Anja Röhl
KRITIKEN
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Ein Theaterexperiment der besonderen Art wagte das Team von Gisela Höhne jüngst im Ramba Zamba Theater:  Das Stück, in dem Brecht am konsequentesten den V-Effekt und seine Form aufklärerischer Epik realisierte: „Der gute Mensch von Sezuan“.  Das Team gestaltete es neu und um und verhandelte die Frage: Was ist Güte? Darin verwebt wurden aktuelle politische Fragen.
Das Theater Ramba Zamba entwickelt ihre Stücke auf eine besondere Weise improvisatorisch, dabei werden die Erfahrungen der Schauspieler, die in diesem Falle zu einer diskriminierten Minderheit besonderer Menschen (der mit dem Downsyndrom) gehören, einbezogen. Es handelt sich meist um Erfahrungen mit institutioneller Bevormundung, mit Vorurteilen aus der Welt der Nichtbehinderten, mit Diagnosen und medizinischen Zuschreibungen nach ICD-10-Liste, mit Psychopharmaka, mit den Folgen der Prenatalmedizin und dem Abtreibungsdruck gegen genetisch andere Kinder. Aber es geht auch um Sorgen, die die ganze Welt betreffen.
Mit denen spielen ist … toll!
Diesmal sind dazu drei prominente Gäste aus der nichtbehinderten Theaterwelt eingeladen, zusammen mit ihnen zu proben und zu spielen. Eva Mattes ist eine von ihnen und sie sagt zu der besonderen Art des Probens und der Spielentwicklung: „Mit denen spielen …toll! …Der Text wird eingesprochen…Es wird viel improvisiert,..Gisela stellt Fragen, um nachzuprüfen, ob jeder versteht, was er macht. Die Antworten der Schauspieler fließen in das Stück ein, …es kommt etwas hinzu oder fällt weg…einer versteht seinen Text nicht, der rein gerufen wird, und sagt ein anderes Wort, das vielleicht komisch ist, weil es eben ein bisschen „falsch“ ist, aber bleibt dann, weil es für die Situationskomik gut ist, oder weil es inhaltlich genauer ist und mehr Poesie hat“ (zitiert nach Programmheft)
Regenmäntel zu allen Jahreszeiten
Die Handlung spielt zunächst in einer nah-zukünftigen Welt voller Kälte und Nässe (symbolisiert durch das Bühnenbild, von der Decke herabhängende, glitzernd angeleuchtete Plastikstreifen, die ewigen Regen andeuten), Regenmäntel müssen zu allen Jahreszeiten getragen werden, es gibt dazu eine herrlich komische Szene dazu mit der Betreuerin Zizi ( Meriam Abbas), ebenfalls eine nichtbehinderte Gastschauspielerin. Die Erzengel irren als Flüchtlinge umher, sammeln Nahrung aus Abfällen und suchen in provisierten Plastikunterkünften nach Schlafmöglichkeiten, keiner will sie haben.
Abtreibungsdruck, Ausbeutung und Kälte
Am Ende landen sie in einer Institution für Downmenschen. Diese werden  in einer institutionellen Atmosphäre geistiger Unmündigkeit gezeigt, gelangweilt durch kleinkindhafte Förderangebote. Dabei wird die Drosselung finanzieller Förderung gezeigt. In einer Gesellschaft naher Zukunft, wo das Klima in ewigen Regen gekippt ist, Menschen sich nur noch aus dem Abfall ernähren, Ausbeutung und Kälte die Beziehungen bestimmen und der Selbstmord eine reale Option geworden zu sein scheint.
