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sie ist ja nur ismene, die schwester von antigone (und den streitbaren brüdern eteokles und polyneikes), die tochter von ödipus. autorin lot vekemans holt die stille scheue ismene aus dem reich der toten seelen und griechischen mythen. nun steht sie 2015 vor uns auf einem hohen bühnensteg mit strähnigem langen haar, blauer hemdbluse, dunkler stoffhose, ausgetretenen sneakern und fragt sich in den kammerspielen warum und würde uns gern folgen, wohin auch immer, nur weg aus dieser einöde, oder lieber doch nicht?
susanne wolff, die ensemble-perle des dt, ist ungeschminkt, völlig natürlich. ihr ebenmäßiges gesicht ist die perfekte projektionsfläche für all die unsicherheiten und befindlichkeiten ismenes. eine stunde lang spricht sie hochkonzentriert zu uns ohne angespannt zu wirken, lässt kleine pausen entstehen, nestelt nervös an der hose, zerreibt kreide in den schmalen händen.
verliert sich mit blicken, fängt sich wieder, zweifelt, scheut, geht auf uns zu und wieder weg.
ismene ist publikum nicht gewöhnt. sonst heulen nur die hunde oder die fliegen beißen sie.
ihre biografie ist massenkompatibel übersetzt und transportiert die bekannten eckdaten der mythisierten familiengeschichte, auch mal ironisch, manchmal bitter. 
die eine stunde one-woman-performance fasziniert jede minute.
applaus in wellen, susanne wolff verbeugt sich x-mal und traumhaft lächelnd vor uns, auch die vielen schüler/innen unter den zuschauern sind begeistert.
Kritik zu: Die Zofen
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und dann fielen mir doch die augen zu. aber warum? in „die zofen“ (1947, jean genet) fährt regisseur ivan panteleev eine besetzung auf, für die man blind theaterkarten kauft. samuel finzi als zofe claire und wolfram koch als zofe solange. finzi, der knuff mit ausdrucksstarker stimme. koch, der hochkonzentrierte mit dem lauernden scheelen wahnsinn (koch halt). bernd stempel gibt zwischendurch die gnädige frau, ebenso im madamigen fummel, und das ist herrlich amüsant. finzi und koch sind als zofen mal devot, dann wieder rachsüchtig. rangeln sich freundschaftlich in kultige höhen. doch die ränkespiele zünden nicht. madame nimmt die verleumdungen ihres gatten nur zur kenntnis und sehnt seine entlassung aus dem gefängnis mit bebender (männer)brust aus herbei. die zickigen zofen zetern und rühren im lindenblütentee, lauernd auf madames dahinscheiden ob der dosis gift. aber madame mag nicht trinken. finzi gibt final als zofe erneut die madame im eitlen spiel. aber auch in dieser rolle wirkt kein gift. so belanglos dann doch die 90 minuten hohe kunst von hohen künstlern enden, so belanglos kam auch die regie daher. klassisches dramasuchendes sprechtheater mit dosierter dekoration. das herren-trio sprühte in den steifen rollen, stakste aber energetisch gefangen herum, kein wunder bei den pumps. vielleicht ist auch einfach das dasein einer „zofe“ zu fern der heutigen zeit und damit auch irgendwie belanglos.
Kritik zu: Sayonara Tokyo
oh, alles so schön bunt hier! als die schwarzen deko-vorhänge endlich fielen bekam das kleine frollainwunder in mir riesengroße kulleraugen. stephan prattes hat ein kolossales kitschreich installiert und lässt den nostalgischen frühling-sommer-herbst-und-wintergarten in farbe und grafik explodieren mit mangas, computer-spielfiguren, pokemons, drachen, wolkenkratzern. prattes, anfang 40, ein wiener regisseur und bühnenbauer in berlin, verpasste schon den shows der geschwister pfister den putzigen schmäh, und kann und will bei jeder produktion, an der er beteiligt ist, glücklicherweise seine fantasie nicht bremsen. bei der aktuellen jubiläumsproduktion (25 jahre glitzerwinterwundergarten) „sayonara tokyo“ geishas! tamagotchis! edelweiß! bis 11. februar 2018. führt er auch die regie und das show-gesamtpaket macht überfröhlich und das hyperherzl flirrt. es koketten kess durch den abend die showgirls yoko, nancy und heidi (natürlich blond). mit singsang, showtreppchen und charmanter moderation verzuckert das japanisch-deutsch-amerikanische püppitrio den verspielten revue-traum. sixties popsongs mit japan-bezug (u.a. „mitsou“ von jacqueline boyer, „nagasaki boy“ und „bye bye yokohama“ von den peanuts) amüsieren wie zu nostalgischen öffentlich-rechtlichen-fernsehzeiten. prattes lässt aber auch „hiroshima“ von wishful thinking/sandra als melancholischen rockklassiker und „big in japan“ von alphaville interpretieren, vom american girl im leder-dress. von knallbunt zu melancholisch und zurück. die regie lässt keine emotionen aus und so bleibt der spannungsbogen elastisch.
silberhaar-senior takeo ischi, jodelnder japaner aus dem chiemgau, übernimmt die rolle des entertainers, gackert kultig zu an der digitalwand hüpfenden tamagotchi-küken und kann auch den smarten karel gott mit japanischem pop und wehmutsballaden. die live-band um jo roloff ist gelassen routiniert und hält den durchgeknallten japan-trip professionell zusammen.
yo-yo-spieler und weltmeister naoto gibt den jungenhaften spiele-nerd mit der rutschenden brille. da staunen auch kichernd die niedlichen manga-mädchen in den schulkostümen und die supercoolen boys breakdancen. die vier von tokyo jumpz lassen die schulhof-hopserei mit ihren seilen zu einer wettbewerbsdisziplin werden und das federleicht. definitiv die superhelden (wie supermario) jedes kindes! arisa ist die ästhetische akrobatin an tuch, ring und in der welt der grazilen geisha. herr senmaru im kimono balanciert teekannen auf einem stöckchen und trommelt später schwebend, like a samurai. möglich macht das uli-k, ein höflicher industrieroboter, der die künstler trägt und dreht, eben zur trommelfläche wird oder einen ball balanciert.
oh wer tappst denn da herein? die welt der bunten tamagotchis, winke- und doraemon-katzen wird menschengroß und spielzeugland-allerliebst. winke winke von den maskottchen! aber japan ist auch kirschblüte, zinnoberrote sonne, fujiyama und traditioneller gesang zur wehenden flagge. mit „sayonara tokio“ hat sich berlins schönstes variete-theater eine umwerfende exotische revue geschenkt und uns gästen einen zauberhaften abend.  
ein weiteres wow erlebt man, wenn man das sanitär aufsucht und in die architektonische fantasiewelt von hutdesignerin fiona bennett hinabgleitet auf der hellen wendeltreppe.
wintergarten, zaubergarten, kitschparadies – berlins zentrum der kinderträume und erwachsenen-sehnsüchte!
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