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entzückte klassikwelt in der vor-osterzeit. das konzerthaus am gendarmenmarkt zeigt/e an vier tagen (26., 27., 28. und 29.3.2018) "adam's passion". ausverkauft, natürlich. robert wilson! arvo pärt! erstmalig, denn dieses musiktheater der beiden gab es bisher nur im mai 2015 in tallinn (estland) zu sehen, arvo pärts wohnsitz nach vielen jahren in berlin. robert wilson (76) traf bei einer audienz mit dem pabst (natürlich) auf den von ihm verehrten komponisten arvo pärt (82). ein texaner und ein este, ein theatermagier und ein komponist der neuzeit, der sakrale werke schöpft.
alles soll bitteschön fließen bei "adam's passion". im konzerthaus baute man mal eben um, ein mit dunklem stoff beschlagener laufsteg ragt bis in die mittleren parkett-reihen. das orchester und der chor platzieren sich weisungsgemäß im bühnenfrontalen rang. wer seitlich in den rängen sitzt, hat beides im blick. mit einer verträumten "sequentia", robert wilson gewidmet, beginnt die reise in der herren klang und bild. "adam's lament" von 2010 fügt sich an mit chor und streichern, gefolgt von "tabula rasa" von 1977. hier erklingt ein präpariertes klavier. herr pärt ergänzt den konzept-abend mit "miserere" von 1989. ein opulentes finale mit orgel, solisten und chor überwältigt ein wenig. schon die musik ist eine große kraft der inszenierung. was kann wilson hier noch meistern? der ästhet wählte einen ästhetischen splitternackten adam (michalis theophanous)
 aus, der mit den ersten klängen in zeitlupe und höchst konzentriert den laufsteg abschreitet, immer wieder, staunend, mimisch versunken. mit den händen greifend, sehnsüchtig, wohin, wonach? man ist dann doch etwas irritiert im parkett, immerhin trägt hier sonst niemand ein adamskostüm. trockener nebel steigt dezent herauf. wer nahe der bühne sitzt muss bronchiale attacken wegfächeln, sich verdrehen (für einen blick ins orchester im rang) und anatomisches zur kenntnis nehmen, ohne feigenblatt. adam bleibt der verlorene sohn, aus dem paradies gefallen und den schrecken der welt begreifend. regiedrehung: adam trägt nun einen (öl)zweig auf dem haupt! lucinda childs schwebt herein. die alte dame aus wilsons ensemble wirkt in bodenlangem schneeweiß und strenger miene wie ein kritischer gott. aber die engel scheinen nicht fern und zwei damen gleiten lächelnd herein. auch sie spreizen die arme steif von sich, ein wilson-detail. weitere figuren sind seinem kreativen geist entsprungen und tauchen auf der schattenverlorenen bühne auf (magisches dunkelblau). kinder mit pappgewehren zielen auf adam, ein kleines haus aus stangen schwebt, ein großes haus aus stangen steht, ein blätterloser schwarzer baum ragt umgedreht von der decke. und surrt zurück.
ein kleiner adam in hemd und hose sortiert weiße ziegelsteine und balanciert ebenso in zeitlupe einen auf dem kindskopf. kein zweig, kein stein fällt in diesen abend voller anbetung. "herr, gib mit den geist der demut und der liebe".
wilson hat sein konzept nicht kommentiert und so interpretiert jeder zuschauer andächtig vor sich hin, ab und zu fällt ein auge zu, aber die ohren bleiben gespitzt. erdenschwere, himmelspforte. adam lächelt nicht, adam weint nicht, adam bleibt andächtig und uninterpretierbar. eine (himmels)leiter drehend, im dunklen anzug. adam und die alte göttin zaubern licht, an und aus, nur mit einer feinen handbewegung. nach anderthalb stunden musiktheater bleibe ich unentschlossen und sehne mich nach mehr begeisterung. wilson entzückte im berliner ensemble mit allerliebst-spöttischen inszenierungen wie "faust" und "peter pan". faszination in mimik und bewegung. die er in adams welt streicht. arvo pärts gottesklänge kann man auch mit geschlossenen augen genießen. ein interessanter abend, der magisch sein will, aber zu getragen daher kommt.
Kritik zu: Tigermilch
