„An die Sache glauben nur die Leute in der zweiten Reihe.“ (Alina Deutschmann in "Eine Stimme für Deutschland")

Der Wahlkampf ist noch längst nicht vorbei, er hat gerade erst begonnen und ist erbitterter als je zuvor. Am Samstag, den 12. Februar 2022, durfte ich mit dem Satire-Musical „Eine Stimme für Deutschland“ nicht nur einen wahren Polit-Krimi in Musical-Form, sondern auch die kulturelle Überraschung der letzten Monate erleben.

Doch wovon handelt das Erfolgsmusical „Eine Stimme für Deutschland?“
In einer erfundenen bayrisch-sächsischen Provinz kämpfen eine grüne und eine rechte Politikerin, beide zwei alleinerziehende Mütter, um das Amt der Bürgermeisterin – mit allen Mitteln auf der politischen und der privaten Bühne. Der erbitterte Kampf zwischen der grünen Spitzenkandidatin Regula Hartmann-Hagenbeck und ihrem rechten Gegenpart Alina Deutschmann überträgt sich auch auf ihre beiden Töchter in der Schule, die sich beide von ihren Müttern vernachlässigt fühlen.
Welche Kandidatin wird am Ende triumphieren? Und welche Auswirkung hat der intrigante Wahlkampf auf das private Leben der beiden Kandidatinnen und deren Töchter?

Das Musical „Eine Stimme für Deutschland“ unter der Regie von Peter Lund ist eine Koproduktion zwischen der Neuköllner Oper und den Studierenden des Studiengangs Musical/Show im 3. Ausbildungsjahr an der Universität der Künste Berlin, die einmal im Jahr ein Bühnenstück in der Neuköllner Oper entwickeln. Der gesamte Cast war für mich eine kleine Sensation und machte mich zuversichtlich, dass die Zukunft des Musicals verspricht, rosig zu werden.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hat die Neue Rechte eine wirkliche Chance, einen Bürgermeister / eine Bürgermeisterin zu stellen! Alina Deutschmann ist ihre Spitzenkandidatin, die mit ihren begeisternden Wahlreden und ihrem Charme die Herzen ihrer rechten Anhänger im Sturm erobert. Die rechte Witwe und alleinerziehende Mutter spricht zwar überzeugend, kennt aber das Wahlprogramm ihrer eigenen Partei nicht. Stattdessen setzt sie auf Champagner, Verschwörungstheorien und die Diffamierung ihrer Kontrahentin. „An die Sache glauben nur Leute in der zweiten Reihe", sagt die luxusverwöhnte Alina Deutschmann zu ihrer fleißigen Wahlkampfleiterin Claudia.  Mit ihrer geflochtenen Haarkranzfrisur erinnert Alina zwar an eine bekannte Ehefrau in der NS-Zeit, doch ist sie von der Sache nicht so überzeugt. Vor sechs Monaten ist Alina in die rechtspopulistische Partei eingetreten, da sie sich in dieser Partei die größten Chancen auf dem politischen Parkett verspricht.
Alina Deutschmann wird von dem Darsteller Joël Zupan, der mich noch vor Kurzem in der TV-Musikshow The Voice of Germany begeistert hat, fantastisch verkörpert. Mit vollem Körpereinsatz und einer starken Stimme schafft Zupan, das Publikum in seinen Bann zu ziehen und das in dieser kontroversen Rolle.

Bei der Partei und ihrer Ideologie müsste es doch klar, dass die Zuschauer auf der Seite der grünen Politikerin in dem Bühnenstück sein werden, oder? Pustekuchen, denn Regula Hartmann-Hagenbeck ist alles Andere als eine Sympathieträgerin. Sie fliegt in den Kroatienurlaub, fährt mit dem Auto zur Arbeit, ißt Cornflakes zum Frühstück, hat etwas gegen Homosexuelle und kauft Anziehsachen von H&M. Regula möchte krampfhaft stark und unabhängig wirken, doch gleich das erste Lied („Ich drehe durch“) offenbart ihre Überforderung als Karrierefrau und Mutter. Nach der Pause unterstreicht die geschiedene Spitzenkandidatin der Grünen mit dem Lied „Falsch Gedacht“ noch einmal, dass sie ihr Leben bisher falsch gelebt hat. Veronika de Vries begeistert auf ganzer Linie in ihrer Rolle der permanent gestressten Regula und mit ihrer kraftvollen Sopranstimme.

