Kritik zu: Maria Stuart
5 von 6 Personen fanden die Kritik hilfreich
Die zwei Damen, die neben mir saßen, waren empört am Ende der „Maria Stuart“ im Theater in der Josefstadt. Tief enttäuscht von der Inszenierung Günter Krämers, die offensichtlich nicht dem schillerschen Text folgt. Wer also ein klassisches Schauspiel erwartet, mit einer treuen Rekonstruktion von Kostümen, Szenen und Dialogen, der bleibe lieber zuhause. Oder der lasse sich doch mal von der Genialität Krämers überraschen! 

Auf der einen Seite Königin Elisabeth (Sandra Cervik), vulgär und lasziv, in ihrem pompös schimmernden Gewand, unter das der Graf von Leicester (Tonio Arango) sich gerne versteckt. Der selbstbewussten und machtsüchtigen Elisabeth steht eine andere Königin, Maria, die Papistin, entgegen. Eine verzweifelte Märtyrerin, mit der Totenmaske schon in der Hand, die bis ans Ende um ihre Freiheit bittet und für die Vereinigung der englischen und schottischen Königreiche plädiert (... Raum für Gedanken). Meisterhafte Interpretation von Elisabeth Rath. Ein Duell zwischen zwei großen Diven, wie die Kritik schnell bemerkt hat, aber auch eine Reflexion über Macht und Eigeninteressen. Eine Parabel des Einsamwerdens und der Verantwortlichkeit. Zeitlos. Grandios.
Kritik zu: Marat/Sade
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Das Karussell wird durch Coulmier, den Direktor der psychiatrischen Klinik, in Gang gesetzt. Anita Vulesica versetzt sich in die Rolle des Direktors bzw. der Ausruferin hinein – und meistert diese hervorragend. Es scheint, als würde ihre Figur dazu dienen, dass das Publikum einen gewissen Abstand nimmt von dem, was sich vor seine Augen zuträgt.
Genauso verfremdend sollten die Puppen wirken, die die Figuren vor ihrem Bauch tragen und baumeln lassen. Diese geben jedoch dem Publikum eher Anlass zum Lachen und steigern das Gefühl, dass die Inszenierung des Todes Marats eher in einem Volkstheater im Freien geschieht, etwa als Pantomime. Ein weiteres auffallendes Element der Verfremdung ist die vorgetäuschte Pause, die allerdings auch in diesem Fall für (unfreiwillige?) Komik sorgt.
Kraftvoll und gewaltsam wirkt der Chor – theoretisch das Volk, praktisch eine einheitliche, aber unerhörte Masse – mit seinen zähen Forderungen an Marat.
Zu wenig Platz wird hingegen der Entgegensetzung zwischen dem krassen Individualismus des Marquis und dem kollektiven Engagement Marats eingeräumt. Bedauerlich.

Die Inszenierung von Stefan Pucher wirkt äußerst brisant, und dies nicht nur wegen der Forderung nach ‘n bisschen mehr Hartz-IV! von Jacques Roux (Benjamin Lillie) oder wegen des Versprechers der Kanzlerin und der Kanzel, sondern eher aufgrund der allgemeinen Stimmung von Populismus, die drohend in der Luft wie stinkiger Schwefel liegt. Und das Publikum hat diese wahre und unangenehme Stimmung wahrgenommen. Denn sie liegt uns nahe.
Ständig fühlt man sich mitten in einem Zirkus, dessen groteske Züge so aktuell sind wie selten zuvor.
3 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Peymanns Inszenierung vom Homburg - zweifellos ein Meisterwerk der Weltliteratur - ist großartig. Entzückend, wie am Anfang und am Ende des Stücks dieser sich fest im Schlafe befindende Prinz auf einem Seil balanciert, die immer höher steigt - wohl eine Anspielung auf Homburgs hohe Träume von Glanz und Ruhm? Alles hat nur zwei Farben - schwarz und weiß -, nur das schrille Grün des Lorbeerkranzes sticht hervor.
Alle Schauspielerinnen und Schauspieler leisten Hervorragendes und einige Momente rühren bis zu Tränen, etwa die Szene, wo Homburg kniend vor der Kurfürstin sich verzweifelt, weint und zittert und fötale Positionen annimmt.
Gut ist es, den Text dieser Aufführung mit den Änderungen zur Verfügung zu stellen, damit das Publikum sehen kann, was gestrichen und was gerettet wurde. Wer das Stück gut kennt, der mag wohl am Ende ein wenig gelitten haben. Der Satz über die Nelke (Ich will zu Hause sie in Wasser setzen) ist zum Beispiel ein sehr wichtiger. Denn darin steckt ein zentraler Aspekt dieses Werks: Homburg wird hingerichtet und gibt seine ganze Hoffnung nicht einmal in diesem Augenblick auf - er ist sicher, dass er später nach Hause wird.
Das Ende ist merkwürdig. Zwar ist es beruhigend, dass die berühmte Frage (Ist es ein Traum?) auch beantwortet wird (Ein Traum - was sonst?). Jedoch bleibt der Prinz auf dem Seil stehen und fängt an, zu zucken und zu krampfen, als wäre er tatsächlich erschossen worden. Und er bleibt auf diesem Seil. Ganz oben. Alleine mit seinem Ruhmtraum. Was ist passiert?