Kritik zu: Sayonara Tokyo
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Da hat das Wintergarten Varieté sich wieder einmal selbst übertroffen. Und hat den absoluten Varieté Sommerhit gelandet! Selbst als abgebrühtester Kulturfreak von Berlin, wenn man schon alles mögliche und unmögliche gesehen hat, kann man eben trotzdem immernoch überrascht werden!
Bei der neusten Showsensation im Wintergarten ist alles anders, das merkt man schon, wenn man den Saal betritt. Da wurden keine Kosten und Mühen gescheut, um den traditionsreichen Theatersaal mit dem glitzernden Sternenhimmel in eine quietschbunte mangaeske Märchenwelt aus Drachen, Tempeln und Nintendo zu verwandeln. Und die reizenden Servicedamen sind in traditionelle Kimonos gewandet und servieren  (natürlich) Sushi und andere japanisch inspirierte Speisen. Man fühlt sich als Gast also prompt in den fernen Osten verpflanzt und kann mit Leib und Seele hineintauchen, in die Japan Varieté Show „Sayonara Tokyo“. Die drei Sängerinnen Yuri Yoshimura (Japan), Gina Marie Hudson (USA) und Jacqueline Macaulay (Deutschland) stolpern mit den Zuschauern gemeinsam mitten in eine schrille Tour durch das moderne Japan. Es gibt Sake und Reis in einer kleinen Garküche und der „Kellner“ Senmaru jongliert derweil mit echten Keramikteekannen auf einem dünnen Stab.
Arisa Meguro verbiegt sich für uns graziös auf dem Boden und an den Strapaten, Naoto spielt so rasend schnell mit seinem Jojo, dass man mit den Augen kaum folgen kann und die Tokyo Jumpz springen derart artistisch Springseil, wie man das früher auf dem Schulhof wohl kaum hinbekommen hätte. Alles fließt mit den Gesangseinlagen der drei Damen, die immer das Thema Japan haben (wer hätte gedacht, dass es so viele Songs mit und um Japan gibt) zusammen in ein rasantes, witziges und farbenfrohes Bild, als wäre das Tokyoter Vergnügungsviertel Shibuya plötzlich mitten in Berlin neu entstanden. Lebensgroße Winkekatzen und Pokémon trudeln ebenso auf die Bühne wie Mädels in schrillen Lolitaoutfits. Und als ganz besonderer Stargast  kommt dann auch noch Takeo Ischi dazu, ein japanischer Jodler! Wem das jetzt langsam zu merkwürdig wird, dem kann ich nur sagen, es passt! Es passt alles absolut perfekt zusammen und ergänzt sich ganz hervorragend! Niemand braucht Angst zu haben, plötzlich im Musikantenstadl zu sitzen. Stattdessen bekommt man ein schrillbuntes Gesamtabbild des modernen Japan zu sehen, mit allen möglichen Klischees und liebenswerten Besonderheiten. Hauptaugenmerk liegt dabei in dieser Show nicht auf der Artistik, sondern bei Musik und Gesang, sowie bei der Ausstattung. Denn die Kostüme und die Bühnenausstattung sind sicher ein wahrer Traum für alle Beteiligten! Wer also Lust hat, mal etwas ganz anderes zu sehen und zu erleben, weit ab der üblichen Shows, einen Kurztrip nach Japan zu unternehmen sozusagen, dem kann ich die nagelneue Show im Wintergarten nur ans Herz legen! Allein das Drumherum, die liebevolle, verschwenderische Deko in allen Räumen des Hauses  und die passend arrangierte Speisekarte machen den Besuch der Show schon zu etwas ganz Besonderem.  Dazu die ungewöhnliche, meisterhaft vorgetragene Musik (Jodeln ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber eindeutig eine Kunst für sich!) und die wunderbaren Kostüme!
Die Tanzgruppe, bestehend aus Annakanako Mohri, Keiko Morijama, Yoriko Maeno und Yuri Shimaoka, zeigt modernen Tanz, schlägt aber auch eine Brücke in die Vergangenheit, wenn eine Tänzerin in langherabfallendem Kimono und unter einem filigranen Sonnenschirm lustwandelnd sich plötzlich in eine schicke Japanerin des Jahres 2017 verwandelt.
Insgesamt war ich unheimlich beeindruckt von der schieren Fantasie und Vorstellungskraft der Macher von „Sayonara Tokyo“. Sie haben es geschafft, eine vollkommen neue Welt auf der Bühne zu schaffen, aus Kostümen, Deko, Gesang, Musik und Artistik und nehmen den Zuschauer mit auf eine bunte Kitschreise, wobei ich Kitsch als Kompliment meine!
©Nicole Haarhoff
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Das Stück beginnt mit ein wenig Verwirrung. Eine elegant gekleidete junge Frau betritt den Raum als letzte und fragt die Zuschauer immer wieder nach dem Ende der Schlange der Wartenden. Und die Theatergäste versuchen eifrig zusammenzurücken, in der Annahme, dies sei eine verspätete Besucherin auf der Suche nach einem Sitzplatz! Erst nach einigen Momenten wird dann klar, dass es sich um das kunstseidene Mädchen (Antonia Bill) handelt. Sie ist zu einem Vorsprechen da. Dass bereits so viele warten, nimmt ihr allerdings ein wenig den Mut. Grummelnd bahnt sie sich einen Weg ganz nach vorn. Während des Wartens erzählt sie ein wenig. Von der Kleinstadt. Von den Eltern. Von der Schauspielschule. Dort ist sie irgendwie hinein geraten, eher durch Zufall. Vielleicht auch durch Lügen. Und vielleicht auch, weil sie eine Konkurrentin im Klo einsperrte. Ihre Wortwahl ist spitz, manchmal beinahe poetisch, dann wieder grob. Sie ist träumerisch, sie ist kokett, sie ist naiv, aber auch zielorientiert, wenn es um Pelze und Juwelen geht.
