Kritik zu: Welcome to Hell
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Vor gar nicht allzu langer Zeit hat mich die Neuköllner Oper bereits einmal überrascht, mit "Stella", einer Musicalbiografie über Stella Goldschlag, einer berüchtigten Jüdin, die einst als Greiferin für die Gestapo unzählige Glaubensgenossen aus ihren Verstecken lockte und in den sicheren Tod übergab. Ein solches Leben als Musical zu erzählen erscheint geradezu unmöglich, aber doch haben Peter Lund (Texte) und Wolfgang Böhmer (Musik) es geschafft. Also war ich voller Enthusiasmus was ein anderes schwieriges Thema betrifft: den desaströsen G20 Gipfel 2017, der mitten in Hamburg stattfand!
G20 Protestwelle
Desaster mit Ankündigung: Welcome to Hell. Sommer in Hamburg. Die junge Bloggerin Sabine (Mira Keller) berichtet für ihre 400 000 Follower aus einer besetzten Stadt: Heerscharen von Polizisten und Demonstranten aus allen Windrichtungen sind in die Stadt eingefallen, um den Gipfel zu beschützen oder dagegen zu protestieren. Wohnungen im Schanzenviertel werden ohne Durchsuchungsbefehl durchsucht, der Verkehr ist lahmgelegt, die Hamburger sind sauer. Warum dieses Treffen der Politikgiganten wie eine Kampfansage neben der Roten Flora mitten in einer Millionenstadt stattfinden lassen?
Hard Cornern
Supermarktkassiererin Krissy (Andrea Wesenberg) würde G20 am Hintern vorbeigehen, würde der Laden sich nicht direkt in der Einflugschneide befinden, sie hat ganz andere Sorgen. Ihre Freundin Frieda (Lucille-Mareen Mayr) ist zwar politisch interessiert, aber strikt pazifistisch, im Gegensatz zu ihrem Freund Andi (Mathias Reiser), der aus gutem Haus und mit genug monatlichem Taschengeld ausgestattet ist, aber auch mit sehr viel Wut im Bauch.
Lieber tanz ich als G20!
Zeitgleich macht sich Polizist Stefan (Alexander Auler) fertig für seine Schicht. Er wurde bereits einmal bei gewalttätigen Ausschreitungen verletzt und sieht dem Gipfel mit gemischten Gefühlen entgegen. Seine Freundin Lily (Katia Bischoff), eine Medizinstudentin, möchte er auf keinen Fall bei einer der vielen Kundgebungen und Demos sehen, auch nicht, wenn es sich "nur" um ein Tanzfest handelt. Er ist sich nur allzu bewusst, das einige seiner Kollegen geradezu nach Randale lechzen und danach, es den Autonomen mal so richtig zu zeigen. Hoch im Norden macht sich unterdessen die naive Schülerin Mina (Tae-Eun Hyun) in Muttis Auto auf nach Hamburg, denn schließlich sind dort alle gerade alle coolen Kids!
1000 Gestalten
Journalistin Kata (Anastastia Troska) versucht währenddessen über den Gipfel und die Proteste zu berichten, sexistische Interviewpartner und willkürlich entzogene Presseakkreditierungen machen ihr dabei allerdings die Arbeit nicht leichter. Sie folgt dem ätzenden französischen Referenten Henry (Loïc Damien) ins Rotlichtviertel, wo sie auf Jesus (Pablo Martinez) treffen, den Stricher mit den sexy Beinen... äh, dem guten Herz und auf Möchtegern-Zuhälter Ricky (Didier Borel). Ob sie es wollen oder nicht - der Gipfel bringt all diese so unterschiedlichen Menschen zusammen, lässt ihre Leben, ihre Liebe, ihre Träume und Erwartungen aufeinander prallen, sich ineinander verhaken und schmerzhaft daran reißen. Beziehungen formen sich...
Welcome to Hell
...und Beziehungen enden, als schließlich Barrikaden und Autos brennen, Läden geplündert und Menschen verletzt werden. Egal ob Kassiererin oder Journalistin, am Ende hat sich für alle alles verändert. Und als Zuschauerin sitzt man mit offenem Mund da, nach beinahe drei Stunden atemlosen Staunen. Was die jungen UdK-Studenten da auf die Bühne bringen ist wirklich unglaublich, tolle Songs, grandiose, schweißtreibende Tanzszenen und trotz des schwierigen Themas bleibt das Musical ehrlich, witzig und bodenständig, mit Figuren, mit denen man sich identifizieren kann! Ob die herausragende Tanzkunst von Pedro Gonzales (Jesus), die anrührend gespielte zarte Liebesgeschichte zwischen Krissy und Andi (Andrea Wesenberg und Mathias Reiser), das explosive Coming Out von Missionar Friedrich (Nikko Forteza Rumpf) oder die gesungene Integration von Mina und Lily... es gibt so viele Highlights, so viele Schlüsselmomente, so viel zum lachen, zum sich-wundern oder drüber-nachdenken! Es gibt Liebe in allen Formen und Farben, Gewalt, Sexismus, Feminismus, Religion, Rassismus... ach ja, und den G20 Gipfel auch noch!
