Anja Röhl
KRITIKEN
Kritik zu: Golem
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Die Oper »Der Golem« hat der rumänische Komponist Nicolae Bretan schon 1924 geschrieben, vergangene Woche wurde sie nun zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt – in der Neuköllner Oper in Berlin, inszeniert von Paul-Georg Dittrich.
Bretan ( 1887-1968 ) wuchs als Rumäne in Österreich-Ungarn auf, genauer gesagt in Transsilvanien, auch Siebenbürgen genannt. Er schrieb seine Opern in Ungarisch, Rumänisch und Deutsch. Seine Musiker- und Komponistenkarriere verlief zunächst vielversprechend, doch dann wurde er als ein in Ungarn beliebter Komponist in Rumänien geächtet. Als das faschistische Ungarn 1940 Transsilvanien annektierte, wurde die gesamte Familie seiner jüdischen Frau nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Als Komponist nicht mehr in Erscheinung getreten
Nach dem Krieg überwarf sich Bretan mit den Kommunisten in Rumänien, 1955 schrieb er noch ein Requiem und trat danach als Komponist nicht mehr in Erscheinung. Seine Opern und Lieder sind auf CD erhältlich. Als die Neuköllner Oper seine 92jährige Tochter Judit Bretan um Erlaubnis fragte, den »Golem« aufzuführen, freute die sich sehr.
Der Name „Anna“ mehrfach an der Wand
Die Oper beginnt mit einer Filmaufnahme über der Bühne. Sie zeigt eine unruhig schlafende Frau in einem Bett. Links darunter, in einem dunklen Stall, schreibt der Golem, der wie ein lehmverschmierter Knecht ausschaut, mit Kreide den Namen »Anna« mehrfach an die Wand. Rechts der Bühne ist ein Arbeitszimmer hell erleuchtet. Der Rabbi Löw (James Clark) brütet über einem Manuskript, während hinter ihm sein Gehilfe mit Fläschchen und Wässerchen hantiert. Zwischen diesen beiden Räumen geht es in ein Zimmer, in dem man die Frau im Bett aus der Filmszene erkennt. Hinten in der rechten Ecke, etwas getrennt von ihr, befindet sich das kleine Orchester. Ich mag es, dass in der Neuköllner Oper das Orchester stets übersichtlich ist, das macht die Musik intimer, auch klarer zu verstehen.
Es treibt sie etwas, sie weiß nicht was
Bretans Lieder sind spannungsvolle Sehnsucht, spätromantisch. Die Lieder treiben die Handlung an: Der lehmverschmierte Knecht liebt die darbende Frau in dem sauberen Bett. Und sie ihn auch. Heimlich schleicht sie zu ihm in den düsteren Stall. Es treibt sie etwas, sie weiß nicht was. Dann flieht sie wieder in ihr Bett. Ulrike Schwab ist als Anna sehr lasziv, ihre Stimme ist wunderbar klangvoll. Martin Gerke als Golem ist mächtig, manchmal auch wie blind tappend und hilflos bettelnd, wenn er sich an Anna oder an Löw wendet. Sein Begehren aber ist klar und stark.
Bloß seine Kraft
Zwischendurch will Anna sterben, der Gehilfe rettet sie. Der Golem versteht das falsch. Eins aber versteht er gut: Er geht zu Löw, der ihn erschaffen hat. Er soll ihn endlich doch bitte zu einem richtigen Menschen machen! Der Gelehrte und sein Gehilfe stopfen Papiere in sich rein. Sie leben von den Wörtern, der Golem hat bloß seine Kraft. Er ist halb Mensch, halb Maschine. Ein typisches Problem der Phantastik: Irgendwann will so ein Wesen mehr. Zum Beispiel Kinder machen.
Körperkraft gibt es nicht ohne Bewusstsein
In der jüdischen Mystik ranken sich um den Golem verschiedene Legenden, die bekannteste ist die des Rabbiners Löw aus Prag, der im 16. Jahrhundert einen Golem aus Lehm formte, um die jüdische Gemeinde vor Verfolgung zu schützen. Er sollte deren Hilflosigkeit gegenüber Pogromen mindern, war ausgelagerte Körperkraft, die zum Einsatz kommen sollte, wann immer man sie brauchen würde. Doch Körperkraft gibt es nicht ohne Bewusstsein, sie muss gelenkt und koordiniert werden. Als nun Leidenschaft diese Energie besetzt, entzieht sie sich.
