Kritik zu: Charlys Tante
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Diese Tante hat es in sich, und man merkt ihr kaum die Jahre an, die sie mittlerweile angesammelt hat. Ihr eigentlicher Vater war der britische Autor Brandon Thomas, der die Farce "Charleys Aunt" im Jahre 1892 herausbrachte. Nach reichlichen Bühnenerfolgen sammelte die verkleidete Dame im Film vielfache Meriten: Heinz Rühmann schlüpfte 1956 in die Gewänder der Tante, und Peter Alexander tat es ihm 1963 gleich. Nicht immer war die Kritik begeistert: der Kostümkomödie haftete damals ein Hauch von Verruchtheit an in Zeiten, da der Begriff "Travestie" noch ein Fremdwort war, und bürgerliches Naserümpfen folgte bisweilen als typische Reaktion.  Heute kann man im Gegenteil  von der "Tante" als von einem Klassiker dieses Genres sprechen.

Im Berliner Schloßpark Theater hat "Charlys Tante" jetzt ihre ungebrochene Vitalität unter Beweis gestellt. Allerdings hat man ihr auch eine Verjüngungskur spendiert, die ihr glänzend bekommen ist. Vom Regisseur René Heinersdorff stammt die Bearbeitung, die ein paar beherzte Ergänzungen aus der Jetztzeit hinzufügt und damit der flott vorgetragenen Story zusätzlichen Drive verleiht.

Ort der Handlung ist nunmehr das Gewächshaus eines Zoos, aus dem kontinuierlich ein exotischer Soundmix von Urwaldlauten zu vernehmen ist. Hier ist Babbs (Markus Majowski) der unumstrittene Chef, der für eine gute Zigarre auch mal die beiden Studenten Jack Chesney (Johannes Hallervorden) und Charly Wykeham (Daniel Wobetzky) zum ungestörten Nachdenken hereinläßt. Die beiden Freunde haben ein gemeinsames Ziel: das erträumte Jawort der von ihnen umworbenen türkischen Mädchen Aishe (Kim Zarah Langner) und Sema Spittigül (Alice Zikeli) zu bekommen. Deren Vater, der Import/Export-Kaufmann Spittigül (Aykut Kayacik als herrlich pointierte türkische Knallcharge) hütet die beiden Mädchen allerdings wie seinen Augapfel. So kommen die zwei Studenten auf die Idee, den Vater und seine Töchter zu einem improvisierten Brunch ins Gewächshaus einzuladen, wo sich auch Donna Lucia, Charlys Tante aus Brasilien, einfinden soll, die ihren Besuch angekündigt hat. 

Leider verzögert sich die Ankunft der brasilianischen Tante, und auf der verzweifelten Suche nach einem Ersatz-Anstandswauwau verfallen die beiden Studiosi darauf, den hilfsbereiten Babbs als Pseudo-Brasilianerin auszustaffieren. Gesagt-getan, und Markus Majowski liefert präzise und zum größten Publikumsvergnügen die Rolle des weiblichen Katalysators ab, der die Erwartungen sowohl von Vater Spittigül wie vom zusätzlich aufgetauchten Colonel Francis Chesney (Oliver Nitsche), dem Vater von Jack, zur Gänze erfüllt, nicht ohne daß es zu mannigfachen Komplikationen kommt. 

Als Jack und Charly schliesslich die Zustimmung von Aishe und Sema bekommen, entlädt sich ihre Begeisterung in einem hinreissend geschmeidig getanzten Song nach türkischer Manier, der dann als wirkungsvolle Pausenklammer auch noch die beiden Teile des Stückes verbindet. 

Um die Verwirrung komplett zu machen, taucht schliesslich doch noch  Charlys echte Tante Lucia d'Alvadorez (Claudia Neidig) auf,  und aus dem Zusammentreffen der echten und der falschen Dame wie auch der Adoptivtochter von Tante Lucia, Ella Delahay (Katharina Hadem) mit dem inzwischen  wieder zum Manne rückverwandelten Babbs ergibt sich ein ganzes Feuerwerk von Überraschungseffekten, die schließlich in den Schlußchor mit dem beflügelnden Text "Das Leben ist schön! " münden. 

Das animierte Premierenpublikum honoriert die sorgfältig einstudierte Applaus-Sequenz samt Überreichung der obligaten Blumensträuße fürs gesamte Ensemble mit langanhaltendem Beifall, der sich besonders für die komödiantischen Leistungen der beiden Junioren Johannes Hallervorden und Daniel Wobetzky sowie natürlich für Markus Majowski, für den Bilderbuchtürken Aykut  Kayacik und den Colonel Oliver Nitsche zu Spitzenwerten steigert. Ohne viel Prophetie kann man dieser Aufführung eine große Zahl von gut besuchten Wiederholungen voraussagen. 

