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Macmillan träumt in einem Interview im Programmheft von einem Theater, das den „Kampf mit Netflix“ aufnimmt: „Anspruchsvoll, lustig und rasant“ soll es sein. Leider ist dieser Abend davon meilenweit entfernt. Die Studie einer suchtkranken Schauspielerin, die sich chamäleonhaft in immer neue Lügen verstrickt und in der sektenhaften Therapiegruppe der Ärztin (Josefin Platt) verweigert, ist viel zu langatmig und über weite Strecken klischeehaft.

Regisseurin Sonnenbichler kann trotz der schwachen Vorlage noch einiges retten: dies ist vor allem dem verspiegelten Bühnenbild von Wolfgang Menardi, den Videos von Stefano Di Buduo, der die Rauschzustände der Drogensüchtigen mit flackernden Lichteffekten symbolisiert, sowie einigen starken Monologen der Hauptdarstellerin Sina Martens zu verdanken.

Unter dem Strich ist dieser mehr als zweistündige, stark verqualmte Abend eine Enttäuschung. Vor allem die Schauspieler in den Nebenrollen, die klischeehafte Kurzauftritte als Pfleger oder Patienten der Therapiegruppe (Patrick Güldenberg, Oliver Kraushaar, Owen Peter Read) haben, sind unterfordert.
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Die Einwände, die gegen diese Premiere in den kommenden Tagen kommen werden, liegen auf der Hand. Ulrich Rasche verwendet die bekannten Theatermittel, für die er bei den Münchner „Räubern“ gefeiert wurde und die ihm mit dem Basler „Woyzeck“ gleich eine zweite Einladung zum Theatertreffen einbrachte. In „Das große Heft“ erleben wir wieder abschüssige Drehbühnen, auf denen die Spieler die Balance halten müssen. Stampfende, halbnackte Männer ziehen ihre Kreise, schreien und brüllen im Chor: perfekt einstudiert von Alexander Weise und so präzise artikuliert, dass jedes Wort zu verstehen ist. Die beiden Drehbühnen sind technisch bei weitem nicht so aufwändig wie die gigantischen Dampfwalzen, an denen die „Räuber“ festgekettet sind und an denen die Techniker des Residenztheaters ein Jahr lang feilten. Aber die Akribie, mit der die beiden Bühnen während des Stücks immer wieder neu arrangiert werden, nötigt Respekt ab. Für die Spieler sind die Balanceakte auf den kippenden Scheiben eine Herausforderung. Bei keinem sehen die Bewegungen so elegant und selbstverständlich aus wie bei László Branko Breiding, der als einziger schon bei den „Räubern“ dabei war.
Kann man „Das große Heft“ also als Aufguss einer bewährten, exzellent geölten Theatermaschinerie abtun? Nein, der Abend hat zwar einige Längen, aber in den stärksten Momenten eine beeindruckende Kraft. Ulrich Rasches Regiestil mit den erbarmungslos vor sich hin ratternden Maschinen und den verzweifelt kämpfenden, schwitzenden Menschen, die sich dagegen so klein ausnehmen, passt hervorragend zu den düsteren, knappen Sätzen aus Ágota Kristófs dystopischem Roman über Zwillinge im Krieg.
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Kritik zu: Oratorium
Am stärksten ist der Abend, wenn er im Stil des guten, alten, politisch engagierten Dokumentartheaters die „Fabel der entmieteten Frau“ erzählt. Von kurzen Einschüben unterbrochen, kehrt die Performance immer wieder zum prototypischen Fall einer Schriftstellerin im Prenzlauer Berg zurück. Annett Gröschner hat ihre Erfahrungen mit der Sanierung, den „Abgeschlossenheitsbescheinigungen“, und dem „80er-Jahre-Klischee eines Maklers mit Goldkettchen und zu viel Rasierwasser“ bereits 2015 in der Berliner Zeitung reflektiert. Nun bilden sie den Kern dieses Abends, der über die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen, über die Generation der Erben, Altersarmut und Gentrifizierung nachdenkt.

She She Pop und ihre Gäste haben diese brennenden Themen, die Berliner Bezirke grundlegend verändert haben, mit feiner Selbstironie und hübschem Unterhaltungswert verpackt. Annett Gröschners Mahnung, dass Oma Anni, die manche Wahlkampfplakate der Linken zierte, „bei einer weitblickenden linken Politik, für die die rot-rote Regierung neun Jahre Zeit hatte, gar nicht in diese Situation gekommen“ wäre, fehlte an diesem Abend jedoch. „Statt Genossenschaften zu fördern, wurden Abrissgenehmigungen für Plattenbauwohnungen erteilt und kommunaler Wohnungsbestand an Heuschrecken verkauft“, kritisierte Gröschner 2015 in ihrem Artikel. Kultursenator Klaus Lederer blieben diese unbequemen Wahrheiten erspart. Er durfte mit dem Rest des Publikums einen unterhaltsamen Theaterbesuch genießen, der zwar bekannte Missstände ansprach, dabei aber so harmlos blieb, dass er auch von amtierenden Senatsmitgliedern lächelnd konsumiert werden konnte.

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