Erzengel Gabriel, Michael und Luzifer suchen gute Menschen
Das Brecht-Drama wird zu uns zurückgebracht und in die Jetztzeit einer hoffnungslosen Zukunft verlegt:  Aus den chinesischen Göttern werden die Erzengel Gabriel (Eva Mattes), Michael (Hans Harald Janke) und der gefallene Engel Luzifer (Cornelia Kempers). Diese werden von Gott, der ansonsten die Sintflut über die Menschen bringen will, aufgefordert „gute Menschen“  zu suchen, zunächst sollen es  30 sein, dann zehn, schließlich,  da auch das unrealistisch erscheint, drei gute Menschen.
Abends zur Unzeit ins Bett
Während die Erzengel an die Suche glauben, will Luzifer sie verhindern.  Die Sintflutdrohung wird durch den  Klimawandelregen symbolisiert, die guten Menschen werden in einem Wohnheim für Menschen mit Downsyndrom gefunden, die tagsüber mit Sortierspielen gelangweilt und abends zur Unzeit ins Bett „gebracht“ werden. Sie sind die einzigen, die den auf der Erde herumsuchenden und wie abgerissene Flüchtlinge aussehenden Erzengeln Zuflucht gewähren, jedoch wird ihre Güte schon am Morgen nach der ersten Nacht recht nüchtern relativiert, sie schütteln sich, fanden das Schlafen doch etwas eng, gedrückt und unbequem. Doch die Engel wollen sogleich zu Gott eilen und ihnen von den drei guten Menschen erzählen.
Ist deren Güte ernst zu nehmen?
Doch stoppen sie plötzlich und fragen sich: Ist deren Güte ernst zu nehmen, da sie ja das Downsyndrom haben? Das wird zu einem Schlüsselsatz. Sie haben Betreuer und leben nicht selbständig. Kann also dann ihr Gutsein gewertet werden? So müssen die Erzengel ihnen zunächst einmal Selbständigkeit ermöglichen um die Güte daran zu messen, wie sie sich im realen Leben durchschlagen können. Sie schenken ihnen auf ihren Wunsch einen Teeladen. Das nehmen die drei guten Mädchen gern an, müssen sich dann aber auf einem verschrotteten Jahrmarkt mit ziemlich viel Widrigkeiten herumschlagen. Auch kommt die völlig verarmte Wohngruppe, samt der aus Geldmangel entlassenen Betreuerin zu ihnen und verlangt Aufnahme und sie verschenken alles und kommen so in neues Elend.
Wegducken, ausharren, durchboxen…Angriff
Doch wurden den dreien in der ersten Szene von ihrer Betreuerin einige Körperspiele beigebracht, die sich im Laufe des Stückes als höchst sinnvoll zur Bewältigung der Realität herausstellen, diese heißen: Wegducken, ausharren, durchboxen,….Angriff! Und so kommen die drei Mädchen Besche Ju (Juliana Götze), Besche Ne (Nele Winkler) und Besche Zo (Zora Schemm) auf die im Iran und anderen arabischen Ländern übliche Idee, sich mit schwarzen Strumpfmasken, Kappen und militärisch anmutender Uniformierung als Männer zu verkleiden um sich Respekt zu verschaffen.  