Kritik zu: legende
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''Die Vertheaterung von Poesie & Prosa - ein auf deutschsprachigen Bühnen in Mode gekommenes Attackieren originärer Bellestritik - führt nicht etwa dazu, dass die zuschauenden Zuhörer das (theatralisch i.d.R. vollkommen verhunzte) Original, zum besseren Vergleich, selbst lesen; nein, vermutlich werden die Probanten vom gesehenen Gehörten derart abgesättigt oder über- also unterfordert sein, dass sich ihr potenzieller Griff zum "guten Buch" von vornherein erledigt haben wird und sie ihrer fortschreitenden Analphabetisierung aufs Gemütlichste entgegenidiotieren.

Schernikaus legende - ein in seiner strukturellen, sprachlichen Großartigkeit nur noch mit Bibelmaßstäben begreif- und lesbares Werk - taugt nicht zum musikalisch angereicherten Herunterquatschen ihrer selbst; ja und auch wenn sich die Beteiligten der ehrgeizigen Multimedia-Show von gestern Abend redlich Mühe gaben, schienen mir doch ihre ambitionierten Anstrengungen letzten Endes völlig für die Katz'!! Verdammt noch mal - lernt erst mal wieder richtig lesen und vor allem das zu Lesende als eigenständig daseiende Kunst zu akzeptieren, ehe ihr hieraus sinnlos Theater machtet, Punkt.'' schreibt Andre Sokolowski am 12. Dezember 2019 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Die Verdammten
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''Die Gesichter der Darsteller werden teils maskenhaft durch dicke Schichten aus Latex und Schminke entstellt. Auch die Kostüme von Teresa Vergho wirken oft grotesk deformierend. Ein siebenköpfiger Chor trägt so schweinsartig fleischfarbene Knautschmasken. Zwei Frauen spielen (wie schon in Ersan Mondtags Die Räuber-Inszenierung) zentrale Männerrollen. Benjamin Höppner gibt ein köstliches Bild als brutal anmutendes, grobschlächtig-massiges SA-Mitglied, das sich lustvoll von Gummischwänzen bepinkeln lässt, bevor es während einsamer Monologe erschossen wird. Auch Yvon Jansen sticht hervor. Sie zieht als Kriegswitwe Sophie perfide und skrupellos die Strippen in dieser abstoßenden Gemeinschaft. Bald wird sie jedoch durch ihren eigenen Sohn Martin (Ines Marie Westernströer) – bockig, moralisch-geistig verwirrt, mal pädophil und mal einfach nur hysterisch – in Grausamkeit überboten. Die Rolle des Martin verhalf einst Helmut Berger, Viscontis langjähriger Weggefährte, zum internationalen Durchbruch. Seine Persiflage von Marlene Dietrich in ihrer Rolle der Lola in Der blaue Engel war ein legendärer Kinomoment in Die Verdammten. Westernströer stimmt auch kurz seinen Chanson-Part an: „Kinder, heute Abend suche ich mir was aus“. Doch die schillernde Travestie von damals weicht einer unheimlichen und unterkühlten Entrücktheit.

Die zahlreichen Bezüge, die Visconti etwa zu Richard Wagners Götterdämmerung setzt, gehen bei Mondtag ein bisschen verloren. Er verfremdet und verformt das Geschehen und die politischen Hintergründe zu sehr. Fragen der zerstörerischen Allianz zwischen der Industrie-Aristokratie und aufstrebenden nationalsozialistischen Machthabern, der Schuld, Scham, Schwäche und Schande wird nur wenig nachgegangen. Mondtags Figuren erscheinen der Reihe nach inhuman; wie kalte und grobe Monstren, ohne Fallhöhe und mögliches Entwicklungspotenzial. Doch die erschreckenden, künstlich anmutenden Bilder atmosphärischer und menschlicher Kälte strapazieren über kurz oder lang. Sie lassen einen gar bald auch kalt.'' schreibt Ansgar Skoda am 11. Dezember 2019 auf KULTURA-EXTRA
''Krank oder kriminell, erbgesund oder erbkrank. Mit diesen Kategorien sehen sich plötzlich auch die meisten der anderen Frauen konfrontiert, wie etwa die lebenslustige Proletarierin Frieda W. (Noras Quest), die ein Kind nach dem anderen von verschiedenen Männern in die Welt setzt, sozusagen eine neue Welt gebären will, und an den prekären Verhältnissen, bigotten Amtsträgern und der Gesetzgebung scheitert. Selbst der aus gutbürgerlicher Familie stammenden Johanna S. (Olga Feger), die als moderne Geschäftsfrau im Beruf steht, wird ihr Erfolg durch Nachbarn geneidet. Alle Aussagen werden akribisch dokumentiert und im Entmündigungsprozess gegen sie verwendet. „Ich habe erreicht, was eine Frau erreichen kann.“ Nur ihr Partner nimmt sich dann doch lieber eine „Frau vom alten Schlag“. Nicht nur in kleinen Spielszenen, auch in einer Tanz-Choreografie wird eine Frauenbiografie vorgestellt. „Ich in ein Stern, Licht kann man nicht einsperren.“ sagt sehr poetisch die Stimme von Lina (Lara Anaïs Martínez-Wiesselmann) aus dem Off.

Wegsperren, Zwangsterilisation und schließlich die in der Berliner Zentraldienststelle T4 geplante Tötung sind das Schicksal dieser Frauen. In den Familien wird über betroffene Angehörige geschwiegen. Ein Portrait lässt den Zwillingsbruder (Philipp Engelhardt) eines geistig zurückgebliebenen Mädchens zu Wort kommen. Aber auch nach dem Krieg war die Aufarbeitung der Geschichte der Anstalt Pirna-Sonnenstein kein offizielles Thema in der DDR, wie man in einem Monolog der Tochter (Tucké Royale) einer Ermordeten erfährt. Gerade deshalb sind solche Theaterabende gegen das allgemeine Geschichtsvergessen heute wieder so immens wichtig. Oder wie es Vernesa Berbo als gegen das gesellschaftliche Selbstverständnis traditioneller Mutterschaft widerständige Bauersfrau Margarete B. sagt: „Was stört, das lebt.“ schreibt Stefan Bock am 10. Dezember 2019 auf KULTURA-EXTRA

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