Kritik zu: 4.48 Psychose
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Über den „Horror des Stillstands“ wird etwa zur Hälfte des pausenlosen Dreistünders deklamiert. Sie ist tatsächlich eine Crux des Abends. Der Text, den Kane im Jahr 1999 kurz vor ihrem Suizid schrieb, ist eine assoziative, schwer zu fassende, atemlose Aneinanderreihung von Selbstvorwürfen, inneren Monologen und Gesprächen mit Ärzten, die möglicherweise nur im Kopf stattfinden. Eine dramatische Entwicklung oder ein Spannungsbogen fehlen in diesem recht gleichförmigen Gedankenstrom.

Katie Mitchell entschied sich zuletzt im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses, den Text von Julia Wieninger als Solistin im Staccato performen zu lassen. Nur eine Stunde dauerte dieser Abend. Die dreifache Zeit dehnt sich dieser Klage-Gesang von Ulrich Rasche, der durch seine schiere Länge für Publikum und vor allem die Spieler*innen zur Kraftanstrengung wird und in seiner Monotonie ermüdet. Besonders zur Hälfte des Abends drängen Zuschauer*innen zum Ausgang und klappern im Minutentakt die Türen, das helle Licht aus dem Foyer stört die düstere Atmosphäre und das Lichtdesign auf der Bühne.

Die Intensität packender Rasche-Abende wie „Die Räuber“, „Die Perser“ oder „Die Bakchen“ erreicht „4.48 Psychose“ nicht. Der gleichförmige Gedankenstrom von Sarah Kane passt weniger gut als die klassischen Dramen-Texte zu Rasches Regie-Stil, der vom Gegeneinander von Chor und Solist*innen und Rhythmus-Wechseln lebt.

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Kritik zu: Drei Mal Leben
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Die Salonkomödien-Mechanik und das Pointen-Ping-Pong laufen in Rezas „Drei Mal Leben“ reibungslos. Der Plot ist relativ übersichtlich: zwei Paare treffen bei einer Abendessen-Unterhaltung aufeinander, die peinlich entgleist. Astrophysiker Henri erwartet Hubert zum Abendessen und hofft auf etwas Vitamin B, um seine dümpelnde Karriere anzuschieben. Leider kommen Hubert und Inès einen Tag zu früh und klingeln an der Tür, während sich Sonja im Pyjama auf der Couch fläzt und das Kind quengelt.

In drei Varianten spielt das Quartett die Grundkonstellation durch: mit wechselnden Bündnissen fallen die vier übereinander her. Das Ergebnis ist 3x dasselbe: die Fassaden der gehobenen Mittelschicht bröckeln, verbale Giftpfeile fliegen. Der große Ruhm der französischen Starautorin kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr Stücktext „Drei Mal Leben“ nicht besonders gut gealtert ist, sondern sich bis zur nächsten erwarteten Eskalation weiter schleppt.

Wie von Regie-Altmeisterin Andrea Breth gewohnt, die gerade erst den österreichischen Theaterpreis Nestroy für ihr Lebenswerk bekam, ist der Abend klassisches Schauspieler-Theater, ganz eng am Text, ohne viel Firlefanz, allerdings auch etwas zäh und mit mehr als 2 Stunden doch ein Stück länger als die deutschsprachige Erstaufführung von Luc Bondy aus dem Jahr 2000.

Der Abend lebt von der Prominenz seiner Spieler*innen: Den meisten Applaus bekommt Judith Engel als Inès, die zwischen naivem Anhängsel und betrunkener Aussprecherin unbequemer Wahrheiten wechselt. Fest zum BE gehören auch Constanze Becker und Nico Holonics. Ausgerechnet der Star-Gast August Diehl ist auf der Sofa-Landschaft in mehreren Szenen so ungeschickt am Rand platziert, dass er von einigen Plätzen angesichts der schwierigen Sichtachsen im Theater am Schiffbauerdamm kaum zu sehen ist und der Abend zum Hörspiel wird.

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Kritik zu: In My Room
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''In my Room'' könnte man als Musical-Revue beschreiben: Die Schauspieler werfen sich in Metal, Punk und Rock-Soli, Dassler hat auch einen kurzen Dragqueen-Auftritt im Fummel. Das Vater-Sohn-Thema wird mal in ernsthaften Erinnerungssequenzen, mal in einer von Claessens angeleiteten schamanistischen Familienaufstellungs-Parodie bearbeitet, bei der das „Kriegstrauma“, das zwischen Vater und Sohn steht, symbolisch ausgetrieben wird.

Assoziativ und stark mäandernd schwankt der „In my Room“-Abend zwischen berührenden Szenen, Comedy und Slapstick. Bevor es auf die Zielgerade geht, verhandeln Berger und Dassler die Sex- und Beziehungsprobleme eines schwulen Paares, die Berger als Steilvorlage für eine Abrechnung mit der AfD nutzt: ihr Hass auf Fremde sei – frei nach den „Ärzten“ – ein stummer Schrei nach Liebe und Resultat ihres verkorksten Sexlebens.

Relativ unvermittelt schlägt der Abend nach deutlich mehr als zwei Stunden den Bogen zurück zum Ausgangspunkt. Benny Claessens steigert sich im Hintergrund in verzweifelte Appelle und Erinnerungssplitter an seinen sterbenden Vater hinein, während sich im Vordergrund ein Pfleger um den auf drei Spieler aufgeteilten, dahinsiechenden Vater kümmert. Das Herz steht still, alles zerfällt, „keine Antwort“: so düster endet diese Erkundung einer komplizierten Vater-Sohn-Beziehung.

„In my Room“ ist ein Abend, der oft ausfranst und sich zu verzetteln droht, sich dabei aber immer darum bemüht, seine ernsten Themen mit viel Komik anzugehen und das wohl bisher persönlichste Theater-Projekt von Falk Richter ist.

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