Dazu bewaffnen sie sich mit langen Stöcken, prügeln die Schmarotzer weg und retten in einer ersten Szene ihren  kleinen Besitz. In einer weiteren verschaffen sie sich durch die Verwandlung und Männerverkleidung  gegen Herrn Limbim, den Revuebesitzer (Joachim Neumann), der mit Luzifer im Bunde ist, Respekt. Man nennt es im Iran und in Afganistan: „Bacha Posh“ und es ist weit verbreitet, wenigstens ein Mädchen in einer Familie, die nur Töchter besitzt, während der Kindheit in einen Bacha Posh zu verwandeln. Bacha Posh hilft auch den Downfrauen, sich durchsetzen zu können.
Soll es ein andrer Mensch sein? Oder eine andere Welt?
Ist das nun gut, ist das schlecht? Es lässt Fragen entstehen im Sinne Brechts:Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/ Den Vorhang zu und alle Fragen offen. /Soll es ein andrer Mensch sein? Oder eine andere Welt?/Vielleicht nur andere Götter? Oder keine? /Sie selber dächten auf der Stelle nach/Auf welche Weis dem guten Menschen man/Zu einem guten Ende helfen kann./Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!/Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“ – Bertolt Brecht: Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1964, S. 144
Zum Ende mag sich Eva Mattes als Erzengel nicht mehr raushalten, sie will sich einmischen, und springt aus ihrer distanzierten Zuschauerposition unter die Spieler und kämpft mit, engagiert sich.
Die Angst der Menschen mit Downsyndrom als hässlich zu gelten
Im Laufe des Stückes werden viele weitere Themen verhandelt, die geschickt in die Haupthandlung eingebaut sind: Etwa die Angst der Menschen mit Downsyndrom als hässlich zu gelten, wie empfinden und fühlen und leben Menschen Liebe, Treue und Beziehungsfähigkeit? Dazu gibt es eindrucksvolle Sequenzen, die in einer Zwischengeschichte mit einem Selbstmörder spielen. Dann der Kinderwunsch, der mit dem Wunsch keine Kinder kriegen zu müssen, verbunden wird. zu Beginn des Stücks tritt außerdem ein Mär-Wolf (Mario Gaulke) auf, ein Ausbeutung, Grausamkeit und Gier verkörperndes Monster.  Interessant ist auch die Wandlung, die die Betreuerin Zizi vollzieht, von einer künstlich-freundlichen über den Betreuten stehenden Frau hin zu einer, die im gleichen Boot der Ausblutung sozialer Projekte sitzt. Sie kommt auf die Idee, sich mit den Bewohnern, im Tingeltangel verkleidet, auf dem Jahrmarkt auszustellen.
Kein inklusives Mitleidstheater
Ein großartiges, zeitgeschichtliches Theaterstück für Erwachsene jeden Alters.  Kein inklusives Mitleidstheater sondern große Brecht-Bühne!  Mit sehr guter jazziger Livemusik, eigens komponiert von Ernst Bechert und Stefan Dohanetz, die zusammen mit Moritz Höhne, (Bass, Trompete und Percussion) in einer kleinen Band im Hintergrund spielt, dazu Bühne und Kostüme, die äußerst phantasievoll sind, Plastik und Abfälle verarbeitend,   dem Thema angemessen, in grau und regen-angeschmuddelten Farben, super originell, nie formal überbordet. Unbedingt hingehen! 

