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Als nostalgisches Puppen-Kabarett für Theaterwissenschaftler und Brechtianer beginnt der Abend im Theater im Schiffbauerdamm, der zu Ehren des Ahnherrn „Brechts Gespenster“ überschrieben ist. Suse Wächter und Hans-Jochen Menzel, langjähriger Leiter des Puppenspiel-Studiengangs der HfS Ernst Busch, witzeln sich mit ihrer Nummernrevue durch den V-Effekt und die Grundzüge des epischen Theaters. Gott, Karl Marx, Luciano Pavarotti, Henry Ford und einige mehr haben kurze Auftritte. Ein erstes kleines Highlight ist die schrullige Parodie von Manfred Wekwerth, der als Brecht-Nachfolger von 1977 bis 1991 Intendant des Berliner Ensembles war, seinen Wikipedia-Eintrag gegenliest und sich mit Maggie Thatcher anlegt.

Während der ersten Stunde hat der Abend den Charakter einer kulturgeschichtlichen Nummern-Revue, die Szenen sind nur lose aneinander gereiht. Am stärksten ist Suse Wächter, wenn sie bei der Lockdown-Ausgabe des Augsburger Brecht-Festivals 2021 kurze Schlaglichter und Miniaturen aufblitzen lassen kann. Über die längere Distanz wirken die Puppen-Kabarett-Einlagen dann oft redundant.

Dem letzten Drittel des Abends drückt Bernd Stegemann, Dramaturg, politischer Essayist und Stichwortgeber von Sahra Wagenknecht seinen Stempel auf. Die Puppen klagen in einer präzisen soziologischen Beschreibung über das ausbleibende Aufstiegs-Versprechen, das der Bonner Republik Stabilität verlieh. Sie legen den Finger in die Wunde der prekären Lieferdienste- und Mc-Jobs, bei denen sich viele für einen Hungerlohn abstrampeln. Zum Schluss machen sie sich noch über die Ikone des Neoliberalismus, der prägenden Ideologie der 90er und 00er Jahre lustig: Margaret Thatcher kommt als bis auf das Skelett abgemagerte Zombie-Puppe wieder auf die Bühne und darf ihre berühmten Parolen wie „There´s no such thing as society“ zum Besten geben.

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Netti Nüganen ringt nach einer lebensgefährlichen Radikal-Performance um Luft. Bühnentechniker rennen herbei und Holzinger springt selbst ins Bassin, um ihre Kollegin herauszuziehen. Der Premieren-Abend schrammt nur knapp an einer Katastrophe vorbei.

Nach einem kurzen Schock-Moment entscheidet das Team „The show must go on“, doch im langen Mittelteil hängt der Abend durch und droht im seichten Gewässer zu stranden. Fünf Dramaturg*innen weist der Abendzettel aus (vier aus Holzingers Compagnie, eine festangestellte Volksbühnen-Mitarbeiterin): trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen? – wirkt der Abend ziellos. Dies und jenes wird angetippt. Dramaturgisch ist der Abend alles andere als ausgereift: Kinder-Statistinnen werden als Crew der Piratin herbeigerufen und wirken in dem dezidiert nicht jugendfreien Abend wie Fremdkörper, eine Freiwillige aus dem Publikum zieht ebenfalls blank und planscht mit Holzingers Equipe, der Mythos von Leda und die Tragödie der Ophelia werden zitiert, doch es bleibt bei losen Fäden.

Als der Abend zu versanden droht, ziehen sich Holzinger und ihr Team am eigenen Schopf aus der Misere. In Hollywood-artigen Breitband-Szenen, mit Helikopter-Einsatz und zu Helene Fischers „Atemlos“ baut die Wiener Choreographin starke, wuchtige Szenen. Subtil ist weiterhin nichts an diesem Abend, aber die Bildgewalt kommt in der Volksbühne voll zur Geltung.

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Kritik zu: Mother Tongue
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Während der ersten beiden Drittel wirkt das autobiographische Material streckenweise etwas zu beliebig aneinander geklebt. Die unterschiedlichen Aspekte werden in den knapp zwei Stunden oft nur angerissen, wie Christine Wahl zurecht schrieb. Schon folgt die nächste Episode oder der nächste Song.

Der Abend geht zwar von dokumentarischem Material aus, ist aber sehr bestrebt, nicht in die Graubrot-Falle zu tappen, die bei diesem Genre droht. Dialoge werden kabarettistisch zugespitzt, wie das Treffen von dem schwulen Deutsch-Türken Ufuk Tan Altunkaya mit der Berliner Sucht-Therapeutin Franzi als seiner potentiellen Co-Parenting-Partnerin bei Hafermilch in einem Berlin-Mitte-Café. Natürlich dürfen auch klassische Songs zum Thema Mutterschaft und Weiblichkeit nicht fehlen: von Madonnas „Like a Virgin“ über Heintjes „Mama“ bis zu Nina Hagens „Unbeschreiblich weiblich“ tanzt das Ensemble die Choreogaphien von Luciana Acuña, eine Strip-Einlage von Trans-Sexworker Kay Garnellen inklusive.

Stärker und dichter wird der knapp zweistündige Abend in seinen Schlusskapiteln. Aus queerfeministischer und migrantischer Perspektive werden die bürokratischen Hürden aufgezählt, die das deutsche Familienrecht in all seinen Verästelungen den Kinderwünschen entgegenstellt, die nicht der Norm der Bilderbuchfamilie entsprechen. Natürlich treffen sie damit einen Nerv beim Gorki-Stammpublikum, das auch nach der zweiten Vorstellung begeistert über dieses Empowerment jubelt. So jung und weiblich wie an diesem Abend ist ein Theatersaal selten besetzt.

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