Horst Rödiger
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Kritik zu: Nein zum Geld
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Diese Komödie von der französischen Erfolgsautorin Flavia Coste ist mit glänzender Resonanz in Paris gelaufen. Bei der Premiere der deutschsprachigen Erstaufführung im Berliner Renaissance-Theater erweist  sich das Stück als gutes Beispiel dafür, wie sich aus einer szenisch-dramaturgisch eher knapp dimensionierten Idee mit Geschick für intelligente Facetten und treffende Dialoge eine unterhaltsame Bühnenhandlung mit ein paar philosophischen Nutzanwendungen konstruieren läßt. 

Richard Carré (Hans-Werner Meyer) ist ein bislang recht erfolgloser Architekt. Seine Frau Claire (Sarah Bauerett) steuert mit ihrem Gehalt  als Lehrerin den Löwenanteil zum ehelichen Haushaltsbudget bei. Richards Mutter Rose Carré (Erika Skrotzki), deren Mann schon vor Jahren gestorben ist, knabbert sich seither durchs Leben und probiert eine Partnervermittlung nach der anderen aus. Richards Freund Etienne Rougery (Michael Rotschopf) versucht mit heroischem Einsatz, den finanziellen und psychologischen Schaden auszubügeln, den die immer wieder erfolglosen architektonischen  Entwürfe Richards verursachen. 

Ausgerechnet mit dem Hochzeitsdatum seiner Mutter reüssiert Richard nun bei einer Lottogesellschaft und kommt zu einem Gewinn von mehreren Millionen Euro. Darauf reagiert er aber nicht mit schrankenloser Euphorie, sondern mit schroffer Ablehnung und dem Argument, er habe ja schon alles, was ein Mensch zum Glücklichsein braucht. Den Lottoschein hängt er ungenutzt zu vielen anderen Zettelchen an die Kühlschranktür, damit ihn niemand findet. 

Als er den drei anderen seinen Lottogewinn samt dessen Verweigerung beichtet, ist deren Reaktion allerdings ganz anders als von ihm erwartet. Seine Frau Claire hätte liebend gern eine kräftige Geldspritze zum knappen Haushaltsbudget, sein Freund träumt von der Rettung des ewig defizitären Architekturbüros, und die mit herrlich trocken-sarkastischen Kommentaren glänzende Mutter könnte sich gleichfalls eine großzügige Bereicherung ihrer Rentenkasse sehr gut vorstellen. 

Als sich herausstellt, dass die Einreichungsfrist des Lottoscheins noch nicht abgelaufen ist, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, und die drei Gewinnsüchtigen versuchen, Richard den Lottoschein abzuluchsen. Der verschluckt ihn in seiner Verzweiflung und geht bei einer Auseinandersetzung zu Boden. Sein Freund angelt nun aus dem Mund des Bewußtlosen den zusammengeknüllten Lottoschein, und alle drei stürmen zum etwas flauen Schluß aus der Wohnung, um den Lottogewinn doch noch fristgerecht einzuheimsen. Um das quäkende Baby kümmert sich auf einmal niemand mehr.

Im Bühnenbild von Manfred Gruber choreographiert Regisseurin Tina Engel den Tanz ums goldene Kalb mit leichter Hand und sicherem Sinn für Akzente und Pointen. Den Schauspielern läßt sie hinreichenden Raum für die Ausschöpfung ihrer Rollenprofile. So wird aus der Aufführung eine unterhaltsame Szenenfolge, in der jede Menge Nachdenkliches zum Thema Geld und seinem unterschiedlichen Wert in Relation zu verschiedenen  Lebensläufen versteckt ist. Lebhafter Applaus vom Premierenpublikum belohnt die Darsteller und das Regieteam.

Horst Rödiger
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Kritik zu: Der Zwerg
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Am Beginn dieser Opernhandlung steht ein Kunstmärchen vom englischen Autor Oscar Wilde unter dem Titel "Der Geburtstag der Infantin", 1891 in der Sammlung "Ein Granatapfelhaus" veröffentlicht. Oscar Wilde schildert in seiner überaus fantasievollen, an Gedanken und Farben reichen Sprache den Ablauf des Geburtstages der spanischen Infantin, die an diesem Tage mit gleichaltrigen Gefährten in spielerischer Oberflächlichkeit die verschiedensten Zerstreuungen erlebt. Eine davon liefert ein Zwerg, “eine Mißgeburt”, der für die Infantin tanzt und von ihr zum Dank eine weiße Rose erhält, die er als Zeichen ihrer Liebe deutet. Am Nachmittag soll der Zwerg erneut für die Infantin tanzen und gerät auf dem Weg durch den Palast vor einen Spiegel, in dem er zum ersten Mal die eigene Häßlichkeit grausam deutlich wahrnimmt. Als er erneut vor der Infantin steht, bricht ihm das Herz, und alle Träume vergehen, die er sich von einer gemeinsamen Zukunft gemacht hatte.