Publikum lacht vor leerer Bühne
Im Stück werden die Sänger immer künstlicher – zu Einstellungen auf den Leinwänden, die man vor- und zurückspulen kann. Am Ende bleiben die Bühnenräume unten leer, und die Sänger verabschieden sich vom Publikum oben auf der Leinwand. Sogar die Bühnenstimme aus dem Off scheint verrückt zu spielen, sie kündigt die ganze Oper erneut an, statt einen Abspann zu sprechen. Das Publikum klatscht irritiert vor leerer Bühne. Weiterlesen
Kritik zu: Herbstsonate
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Die Filmadaptation „Herbstsonate“, nach Ingmar Bergmann, im Deutschen Theater, in der Regie von Jan Bosse, in Kooperation mit dem Schauspielhaus Stuttgart, ist eine absolute Glanzleistung!
Fritzi Haberland und Corinna Harfourch haben der Herbstsonate von Ingmar Bergmann zu einer neuen historischen Interpretation verholfen! Die beiden haben, obgleich zum Text und Interieur keine Änderungen gegenüber dem Film sichtbar wurden, heutige, moderne Frauentypen gespielt und damit geschafft, den klassischen Filmstoff aus den 60-er Jahren in unsere Zeit zu transportieren.
Meisterstück psychologischer Menschenkunde
Das Stück ist ein Meisterwerk psychologischer Menschenkunde. Vordergründig verhandelt es die alte Frauen-und Eheproblematik des Spagats zwischen Kindererziehung und Frauenverwirklichung, es macht sichtbar, was die Privatisierung gesellschaftlicher Ungleichheit innerhalb der Familien konkret bedeutet, es zeigt Fremdheit zwischen Ehepartnern, begründet diese nun aber in einem nächsten Schritt durch Sichtbarmachen der generationalen Hintergründe. In diesem  Fall wird eine Mutter-Tochter-Beziehung seziert, die durch eine dramatische Mischung von Schuld, Fremdheit, Abstoßung und Anziehung gekennzeichnet ist (CHARLOTTE: Ich wollte immer, dass du dich um mich kümmerst, ich wollte, dass du mich in die Arme nimmst und tröstest. EVA: Ich war doch ein Kind.)
Erkenntnis über das Umgedrehte des Üblichen
Aber: Diese ist keine klassische „Mutter im Haushalt“, die dem Kind oft ja durch Überfürsorge lästig wird,  diese Mutterfigur dreht die übliche Rollenfestschreibung um, das Ganze ist also gleichzeitig als ein Kampf zu sehen, ihr zu entgehen. Und, sehr subtil, wird erst dadurch sichtbar, was den Kindern in der Regel vom ewig abwesenden Vater geschieht. Da es sich hier aber nicht um den Vater handelt, der diese Rolle gesellschaftlich akzeptiert, seit Tausenden von Jahren und angeblich biologisch bedingt, wahrnimmt,  sondern um die Mutter, die diese Rolle, entgegen üblichen Umwelterwartungen, ausfüllt, wird Erkenntnis durch das Umgedrehte des Üblichen hervorgerufen, es kommt zu einer doppelten Brechung von Vorurteilen, mit Vervielfältigung tragischer Wirkung. Die Mutter hat Schuldgefühle, (besonders deutlich in der Sequenz mit dem weggegebenen Kind, der behinderten Schwester) dies passiert einem in dieser Rolle meist ebenso gefangenen Mann durch die gesellschaftliche Akzeptanz seines Lebensstils nicht so stark. Dementsprechend wehrt sie die Schuld ab und so erst kommt es dazu, dass sie so uneinfühlsam, schamlos, so künstlich, kalt und eisig, so grenzenlos egomanisch auftritt. Dabei entfaltet sich eine klassische Doppel – Beziehung zur Tochter, die Mutter verweigert Liebe und fordert sie gleichzeitig ein.  Das Elend der Tochter wird dadurch tiefer sichtbar.
Basis narzistische Persönlichkeit
Aber man kann die Mutter nicht hassen: Deutlich wird: Karrieresucht der eigenen Eltern, gesellschaftlicher Leistungsdruck von außen, Getriebensein durch Minderwertigkeitsgefühl, entfliehen wollend der Enge der vorgeschriebenen Frauenrolle, im Griff schuldbesetzter Erwartungsgefühle, das alles ist Basis für die narzißtische Persönlichkeit, die in Folge unfähig zu Empathie und gleichwertiger Kommunikation wird.
Keine Lösung der Ungleichheitsprobleme  zwischen Mann und Frau
Alles Themen, die heute wieder hochaktuell geworden sind, besonders an die Frauen ergeht die Forderung, trotz fehlender Krippenplätze und unzulänglichstem Betreuungsschlüssel in Kitas, ihre Kinder der Gesellschaft zu lassen und die angeblich genau gleichen beruflichen Chancen des wunderschönen Kapitalismus zu nutzen. Nun wird aber ein menschenfeindlicher Arbeitsprozess, wenn man eine Frau dahinein zwängt, nicht menschenfreundlicher, dies ist auch nicht, wie ausgegeben, Lösung der Ungleichheitsprobleme  zwischen Mann und Frau, die Bedingungen von Konkurrenz und Kapitalismus stehen kindlich-harmlosen Bedürfnissen, wie zB dem nach Zeit, diametral entgegen.
