0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
''Entgegen einem (in der Sparte Schauspiel) immer mehr sich breit machenden Trend, die Hamlet-Titelfigur durch "sichtlich" gebrochene, zartgliedrige, mitunter androgyne AkteurInnen spielen zu lassen, hatte anno dazumal der Komponist Thomas beschlossen, seinen Protagonisten als maskuline Wuchtbrumme zu besetzen. Der französische Heldenbariton Florian Sempey erfüllt dieses gewünschte und bestimmte Ideal auf das Vortrefflichste; ja und so staunen wir nicht schlecht, mit welchem expressiven Impetus ein Mensch (ein Jünglingsmann) den Wahnsinnsgrad, mit dem man ihm - so von der Handlung her, die freilich etwas von dem Shakespeare'schen Original abweicht - stigmatisiert, beinahe ad absurdum führt. Immer und immer mehr wird deutlich, dass der Typ wohl alle, aber wirklich alle (Handlungs-)Fäden in der Hand behält und sich die Butter nicht vom Brot stibitzen lässt... Ganz anders wird und muss in dieser Oper Hamlets von ihm ungeliebte und zum Schluss dann wieder doch von ihm geliebte Braut in spe die echte und unmissverständlicher denn je artikulierbare Irssinnsentwicklung durchzustehen haben. Mit Diana Damrau (als Ophélie) konnte dieser Cast nicht toppbarer besetzt sein; ihre halbstündige Wahnsinnsarie aus dem Vierten Akt - mit wirrwitzigen Anleihen aus einer orientalisch anmutenden Klangwelt - gestaltete sich selbstverständlich zum zentralisierten Highlight dieser konzertanten Aufführung, die uns ein Werk, das in Berlin vielleicht noch nie zuvor erklungen war, sehr nahe brachte.'' schreibt Andre Sokolowski am 25. Juni 2019 auf KULTURA-EXTRA
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
''Dass man, um die Welt neu denken zu können, dieser erstmal abhandenkommen müsste, war wohl die schöne Quintessenz von Schorsch Kameruns Abend. Selbst beigesteuert hatte er dazu nette Elektropopklänge und Texte wie: "Was passt am besten um Menschen herum? Alles ganz grade, oder extra möglichst krumm?" Das war hier nicht nur eine Formfrage, sondern fast schon ein wenig philosophisch gedacht. Aber worin besteht nun der Unterschied, ob heutige Künstler oder die Politik einer in die Jahre gekommenen Institution gedenken, die sich, zu Beginn der Weimarer Republik in eben jenem Weimar gegründet, aufmachte Kunst und Form zu revolutionieren? Kamerun wollte nun nicht mal die damalige Idee dahinter retten, nach der ein Ding seine Funktion praktisch erfüllen sowie haltbar, billig und schön sein muss. Es soll nach Gropius seinem Zweck vollendet dienen. Einen Einblick in diese Philosophie der Form- und Stoffwahl gab die Schauspielerin Paula Kober anhand einer einfachen Kaffeetasse. Die "Arroganz der Form", die "Dummheit der Stoffwahl" sei alles nur "pures Blendwerk", wie es bei ihr hieß. Während man das hörte, sah man Schauspielstudierende und P14-Mitglieder in Fantasiekostümen mit Plastikzitronenbäumchen durchs Foyer prozessieren. (...)

Das war so grundsympathisch wie wirkungslos. Auch wenn am Ende auf der großen Bühne noch mal die Politiker mit ihren holen Phrasen bloß gestellt wurden, wenn Kamerun aus einer Debatte zur Vorbereitung des Jubiläums und der Beteiligung der Bundespolitik daran zitierte. Zuvor hatte er schon „den neuesten Gedanken droht Vorabendserie" geunkt. Statt um Innovation und Kreativität ging es um "Aktien und Effekte". Und Nanotechnologie sei Dank bekäme die Industrie durch implantierte Chips bald den direkten Zugriff auf unsere Konten, wusste der Innovationsmotivator Paul Herweg. Die Welt neu denken, im positiven Sinne, ist dann wohl doch nicht ganz so einfach.'' schreibt Stefan Bock am 23. Juni 2019 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Hamlet
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
''Wie weit Sandra Hüller in der Rolle des Hamlet geht, zeigt sich, wenn das Publikum nach anderthalb Stunden den Raum verlässt, um sich etwa Pausengetränken und –imbiss zu widmen und damit den mit sich ringenden Hamlet alleine auf der Bühne zurücklässt. Nach und nach ließen zuvor der ganze Hofstaat von Dänemark Hamlet alleine. Der Onkel und Königsmörder Gunter (Stefan Hunstein) tat so, als sei Hamlet verrückt und völlig irre. Polonius glaubte, Hamlet sei in seine Tochter verliebt. Das Publikum wendet sich von Hamlet ab, weil es das Stück als Schauspiel sieht und in die Pause möchte. 

Hamlet, der die schreckliche Tat seines Onkels erkannt hat und mit diesem Geheimnis lebt, versucht damit durchzudringen zu den Menschen in seiner Umgebung; zunächst indem er sein Wissen Ophelia mitteilt, indem er die Nähe zu seinen Freunden sucht, die ihm wohlwollend aber zunehmend irritiert und mit Distanz begegnen. Hamlet wird für krankhaft verliebt gehalten und spielt dies dann auch. Er wird für verrückt gehalten, und flüchtet sich auch in diese Rolle. Schließlich wird er für eine Schauspielerin gehalten, wenn das Publikum in die Pause geht. Es entsteht eine Situation, die den Performances von Marina Abramović ähnlich ist. Man kann im Raum bleiben und diese Spannung aushalten; versuchen, dem begegnen zu wollen, was von allen verlassen wurde und wird. Eine Verletzung bekommt keinen Raum und darf so nicht mit ins Leben geholt werden. Man kann versuchen dem nachzuspüren, was entsteht, wenn eine seelische Verletzung und ein Wissen um diese Zusammenhänge in einem Menschen sind. Trotzdem ist die Erfahrung der Verletzung so machtvoll, dass sie über Hamlet hinaus auf den Täter, die Mutter, Ophelia, alle Freunde und über den Hofstaat hinweg bin ins Publikum hinein wirkt.'' schreibt Ansgar Skoda am20. Juni 2019 auf KULTURA-EXTRA

DAS KÖNNTE DICH AUCH INTERESSIEREN


eventim Reservix Ticketing System

3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
5 679+
4 1543+
3 1347+
2 775+
1 351+
Kritiken: 2054
ANZEIGE



ANZEIGE


 AUF DER BÜHNE © 2019