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Anne Teresa De Keersmaeker, um die Volksbühne und HAU konkurrieren, hat ihren Stil in den vergangenen drei Jahrzehnten perfektioniert. Gravitätisches Schreiten zu getragenen Klängen, aufrecht, wortlos. Diese Handschrift strahlt natürlich klassische Eleganz aus. Der Cellist Jean-Guihen Queyras spielt Bachs Suiten makellos, die fünf Tänzerinnen und Tänzer (darunter auch De Keersmaeker selbst) folgen seinem Rhythmus. In ihrer Strenge wirkt die Choreographie aber sehr hermetisch und abweisend.
„Wie unter einer Glasglocke“ empfand Wiebke Hüster die Uraufführung des Werks bei der Ruhrtriennale im August 2017 in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck. Diesen Eindruck hatte ich heute Abend auch im HAU. Das Problem des Werks brachte die Kritikerin im Deutschlandfunk treffend auf den Punkt: Die Inszenierung „bekommt etwas Falsches, Prätentiöses. Manierismus war schon in vielen Arbeiten de Keersmaekers ein Problem. Ihre tänzerische Einfachheit und Strenge bekommt dann etwas Sektiererisches und Pathetisches. Der Tanz lebt und atmet nicht mehr.“
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Kritik zu: Stress
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Adrian Figuero führte Gespräche mit jungen Straftätern: über ihre Biographie, ihre Träume, ihre Wut und ihre Ohnmacht.
Gemeinsam mit dem Dramaturgen Tunçay Kulaoğlu kompilierte er daraus eine Textfläche, die seine vier Performer sprechen: Nyamamdi Adrian (der Jérôme aus „Peng Peng Boateng“ im Heimathafen Neukölln), Lukas Steltner, Hasan Taşgın und Paul Wollin (bekannt aus den Gorki-Inszenierungen „Fallen“ und „Verrücktes Blut“).
Abwechselnd sprechen sie die Interview-Passagen der Häftlinge, die nie klar einer Person zuzuordnen sind, sondern als diffuser, vielstimmiger Chor von Leidensgenossen wirken. Manche sind bis heute voller Stolz auf ihre Taten. Sie fühlen sich als „echte Männer“, die sich in einer Gesellschaft, die ihnen wenig Chancen bot, nicht zum „Opfer“ machen ließen, sondern zur Wehr setzten. Aus ihrer Sicht nahmen sie sich einfach, was ihnen zustand. Denn wie kann es sein, dass die alleinerziehende Mutter aus Neukölln sich und ihre Kinder mit Putz- und anderen Minijobs über Wasser halten muss, während der Koks-Dealer seine Villa in Eberswalde hat, fragt eine Stimme.
Der Abend war ursprünglich als Mix aus Tanz und Theater angelegt. Die Momente, in denen die Regie die vier Jungs etwas von der Leine und in Aktion kommen lässt, lassen erahnen, was für ein kraftvoller, mitreißender Abend dieses Stück hätte werden können.
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Kritik zu: Fever Room
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Langsam fährt eine zweite Leinwand hoch. Der Abend kommt aber immer noch nicht in Fahrt. Wir erleben lange Flussfahrten über den Mekong und Aufnahmen von südostasiatischem Meeresrauschen: die ideale Meditation für Leute, die unter Schlaflosigkeit leiden und die verdienstvolle Reihe „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“ vermissen, die früher vor dem ARD-Morgenmagazin als Einschlafhilfe diente.
Erst nach knapp 50 Minuten wird klar, warum „Fever Room“ eine große Bühne oder zumindest einen Museums-Raum braucht und in einem Programmkino falsch aufgehoben wäre. Die Technik der Volksbühne kommt zum Großeinsatz und lässt wie am Eröffnungsabend „Beckett/Sehgal“ ihre Muskeln spielen. Mit Lichteffekten lässt Weerasethakul einen großen Tunnel entstehen, der das Höhlenmotiv, das zuvor über die Leinwand flimmerte, aufgreift.
„Die Mittel von Großraumdisko und Stadionkonzert“, die hier mit klassischer Überwältigungsgeste aufgefahren werden, sind zwar altbekannt, wie Matthias Dell auf SPIEGEL Online anlässlich der deutschsprachigen „Fever Room“-Erstaufführung beim Steirischen Herbst 2016 anmerkte. Aber diese Lichtinstallation hat zweifellos ihren Reiz. Ein Schlund im Hintergrund der Bühne scheint alles in sich aufzusaugen und zu verschlingen. Weerasethakul spielt meisterhaft mit Farbschattierungen und Raumwirkung.

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3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
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Kritiken: 781
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