Unbedingt anschauen! So muss Musical heute sein.
Musik: Peter Michael von der Nahmer | Regie / Text: Peter Lund | Musikalische Leitung / Einstudierung: Hans-Peter Kirchberg, Tobias
Bartholmeß | Choreographie: Neva Howard | Ausstattung: Zoe Agathos
2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Ich glaube, über die Geschichte muss ich nicht mehr viel erzählen. Wer kennt sie nicht, die berühmte Erzählung über die kleine Dorothy, die irgendwo in den weiten Feldern von Kansas bei Onkel und Tante aufwächst. Und die eines schönen Tages mitsamt ihrem kleinen Hündchen Toto von einem Wirbelsturm ergriffen und mit dem kompletten Farmhauses einfach davongetragen wird! Sie wirbeln, sie kreisen, sie krachen mit dem Giebeldach voran zurück auf die Erde. Und während sich Dorothy noch freut, dass es Toto und ihr gut geht, da stürzen schon die Leute der Umgebung heran, aufgeregt rufend und deutend! Denn: Das Haus erwischte bei seinem Aufprall die böse Hexe!
Hexe? Welche Hexe, fragt sich die kleine Dorothy. Nun, die böse Hexe des Westens, denn schon bald wird klar, Dorothy und Toto sind nicht mehr in Kansas! Und so geraten sie in ein wildes Abenteuer, auf der Suche nach dem Weg nach Hause, treffen sie eine dumme Vogelscheuche, einen rostigen Blechmann ohne Herz und einen feigen Löwen. Gemeinsam ziehen sie los, zum großen Zauberer von Oz, der ihnen allen mit ihren Problemen und Wünschen helfen soll.
Nach Pinocchio und Die Schneekönigin ist Der Zauberer von Oz bereits das dritte Werk aus der Feder des italienischen Komponisten Pierangelo Valtinonis, das an der Komischen Oper Berlin gezeigt wird. Für alle großen und kleinen Kinder von 6 bis 106 Jahren ist die farbenprächtige und fantasievolle Geschichte von Lyman Frank Baum mit schwungvoller Musik unterlegt worden, die die Helden durch die schrillen Lande bis in die (Sonntags geschlossene) Smaragdstadt bringt! Die Bühnengestaltung ist dabei ein echter Hingucker, genau wie die Einwohner des fantastischen Landes Oz! Die Kostüme sind prächtig, genau wie die, abwechslungsreiche und doch einfache Bühnendeko, mit der wir von Kansas mit seinen wogenden Feldern aus in ein fernes Land reisen. Die Kinder im Publikum sind auf jeden Fall voll bei der Sache und immer bereit, Dorothy auf böse Überraschungen hinzuweisen oder über die Kaspereien der Vogelscheuche zu lachen! Heimlicher Star ist natürlich Toto, wenn der kleine Hund auf die Bühne springt, dann geht ein begeisterter Aufschrei durchs junge Publikum!
Dorothy - Alma Sadé, Die Vogelscheuche - Christoph Späth, Der Blechmann - Tom Erik Lie, Der feige Löwe - Carsten Sabrowski, Die gute Hexe des Nordens/Die gute Hexe des Südens/Die Königin der Feldmäuse/Glinda - Mirka Wagner, Die böse Hexe des Westens - Christiane Oertel, Der Zauberer von Oz / Der Wächter des Tores - Karsten Küsters
 
Farbenprächtiger Opernspaß für die ganze Familie! Lustig und rasant, aber auch eine schöne Geschichte über Freundschaft, Mut und darüber, zu sich selbst zu stehen.
Kritik zu: Anatevka
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Ein kleiner Ort namens Anatevka, irgendwann und irgendwo in den Weiten Russlands. Am Rande des Dorfes befindet sich eine kleine jüdische Siedlung, in der vor allem eines wichtig ist: Tradition! Tradition! Die Frauen, sie putzen, sie kochen, sie backen, sie kümmern sich um die Kinder. Und die Männer, sie sind die Herren des Hauses, sie arbeiten, ernähren ihre Familie und wenn die Zeit gekommen ist, dann entscheiden sie, die Papas, wer wen wann heiratet, ganz genau so, wie es schon immer war! Tradition!
