1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
''Die Welt von heute ist kein guter Raum für den Zirkus. Es ist alles bereits entdeckt, wie Thomas Eisen in einem beeindruckenden Monolog beklagt; welche Exotik soll der Zirkus noch verbreiten? Und billige Kunststückchen für lau finden sich in den Untiefen von youtube und Co. zuhauf, schnell konsumierbar von der Couch aus, Anna Katharina Muck futtert dabei gemütlich Chips und macht nachher auch Kunst, autosuggestiv – die Latte dafür hängt inzwischen ja nicht mehr tief, sie liegt auf dem Boden. Man kann höchstens noch drüber stolpern. 

Zuvor zieht der Zirkus auf der Bühne um die Welt – eine bunte Abfolge von lebenden Bildern illustriert das. Und die edlen Wilden vom Stamme der Sioux stehen malerisch herum und singen eine Sachsen-Hymne sowie beliebte Volkslieder am Lagerfeuer in Dresden – damals waren fremde Völker noch eine Attraktion hier, heute sieht man das in Teilen der Bevölkerung anders. 

Circus Sarrasani. The Greatest Show On Earth - das ist natürlich kein normaler Theaterabend: So viel Szenenapplaus gab es hier noch nie, und der Jubel am Ende ist den bisherigen Highlights der Saison von Rasche und S. Hartmann ebenbürtig. Es gibt eine Handlung, aber es ist kein Theater im herkömmlichen Sinne, auch „Doku-Theater“ greift zu kurz. Mit „Show“ ist das Ganze wohl doch am besten beschrieben, auch weil sich dieser Begriff einer exakten Definition entzieht. „Spektakel“ ginge auch.'' schreibt Sandro Zimmermann am 27. Mai 2018 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Süleymankurt
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
''Süleyman will Gerechtigkeit und ringt um Anerkennung. Da er sie vom Vater nicht bekommen kann, sucht er sie bei den Religionslehrern. Dem Jungen erscheint beim Gebet in der Moschee Sultan Fatih Mehmed, der Eroberer Konstantinopels, auf einer Kakerlake reitend. Die Fantasie Süleymans gemischt mit einem starken Interesse für Geschichten und Mythen könnten ihn ebenso zu Stücken von Shakespeare ins Theater führen, treiben den Jungen aber aus Angst vor dem Satan immer mehr in die Hände der religiösen Eiferer, die ihn geschickt in ihr System aus Kontrolle und Propaganda einbinden. Zehn Jahre später - zur Zeit der Proteste im Istanbuler Gezi-Park - wird er als Mitglied der nationalkonservativen Religionsgemeinschaft „Die hohe Bewegung“ auf einen kritischen Journalisten angesetzt. Aus dem einst wissbegierigen Süleyman ist der hörige Sklave Süleymankurt geworden. 

Die Inszenierung von Serkan Öz zeigt diese Geschichte einer Gehirnwäsche hin zum religiösen Fanatismus als sehr freies, körperbetontes Spiel der beiden Darsteller, die auf zwei Stahlgerüsten klettern und diese auf der Bühne immer wieder zu neuen Konstellationen verschieben. Autor Ahmet Sami Özbudak benutzt in seinem Text neben dem türkischen Heldenmythos von Sultan Fatih Mehmed auch den des Mankurt, eines besonders höriger Sklaven, dem die Haare abgeschoren und Kamelleder auf den Kopf genäht werden, so dass sein Haar ins Gehirn dringt, anstatt nach außen zu wachsen, und bezieht sich auf Suren des Korans wie die vom Elefanten Mahmud, mit dem der christliche König Abraha aus Rache wegen der Beschmutzung seiner Kirche die Kaaba in Mekka zerstören wollte.'' schreibt Stefan Bock am 27. Mai 2018 auf KULTURA-EXTRA
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
''Auch die ausländerfeindlichen Brandanschläge von Mölln (1992) und Solingen (1993) kommen vor, wenn plötzlich ein kleines, zuvor gebautes Holzhäuschen in Flammen aufgeht und der Bürgermeister der türkischen Mutter, die beim Brand in Solingen ihre Kinder verloren hatte, das Bundesverdienstkreuz überreicht. Als zynische Beigabe gibt es hier noch einen Feuerlöscher obendrauf. Neu werden noch die Flüchtlingskrise und der NSU in diesem Abend aufgenommen. Ein mit Schwimmweste und Kältedecke bekleideter Schauspieler wird erst freudig begrüßt und später erschossen. Da ist man dann mit der Musik zum Rosaroten Panther und der massenhaften Aktenvernichtung auch ohne viele Worte endlich beim NSU-Skandal angekommen. Deutschland ist nach Nurkan Erpult nicht Kurt Weills Youkali, das Land der Sehnsucht, wo nie der Quell des Glücks versiegt. Und mit dem Pilgerchor aus Wagners Tannhäuser schaut man zu glühenden Flammen und Statisten mit Waffen noch in die düstere, zunehmend rechtsradikale Zukunft Deutschlands. 

Bis dahin zieht sich der gut zweieinhalbstündige Abend aber auch etwas hin. Für ein paar auflockernde Breakdance-Einlagen sorgt noch Schauspieler Loris Kubeng. Gesanglich ist das, wie schon gesagt, ziemlich gut gemacht. Wäre da nicht der unbedingte Wille der Regie, immer noch schwarz-humorig und parodistisch einen draufzusetzen. Die Spitze dessen ist mit dem unsäglichen Auftritt von Sesede Terziyan als Islamkritikerin Necla Kelek erreicht. Die 1957 in der Türkei in einem säkularen Elternhaus geborene und seit 1966 in Deutschland lebende Journalistin ist mit ihren Ansichten zur Integration und zum konservativen Islam nicht unumstritten. Terziyan zeigt sie als mit sich überschlagender Stimme keifende, nach deutscher Anerkennung und Preisen gierende Islamhasserin. Dass Kelek sich damit der bürgerlichen liberal-konservativen Presse und rechtspopulistischen Kreisen andient und von denen auch ausgenutzt wird, darüber besteht kein Zweifel. Einer Diffamierung zur Verdeutlichung dessen bedarf es daher sicher nicht. Da will man wohl das Publikum mit billigen Lachern bedienen. Das sonst so liberale MGT hat sich mit diesem da doch etwas kleinkariert um sich schlagenden Grand Bal Almanya jedenfalls keinen besonders großen Gefallen getan.'' schreibt Stefan Bock am 27. Mai 2018 auf KULTURA-EXTRA

AUF DER BÜHNE

Auf der Bühne

3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
5 388+
4 954+
3 844+
2 494+
1 229+
Kritiken: 1142

 AUF DER BÜHNE © 2018                            
                               
                                                                                                                                              Anmelden  Registrieren
Toggle Bar