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Ein Klassenzimmer wie überall in Deutschland, unbequeme, zerkratzte Holztische mit Ausrichtung auf das Herbstprojekt. Liebevoll wurde aus Kastanien und bunten Blättern eine große Herbstauslage gebastelt. Drumherum versammeln sich fünf festentschlossene Eltern. Man ist nicht zum Spaß hier: Frau Müller muss weg! Die fünf ganz unterschiedlichen Frauen und Männer haben eins gemeinsam: ein Kind, dessen Noten voraussichtlich nicht sonderlich gut sein werden und dessen Übergang ins Gymnasium gefährdet ist. Die Möglichkeit der Integrierten Sekundarstufe (oh Schreck!) hängt wie ein Damoklesschwert über den besorgten Erziehungsberechtigten. Jessica (Katja Hiller, wie immer grandios) hat sich zur Rädelsführerin erklärt. Die coole Geschäftsfrau ist sich der Probleme ihrer rebellischen Tochter mehr als bewusst, sie trägt da keine rosarote Brille. Das soll aber kein Hindernis für ihren missratenen Sprößling (Orginalton Jessica) sein, aufs Gymnasium zu gehen. Marina und Patrick Jeskow (Nina Reithmeier, Roland Wolf) sind neu in Berlin, ihr Sohn ist ein ganzheitlich aufwachsendes Engelchen, das im feindlichen Umfeld der neuen Klasse nicht richtig wachsen und sich entfalten kann, der arme Kleine. Wolfs Tochter wird von ihrem Vater (René Schubert) erbarmungslos in Richtung Schulerfolg gepeitscht, allerdings ist es natürlich Frau Müllers Schuld, dass sich das arme Kind vor Schule und Misserfolg fürchtet. Der cholerische Papa will schließlich nur das Beste für seine Kleine! Und dann ist da noch Katja (Esther Agricola), deren Sohn der Klassenprimus ist, aber der Solidarität wegen ist sie an diesem Abend ebenfalls angetreten, um Frau Müller aus ihrem Job zu kicken. Sie hat für dieses Anliegen allerdings als einzige auch ein Strauß Blümchen dabei.
Nachdem der Kampfplan fertig ist, kommt sie auch schon, die Schuldige. Frau Müller (Regine Seidler) ist überrascht von dem einberufenen Elternabend und blickt den versammelten Eltern arglos-verwirrt entgegen. Auf den freundlich formulierten Rauswurf mit Blumenstrauß reagiert sie zunächst überrascht und ruhig, mit den Vorwürfen und Anschuldigungen wächst aber ihr Unmut und schließlich auch ihre Wut. Auf die versammelte Elternschar warten einige unschöne Wahrheiten und am Ende des Abends kommt alles ganz anders, als es die Kämpfer für die vermeintliche Gerechtigkeit erwartet und erhofft hatten.
Spitzzüngige und scharfäugig beobachtete Komödie der Eitelkeiten, in denen sich die Gemüter an Abschlusszeugnissen, Bastelprojekten und Gesprächsrunden erhitzen. Prenzlbergeltern, Erklärbären, rasende Helikopterpiloten, Karrierefrauen und immer wieder eins: Noten, Noten, Noten! Dabei zerfleischt sich das Ehepaar Jeskow genüsslich gegenseitig, Geschäftsfrau Jessica will die Sache schnell und einfach wie eine feindliche Übernahme abarbeiten und schießt dabei gerne auf Feinde wie auf Verbündete. Wolf sieht vor allem sich selbst, Ossi, arbeitslos, zurückgelassen, als Opfer und seine Tochter gleich mit. Umso wütender macht ihn Lehrerin Müller. Und Katja, stolze Strebermama, flattert wie ein Fähnchen im Wind von Meinung zu Meinung.
Jeder Schauspieler, jede Schauspielerin passt perfekt in seine, ihre Rolle, allen voran Katja Hiller als zackig-scharfe Kostümchenträgerin, die ihre missratene Schlägertochter mit allen Mitteln durchboxen will. Auch das Ehepaar Jeskow wird so lebensecht und gut beobachtet dargestellt, dass es beinahe schmerzhaft ist, ihnen zuzusehen. Wutbürger Wolf ist genauso aus dem Leben gegriffen und zielsicher dargestellt wie die sanfte Opportunistin Katja.
