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Im Zentrum von Labiches Komödie, die tief im Klamauk und Slapstick herumwühlt, stehen zwei verkaterte Männer mit „Filmriss“. Oscar Lenglumé und sein Zech-Kumpel Mistingue werden von Michael Goldberg und Felix Goeser mit recht brachialer Komik gespielt. An diesen beiden Hauptfiguren des Stücks wird deutlich, wie brüchig das Fundament ist, auf dem gesellschaftliche Konventionen und Moralverstellungen errichtet wurden. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes bereit, über Leichen zu gehen und vermeintliche Belastungszeugen aus dem Weg zu räumen.
Dass der Abend trotz seines derben Grundtons erstaunlich gut funktioniert, liegt vor allem an einer umwerfenden Anita Vulesica als Norine (Gattin von Lenglumé). Urs Widmer schrieb im Programmheft über Labiches Stücke: „Nicht zufällig sind sie voller Bombenrollen für Männer, die Frauen sind alle auswechselbar, entweder jung oder nicht mehr so jung oder Dienstmädchen.“ Damit räumt Regisseurin Karin Henkel auf: Vulesica ist das Kraftzentrum ihrer Inszenierung und erntet den stärksten Applaus. Wie sie vor Zorn bebt, um Fassung ringt und sich verzweifelt müht, die bürgerlichen Fassaden am Tag der Taufe ihres Neffen zu wahren, ist der Höhepunkt des Abends. Ganz in Schwarz gehüllt zieht sie in der sterilen weißen Umgebung ohnehin schon die Blicke auf sich. Der Überbiss, durch den sie ihre Ermahnungen zischt und keift, verstärkt diesen Effekt noch. Weiterlesen
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NGO-Bashing von Milo Rau mit Ursina Lardi
Das Erschreckende an diesem Abend ist, wie undifferenziert Milo Raus Inszenierung bleibt. Es ist überraschend, dass ausgerechnet Milo Rau, der beim „Kongo Tribunal“ bewies, wie akribisch und differenzierend er arbeiten kann, eine Inszenierung abliefert, die so „wenig subtil und moralisierend, zu sehr 1:1“ (3sat kulturzeit) ist, anstatt zum Denken anzuregen. Ein Lichtblick an diesem Abend ist Consolate Sipérius: in Burundi geboren, mittlerweile in Belgien lebend, entdeckte Rau sie bei einer „Antigone“-Inszenierung. Sie sitzt fast den gesamten Abend stumm an ihrem Tisch am Bühnenrand, spricht nur am Anfang und Schluss kurze Monologe vor einer Videokamera. Weiterlesen
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Der Regisseur diskutierte in einem Programmheft-Interview mit dem Soziologen Wolfgang Engler darüber, warum er sich gegen eine Aktualisierung des Stoffes entschieden hat: Während man zu Pinnebergs Zeiten noch von einer recht homogenen „Arbeiterklasse“ ausgehen konnte, ist die heutige Situation wesentlich ausdifferenzierter: „Es gibt die Facharbeiter, Leiharbeiter, Zeitarbeiter, die in Werkverträgen Beschäftigten, die Illegalen, die gar keinen Vertrag haben, die Stamm- und Randbelegschaften! Je mehr einzelne Kategorien es gibt, umso mehr verliert sich auch der Zusammenhang untereinander. Im Bewusstsein der Beteiligten lebt eher der Differenz: ich bin der und nicht der! Ich habe noch ein paar Vorteile im Bezug auf die Anderen, die noch kommen!“

Deshalb ist die Entscheidung, nicht noch stärker aktuelle Bezüge auf das Hier und Jetzt herauszupräpieren, durchaus schlüssig. Mit „Kleiner Mann – was nun?“ bietet das Gorki einen ungewohnten Farbtupfer in seinem Repertoire, an dem wenig auszusetzen ist. Wenn da nicht der Zigarren- und Zigarettenqualm wäre, dem nicht nur das Publikum, sondern auch die schwangere Hauptdarstellerin so penetrant wie lange nicht mehr ausgesetzt ist. Ein Rückfall in die stark verqualmten Zeiten des Vorgänger-Intendanten Armin Petras am Gorki.

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