Den Schmerz über das Grauen und die pathetische Anklage der politischen Verhältnisse verkörpert an diesem Abend vor allem die zweite Gorki-Frau, die sich als Newcomerin des Jahres 2014 mit einigen tollen Auftritten in die Berliner Theaterszene katapultierte: Cynthia Micas als Amal, eine Oberschichtstochter, die gegen ihren Vater (Oliver Kraushaar) und das Regime rebelliert, ist das leidenschaftliche Zentrum des Abends und kann endlich wieder ihre Stärken ausspielen, mit denen sie damals z.B. am Gorki in „Das Kohlhaas-Prinzip“ auffiel. In den vergangenen Jahren blieb sie am Residenztheater München und in ihrer ersten BE-Spielzeit oft blass.

Die geballte „Gorki Power“ von Grjasnowa/Micas ist hier jedoch mit einer starken Bremskraft konfrontiert: Roman-Adaptionen haben generell das Problem, dass sich die langen reflexiven und erzählerischen Passagen nur schwer in szenisches Spiel auflösen lassen. Erschwerend kommen nun noch die Corona-Abstands-Regeln ins Spiel.

Die beiden Erzählstränge des Romans über Amal und ihren Freund Youssef (Armin Wahedi) und über den Schönheitschirurgen Hammoudi (Schulze/Holonics), der seit Jahren in Paris lebte und in Damaskus eigentlich nur kurz seinen Pass verlängern wollte, aber in den Strudel des Bürgerkriegs hineingeriet, werden über weite Strecken als szenische Lesung vorgetragen, die immer wieder von kleinen, spielerischen Momenten aufgelockert werden. Eine zentrale Rolle spielt die drehbare Trennwand, auf der Assads Konterfei prangt und von der Kraushaar in den diversen Rollen der austauschbaren Schergen des Regimes seine Kommandos herabbrüllt oder in zynischer Überlegenheit feixt. Dieses Assad-Porträt wird von der rebellischen Generation mit Teufelshörnern verziert, mit weißer Farbe übermalt und schließlich in Stücke gerissen wird.

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Ohne Corona hätte die Theater-Inszenierung, die Regisseur Kornél Mundruczó und Autorin Kata Wéber im Dezember 2018 für das TR Warszawa erarbeitet haben, in der kommenden Woche ihre Deutschlandpremiere in der Jahrhunderthalle Bochum gehabt. Da die Ruhrtriennale frühzeitig abgesagt wurde, gab es nur einen Mitschnitt als Online-Angebot.

Das Stück, in dem das ungarische Paar autobiographische Erfahrungen aufarbeitet, zerfällt zu sehr in seine Einzelteile. Die ersten 30 Minuten sind ein hyperrrealistisches, drastisches Live-Video der Wehen einer Frau, die auf einer Hausgeburt besteht und ihr Kind verliert. Schnitt, Zeitsprung sechs Monate später: Die folgende Stunde schleppt sich als banale Soap dahin. Eine Familienfeier im Haus der Mutter des Paares, das die Fehlgeburt erlitten hat. Die Dialoge drehen sich um private Problemchen, die katholische Kirche in Polen und David Bowie schleppen sich zäh dahin: hölzern, verqualmt und altbacken.

Das Finale bildet die Konfrontation zwischen Tochter und Mutter, ihr Streitgespräch war die Keimzelle und erste Projektskizze für den Abend, der die Kurve nicht mehr bekommt. Schleierhaft, wie diese Produktion es schaffte, als beste polnische Inszenierung des vergangenen Jahres ausgezeichnet zu werden.

Mundruczó stellte vergangene Woche im Wettbewerb des Film-Festivals von Venedig eine Filmfassung von "Pieces of a woman" vor: die Handlung wurde von Warschau nach Boston und auf Englisch mit Stars wie Shia LaBoeuf gedreht. Vanessa Kirby wurde mit dem Silbernen Löwen als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet, Netflix sicherte sich bereits die Rechte an dem Drama.
Kritik zu: Play Strindberg
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In diametralem Gegensatz zum Glamour der berühmten Namen steht die minimalistische Form dieses knapp 80minütigen Abends: streng auf Abstand sitzen die drei Ensemble-Mitglieder des Deutschen Theater Berlins an spartanischen Tischen und tragen den Text als szenische Lesung vor. Nur der Plüsch-Vorhang und die historisierenden Kostüme im Stil des 19. Jahrhunderts setzen einen Kontrapunkt zur bewussten, Corona-bedingten Kargheit des Abends.

Friedrich Dürrenmatt schrieb „Play Strindberg“ als kleine, böse Fingerübung und Übermalung des Strindberg-Klassikers „Totentanz“ im Jahr 1969. Seitdem wird diese Ehehöllen-Komödie nur selten gespielt und steht im Schatten bekannterer Vorbilder wie „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, da Dürrenmatt mehr mit dem Holzhammer als mit dem Florett operierte.

Aber der schnelle Schlagabtausch der Bühnenstars hat seinen Reiz: „Play Strindberg“ ist ein vergnüglicher, kleiner Abend und eine sichere Bank im Corona-Repertoire. Die Alice der Sophie Rois faucht und kreischt, versetzt ihrem Partner spöttische Hiebe und wünscht ihm die Pest und den Tod an den Hals, wenn der Edgar des Ulrich Matthes nach einer exzentrischen Tanzeinlage oder einem Mansplaining-Solo über die Geschichte der Kriegskunst wieder einmal in Ohnmacht fällt. Sie hauen sich ihr Versagen um die Ohren und demütigen sich bei jeder Gelegenheit.

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