Der teils würdelose Kampf zwischen den beiden Opportunistinnen Alina und Regula wird von deren Töchtern weiter ausgetragen. Doch im Gegensatz zu ihren heuchlerischen Müttern leben die beiden Töchter für das Programm und die Ideologie der Partei ihrer Mutter. Sophie Hartmann-Hagenbeck, Regulas Tochter, ist eine Greta Thunberg-Kopie. Sie kämpft für den Klimaschutz und eine bessere – und grüne – Welt und ist geschockt, als sie erfährt, dass ihre Mutter mit dem Kauf ihrer Anziehsachen Kinderarbeit in der Dritten Welt unterstützt. Doch auch sie muss privat ihre eigenen Kämpfe austragen: Ist sie wirklich eine überzeugte Lesbe oder hat sie sich gerade in den neuen Mitschüler verliebt? Grandios gespielt und gesungen von Maria Joachimstaller!

Gerlind ist das komplette Gegenteil zu Sophie. Alinas Tochter trägt nicht nur gerne die Farbe Schwarz, sie hat auch eine dunkle Seele. Verbittert und zutiefst von der Welt enttäuscht kämpft sie gegen die Fremden an ihrer Schule und ihrem Land. Mit ihrem Freund ist sie nicht aus Liebe zusammen, sondern weil er ihr intellektuell nicht das Wasser reichen kann und die gleichen politischen Ansichten hat. Doch auch sie macht am Ende eine Persönlichkeitsentwicklung durch. Dieser innere Kampf der nach Aufmerksamkeit und Liebe suchende Gerlind wird fantastisch von Mascha Volmerhausen interpretiert, die zudem auch stimmlich überzeugt.

Alina Deutschmann bekommt aber nicht nur Unterstützung von ihrer loyalen Tochter, sondern wird im Wahlkampf auch von ihrer eifrigen Wahlkampfleiterin Claudia unterstützt. Im Gegensatz zu der rechten Spitzenkandidatin ist sie jedoch eine treue Anhängerin der rechten Ideologie und hat das Wahlprogramm verinnerlicht. Umso mehr schmerzt es sie, dass sie in der Partei, ihrer einzig wahren Liebe, nur die Zweite ist, was sie in dem Lied „Ich will nicht mehr Zweite sein" offenbart. Die Rolle der machtbesessenen Wahlkampfleiterin wird darstellerisch und gesanglich hervorragend von Clarissa Gundlach auf die Bühne gebracht. Mit der Figur Claudia erinnert sie nicht nur äußerlich an eine bekannte rechte Politikerin in Deutschland.

Auch der rechts denkende und alles Fremde verachtende Adolf („Dolfi") Obermeyer ist ein überzeugter Sympathisant der rechten Ideologie. Er ist fest davon überzeugt, dass die Deutschen allen anderen Nationen überlegen sind und die perfekten Menschen darstellen. Zu gerne möchte Dolfi ein Ritter sein, um die für ihn typisch deutschen Tugenden zu verkörpern. Die von Fabian Grimmeisen fabelhaft dargestellte Figur leidet aber auch, unter ihrer ADS-Krankheit und unter der Überlegenheit ihrer Freundin Gerlind.

In dem Bühnenstück „Eine Stimme für Deutschland“ gibt es aber auch zwei Figuren, die eine vollkommen reine Seele haben und nicht manipulativ agieren: Albert ist nicht nur in Sophie verliebt, er ist auch ein aufrichtig guter Mensch, der die Welt verbessern möchte und an das Gute im Menschen glaubt. Diese Rolle ist
Soufjan Ibrahim wie auf den Leib geschnitten, mit seinem Lied über einen guten Menschen hat er mich an dem gestrigen Abend entzückt.
Auch Anuk Gritli Hürlimann, Sophies lesbische Freundin, hat keine niederträchtigen Gründe. Sie möchte einfach nur von ihrer Freundin geliebt und von deren Mutter akzeptiert werden. Gwen Johannson gelingt es, diese Zerrissenheit zwischen mentaler Stärke und unschuldiger Verletzlichkeit sehr gut auf der Bühne umzusetzen.

Die Musik von Thomas Zaufke und die musikalische Leitung von Tobias Bartholmeß/Markus Syperek tragen sehr viel dazu bei, dass das Bühnenstück „Eine Stimme für Deutschland“ eine authentische Satire ist, die das Publikum außerordentlich gut unterhält und über zwei Stunden lang zum lachen bringt. Die unterschiedlichen Musikstile (Beethoven, Schlagermusik, Popmusik) sind nicht nicht nur sehr abwechslungsreich, sondern bieten eine gelungene Persiflage – auf die Politiker und deren Wähler. Bei dem Lied „Ein bisschen Hetze, ein bisschen Häme“ wird deutlich, dass nicht immer der Inhalt stimmen muss, um die Wählerschaft zu begeistern. Eine eingängige Melodie tut es auch.