Hochamüsant! Böse. Fies. Schlau. Witzig!
©Nicole Haarhoff - www.berlineransichtssachen.com
Kritik zu: Bette & Joan
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Ein schwieriger Film, ein geradezu grotesker Film: What ever happened to Baby Jane? Der 1962 von Robert Aldrich gedrehte Thriller handelt von den Schwestern Jane und Blanche. Während Jane als Kinderstar Erfolge feiert, steigt Blanche erst in älteren Jahren zum großen Filmstar auf, ihre Schwester dagegen verschwindet sang- und klanglos aus dem Rampenlicht. Auf dem Zenit ihres Erfolges hat Blanche dann aber einen furchtbaren Autounfall und ist danach an einen Rollstuhl gefesselt. Die beiden Schwestern leben, Jahre später, vom Schicksal ungewollt aneinander gebunden, zurückgezogen in einer Hollywood-Villa. Beide zehren von vergangenem Ruhm, von verlorenem Glanz. Jane ist mittlerweile Alkoholikerin und lebt größtenteils in einer Traumwelt. Als sie immer mehr den Bezug zur Realität zu verlieren droht, versucht Blanche Hilfe zu alarmieren und Jane einweisen zu lassen. Doch, hilflos an den Rollstuhl gefesselt und ihrer Schwester ausgeliefert, kann sie kaum etwas tun. Und Jane rächt sich für jedes Aufbegehren mit immer grausigeren Strafen. Für Blanche scheint es keinen Ausweg zu geben und die Schwestern trudeln unausweichlich auf einen Abgrund zu, vor dem es kein Entrinnen gibt – vielleicht für keine von ihnen.
1962 – die Glanzzeit des Kinofilms ist vorbei, der Aufstieg des Fernsehens beginnt. Hollywood befindet sich mitten in einem heftigen Umbruch. Für seinen Film What ever happened to Baby Jane? kann Regisseur Aldrich die Hollywooddiva Joan Crawford gewinnen, die sich zu diesem Zeitpunkt schon weitestgehend aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hatte. Nach ihrer Hochzeit mit Pepsi-Mogul Alfred Steele widmete sie sich vor allem der Werbung für diesen Konzern. Crawford gelingt es wiederum, Bette Davies zu überzeugen. Die beiden Sterne der goldenen Filmära sind mittlerweile am verglühen. Die Frauen, denen schon lange eine böse Rivalität von der Presse angedichtet wurde, kämpfen beide auf ihre Art damit, unsanft vom Thron gestoßen worden zu sein.
Im Theater am Kudamm wird nun in Bette & Joan erzählt, wie diese beiden großen Diven aufeinandertreffen. Bei den Dreharbeiten zu diesem Thriller, sie spielen Schwestern die einander hassen und fürchten und doch nicht loslassen können. Man sagte, sie wären auch im wahren Leben Feindinnen gewesen, aber waren sie das wirklich? Waren sie nicht eher Leidensgenossinnen? Kämpferinnen für ihre Rechte, in einer männerdominierten Welt? Starke, unnachgiebige Persönlichkeiten, die sich, jede auf ihre Art, bis nach ganz oben gearbeitet hatten? Bei einem Blick in ihre Garderoben am Set von What ever happened to Baby Jane? können wir zuschauen, wie zwei große Egos aufeinander prallen.
Manon Straché spielt Bette Davies, die wiederum Jane spielt. Joan Crawford, die im Film die an den Rollstuhl gefesselte Blanche darstellt, wird am Kudamm von Désirée Nick gespielt. Ich bin ziemlich sicher, besser hätte man die beiden Grand Dames gar nicht besetzen können. Die Nick geht ganz auf in ihrer Rolle der dem Alkohol recht zugetanen Crawford, die geradezu besessen von ihrem Äußeren ist. Und die Straché brilliert als kühl-intelligente, niemals um eine Spitzfindigkeit verlegene Bette Davies. Ein Kampf der Titanen, ein spannend anzusehenes Theater-Biografie um zwei der schillernsten Gestalten Hollywoods, die doch auch einfach Frauen waren, mit Liebes- und Familienproblemen, mit Geldsorgen und immer mit einem bangen Auge auf den Presseartikeln.
