielertruppe auf die Bühne rollt und der spätere Mosca die Akteure vorstellt. Volpone hat zuerst Gelegenheit, verächtliche Äußerungen über die schlechten Eigenschaften venezianischer Prominenz vorzutragen, und Mosca, der ihm ewige Treue und Ergebenheit gelobt hat, unterbreitet erste Vorschläge, wie man die ausgesuchten Opfer vorführen könnte. Es klopft an der Tür, und schon nimmt der Tanz der Habgierigen seinen Anfang. 

Volpone liegt scheinbar sterbenskrank zu Bett, und Mosca verbreitet die Legende, jeder der Besucher könne gegen eine angemessene Gabe im fälligen Testament zum Alleinerben Volpones bestimmt werden. Moscas Raffinesse erreicht es, dass jeder Bewerber in dem Glauben ist, der einzige zu sein, dem diese Chance geboten wird, und demzufolge ein angemessenes Investment für den Schlüssel zu dieser Erbschaft zu halten. Der Notar Voltore (Oliver Nitsche) geht als erster auf den Leim. Der Pfandleiher Corbaccio (Thomas Schendel) zögert nicht, seinen Sohn zu enterben, um der Schatztruhe Volpones habhaft zu werden. Der Kaufmann Corvino (Karsten Kramer), eigentlich die Inkarnation der Eifersucht, zögert nicht, seine Frau Colomba (Anja Gräfenstein) dem Volpone zuzuführen, um mit Moscas Hilfe zum Alleinerben aufzusteigen. Die Kurtisane Canina (Franziska Troegner) wiegt sich in der Hoffnung, auf ihre alten Tage Volpone ehelichen zu können, um an sein Geld zu kommen. 

Corbaccios Sohn Capitano Leone (Jonathan Kutzner) erfährt von seiner Enterbung, und Mosca schleust ihn bei Volpone ein, damit er sich heimlich von dem dortigen Geschehen überzeugen kann. Corvino bringt seine Frau Colomba zu Volpone, und sie legt ihre Hand auf seine Stirn, was seine sofortige Gesundung zur Folge hat und alle Lebensgeister weckt. Der lauschende Leone wittert Verschwörung und versuchte Vergewaltigung. Nach einigem Hin und Her ziehen alle vor den Richter Tafano (Georg Tryphon), der anhand der Zeugenaussagen feststellt, dass niemand Colomba zu nahe getreten ist. 

Volpone will all den Erbschleichern einen Streich spielen und setzt Mosca als Alleinerben in das Testament, das dem Richter übergeben wird. Als sich die Täuschung offenbart, zweifeln zunächst alle die Gültigkeit des Testaments an, bis Mosca verspricht, alle Geprellten zu entschädigen, wenn sie die Gültigkeit des Testaments anerkennen. Mosca seinerseits stellt keine Ansprüche, sondern verschenkt das geerbte Kapital an die Armen.

Thomas Schendels Inszenierung läuft flott und ist ausgesprochen unterhaltsam. 
Hausherr Dieter Hallervorden ist nicht nur der (ungeachtet seines Alters) springlebendige und pfiffig-verschlagene Diener, der gelegentlich mit seinem Herrn hadert wie Leporello in Mozarts „Don Giovanni“. Er ist auch ein kundiger Maître de plaisir, der im rechten Moment immer mit einer Handvoll Konfetti einen bezaubernden Akzent liefert. Seine Schlußsequenz setzt im Geiste Charlie Chaplins das Negative außer Kraft und stellt ihm großzügige Menschlichkeit entgegen. 

Viel Beifall vom begeisterten Premierenpublikum. Man muss kein Prophet sein, um dieser Aufführung eine lange Laufzeit vorherzusagen. 


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Kritik zu: Heisenberg
2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Ein herrliches Stück Theater zum Nachdenken. Der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg tritt allerdings nicht als Person in Erscheinung. Die von ihm formulierte Unschärferelation dient lediglich sinnbildlich als Ausdruck für das Verhältnis zweier Menschen und den Zufall, der beide zusammenführt. Simon Stephens Schauspiel wurde 2015 in New York uraufgeführt. Die deutsche Version von Barbara Christ war  2016  im Düsseldorfer Schauspielhaus erstmals zu sehen. Regie bei der Berliner Präsentation hat Antoine Uitdehaag. Die Bühne von Momme Röhrbein wird von halbhohen übereinander getürmten weissen Blöcken beherrscht, die jeweils zum Szenenwechsel gegeneinander verdreht werden und so stets eine neue Position zueinander einnehmen. Auf den Bühnenhorizont werden als Intervallsignal gleichzeitig Videosequenzen von laufenden Menschengruppen projiziert. 

Georgie Burns (Susanna Simon) ist 42, Alex Priest (Walter Kreye) 75. In einem Londoner Bahnhof küsst sie ihn auf den Nacken mit dem Argument, sie habe ihn mit ihrem verstorbenen Mann verwechselt.  Lauter kleine Schwindeleien wie diese eine führen die beiden näher zusammen. Sie ist weder Killerin noch Kellnerin, sondern Sekretärin in einer Londoner Schule, und er ist Metzger, aber durchaus wohlhabend. Nun umkreisen die beiden einander bei wechselnden Anlässen und gewinnen so schrittweise Kontur, indem sie wie in einem Puzzle immer weitere erklärende Details über ihr Leben offenbaren. Georgie tut dies mit etwas mehr Temperament und verwandelt sich äusserlich durch wechselnde Frisuren und Kostüme, Alex wahrt die Form und leistet sich später lediglich mal eine Jeansjacke. Die Annäherung der beiden vollzieht sich in mehreren Stufen, die Vertrautheit nimmt zu, überschreitet aber nie ein gewisses Maß. Sex steht dabei keineswegs im Vordergrund, auch wenn er natürlich nicht zu kurz kommt. 