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tigermilch – milch, mariacron, maracujasaft. die berliner autorin stefanie de velasco (39) benannte ihren ersten roman nach diesem triple-m teenie-cocktail und macht die tigermilch zum neugier zapfenden branding. wie verdichtet man 300 seiten roman auf 100 minuten theaterkunst? in der box des deutschen theaters besetzen antonie, saron, philipp, emil, rio, laura, mohammad und anik die intensiven rollen. teenager spielen teenager. antonie ist nini und fest verankert im vollen text und quirligen spiel. mit ruhe und kraft trägt sie durch die schnelle story um einen sommer voller abenteuerlust. exotin saron ist die beste freunde jamelaah, unverkrampft, natürlich, ein bisschen frech, wildgelockt. drumherum die halbwüchsige crew, jeder ein eigener charakter der losen gang. wojtek klemm (45) hat die kniffelige regie übernommen und streut textlose discosounds zwischen die textflut, magnetisch. der roman zitiert sich bei ihm aus monologen, die schauspieler wenden sich stets an die zuschauer um mit herz und schmerz ihre gedankenwelt loszulassen. und das wird in 100 minuten zu einer regie-statik, die anstrengt. wojtek gelingt es nicht, die rollen miteinander zu verbinden. mal gelassen sein, nachdenklich, verloren ohne tempo. ja, teenager sind laut, wütend, bockig. und so dreht das ensemble auf. wirft sich in velascos vorlage hinein und gerät unter künstlichen druck. im sommerbad beobachtet man mit kleinen überheblichkeiten die welt um sich und kommentiert spöttisch. auch hier kein austausch, kein fühlbares miteinander. wenn nini und jamelaah sich frech prostituieren um endlich keine jungfrauen mehr zu sein und mohammad neben seiner rolle als tarik den freier gibt, verliert sich der ernst der situation in spielerei. dass jasna stirbt, passiert plötzlich, das finale versandet in seiner dramatik. die jungen wilden haben gerockt, man kann sie nur bewundern für ihre leidenschaft auf der bühne stehen zu wollen, sich die texte anzueignen und der geschichte hingeben zu wollen. doch die inszenierung schwankt zwischen schablonenhaftigkeit, überdrehtheit und flüchtigkeit. man will beim zuhören und zusehen zugreifen, aber kann nur folgen statt wirklich fühlen. boxengasse.
Kritik zu: Die Niere
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dominic raacke kann auch knuffig. im tv gern besetzt als ehrgeiziger ermittler, geschmeidiger gatte mit amourösen fluchten oder machohafter macher wird es mit ihm in der komödie am kudamm konstant komisch. die gesponserte randstarke runde brille gibt seiner rolle als architekt arnold ein smartes markenzeichen, denn üblicherweise schreitet raacke unbebrillt durch die medienwelt. die story ist ziemlich ernst. ehefrau kathrin (katja weizenböck), blond und selbstbewusst, erfährt am telefon vom arzt die diagnose "nierenleiden", die sie nun zum beängstigenden thema organspende führt. arnold ist erschüttert und besorgt, vor allem erst um sich.
die gäste kommen - freund götz (romanus fuhrmann), der markige, mit seiner sinnlichen diana (jana klinge). nicht involviert in das drama sieht man die lage unbekümmerter. während arnold sich windet, würde götz kathrin ritterlich eine seiner nieren abgeben. aber was ist eigentlich mit der blutgruppe? fragt man sich als zuschauer ebenso. wie komisch kann so ein thema sein? wieviel drama verträgt eine partnerschaft, wie tief geht die loyalität, wie groß ist die abhängigkeit voneinander? regisseur martin woelffer inszeniert auch dieses stück nah am zeitgeist mit frischem bühnenbild, amüsanten dialogen und eingestreuten pop-songs. raacke sieht man nur zu gern die spielfreude an in der neuen welt des theaters, sein arnold ist die steilvorlage für weinerlichkeiten, schmoll und stolz. wieviel ritter steckt wohl in ihm? der dynamisch angesetzte abend bleibt unter zwei stunden (mit pause) und überrascht final im zweiten teil. drum prüfe, wer sich ewig bindet!

AUF DER BÜHNE

Auf der Bühne

 

3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
5 430+
4 1018+
3 896+
2 514+
1 254+
Kritiken: 1275

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