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Kritik zu: Kriegerin
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Ein großer Wurf des Gripsteams bestehend aus dem Regisseur, der Dramaturgin, der Autorin und den Schauspielern, gemeinsam erarbeiteten sie sich über ein Jahr eine aktualisierte Form des Filmstoffs „Die Kriegerin“, nicht ahnend, dass dieser Stoff gerade in diesem Jahr solch eine Aktualität bekommen würde.

Von Beginn an nimmt das Stück der Filmadaptation „Die Kriegerin“, von Tina Müller (Stadt der Hunde, Neuköllner Oper), eine rasante Fahrt auf, die Szenen wechseln in Minutentakten, Männer malen sich weiße Hosenträger auf ihre nackten Oberkörper, bekleben sich streifenweise mit Paketband, schmieren sich mit weißem Lehm Streifen auf die Haare, das ganze eine Art abstrakter Uniformität. Dann rasen sie herum, dann folgt der Blick auf eine Falafelbude mit einigen Joggern, die ebenfalls viel in Bewegung sind, dann der Nazi-Überfall auf diese Bude, dann Auftritt der Hauptperson Marisa (Alessa Kordeck). Dazu Musik, Lärm, Gebrüll, springen, rennen, spurten, schnelle Bewegungen.

Hebt schon immer den Arm
Der Freund Marisas Sandro (Paul Jumin Hoffmann) später im Gefängnis, hebt schon immer den rechten gestreckten Arm, da deklamiert sie noch beschönigend: „Wir sind keine Nazis, wir sind rechts, aber nennt uns nicht Nazis!“, dem Freund geht aber der rechte Arm doch immer hoch, sie dazu: „Nicht hier!“, dann weiter: „Wir sind überall, im nächsten Zugabteil…“ Dem folgt eine blitzartige Verwandlung einiger der Spieler in Flüchtlinge; die in einem Tisch mit riesigem Deckel eingepfercht sind, englisch sprechen, raus wollen, die Enge nicht mehr aushalten, Boot? Flüchtlingsheim? Weiß man nicht genau, aber Enge, aber sich verständlich machen wollen, um Hilfe rufen. Einer davon ist 14, der wird später Marisa treffen und überfahren werden. Bewegung und Wildheit beherrschen das Stück von Anfang bis Ende. Das kommt gut. Das passt gut. Das zeigt etwas über Jugendliche, ihre Sorgen, ihre Wut, das gefährliche Brodeln im Kessel ihrer Seelen. das kann revolutionär werden, aber kann auch anders.

Allmählich werden Risse sichtbar
Dann wird auch Familie gezeigt, ein Vater versteht nicht, warum sein Sohn rechts ist, aber enthüllt es doch, will sich reinwaschen, macht es sich bequem. Eine andere Familie wird gezeigt, Handwerker, Tochter ist fasziniert, will mittun bei den Rechten. Erst ganz allmählich werden Risse sichtbar, die rechten Mädchen sammeln sich, die  Mädchenschimpfworte tönen ihnen in den Ohren: Fotze, Fotze, Hure, Schlampe, fette Sau, Luder, Zicke, Flittchen, Putzlappen, Mutti, Nutte, Weib, Alte, schäm dich, verzieh dich, Klappe halten, raus halten, Schnauze halten, Beine breit, Titten her, runter mit dir, komm schon, weg da, mach mal, los jetzt, putz mal, hol mal, frag nicht, nix für dich, Weiber raus, lass mich ran, fick dich doch selbst, Fotze!“ Das wirkt. Das bleibt unkommentiert. Keine Antworten werden gegeben, keine Deutungen, nur nebeneinander gestellt. Es wird auch nichts verteufelt, nur gespielt, die Faszination, der Lärm, das Stärkegetue.

Mein Haus hatte Tausend Räume
Rasul, ein 14-jähriger Flüchtling wird gezeigt, er schmollt, er wollte nicht gehen, er wäre gern zuhause geblieben. Deutschland ist ihm zu unfreundlich, zu kalt, zu ungemütlich. Er begegnet Marisa, die Begegnung bleibt schwächlich, kurz, unklar in ihrer Qualität. Ist sie von ihm genervt, berührt? Das Zweite wirkt unlogisch, doch etwas ist geschehen, seine bitte nach Essen schafft sie nicht kaltschnäuzig abzulehnen. Mag sein, weil er noch jung ist. Er singt bevor er überfahren wird, das Lied berührt: „Das war mein Haus, mein Haus hatte tausend Räume…“

Choreografie sehr echt, detailgetreu
Nazi-Embleme werden nicht benutzt. Die Requisiten bestehen aus grobem Holz, Plastikbändern, weißer Farbe, braunem Lehm und anderen hellen Baumarktutensilien. Der Regisseur Robert Neumann hat hier erfindungsreich Embleme und Uniformierung symbolisch offen gewählt, das gibt einen eindrucksvollen Effekt, weil sich die Typisierung dadurch eher öffnet. Die Tanzszenen der sich gegeneinander werfenden Männer im Pogo, die nicht selten in Prügeleinen ausarten, werden ungeheuer detailgetreu wiedergegeben, ebenso die Faszination, die diese Situationen für Mädchen darstellen. Und auch deren Widersprüche, Risse und Kanten. Die Sprache ist in ihrer Milieu-Genauigkeit, in ihrer Geschwindigkeit, mit der sie auftritt, genauso wie die Choreografie einzigartig treffend gewählt. Auch dramaturgisch sehr spannend, keine Längen, kein Stück zuviel oder zuwenig.

