Kritik zu: Die Mutter
Hier und da schob die Regisseurin aktuelle Texte aus der postmarxistischen Theorie über Ausbeutung in der digitalen Uber- und Deliveroo-Ökonomie oder Queerfeminismus im Neoliberalismus ein. Peter Moltzen darf in einem längeren Impro-Solo in der zweiten Hälfte in ein Ketchup-Tuben-Kostüm schlüpfen und viel Quatsch machen, der mit dem Rest des Abends kaum etwas zu tun hat. Und auch die dreiköpfige Live-Band um Manuel Poppe bekam einige Freiheiten, die Musik von Hanns Eisler etwas poppiger zu arrangieren als sie aus dem Original bekannt ist. Auch die erwähnte Drag Queen fügt sich auf High Heels recht homogen in das Ensemble ein.

Im Kern bekommt das Publikum deshalb an diesem Abend, der anders als angekündigt etwas länger als zwei Stunden dauerte, dann doch den guten alten Brecht und seine Fabel von der Proletarierin Pelagea Wlassowa geboten, die unter dem Druck der Verhältnisse zur überzeugten Revolutionärin wird. Die Hauptrolle übernimmt über weite Strecken des Abends mit Constanze Becker eines der Aushängeschilder des Berliner Ensembles. Erst in den letzten Szenen schlüpft ihre ältere Kollegin Josefin Platt, die bis dahin kleinere Auftritte als Kommissar und Lehrer hatte, in die Titelrolle. Dieser plötzliche Wechsel wirkt etwas unmotiviert.

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Kathrin Angerer schaltet nach der ungeplanten Action-Sequenz mit Polizei und sogenannten Querdenkern erst mal demonstrativ einige Gänge zurück und gönnt sich zu „Without me“ von Eminem ein Fußbad. Im Plauderton spielt sie sich dabei mit Martin Wuttke die Bälle zu. Die beiden Theater-Stars sind wichtige Pfeiler in Polleschs künstlerischem Team. Er betonte in zahlreichen Interviews immer wieder, dass sie mehr als glamouröse Ensemble-Mitglieder sind, bei seinem bekannt inklusiven Arbeitsstil haben sie eher die Rolle von Ko-Intendant*innen. In lockerem Prolog-Geplänkel führen sie mit Kartentricks und Akrobatik in die Welt des Zirkus als Leitmotiv dieser Eröffnungswoche ein.

Angerer und Wuttke tänzeln auch in den folgenden 90 Minuten spielerisch durch den Abend und machen es sich auf Camping-Stühlen gemütlich. Sie machen einfach, was sie immer machen: verbales Ping-Pong, etwas Slapstick und munter durcheinander gewirbelte Diskursschnipsel, die diesmal besonders häufig auf den russischen Dichter Leo Tolstoi rekurrieren. Diesen unverkennbaren Pollesch/Angerer/Wuttke-Sound hat man so schon zig-mal gehört. Die Fans jubeln dennoch dankbar, vor allem aus einem Grund: Diese Premiere ist die Rückkehr und Wieder-In-Besitz-Nahme des Stammhauses am Rosa-Luxemburg-Platz, aus dem Pollesch und Co. 2017 von Tim Renner und Chris Dercon vertrieben wurden.

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Kritik zu: Humans
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Der Titel „Humans“ wirkt zwar auf den ersten Blick beliebig. Umso eindrucksvoller sind aber die einzelnen Nummern dieser 70minütigen Revue, die in loser Folge ohne Pause präsentiert werden. Kleine Soli und Duette wechseln sich mit Gruppen-Pyramiden, in denen einzelne Tänzer die Last eines ganzen Knäuels von Kolleginnen und Kollegen bewältigen und tatsächlich die Grenzen menschlicher Belastbarkeit austesten. So verstanden, ergibt der Titel „Humans“ durchaus Sinn.

„Humans“ ist eine extrem körperliche und athletische Leistungsschau, in dem Circa demonstrieren, warum sie zu den erfolgreichsten Gruppen in ihrem Bereich des zeitgenössischen Zirkus zählen.

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