Doch auch die Choreografie von Cristina Perera und das Bühnenbild und die Kostüme von Ulrike Reinhard runden dieses perfekt inszenierte Bühnenstück ab. Die Bühne in der Neuköllner Oper hatte die Form einer riesigen schwarz-rot-goldenen Deutschlandkarte. Reinhards Kostüme waren sowohl schlicht als auch wie bei Alina Deutschmann glamourös.

„Eine Stimme für Deutschland" zeigt zwei von Taktik zerfressende Politikerinnen und machtbessesene Karrierefrauen, die über Leichen gehen und durch Intrigen vorankommen. Es geht um den Verrat an den eigenen Prinzipien und widersprüchliche Wertvorstellungen. Zudem wird offensichtlich, wie sehr diese in allen politischen Lagern favorisieren Hassreden die Gesellschaft spalten. Doch die Parodie präsentiert auch gute Menschen, – auch wenn sie es erst auf den zweiten Blick erscheinen – die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft und Zukunft machen.

Mein Fazit: Das musikalische Bühnenstück „Eine Stimme für Deutschland“ ist brillant! Es ist politisch und gesellschaftlich höchst aktuell und spricht viele Themen der heutigen Zeit an. Die Musicaldarsteller, die alle noch Studenten sind, gehen in ihren Rollen auf und begeistern als Schauspieler und Sänger. Ich hoffe, dass ich jeden von ihnen noch in einem weiteren Bühnenstück erleben darf. Die Story, die Musik und das Bühnenbild machen aus diesem Musical ein wunderbares Kunstwerk, das die Lachmuskeln permanent strapaziert. Bis zum 25. Februar 2022 in der Neuköllner Oper zu erleben!


© E.Günther ("Mein Event-Tipp")
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Am Montag, den 27. Dezember 2021, entdeckten wir im Renaissance-Theater ein kleines, unbekanntes Juwel: „IRGENDWAS IS IMMA – SO ROCK IT!“. Eins kann ich schon vorweg nehmen: Wir bekamen an dem Abend ein Konzert der besonderen Art.

Die Musiktruppe besteht aus fünf Protagonisten: Noelle Haeseling, Martin Schneider, Guntbert Warns, Moritz Carl Winklmayr und Harry Ermer. Musikalisch lassen sie sich in keine Schublade stecken. Sie sangen traurige Lieder über eine verloren gegangene Liebe oder lustige Lieder über Jongleure, die die Welt nicht braucht, oder sie präsentierten rockig-fetzige Songs. Mal war die Melodie weltbekannt („California“) und nur der Text verändert, mal war das Arrangement ganz neu. Die Musikrichtung glich manchmal einer Rockband, an einigen Stellen einer irischen Popband und wiederum an anderen Stellen glaubte man, dass man einem Chansonabend beiwohnt. Eine musikalische Wundertüte!

Aber eins kann man mit Sicherheit schreiben: Die Gruppe war sehr talentiert. Ihr Gesang war rockig (Martin Schneider, Guntbert Warns, Moritz Carl Winklmayr) und samtweich (Noelle Haeseling), sie beherrschten viele Instrumente (Schlagzeug, Saxophon, Gitarre etc.) und waren unglaublich lustig. Zwischen den Liedern unterhielten sie uns hervorragend mit Satire, schwarzem Humor und alltäglichen Erzählungen. Dabei ging es um die Arbeit der Künstler, die nicht als systemrelevant gilt, und um tägliche Probleme im Leben. Oder es kam einfach der Papst auf die Bühne, der die Zuschauer mit einem Desinfektionsmittel segnete.

Mein Fazit: Witzig, charmant und talentiert. „IRGENDWAS IS IMMA – SO ROCK IT!“ versprach einen Liederabend der besonderen Art und lieferte diesen auch. Das Publikum war begeistert, stand auf und forderte eine Zugabe, bei der die Truppe noch einmal rockte.
Am 29.12.2021 um 19:30 Uhr und am 30.12.2021 um 19:30 Uhr zu hören, zu sehen und zu staunen im Renaissance-Theater. Zudem gibt es am 31.12. um 16 Uhr und um 19:30 Uhr ein Silvester Special mit tollen Gästen, einem Glas Champagner und einem Pfannkuchen inklusive.

Praktische Hinweise: Das Konzert dauert 90 min., ohne Pause.
Ab dem 28. Dezember 2021 müsst Ihr nicht nur geimpft oder genesen sein, um dieses Konzert besuchen zu dürfen, sondern müsst auch ein tagesaktuelles negatives Testergebnis vorlegen. Die FFP2-Maske muss überall getragen werden.