Hass wird sichtbar gemacht
Dafür wurde sich lange mit dem Thema beschäftigt, lange recherchiert, lange geprobt, Aktuelles immer wieder mit eingewebt, herausgekommen ist ein Stück, was vielleicht sogar in der Lage ist, Sympathisanten dieser rechten Jugendbewegung zum Nachdenken zu bringen. Das nicht, indem appelliert wird, nein, nur indem der Hass sichtbar gemacht wird. Ein Hass, der ubiquitär auftritt und in zahllosen Einzelszenen sichtbar wird. Der Hass der Jugendlichen. Tina Müller sagt, sie habe den Hass der Rechten, obgleich sie jetzt über ein Jahr dieses Stück schrieb, doch nie verstanden und genau das sagt das Stück: Es zeigt Hass und lässt das stehen, kommentiert nicht, erklärt nicht, lässt nur stehen und zeigt und der Zuschauer hat das Nachdenken.

Alessa Kordeck mit Leidenschaft bemerkenswert
Alessa Kordeck in ihrer Interpretation der Marisa ist übrigens dabei bemerkenswert, sie spielt sich, sie tobt sich völlig aus, sie gibt sich in Bewegung, Mimik, Gestik, jedem Wort, jedem Moment, ihrer Figur mit Leidenschaft und Empathie hin,  sie spielt den Hass und in ihm steckt Verzweiflung, Kraft, Mut und Angst. Und besser als im Film gibt es kein plumpes Umschlagen in den Zweifel an all dem, nein, ein ganz vorsichtiges Tasten, weg von dem, was war, aber noch ohne jedes Wissen in welche Richtung.

Verhältnisse ein Minenfeld
Was dabei klar wird, die Verhältnisse, in denen wir leben, sind ein Minenfeld, auf dem wächst eine seit Jahrzehnten hochgezüchtete Saat. Wohin wird das führen, wie ist dem Einhalt zu gebieten, wie ist das aufzuhalten? Ein hochaktuelles Stück! Wieder mal ein Glanzstück des Regisseurs Robert Neumann. Für alle Alterstufen ab 14. 

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Kritik zu: Philoktet
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Philoktet, in der sophokles´schen Bearbeitung im BE,  tragisch, würdig, ernst und hochpolitisch gespielt vom RambaZamba-Ensemble, geht einem wie mit Nadeln unter die Haut.
Es reißt sie einem sogar herunter, wenn der Schmerztanz beginnt und sich der Mensch, der hier für alle steht, in Krämpfen stumm sich krümmend schreit. Keinerlei Überspieltheit, keine Manierismen, keinerlei Eitelkeit, nur echter adäquater Ausdruck. Ausdruck großer Gefühle von Ungerechtigkeit, Leid und Hass. Ein großes Drama darüber, was der Krieg mit den Seelen der Menschen macht: Er zerstört sie! Philoktet hat eine neunjährige Einsamkeit ohne menschliche Ansprache hinter sich, er ist kaum noch Mensch, aber doch insofern noch, als dass er sich dem weiteren Kriegsführen zunächst widersetzt.  Man muss ihn also überlisten, wie Odysseus es auch listig und scharf befehlend formulierte, der wunderbar skrupellos, nicht ohne Widersprüche, von Sven Normann gegeben wird.

Die langsame Überlistung und Überredung zum Mittun
Dann die langsame Entwicklung des Auferstandenen zurück zu einem solch sozialen Wesen, das abhängig ist von Gegebenheiten, Umständen, Zwängen und Abhängigkeiten. Zuerst ist Philoktet noch ganz eigener Mensch in seinem Leid und der damit verbundenen Erkenntnis über das, was gut und böse ist und wahr. Dann die langsame Überlistung und Überredung dieses Menschen zum Mittun bei erneutem Krieg, das ist der Inhalt des Stückes. Ausschlag gibt ihm am Ende die Gebundenheit an die Menschen, mit denen er aufwuchs. Doch stimmt das auch? Es scheint noch mehr zu sein, alle menschlichen Tugenden, auch die der Eitelkeit und der Ruhmsucht, entstehen erneut in dem Zurückkommenden.