Sie möchte ein Glanz werden. Ein Glanz wie aus den Magazinen, eine Marlene Dietrich, eine Anita Berber, eine Angelina Jolie! Arbeiten möchte sie dagegen nicht. Auf keinen Fall! Etwas schlimmeres kann sie sich kaum vorstellen. Sie flieht aus der Provinz, mit einem gestohlenen Pelzmantel, Richtung Berlin. Berlin erscheint so pracht- und glanzvoll, so schnell, so wunderschön. Und weil sie jung ist und hübsch, findet sie dort auch Aufmerksamkeit. Die Männer sind ihr oft zuwider. Sie versteht ihre Handlungsweisen und ihre Gedanken oft nicht, versteht es dennoch, sie zu manipulieren. Urteilt sie dafür wiederum brutal ab. Verliebt sich dann aber doch, ganz gegen ihren Willen, in einen von ihnen, der sie nicht zurück liebt.
Antonia Bill lebt und atmet die Doris, das kunstseidene Mädchen. Sie flirtet, sie kokettiert, sie träumt und leidet und weint voller Inbrunst. Wenn sie sich unglücklich verliebt und schließlich ganz allein auf der Straße steht, dann möchte man am liebsten mit ihr weinen und sie fest in den Arm nehmen. Sie ist eine richtige Naturgewalt und hat das Publikum ganz fest in ihrem Griff. Eine grandiose Ein-Frau-Show! Das kunstseidene Mädchen ist bei ihr niemals unsympathisch, immer großäugig-verblüfft, aber schlauer als sie zugeben will. Sie sieht die Welt auf ihre ganz eigene Art und kommt doch nicht umhin, nach den Regeln anderer zu spielen. Das Stück wird wunderbar abgerundet durch die Lieder von Carsten Golbeck, Rainer Bielfeldt begleitet auf dem Klavier.
©Nicole Haarhoff - www.berlineransichtssachen.com
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Vor wenigen Tagen jährte sich Whitney Houstons Tod bereits zum fünften Mal. Die Ausnahmesängerin wurde nur 49 Jahre alt. Drogen und die falschen Männer waren es, die ihr Leben so früh beendeten. Ich musste unwillkürlich an sie denken, als ich am Sonntag „Blue Moon“ im Renaissance Theater sah, denn es gibt einige Parallelen zwischen den Biografien der beiden Diven.
Billie Holiday, auch heute noch weltweit bekannt als eine der größten Jazzsängerinnen aller Zeiten, war erst 44 Jahre alt als sie 1959 in New York starb. Auch bei ihr waren es die Drogen und eine furchtbare Beziehung nach der anderen, die ihr Leben zu früh beendeten. Dabei hatte sie sich mit einem Rückgrat aus Stahl aus den schlimmsten vorstellbaren Verhältnissen so weit nach oben gearbeitet. Bis in die Carnegie Hall. Für eine schwarze Frau zu der damaligen Zeit ein Novum! Aber auch wenn sie in Seide und Pelz gehüllt in den exklusiven New Yorker Clubs sang, so ließ man sie doch nie vergessen, dass sie eine schwarze Frau war. Sie durfte nur durch die Hintereingänge gehen, im Lastenaufzug fahren und auf Tournee war es oft schwer, ein Hotel zu finden, das auch Schwarze erlaubte. Manchmal schwärzte man ihr Gesicht extra noch nach, weil sie den weißen Zuschauern nicht schwarz genug erschien.
Im Renaissance Theater spielt Sona MacDonald die Billie Holiday in den ersten Minuten mit schwarz angemaltem Gesicht, um daran zu erinnern. Blackfacing schreit die Kritik, aber ich finde es hier sehr passend. Überhaupt haben Torsten Fischer (Regie) und Herbert Schäfer (Ausstattung) die perfekte Balance gefunden, zwischen Liedern und Geschichte, zwischen Biografie einer großen Künstlerin und Einblicke in das Zeitgeschehen. Nikolaus Okonkwo ist der Erzähler ihrer Geschichte und manchmal auch einer ihrer Männer. Er reicht ihr ihren Alkohol und hilft ihr auf dem Gipfel ihrer Sucht auch mal auf und von der Bühne. Aber ansonsten lebt und atmet das Stück durch die brillante Sona MacDonald, die mit ihrer atemberaubenden Gänsehautstimme berührt und den Aufstieg und Fall der Jazzsängerin grandios darstellt. Sehr sehens- und vor allem sehr hörenswert!
Sona MacDonald wurde, vollkommen verdient, für ihre Darstellung der Holiday mit dem NESTROY-Award geehrt.
©Nicole Haarhoff - www.berlineransichtssachen.com

 

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