Kritik zu: Bette & Joan
2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
youtube, instagram, trash-tv, umsatzgierige blockbuster. diven gibt’s nicht mehr. selbst désirée nick, die sich gern dafür hält, taucht zu oft im trashsumpf ab und ruiniert damit dann doch ihr diszipliniertes wohlerzogensein. schlau schnappte sie sich aber die rolle der showstardiva joan crawford und streift sich dieses glamouröse wesen für die theaterbühne über, brünett statt blond. nick kokettiert sofort mit einem spagat, korsett-tauglichen proportionen und glänzt madamig als bühnenverschnitt der 1905 geborenen leinwandbeauty. manon straché (blond statt brünett) gibt in „bette & joan“ die so andere dame hollywoods. bette davis, drei jahre jünger als crawford, deren große melancholische augen kim carnes mit dem song „bette davis eyes“ verewigte. straché kann auch so gucken und platziert sich adrett, kompakt und schnoddrig in die kudammtheater-kulisse. die zeigt die plüschigen garderoben der ziemlich vom leben ramponierten diven, spiegelwand an spiegelwand. das alte mädchen bette davis putzt ein ebenbild von püppchen, crawford flippt wegen aluminiumbügeln aus. am telefon. die assistentin muss hier einiges aushalten, auch bob, der regisseur, hängt zwischen den ansprüchen der alternden diven, die von ihm einen weg aus der talsohle der ermüdeten karriere erhoffen. es ist anfang der sechziger jahre. was geschah denn nun wirklich mit baby jane? das beantwortet das theaterstück nicht (die story sollte der zuschauer zumindest quergelesen haben, besser noch das schwarzweiße bitterböse schwesterndrama gesehen haben). regisseur Folke Braband ließ strachè und nick aber thrillige szenen nachspielen und die trailer in s/w sind atmosphärisch und amüsant skurril. aufhänger ist aber die probe zur szene, in der crawford im rollstuhl von davis angegangen wird. eine demütigung für crawford (die sich dafür heimlich rächt), ein giftiger genuss für davis (die das bemerkt). braband lässt die diven aus ihren leben und seelischen zuständen monologisieren, sich einander besuchen in den garderoben, den schein wahren, die gemeinsamkeiten nicht vertuschen. robert aldrich, der den film drehte, wähnt man nur am telefon, er als dritte figur auf der bühne hätte dem lauf der diven-dinge mehr dynamik verliehen. so bleibt der spannungsbogen auch nach der pause ausstaffiert gemütlich. straché und nick sind einander ebenbürtig, straché darf als davis mehr rumpampen und das liegt ihr im ostdeutschen blut, nick verfängt sich anfangs erstmal in ihrer dozierenden interpretation einer schauspielerin. ein jahr nach der premiere in hamburg zeigt das kudammtheater „bette & joan“ nun zielgruppennah, die vielen reihen müssen sich trotzdem erst einmal füllen. und das interesse für einen plötzlichen diven-anmarsch geweckt werden.
Kritik zu: Turandot
6 von 6 Personen fanden die Kritik hilfreich
ende des 19. jahrhunderts. mr. puccini cruist in seinem schnellen wagen durch eine schöne italienische stadt und frollainwunder anno dazumal begegnet ihm, bevor er elvira traf, und verzückt sich schmiegend an seinen hinreißenden opern, bis der tod sie scheidet. aber wir sind ja 2017 und eigentlich bin ich so gern in der deutschen oper, heute aber mal nicht. und leide etwas wütend. puccini kämpfte mit dem kehlkopfkrebs, als er sich in sein letztes werk „turandot“ eingrub. lorenzo fioroni (inszenierung) scheint gern trockenes brot zu essen und paul zoller (bühnenbild) übergibt sich offenbar sofort bei fruchtigen sommerfarben. wir dürfen auf ein elendes bühnenbild starren. der zentralrat der deutschen demokratischen republik grüßt aus einem schaukasten (ach nein, es ist ja der kaiser von china) hoch über dem mürben volke. das sitzt auf nummerierten bestimmt unbequemen stühlen in der kulisse eines arbeitsamtes (oder ostdeutschen landarbeiter-kantinentreffs der 60er jahre) und trägt leblose karohemden, beigebraune hosen (das kann nur polyester sein) oder trutschige kleider inklusive uninspirierter frisuren. das publikum hat sich rausgeputzt, auf der bühne sollte dringend durch- und aufgeputzt werden. aber zu spät, paul zoller wollte den schlackefarbenen trübsinn und die botschaft dahinter ist mir total egal. mir bricht derweil mein romantisches pucciniherz. natürlich sind die rollen stark besetzt, natürlich