Tevje (Max Hopp) lebt in Anatevka, er ist der ansässige Milchmann und er ist zwar nicht mit Geld oder Hab und Gut gesegnet, dafür aber mit fünf hübschen Töchtern. Und da für die älteste Tochter nun die Zeit herangekommen ist, dass sie heiraten soll, hat Tevjes Ehefrau Golde (Dagmar Manzel) schon die Heiratsvermittlerin Jente (Barbara Spitz) auf den Fall angesetzt. Gut soll er sein, der potentielle Ehemann. Und mit einem schönen Geldpolster ausgestattet, das der ganzen Familie zu Gute kommen soll. So wie der Metzger zum Beispiel. Tevje mag ihn zwar nicht und recht alt ist er auch, aber wohlsituiert ist er nun einmal, das ist nicht zu leugnen. Tevje stimmt also zu. Nur hat er die Rechnung ohne seine Tochter Zeitel (Talya Lieberman) gemacht. Traditionen hin oder her, Zeitel ist schon seit ewigen Zeiten in den armen Schneider Mottel (Johannes Dunz) verliebt und will ihn heiraten! Und weil Tevje vor allem anderem ein liebevoller Vater ist, gibt er nach und in Anatevka wird eine rauschende Hochzeit gefeiert! Selbst der Fleischer lässt sich nicht lumpen und spendiert fünf Hühner! Aber ein Schatten der Vorahnung fällt über die Feierlichkeiten, als plötzlich Soldaten hereinstürzen, alles kurz und klein schlagen und die Gäste verschrecken. Gerüchte von Progrom und Vertreibung hängen in der Luft.
Mit ganz anderen Gewitterwolken muss sich unser Tevje herumschlagen: seine zweite Tochter Hodel will ebenfalls nicht so wie er will, sie hat sich in den Hauslehrer Perchik verliebt, der mit vielen aufrührerischen Ideen im Kopf die Welt verändern will. Nicht nur verloben sie sich ohne seine Zustimmung abzuwarten, nein, Hodel folgt ihrem Geliebten auch noch nach Sibirien, als dieser verhaftet und verbannt wird. Und als wäre das noch nicht genug, kommt dann als letzter Schlag auch noch die drittjüngste Tochter Chava mit einem Nicht-Juden heim! Aber da muss selbst der großherzige, watteweiche Tevje einen Schlussstrich ziehen, er, der er regelmäßig stille Zwiegespräche mit Gott führt, dem Tradition, aber vor allem der Glaube über alles geht - nein, das kann er nicht dulden. Er verstößt seine Tochter Chava, auch wenn sein Herz dabei blutet.
Und während Golde und Tevje noch mit ihren Familienkrisen hadern, da tritt schon ein, was die jüdische Bevölkerung bereits lange geahnt hatte: sie werden vertrieben. Drei Tage haben sie Zeit, um ihre Häuser zu verkaufen und mit Sack und Pack aus Anatevka zu verschwinden...
Es geht um Armut, um Repressalien, um Familienprobleme und schließlich gar um Vertreibung und Flucht. Ein düsteres Stück könnte man meinen, traurig und drückend. Stattdessen ist es ein fröhliches und lebensbejahendes Musical, voller Witz, Tanz, Musik und vor allem voller Liebe. Max Hopp spielt einen wunderbaren Tevje, liebevoll, lustig, augenzwinkernd. Aus jeder Geste, aus jeder Silbe heraus spürt man die Liebe für seine Mädchenschar und seine Golde. Und mit viel Chuzpe, Gottesglauben und durch lange, lange Jahre bitterer Erfahrungen mit Bedächtigkeit und Langmut ausgestattet, zieht diese Familie zum Schluss aus Anatevka fort und man hat als Zuschauer einen dicken Kloß im Hals. Anatevka ist ein sehr schönes Bild für die Resilienz des jüdischen Volkes und für die Gabe, auch in den schwierigsten Situationen den Humor nicht zu verlieren.
In typischer Barrie Kosky-Manier sind die Tänze natürlich wunderbar leidenschaftlich und wild, die Kostüme sind authentisch und das Bühnenbild... hach, das Bühnenbild von Rufus Didwiszus ist einfach großartig. Ich will nicht zu viel verraten, aber ich kann sagen, das ich die schiere Fantasie und Vorstellungsgabe bewundere, mit der man solche Bauten und ihre vielfältige Nutzung ersinnt! Insgesamt ein wundervoller Abend voller Gefühl, ein tolles Musical, in der Komischen Oper fabulös auf die Bühne gebracht!

 

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