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Das Publikum im Kreuzberger HAU 1 erlebt ein Monumental-Rock-Konzert, das mit beachtlicher Dezibel-Stärke vor den Video-Arrangements von Komposter live performt wird. In ihrem gewohnten Stil, der im deutschen Sprachraum mit Rammstein vergleichbar ist und seit drei Jahrzehnten immer wieder für Wirbel und Provokationen sorgt, spielen sie mit der NS-Ästhetik: Zu martialischen Klängen lassen sie protzige Trutzburgen über die Leinwand flimmern. Gebrochen wird dies durch Europa-Karten, auf denen die Namen von KZs aufschimmern, oder durch eine lange Litanei von deutschen Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben oder in die Rüstungsproduktion verstrickt waren.

In einem ähnlich hämmernden Duktus wie Laibach treten nach den einzelnen Rock-Nummern einige Performer*innen an die Rampe und wechseln sich darin ab, (meist autobiographische) Texte von Heiner Müller ins Publikum zu deklamieren. Oft geht es auch hier um düstere Themen: die Ausgrenzung, die er als Kind erlebte, als er mit den Eltern als Fremder aus Sachsen nach Mecklenburg kam, die letzten Kriegswochen, die Müller beim Volkssturm erlebte, die Verbrechen und Ruinen.

Zwischen all dem lauten, kraftmeiernden Wumms der Musiker*innen und der geballten Ladung Heiner Müller-Pessimismus, die mit Bildern aus seinem Fotoalbum, ein paar Fremdtexten von Bertolt Brecht und Werken von Gottfried Helnwein angereichert werden, bleibt wenig Raum für Nuancen und neue Erkenntnisse.

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Enis Turan, der die Performance entwickelt hat, mischt sich im Amy Winehouse-Look unter die Party-Menge, scheucht das Publikum jedoch nach knapp zehn Minuten auf die Sitzplätze hinter dem Absperrband.

Von da an wird die Performance noch ungewöhnlicher: in einem assoziativen Monolog denkt Turan über Plagiate, das Urheberrecht und Ideenklau nach, macht sich selbstironisch über seine mangelnden Einfälle lustig und beendet den Abend schließlich mit einer Radikal-Performance, irgendwo zwischen Einar Schleef und Marina Abramovic, bei der er nackt und gefesselt von der Decke baumelt, bevor er aus den Alltags-Klamotten wieder in sein Winehouse-Drag-Kostüm schlüpft.

Worauf Turan bei dieser vom Berliner Hebbel am Ufer und dem Tanzhaus NRW produzierten, kuriosen, mehrere Haken schlagenden Performance hinaus will, bleibt unklar. Nach kurzem, wohlwollendem Beifall wird das Publikum an den Performer*innen und vorbei der Trauerstätte der Pop- und Rock-Ikonen, die erst ganz zum Schluss wieder in Erinnerung gerufen werden, nach draußen geführt.

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Der Abend endet mit dem programmatisch sehr diversen Auftritt einer Frauen-Gruppe unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft, die zunächst wild durcheinanderschnatternd die Touristinnen geben, die in den Museen dieser Welt vom Louvre bis zu den Uffizien oberflächlich von Event zu Event hasten. Die Frauen formieren sich im nächsten Akt zu einer sakralen Prozession, die mit stillem Ernst die Museums-Vitrine umkreisen, bevor sie sich ins Foyer zurückziehen.

Für Anta Helene Recke ist „Die Kränkungen der Menschheit“, eine Koproduktion der Münchner Kammerspiele mit drei Produktionshäusern der freien Szene (HAU Berlin, Kampnagel Hamburg und Mousonturm Frankfurt) nach ihrer „Schwarzkopie“ von Anna Sophie Mahlers musiktheatralischer Adaption von Josef Bierbichlers bayerischem „Mittelreich“-Heimatroman bereits die zweite Einladung zum Berliner Theatertreffen nach 2018.

Mit dieser bemerkenswert sperrigen Arbeit lotet die Jury die Grenzen des theatralen Spektrums: ein Abend, der auf ein Minimum an spielerischen Momenten reduziert ist, und in verkopfter Manier zum Umdenken und zum Blickwechsel anregen will: weg von der jahrhundertelang als selbstverständlich gesetzten Zentralperspektive des weißen cis-Mannes, hin zum facettenreichen „Minoritätenlärm“, wie es Festspiel-Intendant Thomas Oberender in einem Programmheft-Zitat der Regisseurin nennt.

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