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Die Kostüme werden immer extravaganter, Drag-Opulenz in Pelz und Glitzer steht neben Alltagsklamotten, die spielerisch eingebunden und genauso selbstbewusst  präsentiert werden. Mit diesem Intro stellten sich Harrell und sein Team im Pfauen, dem gutbürgerlichen Schmuckkästchen am Zürichsee, zu Beginn der Spielzeit 2020/21 vor.

Eindrucksvoll ist ihr Diven-Auftritt auch im HAU 1 im links-alternativen Kreuzberg, aber wie viel stärker muss diese Eröffnung als künstlerisches Statement für die Suche nach neuen Formen nach der Intendanz von Barbara Frey auf das Zürcher Abo-Publikum gewirkt haben.

Kerzengerade sitzt das Ensemble nun auf den Stühlen, peinlich achten sie auf den Corona-Abstand, der zwischen den beiden Lockdowns im Spätsommer 2020 jede Aufführung prägte. Nach einander performt jede und jeder ein Solo: Ganz in schwarz, virtuos torkelnd und taumelnd, als Sinnbilder einer veunsicherten Gesellschaft. Zum Jazz-Klassiker „The Köln Concert“ verkörpern sie viel Schmerz und Trauer, über die Wangen von Thibault Lac kullern am Ende auch Tränen. Zugleich strahlen ihre selbstbewusst präsentierten Körper aber auch eine Aufbruchstimmung und Energie für einen Neuanfang aus.

Da diese Choreographie das damalige Zeitgefühl so spannend aufgreift, stand sie als eine der wenigen Tanz-Produktionen auch zur Diskussion für das Theatertreffen 2021, das nur virtuell stattfinden konnte. Knapp zwei Jahre später tourt die Produktion nun durch Europa und setzte einen starken Schlusspunkt an den letzten beiden „Tanz im August“-Abenden im HAU 1.

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Als Auftragswerk kam die "New Creation" nach Corona-Verschiebungen im neuen Farankfurt LAB, einer Außenspielstätte des Mousonturms neben Industriebrachen, im April zur Premiere. Dieses Ungeschliffene und Rohe der Location passt auch noch wesentlich besser zum Stück als der verblassende, nostalgische Charme der Institution im Herzen von West-Berlin.

Nach wenigen Sekunden bricht Beltrāo seine ersten Szenen ab: Schwarzblenden trennen die Miniaturen ab. Nur zögerlich werden die Tanz-Passagen nach diesem Intro länger. Stilisierte Gewalt zieht sich durch den 50 minütigen Abend.

Die „New Creation“ bleibt jedoch zu sehr in Konzeptkunst stecken, die über die Festivals gereicht wird. Vor kurzem gastierte sie auch bei den Wiener Festwochen. Offensichtlich möchte Beltrāo von der verheerenden Lage in seiner brasilianischen Heimat erzählen, die unter der Herrschaft des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro leidet. Das gelang Choreograph*innen wie Lia Rodrigues oder Marcelo Evelin in den vergangenen Jahren jedoch dramaturgisch überzeugender und künstlerisch eindrucksvoller mit mitreißenden, starken Bildern.

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Als interessantes Cross-Over beginnt Adam Linder seine neue Choreographie „Loyalty“. Das fünfköpfige Ensemble streckt sich in den klassischen Posen des Balletts. Der Kontext ist jedoch ungewohnt: die androgynen Kostüme hat der Regisseur selbst entworfen, ganz in Schwarz erinnern sie eher an ein Club-Outfit als an die Welt von Bolschoi und Staatsballett. Vom Band kommen Klänge der britischen Avantgarde-Band Coil, die an den Nerven zerren und sägen.

Der 2. Akt besteht aus einem Solo von Douglas Letheren im Adams-Kostüm, er wirft sich in Posen zwischen Affe und Vormensch, übt sich am aufrechten Gang. Spannungsreicher wird der 3. Akt, in dem auch der Rest des Ensembles zurück auf die Bühne kommt. Diesmal fast ganz in weiß, in enganliegenden Trikots, schmiegen sie sich aneinander.

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