Kritik zu: Don Juan
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''Von alldem ist der Inszenierung herzlich wenig anzusehen. Sie verliert sich vor der Pause der mit 4:15 Stunden ungewöhnlich kurzen Aufführung zunehmend in einem düsteren Gelage von dekadenten, mit Pestbeulen befallenen Adligen (aus Puschkins Gelage während der Pest), die sich in Selbstmitleid und Langeweile suhlen. Die Sehnsucht nach Lust und Abenteuern wird mit Völlerei bekämpft, als Zeitvertreib bis zum nahen Tod. Bibiana Beglau bringt dazu den passenden Fremdtext von Blaise Pascal über die Sucht nach Zerstreuung. Ein wenig Schweinkram gibt’s von Georges Bataille oben drauf. All das erinnert auch an die als Memento Mori angelegte Moliére-Trilogie an der Volksbühne. 

So dreht sich das Bühnen-Karussell gewohnt routiniert, dürfen sich die Männer, respektive beide Don Juans, nackt dem Publikum präsentieren und ihr bestes Teil schwingen, wobei der Soundtrack (mit viel David Lynch) von Rock über Blues bis coolen Jazz changiert. Als Buffo-Teil spielen Marcel Heuperman als Pierrot und Nora Buzalka als Charlotte das berlinernde Bauernpaar im Ziegenstall mit echten Tieren und viel Theaterkotze und -scheiße, in der sich ausgiebig lüstern gesuhlt wird. Anschließend geht's zum flotten Dreier in den großen hölzernen Badezuber. Heupermann gibt nicht nur den hitzig eifersüchtigen Bauerntrottel, dem von Don Juan die Verlobte ausgespannt wird, sondern nach der Pause auch noch dessen Diener Sganarelle, der ihn auf der Flucht vor der Rache der Brüder Donna Elviras bis nach Madrid begleitet. Ein Sündenbabel, das sich als Treff vor einer 24-Stunden-Open-Bar entpuppt. Hier lungern übernächtigte Liebeshungrige, die sich in Zynismus ergehen und einem gläubigen Bettler bei einer Pest-Prozession einen Louisdor für das Fluchen auf Gott anbieten. (...)

Auf der Videoleinwand überschneiden sich die Bilder aus dem Inneren des Bühnenbaus mit Szenen des jugendlicher Marcello Mastroianni aus Fellinis Film La dolce vita. In Fellinis Stadt der Frauen hat man Henry Hübchen einst als dessen Alter Ego an der Volksbühne gesehen. Eine schwache Reminiszenz an alte Tage. Davon ist diese zuweilen doch etwas zähe Inszenierung jedoch weit entfernt. Wo sind die guten alten Zeiten hin, oder sind sie nun gottlob endgültig passé? Den Don Juan holt hier am Ende der Geist des alten Komturs in der Gestalt von Jürgen Stössinger im silbern glitzernden Leichenhemd. Zurück bleibt die schlechte Don-Juan-Kopie Sganarelle, und Jay Jay Johanson singt soft vom Band: „So tell the Girls that I am back in Town“. Ein selbstironischer Abgesang, der hoffentlich noch nicht das Ende des Regisseurs Frank Castorf bedeutet.'' schreibt Stefan Bock am 15. Juli 2018 auf KULTURA-EXTRA
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''Wie zum Hohn singt da eine der Darstellerinnen Elvis Presleys "Can't help falling in love" oder die mehrstimmig im Kanon vorgetragene Bach-Kantate "Nur jedem das Seine / Muß Obrigkeit haben". Das sind die wenigen nachdenklichen Ruhemomente dieser aufreibenden Inszenierung, in deren Zentrum noch die Figur des Twitter-Gods Donald Trump steht, dem momentanen Inbegriff des Chauvinisten, den Schauspielerin Anne Ratte-Polle mit nacktem Oberkörper und Blond-Perücke karikiert. „Command Control Communication Intelligent“, „Donald's free speach“ als Social-Media-Krake in einer frivolen Tanzperformance mit anschließendem Ringkampf. 

An die Rückwand projizierte Zwischenüberschriften teilen den Abend in bestimmte Abschnitte. Auch um die Revolution geht es da, wobei sich hier der Chor nicht ganz sicher ist. „Ich bin eine...“ bzw. „...keine Rebellin“ skandiert das Ensemble in einem wechselnden Ja-Nein-Choral. Wütend skandieren sie: „Wir kotzen in den Gender-Gap!“, immer bereit für Vater- und Mutterland. „Wir, die Frauen sind Fremde, deshalb dürfen wir nicht sein, jedenfalls nicht bei uns.“ wird zum großen Anklagechor des Abends, an dessen Ende die Verabschiedung des weißen Mannes steht. Ein Abend der einen in seiner Direktheit und Intensität aufwühlt, in den Bann schlägt und lange nicht wieder loslässt.'' schreibt Stefan Bock am 13. Juli 2018 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Oberst Chabert
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''Der Amerikaner Mark Morouse gestaltet den Chabert mit dramatisch-wuchtigem und kantigem Bariton. Er bewegt sich inmitten der Trümmer in abgerissen-verwahrloster Kleidung gestenreich und effektvoll auf Krücken. Seinen Counterpart und seine geliebte Gattin Rosina mimt die Sopranistin Yannick-Muriel Noah eindringlich und ausdrucksstark. Auch die übrigen Darsteller überzeugen mit Präsenz und Intensität. Beim bewegenden Quintett am Ende des zweiten Aktes lässt insbesondere der amerikanische Bassbariton Stephen Bronk in der Rolle von Chaberts getreuem ehemaligen Korporal Godeschal mit rhythmischen Nuancen und Schattierungen im Gesang aufhorchen. Auch das groß besetzte Beethoven Orchester Bonn meistert die zahlreichen Soli, wechselnden Tempi und die mal dynamische und mal schimmernd harmonische, stets anspruchsvolle Partitur mit Verve. 

Der Leidenstrip des pausenlosen, etwa 100minütigen Werkes hat trotz allem leider kleine Längen und Schwächen. So ist es etwa ein recht abgegriffener Effekt, das Publikum durch mehrere Scheinwerfer wiederholt zu blenden, um so vielleicht die gleißende Ohnmacht der Hauptfiguren zu symbolisieren. Auch die Beiläufigkeit der selbstlosen Suizide gegen Ende erscheint nicht mehr zeitgemäß und hat einen faden Beigeschmack. Insbesondere Waltershausens Frauenbild wirkt hier für unsere heutige Zeit doch recht antiquiert, wenn Rosina plötzlich doch ihrem totgeglaubten und ungeliebten Ehemann selbstlos und ohne großes Hadern in den Tod folgt und ihre beiden kleinen Töchter so mutterlos alleine dem Diesseits hinterlässt.'' schreibt Ansgar Skoda am 11. Juli 2018 auf KULTURA-EXTRA

AUF DER BÜHNE

Auf der Bühne

 

3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
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4 1000+
3 888+
2 511+
1 248+
Kritiken: 1246
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