Schliesslich stellt sich heraus, dass Georgie doch nicht ganz ohne Plan vorgeht. Sie hat einen Sohn, der nach Amerika ausgewandert ist und dort geheiratet hat. Sie bekam von ihm einen Abschiedsbrief aus New Jersey. Nun erbittet sie von Alex eine Geldsumme, um nach USA fliegen und dort nach dem verschwundenen Sohn suchen zu können. Beide unternehmen diese Reise, finden den Gesuchten aber nicht. Stattdessen bleibt die Frage nach ihrer Beziehung offen. Mehr als die bisherige unverbindliche Annäherung kommt dabei aber nicht heraus. Das Stück endet, wie es begann: zufällig.

Mittelpunkt und Impulsgeberin ist die Figur der Georgie, und Susanna Simon gibt diesem Charakter mit seiner Mischung aus Leichtsinn und Berechnung eine absolut glaubwürdige Form. Walter Kreye  ist ihr ruhiger, toleranter und hilfsbereiter Sparringspartner, der nicht einmal dann aus der Haut fährt, wenn ihm klar wird, dass Georgie seine langjährigen Tagebuchaufzeichnungen durchstöbert hat. Beide lassen in bewunderungswürdiger Einigkeit die spezielle Atmosphäre dieser Beziehung entstehen, die aus Zufällen geboren ist und nie in festgeschriebene Verpflichtungen mündet. 

Viel Beifall vom aufmerksam lauschenden Publikum für das Schauspielerduo und die suggestive Inszenierung. 

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Es ist eine in jeder Hinsicht haarsträubende Geschichte, die hier in der Berliner Vagantenbühne von zwei Vollblut-Verwandlungskünstlern dargeboten wird. Lieferant der Fabel ist der amerikanische Schauspieler und Dramatiker Charles Ludlam, der von 1943 bis 1987 vor allem in New York lebte. Die deutsche Übersetzung stammt von Frank Günther. Regisseur der Aufführung ist Jan Bolender, die Ausstattung besorgte Marcel Teske. Das Bühnenbild besteht einfach aus einem quadratischen Drahtkäfig, dessen Boden mit einer Auswahl drolliger Kuscheltiere bedeckt ist. In die Rückwand eingehakt sind verschiedene Regalelemente, die gleichfalls mit ein paar Kuscheltieren bestückt sind. Ach ja, und in einem Fall mit einem Jugendbildnis der titelgebenden Irma Vep. 

Lord Edgar Hillcrest ist Ägyptologe und Besitzer des Guts Mandacrest. Nach dem Tode seiner geliebten Frau Irma Vep hat er die Schauspielerin Enid Hillcrest geehelicht. Dann gibt es auf dem Gut noch die Haushälterin Jane Twisden und den Stallknecht Nicodemus Underwood, die zunächst die Handlung beherrschen. Damit nicht genug: Anika Lehmann und Thomas Bartholomäus schlüpfen an diesem Abend in die Gewänder von jeweils vier verschiedenen Figuren, und sie tun das mit derart perfektem Timing, dass ihre Verwandlungen nahtlos aneinander anschließen.  

Aus der ersten Begegnung von Jane und Nicodemus entwickelt sich nun eine flott voranschreitende Story, die ziemlich genau dem schmalen Grat zwischen Satire und Klamotte folgt. Die etwas unheimliche Atmosphäre auf Gut Mandacrest verbreitet sich mit Augenzwinkern über die Szene, und die ersten Verwandlungen der beiden Schauspieler belegen schon ihr souveränes Können in der Typisierung der jeweiligen Figuren. Neben dem Ableben der Irma Vep gibt auch der Tod des kleinen Sohnes Rätsel auf. Verschwörungstheorien lösen einander ab, eine abstruser als die andere, und auch vom Wüten eines Werwolfs  sowie von blutsaugenden Vampiren ist die Rede. 

Als verschiedene Alternativen auf dem Gut durchgespielt sind und sowohl Anika Lehmann als Lord Edgar wie Thomas Bartholomäus mit Perücke als Lady Enid ihre Wandlungsfähigkeit demonstriert haben, bricht der ägyptologische Lord zu einer Expedition ins Land der Pharaonen auf, was der Handlung einen originellen Schub verleiht. Daran knüpft sich wieder eine ganze Serie von skurrilen Situationen und überraschenden Wendungen. Schließlich manifestiert sich sogar der Geist der verblichenen Irma Vep, und in einer turbulenten Szenenfolge gelingt den beiden Akteuren ein fabelhafter Sprint in Zeitlupe.

Das verträumte Ende der Gruselkomödie soll hier nicht verraten werden. Das Publikum ist  jedenfalls mit der Aufführung  hochzufrieden und spendet animierten  Jubel in allen heutzutage üblichen Tonlagen und Lautstärken. 

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3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
5 243+
4 632+
3 563+
2 323+
1 156+
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