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''Herbert Fritsch, Andrej Rutar und Bettina Helmi haben eine fantasievolle Bühne und eine treffsichere Ausstattung geschaffen. Das Segel an dem von 8 Komparsen in Lumpen- und Gespensterlook hin- und herschaukelnden Minischiff ist blutrot. Die Matrosen von Kapitän Daland, hervorragend gesungen und gespielt von Jens Larsen, sind in leuchtendes Weiß getaucht. Sie strahlen und grinsen perfekt die ganze Vorstellung. Überhaupt sind alle Darsteller hervorragend präpariert und fokussiert. Präzises Spiel und Slapstick ersetzen schon mal eine fehelende Schiffsreling, und die pantomimischen Einlagen sind sehr unterhaltend. Günter Papendell als Holländer erinnert an Jonny Depp in Fluch der Karibik. Ja, das ist komisch, und das ist in einer Komischen Oper auch erlaubt. Nicht alle Zuschauer sehen das so, und einige verlassen kopfschüttelnd die Vorstellung. Aber gerade hier liegt der Unterschied zu den vielen „ernsten Häusern“. Zu viel Ernsthaftigkeit und Vorsicht kann schnell langweilig sein, was man in der Fidelio-Premiere an der Deutschen Oper vor zwei Tagen live erleben konnte.

Herbert Fritsch hat damit überhaupt kein Problem, er nimmt das Stück, den Kontext, das Publikum und auch Ende auch sich selbst - lässt er sich doch im Schlussapplaus auf dem Regiestuhl sitzend in den Bühnenhimmel schweben - mit viel Humor gewaltig auf den Arm. Und das gesamte Team folgt ihm: der Chor ausgelassen und Fratzen ziehend, die Solisten um den wunderbar komischen Günter Papendell, die damenhafte Daniela Köhler als Senta, den schon erwähnten Jens Larsen und das ausgelassene Ensemble. Dirigent Dirk Kaftan folgt mit Orchester, Chor und Solisten der klaren Inszenierungsidee mit einer schwelgerischen und kraftvollen Interpretation der Partitur. Die angeblich furchterregenden Erlebnisse der stürmischen Seefahrt Wagners, hört man so als ausgelassene Rufe der Matrosen. Ein sehr intensiver Opernabend!!'' schreibt Steffen Kühn am 29. November 2022 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Der Sturm
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''Christoph Gummert gibt als agiler Luftgeist Ariel mit langem elfenhaften Haar eine köstliche Vorstellung, wenn er zu Beginn flink über die Treppen der Zuschauertribüne sprintet. Als einführender Erzähler schluckt er mimisch und gestisch sichtlich lustvoll nach Luft. Doch auch gesanglich führt er charmant in die Handlung ein. Ariel ist auf einer abgelegenen Insel der Diener von Prospero (Cornelius Schwalm), einem unrechtmäßig abgesetzten und vertriebenen Fürsten. Prospero hat die Macht, andere durch den Einsatz von Magie für seine Zwecke an sich binden zu können. Nicht nur Ariel, der später auf der Insel gestrandete Schiffbrüchige frech in die Irre führt, wird gegenüber Prospero unterwürfig und kleinlaut. Auch der herbe fluchende Knecht Caliban (Annika Schilling), Sprössling der Hexe Sycorax, fürchtet seinen Herrn Prospero wie sonst nichts auf der unwirtlichen Meeresinsel. Annika Schilling mimt Caliban herrlich komisch, ungepflegt mit zerrissenen Klamotten und krankhaften Ticks, sich leidenschaftlich an einer Fessel windend. (...)

Jan Neumann inszeniert das Familienstück mit liebevoll überzeichneten Figuren und detailreich-ausgefallenen Bildern. Gegen Ende erinnert die Bühne an ein aufgeschlagenes Buch mit zahlreichen blühenden Ingredienzien. Auch prachtvolle Requisiten wie eine herabsinkende Mondkugel und sehenswerte Kostüme, die in einer Szene sogar ein bisschen an das Triadische Ballett von Oskar Schlemmer erinnern, bieten Schauwerte. Ein rundum gelungenes Vergnügen voller Situationskomik und Slapstick, das gegen Ende - wohl für das jüngere Publikum - in einem leicht übertrieben pädagogischen Monolog Prosperos zu Schattenseiten angemaßter Macht gipfelt.'' schreibt Ansgar Skoda am 28. November 2022 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Momo
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''Am Stuttgarter Schauspiel ist es in diesem Jahr Michael Endes Momo, die die Familie (angekündigt als „ein Familienstück für alle ab 6 Jahren“) leibhaftig erfreut. Für alle? Na ja, sagen wir: für alle, die sich als Eltern oder als Theaterbesessene dafür entscheiden. Endes Supererfolgsroman von 1973 handelt auf populäre Weise von einem Thema, das einige der gescheitesten Philosophen seit Jahrhunderten beschäftigt hat: von der Zeit. Er tut es aber mit jenem Element, das zu Endes Markenzeichen und von Publikum und Kritik unterschiedlich bewertet wurde: mit Fantasie oder was man dafür hält. Kurios ist das schon: ausgerechnet an einem Theater, das sich im Erwachsenenprogramm für einen aktuell-politischen Realismus entschieden hat, füttert man den Nachwuchs mit Spätromantik. Was soll denn da aus den Kids werden? Das Primat der Fantasie erteilt der Kostümbildnerin auch die Lizenz, eine Schildkröte wie einen Swinegel aussehen zu lassen.

Immerhin begegnen die Kinder ab 6 Jahren und zum Teil darunter Bühneneffekten, die sie vielleicht dereinst für das Theater gewinnen werden. Und sie hören aus dem Mund von lebendigen Schauspielern Sätze im Konjunktiv und Ausdrücke, die wohl nicht mehr zu ihrer Sprache gehören, wie etwa „bare Münze“. Manche meinen ja, der Verlust an Sprachkompetenz sei kein Malheur. Wer anderer Ansicht ist, wird einem Theater, das noch mehr kann als stammeln, dankbar sein. Selbst wenn es nur laut werden lässt, was in einem Buch steht. Zumal wenn, wie man kürzlich erfuhr, das Vorlesen immer seltener wird.'' schreibt Thomas Rothschild am 27. November 2022 auf KULTURA-EXTRA