liebt man den chor, aber das auge fühlt mit. der smarte bulgarische tenor kamen chanev überzeugt als in die eisige turandot verliebter calaf, der ihre drei faszinierenden rätsel überlegen lösen wird. turandot lässt lange auf sich warten. die britische matrone catherine foster bemüht sich schließlich auf die bühne. wagner-walküren-blond, was das bild der düsteren chinesischen medusa turandot erschüttert. das körpernahe brokatkitschkleid verbirgt nicht, dass die alterlose dame taillenfern von gott geschaffen wurde, turandot als steifes mannweib, unfassbar. einen kopf größer als ihr verehrer, zwei köpfe größer als der kaiserliche vater, absurd. sopranistin foster überwältigt stimmlich und man will sie sofort lieber nach bayreuth beamen. die minister ping, pang und pong kaspern sich vor turandots erscheinen durch die kulisse, das ist nicht komisch, das ist platt und auch mal zotig. man ditscht hühnerflügel in ketchup (die drei sitzen ja eh in einer bühnenkantine) und verkleidet sich albern als turandot, die überdreht penetriert wird. die stimmen der seltsamen drei durchdringen kaum das tapfere publikum. immer wieder dramatisiert sich der hemdsärmelige ärmliche chor in die szenen. liu, das unglücklich in calaf verliebte sklavenmädchen, trägt im wartesaal des grau-ens eine jacke mit aufgestickten flügeln und einen braunen faltenrock. ein hütchen wurde ihr ins haar geklemmt und ein täschchen gereicht. details, die auch nichts mehr retten können. der sopran der russin elena tsallagova hat so viel entzückende lieblichkeit, fosters sopran ist dagegen walküre frontal. dass calaf turandot nicht widerstehen kann und lui ignoriert ist bei der besetzung heute nicht zu begreifen. foster steckt im zweiten teil in einem hochzeitskleid, auch das sieht seltsam aus. am besten man schließe die augen und genieße die musikalischen traumwelten von giacomo. und sehne sich nach inszenierungen, in denen sich ein üppiges china farbenfroh und klassisch entfalten darf und die dame des stückes ihr wahres wesen verkörpert. puccini quälte sich bei seinem letzten werk mit zweifeln und depressionen. frollainwunder och.
Kritik zu: Don Carlo
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mit „don carlo“ in der staatsoper begann vor jahren frollainwunders abenteuerreise in die opernwelt. dreieinhalb stunden überklassiker mit einer atempause lagen vor mir. und oft hielt ich ihn kurz an, weil die inszenierung so faszinierte. auch don carlo 2017, nun zum zweiten mal, und wieder voller neugier, wie es sich denn nun anfühlt, war ein erlebnis der opern-edelklasse. verdi und wagner wurden beide 1813 geboren und zu ebenbürtigen elite-komponisten. was wagner wuchtet, voluminiert verdi. wo puccini schmilzt, befindet man sich bei verdi auf der titanic des in die knie zwingenden dramas. rené pape war erneut als dons vater besetzt und nahm erst spät die bühne ein. sein sonorer bass ist durchdringende macht, die königliche seele erhaben. der kugelige tenor fabio sartori wurde leidenschaftlich zum titelgebenden don und gab dem kämpfenden sohn ein sanftes und tapferes wesen. die verräterische eboli interpretierte die blonde gazelle und mezzosopranistin marina prudenskaya quälend überwältigend. die brünette sopranistin lianna haroutounian durfte die sinnlich verzweifelte französin elisabeth sein, die den großmutigen sohn liebt und dem dominanten vater gehört. stolze spanier, depressive damen. mikhail kazakov ist ein kaltes unheimliches gesicht der kirche und hat als großinquisitor in dem kolossalen machtwerk das letzte grausame wort. schiller untersuchte in „don carlos“ die untiefen einer machtbesessenen königsfamilie, die zwänge der politik, die gier nach einfluss, die unterwerfung durch die kirche, grausam- und bitterkeiten, tod, tod der liebe. philipp himmelmann schaut in seiner inszenierung eher in die hölle der menschlichen seele hinab, baut den abend in eine ausdrucksstarke schwarz-weiße kulisse ein und lässt später die folteropfer nackt und elend und an den füßen von der decke hängen. ein bild, das brennt.
verdi zu hören berauscht, jede einzelne stimme der perfekt besetzten rollen berauscht, der abend hat einen machtvollen sog. eine inszenierung, die den wahnsinn untersucht und wahnsinnig edel strotzt.

 

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