Kritik zu: Der Biberpelz
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''Bei Hauptmann spielt das Stück "Irgendwo um Berlin". Petras siedelt seine "Biberpelz"-Version in einem zeitlosen Zwischenreich zwischen Vergangenheit und Gegenwart an, einer düsteren, zerstörten Landschaft: abgesägte Bäume, muffige Hütten, die Drehbühne beschwört unheimliche Gegenden herauf, in denen Menschen gegen die Armut kämpfen und sich vor lauter Elend und Selbstekel radikalisieren. Manchmal fährt eine Kamera durch den Spreewald, werden die Spielszenen der Bühne mit Filmschnipseln der Cottbuser Umgebung überblendet, alles gleitet ineinander in einer aus den Fugen geratenen Welt, in der Querdenker, Spaziergänger, Reichsbürger sich breit machen, Gewalt verbreiten und sich mit Mutter Wolffen gegen alles Fremde und Moderne vereinen. Das schmerzt beim Zuschauen und ist beileibe nicht komisch.

Wenn der letzte Ton von Mutter Wolffens verlogener Wehklage verklungen ist, muss das Publikum sich erstmal sammeln. Dann: befreite Begeisterung und heftiger Applaus. Es ist eine beklemmende, wegweisende Inszenierung. Petras ermuntert die Schauspieler:innen, mutig und unbequem zu sein und erprobte Spielweisen aufzugeben, sich nicht mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen zufrieden zu geben. Aus der "Diebskomödie" macht er eine böse Sozialstudie und bittere Gesellschaftssatire, die sämtliche Theaterregister zieht und der Fantasie die Fenster weit öffnet. So darf es in Cottbus gern weitergehen.'' schreibt Frank Dietschreit auf rbbKultur
Kritik zu: HADER ON ICE
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''Einige Witze sind trotzdem exzellent. Wenn man den Mundgeruch Adolf Hitlers großflächig an der Ostfront eingesetzt hätte, so Hader, wäre die Geschichte möglicherweise anders ausgegangen. Vor silbrig angeschimmeltem Wolkenstor dreht er sich derweil auf rotem Barhocker um sich selbst. Im Saal hat er Flaschen versteckt, die aber alle schon ausgetrunken sind. ("Was Sie mehr trinken, kann ich weniger lustig sein", sagt er.) Nach der Pause, in der Rolle eines alternden Playboys, trägt er Zuhälterbrille und räsonniert darüber, dass moderne Sklaverei in Mitteleuropa die Flüchtlingskrise sofort beenden könnte. Es kämen weniger. Und wenn doch, dann die richtigen.

Das Publikum ist nur teilweise mitgealtert. Zwar sah ich lange nicht so viele graue Hippiefrisuren, gelockte Haarkränze und karierte Westen, unter denen die Wampe spannt (ich rechne mich dazu). Er selbst werde demnächst auf dem Skateboard und mit Hoodie zur Darmspiegelung rollern, sagt Hader. Die Mehrheit aber ist ziemlich jung. Man erfreut sich am Zynismus des Alters. Im Rahmenprogramm, drumrum, werden die zehn besten Hader-Filme gezeigt (u.a. "Indien", "Der Knochenmann", "Wilde Maus").'' schreibt Kai Luehrs-Kaiser auf rbbKultur
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''Viele verpasste Chancen sind also zu sehen an diesem langen, zweieinhalbstündigen Abend. Frank Abt, der oft so intime, berührende Inszenierungen mit Laien zustande bringt, enttäuscht diesmal. Über die Jugendlichen erfährt das Publikum so gut wie nichts, alles ist angelesenes Material – dabei wäre es so aufschlussreich gewesen, mehr aus ihrer individuellen Sicht zu hören. Doch selbst, wenn das hier und da in Ansätzen passiert, fehlt der Gegenpart, der widerspricht. Es gibt keinen Konflikt auf der Bühne, sondern Belehrung. Was selbstredend nicht den Jugendlichen anzulasten ist, sondern dem Regieteam. Natürlich: Wenn ein Team lediglich Schauspieler:innen und Jugendliche sucht, die sich für den Klimawandel interessieren, entsteht eine homogene Gruppe.

Selbst damit hätte man arbeiten können, hätte man intensiv erforscht, warum Menschen sich so schwer tun, ihr Verhalten zu ändern. Oder hätte man auf den Furor der jungen Leute gesetzt. Die wütendste Passage, die zu zivilem Ungehorsam aufruft, nämlich dazu, SUV-Fahrern die Luft aus den Reifen zu lassen und ihnen dann einen Erklärungsbrief an die Scheibe zu hängen, kommt aber ausgerechnet vom ältesten Schauspieler auf der Bühne, Joachim Berger. Und ausgerechnet in dieser Szene halten zwei Mädchen seltsamerweise Pappschilder hoch auf denen die Greta-Worte "bla bla" stehen. Dabei geht Berger doch tatsächlich, das sehen wir, von der Bühne auf die Straße. Zum Widerstand. Wer weiß, vielleicht ist das ja sogar eine Ansage.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur