Anja Röhl
KRITIKEN
Kritik zu: Nora
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Es ist ein Wagnis, Henrik Ibsen umzuschreiben, Armin Petras hat es getan und »Nora« für die Bühne im Deutschen Theater in Berlin »neu eingerichtet«. Unter der Regie von Stefan Pucher ist dafür eine interessante Lösung gefunden worden.
Über der Bühne laufen auf einer Leinwand Theaterszenen in Schwarzweiß, die altmodisch und melodramatisch, wie aus den 1930er Jahren stammend, wirken. Sie werden aber von denselben Schauspielern gespielt, die unten auf der Bühne in einer grellen, lilabunten Lackfarbenwelt in modernen Kleidern Neureiche karikieren. Die Sparche unterscheidet sich auf beiden Ebenen: oben der klassische Ibsen, unten der veränderte Ibsen. Doch der Inhalt bleibt unverändert: Nora ist eine konsumsüchtige Püppchenfrau, die mit ihren Kindern ja in einem »Puppenheim« lebt, wie Ibsen sein Stück ursprünglich betitelt hatte.
Erpresst, weil sie ihm hochgeholfen hat
Nora behandelt ihren Mann Torvald kindlich-liebevoll, während er ihr gegenüber wie ein Vater auftritt, der sie wie ein Kind bevormunden und zurechtweisen kann, ganz nach Belieben, weil es eben zum echten Nachdenken nicht fähig ist. Darüber fühlt er sich groß, während in Wahrheit sie es ist, die ihm hochgeholfen hat, dann aber von einem seiner gerade entlassenen Mitarbeiter erpresst wird, weil sie die Unterschrift auf einem Schuldschein gefälscht hat.
Will er sich ihr nähern, macht er das plump und fordernd
Das festgefügte Rollenmuster, das hier gläsern die Lüge sichtbar macht, hindert die Protagonisten, ihren echten Gefühlen Ausdruck zu verleihen, daher wird auch die Sexualität zwischen den beiden künstlich und undurchführbar. Er: »Ich bin absolut sauber!« / Sie: »Kannst du ja gar nicht sein, sonst wärst du ja nicht Bankdirektor!« / Er: »Liebe! Schon mal gehört?«  Will er sich ihr nähern, macht er dies plump und fordernd, sie schreckt vor ihm zurück, weicht ihm aus, wehrt ihn ab. Beide bewegen sich keinen Millimeter aus den vorgegebenen Rollen heraus. Als der Ehemann von dem Erpresserbrief erfährt, dreht er durch und beschimpft seine vorher doch scheinbar so sehr Angebetete in ekelerregender Weise. Das Fehlen der Liebe wird vollständig enthüllt.
Nora hat es plötzlich begriffen: So ein Leben will sie nicht mehr
Freundlich wird er erst wieder, als sich die Sache mit dem Schuldschein erledigt hat. Er bittet um Versöhnung und stellt alles als Scherz hin. Doch da hat es Nora plötzlich begriffen. So ein Leben will sie nicht mehr führen und verlässt ihren Mann. Dies passiert allerdings hier dramaturgisch dermaßen schnell, dass man es im Grunde nicht richtig mitbekommt. Die Püppchenwelt war ihr doch auf den Leib geschnitten, woher nun plötzlich der Zweifel? Es ist so, als wäre Nora jetzt auch von der Regie verlassen.
Heute: Glitzern-gelacktes Bankenmilieu
Armin Petras’ Umschreibung spielt im Bankenmilieu, ebenso glitzernd wie gelackt vor modernistischen Möbeln in kalten Farben. Die Rolle der Nora ist mit Katrin Wichmann gut besetzt. Allerdings kann sie in der lasziv konzipierten Schwarzweißfassung ihren Schlafzimmerblick keine Minute ablegen.
Kinder kommen in Petras’ Variante gar nicht vor, da Nora sie ja nur zu Puppen in einem Puppenheim erzogen hat, interessiert sich auch der Autor nicht mehr für sie. Der Erpresser (Moritz Grove) ist als Charakter etwas eindimensional geraten. Der Ehemann (Bernd Moss, eine Starbesetzung), ist schärfer konturiert.
Sprache dem Volk abgelauscht, das sich auf facebook vernetzt
Die Sprache hat Petras dem Volk abgelauscht, das sich auf Facebook vernetzt. Es ist ein ubiquitär-neoliberaler Jugend-Slang, der menschliche Beziehungen versachlicht, ganz so, als hätte man es mit Apparaten und nicht mit Kommunikation und Interaktion zu tun. Da gibt es klare Antworten, entweder ja oder nein, eins oder zwei, der Mensch ist aber mehr ein Dazwischen. Da wirkt die Sprache manchmal ein ganz klein wenig zu jung für die Protagonisten. Weiterlesen
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Das Stück lebt von der Geschichte des Komponisten Hans Eisler und seinen zwei Geschwistern, Gerhard Eisler und Ruth Fischer, beide mit internationaler Wirkung, beschreibt und erklärt Weltgeschichte an einem konkreten Beispiel, würzt mit Musik von Hans und stellt Bilder nach, die Edward Hopper (amerikanischer Maler der Neuen Sachlichkeit und des Lichteinfalls urbaner Szenen) malte.
Die Regisseure Kühnel/Kuttner haben ihr Dokumentarstück, es arbeitet mit Verhörprotokollen aus amerikanischen Mc-Charty-Prozessen, in denen Ruth Fischer ihre Brüder denunziert, „Familienaufstellung“ genannt, nur dass man sich in dieser versöhnt, im Stück aber an die Behörden ausliefert.  Das Ganze lebt durch eine Athmosphäre von Kühlheit, Verlorenheit und Feindschaft, die den damaligen Zustand ungeheurer Niederlage der Linken nach dem Kriege beschreibt. Antithetisch dazu wirken die Lieder von Eisler. Sie erinnern an die Siegeszeiten des Kommunismus in den 20/frühen 30er Jahren.  Die Verlorenheit  wird unterstützt durch das Bühnenbild, dessen Raffinesse aus orginalgetreuer Nachstellung einiger Bilder von Hopper besteht, in die die Spieler integriert und dann daraus abgefilmt werden. Mehrfacher V-Effekt um Stimmungen zu erzeugen.  So wird ein ganzes Verhör in das Bild „Morning sun“ transponiert und das Verhör wird von einer eifersüchtigen Geliebten im Bett geführt, die ihren Freund am offenen Fenster nach seinem Seitensprung ausfragt.  Eine andere Szene spielt im Bild Nighthawks, dort sitzen einige voneinander getrennte Menschen an einer nächtlichen Bar, Matthias Schweighöfer als Inkarnation Marx macht dort den Eisler, Hans. Sie trinken und sind resigniert, denn nicht nur sind dem Kommunismus im Faschismus Millionen Menschen gefoltert und ermordet worden, auch in der SU sind durch Stalin die besten Frauen und Männer der revolutionären Aufbruchszeit verfolgt, hingerichtet und verbannt worden.
Nichts ist schlimmer, als wenn sich Geschwister öffentlich streiten
Ruth Fischer hat hier eine mehr als unrühmliche Rolle gespielt, zunächst galt sie als eisenharte Vertreterin der Durchsetzung von SU-Beschlüssen in der KPD, bekämpfte da stark die „Abweichler“, ganz im Sinne Stalins, nachher fühlte sie sich derart paranoid verfolgt von Stalin, dass sie ihre beiden eigenen Brüder der Spionage und des Mittuns an der Ermordung ihres Mannes beschuldigte, wofür es nicht die geringsten Hinweise gab. Nichts ist schlimmer, als wenn sich Geschwister öffentlich ans Messer liefern, da erwartet man doch eher einen Rest menschlichen Zusammenhalts über alle Klassen-, Standes-, politisch-, weltanschauliche Grenzen hinweg. Diese sind Ruth Fischer nachhaltig verloren gegangen, warum das geschah, kann hier nur aus der allgemeinen nachfaschistischen Resignation und dem Neuaufkommen antikommunistischer Hetze nach 1947 rückgeschlossen werden, persönlich-familiär entschlüsselt sich der Hass nicht. Ruth Fischers Hass richtet sich in erster Linie gegen Gerhard, Hans wird mit hineingezogen, stundenlange Verhöre sollen beide zermürben, die sich ihr Lebenswerk von vor dem Krieg nicht zerstören lassen wollen, aber selbstverständlich vor den Ausschüssen ableugnen.
Simone von Zglinicki als ältere Ruth gibt diese als Glanzrolle
Die Geschichte wird in zwei zeitlichen Ebenen inszeniert, einmal treten die Protagonisten 1947 als schon etwas Ältere auf, das andere Mal als junge Exilanten, den Beginn der Hitlerära noch unterschätzend. Die jungen Spieler sind Maren Eggert (als Ruth), ausgesprochen gut der jungen Ruth Fischer nachempfunden in Bewegung, Kleidung und Ausdruck, dann Daniel Hoevels (als Gerhart) und Ole Lagerpusch (als Hanns), damals sind sie noch nicht entzweit. Sie haben jeweils ein älteres Doppel zur Korrespondenz: Simone von Zglinicki als die ältere Ruth gibt eine Glanzrolle, naturgetreu und psychologisch schlüssig, Jörg Pose und Michael Schweighöfer als Hanns Eisler, mit viel Haar Karl Marx nachgestellt als Gegensatz zum echten Eisler, der glatzköpfig war.
Stalin als tragisches Problem der Linken 
Das Stück besteht aus dokumentarischen Szenen, daher ist es kein Schauspiel shakespearscher Prägung, obgleich es dazu doch den Stoff durchaus geboten hätte, es gibt einen Anreiz sich mit KPD-Geschichte zu beschäftigen, positiv fällt auf, dass die Kritik an Stalin hier nicht antikommunistisch ausgeschlachtet, sondern als tragisches Problem der Linken deutlich wird. Leider fällt aber das Stück manchmal dramaturgisch ein wenig auseinander und viele Fragen bleiben unbeantwortet. Die Musik, die Bildhaftigkeit der Hopper´schen Gemälde als Szenenhintergrund und die Ungeheuerlichkeit geschwisterlichen Hasses gibt dem Stück seine Dramatik. Es zeigt, was aus Menschen werden kann, die in den Strudel der Geschichte eingetaucht und hineingerissen werden, an ihr teilhaben und durch sie verletzt werden.  Es werden viele Eisler´sche Lieder gebracht, am Ende das ernste Klassikwerk, dass der Dramatik des Brudermordens gerecht wird. Unbedingt empfehlenswert! Weiterlesen
Kritik zu: Deutschstunde
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Im Berliner Ensemble hat Christoph Hein Deutschstunde „fürs Theater eingerichtet“, den Roman dramatisiert, der erstmals in den 60-er Jahren die psychologische Traumatisierung durch den NS-Faschismus zum Thema hatte.  Das Kind eines Polizisten hatte sich in seinem Heimatdorf mit einem Maler angefreundet, der ihm eine geistig freiere Welt eröffnet hatte und den er lieb gewann. Als sein Vater diesen Maler wegen Malverbot überwachen soll, warnt der Sohn oftmals den Maler und teilt mit ihm gegen seinen Vater viele Geheimnisse.  Gleichzeitig versucht der Vater ihn zum Spitzel gegen den Maler zu machen.
Als der Sohn nach 45 Zeuge wird, wie der Vater heimlich weiter die Bilder des Malers verbrennt, weil er meint, die Führerbefehl kann nicht falsch gewesen sein, befällt den Sohn eine Psychose, er beginnt dem Maler, der einst sein Freund war, Bilder zu stehlen, versteckt sie und sagt immer wieder zur Begründung, er wolle sie in Sicherheit bringen.  So schleppt man ihn ins Jugendgefängnis und dort gibt’s auch Unterricht und wie es so ist, sollen die Jungen einen Aufsatz schreiben. Das Thema: Die Freuden der Pflicht. Darüber muss der Junge so lange nachdenken, bis die Stunde vorbei ist und sagt dann, dass er leider erst beim Anfang gewesen sei, so viel habe er darüber zu schreiben. So setzen sie ihn in seine Zelle, er bekommt Hefte zugeteilt und darf ein Jahr lang seine Erinnerungen aufschreiben. Die Freuden der Pflicht, dazu war ihm sein Vater eingefallen und mit ihm kamen alle Erinnerungen in ihm hoch.
Manchmal noch Häftlinge, dann schon Dorfbewohner
Auf der Bühne sitzt vorne rechts der Junge, der an seinen Bleistiften knabbert und hinter ihm auf grauschwarzer Bühne werden die in einheitlichen Arbeitsmänteln steckenden  Mithäftlinge langsam zu den Protagonisten des Dramas.  Eine Uhr tickt. Die Häftlinge beginnen zu tanzen, sie schweben, sie spielen und geben den Rhythmus vor. Sie beginnen vor dem Jungen ein Eigenleben zu führen. Sie tun dies auf Löffeln und anderen Gegenständen, sie trommeln, kündigen eine neue Szene an, manchmal sind sie noch die Häftlinge in der Häftlingswerksatt, dann wieder die Dorfbewohner im Dorf des Malers.
Mit dem Rad in die Sackgasse seiner Mission
In der linken Ecke sieht man ein Telefon, dort ist die Amtsstube und Wohnung des Vater-Polizisten, einem von Pflichtgefühl aufgeblähtem Menschen, der einen Typus darstellt, der auf dem Fahrrad in die „Sackgasse seiner Mission strampelt, von Ewigkeit zu Ewigkeit…“. Es ist schwer ein so dickes Buch in Einzelszenen aufzulösen, was hebt man hervor, was lässt man weg? Die ausgewählten Szenen treten klar und farbig zu der Gefängnisumgebung in einen Kontrast, sie sind sehr naturalistisch gestaltet, die Menschen sprechen den nordischen Dialekt, die Landschaft wird beschrieben, die Farblinien des Hintergrundes sind den Bildern des Malers nachempfunden, der im Buch Nansen heißt und in Wahrheit Nolde ist.
Hauptpersonen typisch und echt
Die Verknappung hat zur Folge, dass die Nebenpersonen kaum hervorkommen, sie werden nach jeder Szene in das Ensemble der Mithäftlinge zurückgeführt.  Als Hauptpersonen werden der Polizist, sehr typisch, echt und authentisch gespielt von Joachim Nimetz, und der Maler Nansen einander diametral  gegenübergestellt. Martin Seifert gibt den Maler selbstironisch, klar und stark. Diese beiden führen durchs Stück und das Stück lebt durch ihre Dialoge.  Die Bedrängnis des Jungen fällt dagegen etwas ab, für die Ausgestaltung der Beziehung des Jungen (sehr gut besonders im zweiten Teil gespielt von Peter Miklusz) zum Maler bleibt manchmal nicht genügend Zeit.
Schutzlos und hilflos durch Wutprügelorgie 
Höhepunkt seiner Rolle ist die Szene, wo er den Vater bei seinen Verbrennungstaten entdeckt und sich erstmalig gegen ihn auflehnt und dann bei dem eine fürchterliche Wutprügelorgie hervorruft, der er schutzlos und hilflos ausgesetzt ist und die ihm anschließend das Rückgrat bricht. Das Publikum erkennt die Mechanismen, die danach die Psychose zum Ausbruch bringt, es erkennt und das ist gut.
Das Wesen der Nazi-Erziehung: Die kalte Mutter
Dieses und die gegeneinander kämpfenden Hauptpersonen, bei denen es sich um die Verkörperung der Hauptprinzipien Blinder Gehorsam gegen kreatives Selberdenken handelt, sind in allen Ausgestaltungsvarianten gut gelungen, die NS-Erziehung wird ganz folgerichtig durch eine kaltherzige Mutter ( wird durch einen Mann gespielt: Felix Strobel) verkörpert, da das Wesen der Nazi-Erziehung das Denunzieren der Muttergefühle als „Affenliebe“ , das vorsätzlich-bewusste Abtöten der Muttergefühle durch frühzeitige Entfremdung Prinzip ist.
Kapitän Andersen
Von den Nebenfiguren ist noch hervorzuheben der Kapitän Andersen, hier ist eine nordische Figur wie aus dem Buch herausgeschnitten gut getroffen worden, und Hinnerk Timmsen, der Wirt, der durch Martin Schneider auf wunderbar kleinbürgerlich-halbproletarische Weise gespielt wird.
Für alle diejenigen, die einmal die Jugend Deutschlands sein sollten: Unfrei und eingeschüchtert, zum Hass erzogen
Das Stück kann einen anregen, sich mit dem Buch „Deustchstunde“ noch einmal zu beschäftigen, sich hinein zu versenken in seinen episch-breiten, und doch etwas steif-hölzernen Stil, mit dem Lenz das Drama seiner eigenen Kindheit und Jugend am Beispiel eines psychisch schwer traumatisierten Halbwüchsigen zum Exemple macht für all diejenigen, die einmal die Jugend Deutschlands werden sollten: Unfrei und eingeschüchtert, zum Hass erzogen, zu Mördern geprügelt, angeblich hart, in Wahrheit gestört und verwirrt, einsam und traurig. Wie heißt das? Brüllt der Vater seinen Jungen an: Du hast um sechs zu  Hause zu sein!“  Wer kennt den Satz nicht, er schallte in den 50/60er  Jahren aus jedem Fenster übeer Straßen und Höfe, in denen das Kinderspielen verboten war. Weiterlesen

 

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