Ein Stück von den Auswirkungen gesellschaftlicher Bedingungen auf den Menschen
Er besitzt die „Wunderwaffe“, hier ein überdimensionierter Pfeil und Bogen, dessen Pfeil als neuzeitlich raketenähnliche Drohne gelten könnte, der Bote des Odysseus, Neoptolemos, (Jonas Sippel) dreht ihn, als er ihn endlich erobert hat, für mehrere Minuten lang still und stumm, einen Halbkreis bildend, wie blind zielend dem Publikum entgegen. Ausdrucksstarke Szene mit aktuellem Bezug. Jonas Sippel gibt die Problematik seiner Figur (Der Mensch als Werkzeug der Mächtigen) sehr gut und in seiner zaudernden Widersprüchlichkeit einmalig passend. Ebenso Sven Normann als Odysseus, seine Körpersprache, die voll bizarren Ausdrucks ist, trifft sehr gut das Kantige, Scharfe und Gnadenlose eines Mächtigen, der ohne Gewissen handelt und doch aber sogar sich selbst Glauben macht, dies für sein Volk zu tun, verantwortlich zu handeln.
Choreografisch ist das ganze Ensemble imens ausdrucksstark, mit einer ganz eigenen Körpersprache, die die Blicke mitzieht und immer Unerwartetes zeigt. Das zu gestalten, dazu gehört Verständnis und Erkenntnis, dh die Menschen mit diesen Behinderungen, die wir von außen  als so verschieden von uns wahrnehmen, sie sind uns an Erkenntnis über, wenn sie dieses spielen und ausdrücken.
Das Spiel der Truppe, die erstmalig im BE auftritt und diesmal auch Menschen ohne festgestellte und amtlich nachgewiesene Behinderungen, in großen Rollen hat (zwei Spieler gehören nicht dem RambaZamba an) beweist einmal wieder, dass die Einstellung, dass Menschen, als geistig behindert bezeichnet und in Gradstufen unterteilt werden, die dem Alter von Kindern zugeordnet werden, nicht nur überholt, sondern falsch ist.  Falsch, schädlich, diskriminierend, unzulässig.

Wie im Krankenhaus
Warum steht aber das noch in keinem Lehrbuch? Warum haben die Ärzte ihre Testbatterien nicht längst umgestellt? Warum sprechen Menschen, die in Institutionen für Menschen mit geistigen Behinderungen arbeiten, von diesem Theater immer noch als „Ausnahme“ und von „Luxusbehinderten“? Weil viele der Institutionen noch immer, wie im Krankenhaus, ihre Klienten abends um 18 Uhr abfüttern, sie um 20 Uhr zu Bett bringen und sie tagsüber stumpfsinnige Arbeit ausführen lassen, über die sie nicht bestimmen können.

Die nicht heilen wollende Wunde der Ausgrenzung
Da könnte sich Wut und Hass ansammeln, genau wie bei Philoktet, sie könnten sich krümmen vor Schmerzen wie er, wegen dieser ewig nicht heilenden Wunde der Ausgrenzung aus unserer Welt. Die Spieler des RambaZamba spielen immer einen Stoff, den sie zugleich auch interpretieren und kommentieren durch ihr Anderssein. Dass das uns berührt und uns tiefere Erkenntnisse gewährt, dass es unseren Gesichtskreis, unser Bewusstsein verändert, das wird hier immer sinnlich und bildhaft deutlich.

Anderssein als Chance
Bewusst wird uns und damit gleichzeitig kritisch bewusst:  Die Spieler sind anders, sie machen ununterbrochen die Erfahrung des Ausgeschlossenseins, wenn sie sich in eine U-Bahn setzen, dann rücken die Menschen von ihnen ab oder starren sie an.  Schauen wir ihrem Spiel zu, so begreifen wir:  Wir bewundern sie für dieses Spiel, für ihre Art es so zu spielen, wir achten und würdigen ihr Anderssein, mit dem sie große menschliche Themen darstellen können, die sich oft um das Anderssein drehen. Anderssein als Chance? Philoktet entscheidet sich dazu, aus dem Anderssein wieder herauszutreten, bald darauf wieder mitzutun bei den Schandtaten der Welt. Große Fragen werden hier diskutiert.

