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Von einem starken Text lebt diese kleine, sehr konzentrierte Studio-Produktion in der Box des Deutschen Theaters Berlin. Fast zehn Jahre alt ist Judith Schalanskys Roman über die Biologie- und Sportlehrerin Inge Lohmark, die eine bittere Lebensbilanz zieht. 

Die elisabethanischen Halskrausen, die Kostümbildnerin Julia Dietrich für die drei Spieler*innen, die sich die langen Monologe teilen, passen gut zu Inges starrem Weltbild und zur Unerbittlichkeit, mit der sie über sich und andere urteilt.

Inge Lohmark ist fest davon überzeugt, dass Darwins Evolutionstheorie auf alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens übertragbar ist. Für Schüler*innen, die von den pubertierenden Klassenkamerad*innen systematisch gemobbt werden, hat sie nur Verachtung übrig. Sie seien geborene Opfer, zu schwach, im Kampf zu bestehen, und haben aus Inges Sicht weder Hilfe noch Mitgefühl verdient. Je früher jemand aussortiert werde, um so besser. Dann könnten gar nicht erst falsche Hoffnungen entstehen, die sich dann zu oft in Gewalt und Amokläufen entladen, sinniert Inge.

Vom Leben erwartet Inge nicht mehr viel: Sie hat sich auf die Position der abgeklärten, analytischen Beobachterin zurückgezogen. Um sich herum sieht sie nur noch Verfall: die von Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ sind ausgeblieben, stattdessen leeren sich und überaltern die Dörfer in Mecklenburg. Für die Zukunft der Menschheit sieht sie ohnehin schwarz: sie werde nur eine Fußnote in der Erdgeschichte sein und ebenso aussterben wie der Auerochse, der Dodo und der Tasmanische Beutelwolf. Den Menschen fehle die Anpassungsfähigkeit der Pilze, Moose und Flechten. Um diese Thesen zu illustrieren, bekommt Bernd Moss den Schädel einer Seekuh aufgesetzt und verschwindet Linn Reusses Gesicht hinter Farnen.

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Bei aller Vielfalt der Revue kristallisierten sich doch zwei zentrale Stränge heraus: Erstens die harsche Kritik am Ausverkauf des Ostens, die schon die Text-Collage „Erinnerungen an einen Staat“ von Corinna Harfouch und Alexander Scheer vor wenigen Wochen nebenan auf der großen Bühne des Deutschen Theaters prägte. Schon als Vorspann laufen faktenreiche Anklage-Texte auf den Displays über der Bühne, die an Beispielen wie der Verlagsbranche aufzeigen, an welchen Stellen ostdeutsche Kombinate und Betriebe unter Wert an westliche Glücksritter verscherbelt wurden.

Zweitens referiert das Ensemble ausführlich aus den „Einheit. Berliner Tagebüchern 1991-1996“, der mit Intendant Thomas Langhoff nach dem Mauerfall als Chefdramaturg von den Münchner Kammerspielen ans Deutsche Theater Berlin wechselte. Mit viel Witz, häufig polemisch, oft aber auch stark resignierenden Untertönen berichtet er von seinen Auseinandersetzungen mit den etablierten Strukturen und zum Teil alten Seilschaften am DT, die ihn als Neuankömmling aus dem Westen sehr kritisch beäugten, vom Werben um das gutsituierte Bildungsbürgertum in West-Berlin, der klassischen Schaubühnen-Klientel, um das Wegbröckeln des ostdeutschen Publikums in den 90er Jahren zu kompensieren, und von der Abgrenzung vom Duo Frank Castorf/Matthias Lilienthal, das damals an der Volksbühne durchstartete. Wie tief die Gräben am DT damals waren, wurde im November 2016 bei der Buchvorstellung, bei der unversöhnliche Rededuelle eskalierten und für eine sehr unangenehme Stimmung im Saal des DT sorgten.

Der Abend hüpft vergnügt von Thema zu Thema, springt von nachdenklichen Momenten zu lustvoll-alberner Schlager-Parodie und wieder zurück. Zwangsläufig leidet darunter der Tiefgang, die Konturen verschwimmen, vieles bleibt beliebig. Dank der Spielfreude des gut aufgelegten Ensembles gibt es aber auch immer wieder schöne Momente.

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Kritik zu: März
Das Stück ist einerseits eine Anklage gegen zu brutale Methoden der Psychiatrie, die in jenen Jahren starke Diskussionen entfachten. Zwei französische Vordenker der Psychiatrie-Kritik-Bewegung, Gilles Deleuze (gespielt von David Ruland) und Felix Guattari (Veronika Bachfischer), treten mit ihren Thesen in einem längeren Dialog an zentraler Stelle des Abends auf. Zum anderen versucht „März“, das Leiden des an Schizophrenie Erkrankten plastisch zu schildern. Konrad Singer spielt diesen Verzweifelten als über weite Strecken nackten Schmerzensmann voller nervöser Ticks, an seiner Seite Veronika Bachfischer als bleiche, apathische März-Geliebte Hanna.


Nach dem ungewöhnlichen Beginn, bei dem die beiden anderen Spieler*innen das hereintröpfelnde Publikum schon in zotteligen Fabelwesen-Kostümen, die an böse Geister erinnern, während David Ruland (als Arzt Kofler) mit Nebelmaschine bewaffnet die Bar und das Foyer aufmischt, findet der „März“-Abend keinen Rhythmus mehr. Recht schwerfällig schleppt sich die Inszenierung über 100 Minuten dahin, minimalistisch und spröde, eingezwängt zwischen dem Ballast jahrzehntealter Theorie-Debatten.

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