© E. Günther ("Mein Event-Tipp")
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Im Rahmen der beliebten Veranstaltungsreihe „Zimt & Zauber“ und den diesjährigen 31. Berliner Märchentagen präsentiert der Wintergarten Berlin mit dem Cabuwazi-Springling Kinderzirkus mit „Sterntaler“ auch dieses Jahr ein Märchen, das hervorragend in die winterliche Zeit passt.

Am Sonntag, den 19. Dezember 2021, besuchte auch ich das Märchen nach den Motiven der Gebrüder Grimm, das für den Wintergarten Berlin von Bijan Azadian neu interpretiert wurde.
Genauso wie bei der „Schneekönigin“, der „Meerjungfrau“ und „Pinocchio“ schrieb auch diesmal Bijan Azadian das Buch und die Musik zum Familienmusical „Sterntaler“ und berührte mit dieser zeitlosen Geschichte mein Herz.

Doch wovon handelt die Neuinterpretation „Sterntaler“?
Das junge Mädchen Maxi Sternchen ist Vollwaise. Doch trotz des Schicksalschlages ist Maxi ein sehr guter Mensch mit einem großen Herzen geblieben. Sie hilft den Menschen, wo sie nur kann. Begleitet wird sie dabei ständig von den unterschiedlichen und streitsüchtigen Schwestern Angela und Dabola.
Die Trostfee Lucia Lichtenberg sieht im Lebensbuch des Schicksals, dass Maxi ihre Hilfe und ihren Trost benötigt. Kann die Trostfee Maxi trösten und versöhnen sich endlich die beiden Schwestern Angela und Davola?

Wie immer hat der Wintergarten Berlin für sein Wintermärchen wunderbare Darsteller ausgesucht, die nicht nur überzeugend ihre Rollen darstellen, sondern auch mit ihren Stimmen beeindrucken.
Nadine Aßmann kannte ich bereits aus dem Märchen „Pinocchio“. Schon damals hat sie mir gefallen. In diesem Märchen spielt sie die gute Schwester Angela, die Maxi ohne Eigennutz helfen und ihr den richtige Weg zeigen möchte.
Angelas Gegenpart ist ihre egoistische und rebellische Schwester Davola. Davola überzeugt Maxi davon, zusammen wegzugehen und hat einen schlechten Einfluss auf das Mädchen. Die Antiheldin wird exzellent von Alice Macura verkörpert.
Die Trostfee Lucia Lichtenberg – ausgezeichnet von Christian Miebach gespielt - ist die dritte Erscheinung, die Maxi nicht im Stich lässt. Nachdem die Trostfee in der verwunschenen Bibliothek der 10.000 Lichter über Maxis Schicksal gelesen hatte, will sie ihr Trost und Zuversicht spenden.

Auch dieses Jahr ist das Aushängeschild des Märchens der Zimt & Zauber-Reihe der Kinderzirkus CABUWAZI. Über 30 Nachwuchsartisten unter der Leitung ihrer Trainerin Tatiana Lindner verzaubern jedes Jahr das Publikum im Wintergarten Berlin mit atemberaubend schöner Akrobatik.
Mit Leichtigkeit boten die jungen Artisten unter den staunenden Augen der Zuschauer eindrucksvolle Programmpunkte beim Seilspringen, in der Luft oder am Einrad.

Wie letztes Jahr lautet mein Fazit daher auch dieses Jahr: Die jährlich im Wintergarten Berlin stattfindende märchenhafte Wintershow zaubert einem wie immer mit der interessanten Geschichte, der schönen Musik und den begabten Darstellern und Artisten ein Lächeln ins Gesicht. Auch in diesem Wintermärchen gibt es eine wichtige Botschaft für die Kleinen und Großen im Publikum: Man darf niemals den Mut und die Hoffnung verlieren und muss seine Träume weiter verfolgen. Erfolgreich werden wir nur, wenn wir uns auf unsere Gemeinsamkeiten und nicht auf die Unterschiede konzentrieren. Gerade heute ist die Botschaft sehr wichtig.
Am besten die Show mit der gesamten Familie besuchen! „Sterntaler“ läuft noch bis zum 30. Januar 2022 im Wintergarten Berlin.

Praktische Hinweise: Die Preise lauten 16 € für Kinder und 20 € für Erwachsene. Ab dem 28. Dezember 2021 müsst Ihr nicht nur geimpft oder genesen sein, um diese Show besuchen zu dürfen, sondern müsst auch ein tagesaktuelles negatives Testergebnis vorlegen. Die FFP2-Maske soll im Foyer und auf dem Weg zum Tisch getragen werden, an Eurem Platz darf diese wieder abgenommen werden.

Text © E. Günther ("Mein Event-Tipp")