Bravouröse Theaterarbeit
Das RambaZamba hat sich von Anbeginn zum Ziel gesetzt hat, Erwachsenentheater zu machen. Damit wollten sie gegen die Unart angehen, mit erwachsenen Menschen Hänsel und Gretel-Theater vor reichen Spendern aufzuführen. Mit diesem Stück ist erneut der Beweis angetreten worden, dass eine bravouröse Theaterarbeit, wie die von Gisela Höhne, gelernt bei Bert Brecht, Augusto Boal, Erwin Piskator, aufbauend auf einem tiefen Verständnis von politischem Theater, dass etwas aussagen will, auch mit schwer ausgegrenzten Menschen höchste Kunst darbieten kann. In diesem Fall hat sich in der Regie Jakob Höhne versucht, dies war sein Debüt am RambaZamba-Theater.

Bewegendes Standbild
Das Stück beginnt mit einem sehr verdichteten Vorspiel, in dem die Geschichte von Herakles erzählt war, hier besticht die Rolle der Hydra, die vom ganzen Ensemble choreografiert wird, das gemeinsam ein zischendes und zitterndes, sich vielköpfig und züngelnd bewegendes Standbild schafft, das einem sehr eindringlich in Erinnerung bleibt. Überhaupt werden hierin die Symbol- und Mythenfiguren verknappt, reduziert und darum auf Brecht´sche Weise einfach dargestellt. Jegliche Übertreibung unterbleibt. Die Personen werden immer dialektisch aufgebaut, zB Moritz Höhne, der die Stärke des Helden Herakles gestisch und mimisch schon selbstkarikierend gibt, wird von Nele Winkler als Musikerin und Tochter des Königs schmunzelnd, wie außerhalb des Spiels, dem Publikum mit den Worten vorgestellt: „Der ist bloß dick!“

Wie überzeugt man den Leidenden, den rasend Hassenden von den guten Absichten seines Feindes
Die Musik, davon ein starkes Stück moderner Klassik in der Umbaupause, wirkt wie Wind, der von Felsenriffen zurückgeworfen wird (Leo Solter) und wie Schmerzgestöhne, das auf Knochen geblasen wird. Inhalt des Hauptspiels ist das Ringen um den Kämpfer Philoktet, der einst ausgesetzt, nun  zum Kämpfen zurückgeholt werden soll. Wie überzeugt man den rasend Hassenden von den guten Absichten seines Feindes? Hier schafft der inclusiv mit in die Truppe genommene Tobias Rott – Normalo durch die Darstellung einer seelischen Verkümmerung in Art eines Kaspar-Hauser-Syndroms, aus dem er sich im Laufe des Stückes befreit, dann aber wieder Mitmacher im Krieg wird, während er, als er noch krank und seelisch verkrüppelt durch Isolation war,  strikter Gegner jeder kriegerischen Handlung.

Juliana Götzes wundervoller Körpertanz
Das langsame In-die-Welt-Zurückommen des fast Verrücktgewordenen, der schon Erscheinungen hat und Stimmen zu hören glaubt, der um die Worte ringt, die ihm nicht über die Zunge gehen wollen, der aber doch geistig sehend und weise geworden ist in seinem Kummer, das ist eine starke Arbeit die sehr gut umgesetzt wurde. Juliana Götze überzeugt wieder sehr: Als Mitglied der Schiffsmannschaft durch ihr intensives und klares Minenspiel, ihre eindrucksvollen Augen, ihren wunderschönen Körpertanz als eine Art Kassandra, ein mahnendes Monster.

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