Das Libretto des Einakters nach diesem Märchen verfasste Georg C. Klaren. Der klein gewachsene Alexander von Zemlinsky verstand die Handlung als Chiffre für seine unerfüllte Neigung zu Alma Schindler, der späteren Alma Mahler/Gropius/Werfel. Die Uraufführung der Oper 1922 in Köln dirigierte Otto Klemperer. 

Aus der idyllischen Atmosphäre des Märchens hebt die Neuinszenierung von Tobias Kratzer die Handlung auf die Ebene der psychologischen Deutung einer Bewußtseinsspaltung, deren Auflösung tödlich endet. Mit beherztem Zugriff teilt er die Figur des Zwergs in zwei Personen, einen kleinwüchsigen Darsteller ( Mick Morris Mehnert) und den Träger der Gesangspartie des Zwergs (David Butt Philipp). Auf diese Weise wird die Vorführung von dessen Empfindungsskala sehr viel einleuchtender vermittelbar, und die szenische Präsenz des kleinwüchsigen Darstellers sorgt permanent dafür, dass die Dramatik des  Zuneigungskonflikts in jeder Minute augenfällig wird. 

Die etwas hochmütige, aber streckenweise auch hilfreiche Infantin Donna Clara verkörpert mit schönem, weit ausschwingenden Sopran Elena Tsallagova. Ihre mitfühlende Zofe Ghita singt Emily Magee mit kraftvollem Ausdruck. Ihr bleibt auch das versöhnliche Schlußwort, das die Häßlichkeit des Zwergs neutralisiert: " Gott hat ein armes Herz zerbrochen. Es war schön". 

Den Haushofmeister Don Esteban gestaltet, etwas farblos, Philipp Jekal. Der eigentliche Gewinner des Abends, der seinen Part mit Intensität und strahlender Stimmkraft vorträgt, ist David Butt Philipp. Sein Zusammenspiel mit dem Zwergendarsteller gelingt nahezu bruchlos, und wenn sich Donna Clara bald dem einen, bald dem anderen zuwendet, nimmt die dramaturgische Logik keinen Schaden. Der Augenblick der Wahrheit, wenn der Zwerg vor den Spiegel tritt und erstmals das Auseinanderklaffen von Eigen- und Fremdbild bemerkt, wird hier bewegende Realität. 

Die musikalische Qualität der Aufführung ist hoch zu loben. Als Prolog wird zur Musik von Arnold Schönbergs "Begleitungsmusik  zu einer Lichtspielscene" von 1930 eine Pantomime aufgeführt, die das Spannungsverhältnis zwischen Alma Schindler (Adelle Eslinger) und dem Komponisten Alexander von Zemlinsky (Evgeny Nikiforow) illustriert. Dann öffnet sich der Vorhang vor einem Bühnenbild von Rainer Sellmaier, das ein Orchesterpodium mit zunächst unbesetzten Notenpulten vor Augen führt, über dem ein monumentaler Orgelprospekt thront. 

Sehr zu loben ist auch der von Jeremy Bines sorgsam und sehr harmonisch klingend einstudierte Damenchor des Opernhauses. 

Die größte Leistung für die authentische Wiedergabe von Zemlinskys noch eben tonaler Partitur erbringt Donald Runnicles am Pult des bestens disponierten Orchesters der Deutschen Oper. Was hier an süssen, einschmeichelnden Passagen zu hören ist, gelegentlich an Orientalisches oder Spanisches gemahnend, hat eine geschlossene, fesselnde Faszination, die dem dargestellten Beziehungskonflikt den angemessenen Rahmen gibt. 

Das gespannt und aufmerksam lauschende Premierenpublikum spendet dem gesamten Ensemble reichen, anerkennenden Applaus, garniert mit Bravorufen. Wann erlebt man schon einmal, dass sich die Bravorufe verstärken, wenn das Regieteam die Bühne betritt ?
Hier, vermerkt der Chronist, war es der Fall. 

Horst Rödiger
http://roedigeronline.de

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3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
5 644+
4 1453+
3 1283+
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