Ein kleines Stück Hollywoodgeschichte bei uns am Kurfürstendamm.

©Nicole Haarhoff - www.berlineransichtssachen.com
Kritik zu: Das Heimatkleid
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Kirsten Fuchs ist mit Mädchenmeute (Deutscher Jugendliteraturpreis 2016) ein großer Wurf gelungen, ein Buch, das den Ton der Jugend ganz genau trifft und authentisch und spannend wiedergibt. Und total nett und sympathisch ist Frau Fuchs auch noch, bei einer Lesung in unserer kleinen Kinderbuchhandlung durfte ich sie nämlich sogar schon kennenlernen. Kein Wunder also, dass ich mich sehr auf ihr Stück Heimatkleid gefreut habe. Ein Besuch im Grips Theater lohnt sich ja sowieso immer und Katja Hiller ist ein Garant für einen tollen Theaterabend. Ich war mir also bereits im Vorfeld zu 100 % sicher, dass es ein voller Erfolg werden würde und meine Erwartungen wurden erfüllt.
Claire ist eine hübsche, quirlige junge Frau. Sie hat gerade beinahe das komplette Leben ihrer kleinen Schwester Luise übernommen, die für ein Jahr in die USA geht: Wohnung, Hund, sogar Luises Fashionblog soll sie in diesem Jahr übernehmen. Die Schwester hat auch eine ausführliche Gebrauchsanweisung für ihr Leben hinterlassen und einen Karton. Im Karton: Das Heimatkleid – ein Kleid vom Label Heimatkleid, das Claire tragen soll, wenn sie dessen Gründerin trifft und interviewt. Claire hat noch niemals ein Interview geführt und ist entsprechend nervös, aber das Kleid ist hübsch und Gesprächspartnerin Claudia Kappelt nett und zuvorkommend. Sie zeigt und erklärt der jungen Bloggerin ihr Unternehmen und alles klingt gut für Claire: Rohstoffe aus Deutschland, ausschließlich in Deutschland hergestellt, das klingt doch toll. Nachhaltig. Ökologisch! Und sieht auch noch gut aus! Aber noch während des Gesprächs beginnt draußen eine wütende Meute immer lauter „Nazis raus“ zu skandieren. Farbbeutel werden an die Fenster geworfen. Claire ist entsetzt. Warum wird Frau Kappelt als Nazi bezeichnet?
Zurück im Haus ihrer Schwester gehen die Probleme weiter: Ihr attraktiver Nachbar Tom, ein freundlicher, hilfsbereiter Mann, der in seiner Freizeit mit Kindern Basketball trainiert, hat einiges zu sagen, wenn es um diese Partei geht. Diese Partei, die für etwas steht, mit dem Claire nichts zu tun haben möchte. Aber einiges von dem was Tom sagt, das stimmt doch. Und er ist doch so nett, oder? Aber wenn es um den anderen Neuen im Haus geht, den, von dem bisher kaum mehr als der fremdländische Name bekannt ist, dann erscheint Tom plötzlich gar nicht mehr so nett. Eher im Gegenteil…
Katja Hiller spielt die fragende, suchende Claire ganz wunderbar. Mal ein wenig planlos, mal jugendlich sprunghaft, aber dann doch wieder nachdenklich. Obwohl sie ganz allein auf der Bühne steht, mit ihr nur ein überlebensgroßes Bild von „Flocke“, das mal hübsches Haustier und mal bösartiger Jäger ist, füllt sie den ganzen Raum. Ein schlaues, ein spannendes und ein wichtiges Stück, voller Fragen und Aussagen, die uns gerade alle beschäftigen. Die AfD ist vielerorts zweit- oder drittstärkste Kraft geworden… wann ist ein Nazi ein Nazi? Was sollte man eigentlich „doch mal sagen dürfen“? Dieses Stück mit einer Schauspielerin und einem Musiker (Johannes Gehlmann) hat eine unvergleichliche Wucht und ist brandaktuell! Unbedingt anschauen! Unbedingt!
©Nicole Haarhoff - www.berlineransichtssachen.com

 

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