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''Das Spiel der recht unterschiedlichen Geschwister ist hier Ausgangspunkt für eine Reise in die Fantasie und weiteren Lebensalter der beiden. Charlotte ist sehr selbstbewusst und kommt mit dem Verlust der Eltern besser klar als ihr Bruder, der Angst vor der Einsamkeit hat und dem jedwedes Gefühl des Körpers abhanden gekommen ist. Sie steigen ein in die Welt der Erwachsenen, üben Umarmungen und das Küssen, ohne die Ebene des kindlichen Spiels zu verlassen. Das ist mitunter sehr lustig und bekommt mit dem plötzlichen Auftauchen eines Tauchers in voller Montur (Sebastian Blomberg) einen starken Hang zum Slapstick, was auch eines der Markenzeichen von Lensings Regiestil ist.

Jener Taucher wird noch eine weitere Rolle im Stück spielen, wenn die anderen in einer Art Lichtbildervortrag Clowns- und Kugelfisch sowie einen Octopus mit acht Armen und neun Gehirnen performen. In einem Zwiegespräch zwischen dem Taucher und dem von Ursina Lardi gespielten gelenkigen Weichtier erfährt das Publikum einiges an metaphorischen Lebensweisheiten. Wie auch das ganze Stück immer wieder philosophisch angehaucht die Themen Geburt, Leben, Sexualität und Tod behandelt. Bis zur Pause des dreieinhalbstündigen Abends spielen Lardi, Blomberg und Striesow noch ein gestresstes Elternpaar samt schreiendem Baby. Dazu gesellt sich André Jung als Orang Uthan, und Sebastian Blomberg stellt eine über die Bühne wackelnde Schildkröte mit Wannenpanzer dar.'' schreibt Stefan Bock am 8. August 2022 auf KULTURA-EXTRA
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''Dirigent Cornelius Meister, der den Ring erst kurzfristig von dem an Covid schwer erkrankten Pietari Inkinen übernahm, musste dann auch (ähnlich wie Theorin, aber nicht ganz so schlimm) paar Buhs einstecken, was ich allerdings nicht nachvollziehen konnte. Und obgleich ja prinzipiell die Übertragungs- resp. Aufnahmetöne mit der Originalakustik im Festspielhaus so gut wie nichts zu tun haben; alles klingt nämlich (sobald es live vor Ort erlebt würde) viel "gedeckelter", d.h. dass das Orchester immer leiser als die Sängerinnen oder Sänger klingt. Vielleicht entzündeten sich dahingehend die Gemüter; keine Ahnung, was für sie die Ursache ihrer Erregung war.

Die Inszenierung an sich fand ich gar nicht mal so übel, alles schien mir klipp und klar durchdacht, obgleich der Regisseur womöglich etwas weiter oder tiefer dachte, als das Wagnerianerinnen- sowie Wagnerianerpublikum gelegentlich dann mitzudenken freiwillig bereit gewesen wäre - und es drehte mir dann schon das Herz im Leibe herum das sichtlich geschockte und infolge traurige Gesicht Valentin Schwarz', welcher von der "Gemeinde" aufs Brutalste niedergebuht wurde, aus der gefilmten Nähe betrachtet haben zu müssen; o mein Gott... aber er hatte dieses Schlussvorhang-Momentum lebend überstanden, denke ich.'' schreibt Andre Sokolowski am 6. August 2022 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Reigen
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''Nettes Geplauder beim Hochzeitstagsessen oder eine nicht ganz einfache lesbische Liebesbeziehung komplettieren den Reigen der Belanglosigkeiten. Nur der russische Autor Mikhail Durnenkov hat seine Episode nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine komplett neugeschrieben. Ein erwachsener Sohn aus Moskau telefoniert via Skype mit seiner Mutter in Tomsk. Die Szene wird als Video auf eine Lamellenjalousie projiziert. Erst macht die Mutter ihrem Sohn Vorwürfe wegen des schwulen Freunds und Paten seines Kindes, dann versucht sie seinen Unmut wegen des Kriegs zu zerstreuen, der für sie nur ein „militärische Spezialoperation“ ist. Der Sohn will mit seiner Familie Russland verlassen. Da bleibt viel unausgesprochen. Ein Beitrag, der ein eigenes Stück wert wäre.

Am Ende taucht die Glock vom Anfang wieder auf. Hier erfährt man, womit der Graf und Kunstmäzen aus der Szene zuvor sein Geld verdient. Er sucht neben Prostituierten nach seltenen Metallen auf fremden Kontinenten. Da tritt die Wirklichkeit in die Betriebsseligeit der Salzburger Festspiele. Es waren der Schweizer Autor Lukas Bärfuss und die Regisseurin Yana Ross, die das problematische Sponsoring der Festspiele offen kritisierten. Man hat sich in Salzburg auf den Druck hin von der Firma Solway als Sponsor getrennt. Das Schweizer Bergbauunternehmen zerstört in Guatemala nicht nur die Natur, sondern auch die Gesundheit der Arbeiter und Bevölkerung. Mit dem neu vorgelegten Regen wird dem Publikum aber nun weder politischer Aktionismus, noch Schnitzler, mit oder ohne Sex, oder zumindest ausreichend befriedigende Kunst geboten.'' schreibt Stefan Bock am 7. August 2022 auf KULTURA-EXTRA