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Das zweite Kraftzentrum neben dem Eiswüsten-Bühnenbild ist der Gastauftritt von Ilse Ritter. Diese prägende Schauspielerin der vergangenen Jahrzehnte ist nur noch selten zu erleben. Carolin Emcke, politisch engagierte Essayistin und Friedenspreisträgerin, hat ihr einen Text geschrieben, der von Schmerz und Leid in Zeiten von Flucht und Krieg erzählt. Zwischen all dem Wimmern, Jammern und Zirpen von Luigi Nonos atonaler Komposition sind ihre kurzen Auftritte ein ruhender Pol. Jede Silbe ist glasklar artikuliert und bedeutungsvoll-empathisch vorgetragen, ihre „unnachahmliche Grandezza aus rollendem R und Wiener Singsang“ (Georg Kasch auf Nachtkritik) füllt den Raum.

Jenseits des Bühnenbilds und des glamourösen Gastauftritts ist der Abend ein alles andere als leicht zu konsumierender Abend. Die atonalen Klänge und schmerzverzerrten Gesichter des Chores schaffen eine dystopische Grundstimmung. Assoziativ erzählt „Intolleranza 1960“ von politischen Missständen seiner Entstehungszeit, geschult an Antonio Gramsci und Bertolt Brecht.

Die Premiere fand an einem Wochenende, an dem viele junge Russen auf der Flucht vor einer drohenden Zwangsrekrutierung sind und in Italien ein Bündnis der Berlusconi-Partei mir Neofaschisten die Mehrheit gewann. Die Themen von „Intolleranza 1960“ haben also traurige Aktualität. Dennoch wirkt diese Oper und Marco Štormans Inszenierung in ihrer eisigen, schneiden Kälte sehr fern.

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Kritik zu: Platonow
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Ein gelungener Regie-Einfall sind die Masken, hinter denen die DT-Ensemble-Spieler*innen und die beiden Gäste der koproduzierenden Luxemburger Bühne (Birgit Urhausen und Max Thommes) fast bis zur Unkenntlichkeit verschwinden. Timofej Kuljabin verlegt Anton Tschechows fast noch pubertären Erstling „Platonow“, der erst nach seinem Tod erschien, in eine russische Senioren-WG ehemaliger Künstler*innen. Vor allem die jüngeren Spieler*innen wie Enno Trebs und Linn Reusse sind so geschickt auf alt getrimmt, dass sie erst auf den zweiten Blick und vor allem an ihren Stimmen zu erkennen sind.

Doch leider war das bereits alles, was an dem Abend zu loben ist. Das größte Manko bleibt, dass Kuljabin und Roman Dolzhanskij (neben John von Düffel Dramaturg des Abends) für ihre gekürzte Fassung von Tschechows ausuferndem Frühwerk keine überzeugende Idee entwickeln. Vor allem die ersten knapp 75 Minuten sind eine Zumutung: die Dialoge der Spieler*innen klingen hohl und aufgesetzt. Dieser komödiantischere Teil des Abends entlockt einige Lacher im Publikum, wenn die abgehalfterten Diven und Ballerinen um die Gunst des Platonow (Alexander Khuon) buhlen, aber schleppt sich allzu zäh der ersehnten Pause entgegen.

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Kritik zu: Iphigenia
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Die Autorin beschreibt in einem langen Beitrag fürs Programmheft ihr Ringen, wie sie den antiken Stoff ins Heute übertragen kann. Die Schilderung ihrer Zweifel und vergeblichen Anläufe gehört zum Interessantesten an dieser Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Thalia Theater Hamburg. Im Austausch mit der Regisseurin entschied sich Bednarczyk für ein zeitgenössiches feministisches Missbrauchs-Drama von möglichst archaischer Wucht: die beiden polnischen Theatermacherinnen wollten von den Übergriffen des schmierigen Onkels (Stefan Stern) der Hauptfigur erzählen, die von Vater Agamemnon und Mutter Klytaimnestra (Christiane von Poelnitz) konsequent verdrängt und vertuscht wird.

Die Anstrengung des Denk- und Schreibprozesses ist dem 2,5stündigen Abend leider deutlich anzumerken. Die dramatischen Konflikte werden meist nur behauptet, statt großer Gefühle raschelt das Konzeptpapier. Die Inszenierung erreicht nie die Fallhöhe, die sie anstrebt. Das hervorragende Ensemble kann die klischeehaften Figuren dieser Familienaufstellung kaum mit Leben füllen.

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