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„Grimmige Märchen“ bietet alles, was seine Fans lieben: die quietschbunten Kostüme von Victoria Behr, eine überdimensionale Kissenlandschaft (Bühne: Herbert Fritsch himself), die zum Toben, Sich-Entlang-Hangeln und Kugeln einlädt und sofort nostalgische Kindheitserinnerungen auslöst. Überraschend ist, dass die Spieler*innen bei all dem Fritsch-üblichen Slapstick, höheren Blödsinn und Klamauk keine Kissenschlacht beginnen. Natürlich darf auch das Trampolin als wiederkehrendes Motiv von Fritsch-Abenden nicht fehlen.

Anders als bei seinen frei assoziierenden Abenden „Null“ oder „Pfusch“ bediente sich Fritsch diesmal bei einer greif- und nachlesbaren Vorlage, dem Märchen-Schatz der Brüder Grimm. Die bekanntesten Figuren wie Hänsel und Gretel, das Rotkäppchen, die Rapunzel in einem Haar-Extension-Sketch und König Drosselbart in einem Telefon-Slapstick werden in dieser Revue nur kurz zitiert. Fritsch konzentriert sich vor allem auf die abseitigeren, verdrängten Stoffe. Wir erleben in diesen bitterböse mit dem Zeigefinger schwarzer Pädagogik fuchtelnden Szenen reihenweise Kinder, die verängstigt und eingeschüchtert werden.

Mit „Grimms Märchen“ schaffte es Herbert Fritsch nach sieben Theatertreffen-Einladungen in sieben Jahren (2011 mit gleich zwei Stücken, nur 2015 musste er pausieren) nur auf die Longlist der Auswahl und nicht ins Finale der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen. Diese Entscheidung geht in Ordnung: Mit den düsteren Motiven aus der schwarzen Romantik bringt Fritsch zwar eine neue Note in seine Regie-Arbeiten. „Grimmige Märchen“ ist aber über weite Strecken zu sehr eine Variation seiner bekannten Kabinettstückchen und Regie-Vorlieben.

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Kritik zu: Hundeherz
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Die beiden Hauptfiguren von „Hundeherz“ sind der angesehene Chirurg Filipp Filippowitsch Preobrashenski (Helmut Mooshammer) und der Straßenköter Bello (Natali Seelig). Der Chirurg sammelt den Hund auf und lockt ihn mit einer Wurst, deren Duft die ganze Box des Deutschen Theaters durchzieht, in sein Apartment. Dort beginnt er mit Experimenten und pflanzt ihm menschliche Organe ein.

Der Traum vom „Neuen Menschen“ wird gründlich ad absurdum geführt: aus Bello wird Polygraph Polygraphowitsch Bellow, ein Säufer und Ganove, der den Professor tyrannisiert und von den Staatsorganen schließlich als neuer Leiter der Unterabteilung zur Säuberung der Stadt Moskau von streunenden Tieren bei der Stadtreinigung der Moskauer Kommunalwirtschaft vom Bock zum Gärtner gemacht wird.

Bulgakow wusste natürlich, dass dieser Text nie die Zensur passieren könnte. Das Programmheft zitiert aus seinem Brief an den Verleger, dass „Hundeherz“ auf keinen Fall zur Veröffentlichung in Betracht komme. Die Manuskripte wurden jedoch bei einer Hausdurchsuchung entdeckt und beschlagnahmt. Erst während Gorbatschows „Glasnost“ erschien der Text erstmals unzensiert in der Zeitschrift Snamja.

Die bissige Novelle eignet sich mit ihren an Frankenstein und Faust erinnernden Motiven zwar besser für eine Dramatisierung als viele andere Prosatexte. Lilja Rupprecht fand in ihrer Inszenierung, die vor zweieinhalb Jahren in der Box des Deutschen Theaters Berlin Premiere hatte, nicht den richtigen Zugriff. Wie zuletzt auch bei Jeff Koons im Studio der Schaubühne konfrontiert sie ihr Publikum mit einem Gewitter aus Videoeinspielern (Moritz Grewenig) und Sound (Romain Frequency), das den knapp 90 Minuten kurzen Abend zu sehr dominiert. Ihr Ensemble (neben den beiden genannten Hauptdarsteller*innen stehen Elias Arens und Linn Reusse auf der Bühne) muss oft frontal vor dem Publikum ins Mikrofon schreien und kommt zu wenig ins Spielen.

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Kritik zu: Circa's Peepshow
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Die australische Compagnie „Circa“ unter der Leitung von Yaron Lifshitz sind gern gesehene Gäste im Chamäleon Theater in den Hackeschen Höfen. Ihre Programme wie „Wunderkammer“ stehen für Artistik auf hohem Niveau.

Ihr neuer Auftritt ist provokativ mit „Circa´s Peepshow“ überschrieben und erinnert provokativ an die schmierig-dunklen Bahnhofsviertel-Etablissements, die in den 1970er Jahren entstanden und 1982 in einem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts als „sittenwidrig“ eingestuft wurden. Im Chamäleon Theater geht es natürlich seriöser zu, der Titel ist ein Marketing-Gag, um Erwartungen zu schüren und zu unterlaufen.

Die lasziveren Momente sind bei Circa wie schon in den früheren Programmen wohldosiert und werden nicht so selbstbewusst-frech wie bei ihren „Briefs“-Landsleuten eingesetzt, die vor einigen Jahren mehrfach im Tipi am Kanzleramt auftraten. „Circa“ konzentriert sich vor allem auf sein Kerngeschäft: Die vier Frauen und drei Männer zeigen ihr artistisches Können bei perfekt einstudierten Choreographien, garniert mit Popmusik-Ohrwürmern und kleinen Gags.

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