Wodurch entstehen Depressionen
Doch steckt noch mehr in dem neuzeitlichen Drama shakespear´scher Dimension. Wodurch entstehen Depressionen, (sehr gut im Ehemann materialisiert), Zwangshandlungen, Behinderungen, Krankheiten, wodurch entsteht das Reden mit einem Verstorbenen, Alpträume, Verfolgungswahn? Durch die Lebensumstände, Punkt! Und nicht, wie man uns neuerdings wieder gern weißmachen will, durch Genetik und Stoffwechsel, durch etwas, was nur durch Pillen, weniger durch Aufdeckung heilbar wäre.  Und Aufdeckung, das geschieht hier! Und es bewirkt Heilung, zumindest den ersten Schritt dahin: Erkenntnis. Und die Tiefe, in der beide Schauspielerinnen ihre Charaktere auszuloten verstehen, sie wahrhaft dialektisch, ambivalent, widersprüchlich, schillernd, nie verurteilend, immer nur beschreibend, die Tiefe in Analyse und Handlungen, das ist eine große Gemeinschaftsleistung beider.
Durch die einzwängenden Arme der Mutter an den Stuhl gefesselt
Einzigartig die Szene, wo die Pfarrersgattinnen-Tochter der Konzertpianisten-Mutter Klavier vorspielt und sie danach die Rollen tauschen, die Mutter der Tochter vorspielt. Zu diesem Zweck werden ihre Gesichter einmalig vergrößert auf Leinwand gezeigt. Durch die einzwängenden Arme der Mutter, an den Stuhl gefesselt, sitzt die Tochter und kann nicht entfliehen. Ein starkes Bild!
Der bleibt mir immer
Fritzi Haberland wirkt mal sehr vernünftig, kühl, unnahbar, dann wieder klein, emotional, weich, fremd mit dem Mann und fremd mit sich selbst (wer bin ich?) findet sie wiederum nur Trost in ihrem toten Sohn, „der bleibt mir immer“. Corinna Harfourch spielt die Mutter einerseits quirlig-lustig, energiegeladen, dann wieder scharf verletzend, Worte werden wie mit dem Skalpell in die Seele ihrer Tochter eingeschnitten. Psychologisch perfekt: Das Doublebind-Muster der Mutter bringt das Wahnhafte im Wesen der Tochter hervor. Schon in der ersten Szene, wenn sich Mutter und Tochter begrüßen wollen und das mit dem Näherkommen und Umarmen, wie bei zwei sich umgekehrt zugekehrten Magneten, einfach nicht klappt, (man kriegt sie nicht zusammen, sie stoßen sich geradezu durch die Luft hinweg ab), weiß man, dass dies hier ungeheuer großartig gespielt und inszeniert ist.
Wie in einem Escher – Täuschbild
Auch die Bühne. ( Moritz Müller). Sie besteht aus übereinanderliegenden Teilzimmern, zum Publikum hin offen, die durch hintereinanderstehende Leitern, verwinkelte Treppen, ähnlich wie in einem geometrischen Escher-Täuschbild, alptraumartig  miteinander verbunden und dadurch das Haus, die Wohnung, überausverschachtelt wirkt. Gleich dem Bewusstsein des Menschen, dass nach Freud aus ebensolchen Zimmern in einem Haus besteht.  Hier ist alles offen, nie gibt es einen wirklich verschlossenen Raum, da werden alle Fenster und Türen nacheinander geöffnet, da wird auch in der Tiefe des dreistöckigen Aufbaus noch etwas sichtbar (zb das gestorbene Kind), da wird aus der Höhe, wo die kranke Schwester hockt, ein Tuch geworfen, in das sich Mutter und Tochter verwickeln. Großartig die Farben, herbstartig dunkel, ebenso wie das Unterbewusste, aus dem nacheinander und schmerzlich die Erinnerungen wie Fetzen zerrissenen Stoffes hervorgeholt werden müssen. Ein Meisterwerk! Unbedingt hingehen! Weiterlesen
Kritik zu: Nora
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Es ist ein Wagnis, Henrik Ibsen umzuschreiben, Armin Petras hat es getan und »Nora« für die Bühne im Deutschen Theater in Berlin »neu eingerichtet«. Unter der Regie von Stefan Pucher ist dafür eine interessante Lösung gefunden worden.
Über der Bühne laufen auf einer Leinwand Theaterszenen in Schwarzweiß, die altmodisch und melodramatisch, wie aus den 1930er Jahren stammend, wirken. Sie werden aber von denselben Schauspielern gespielt, die unten auf der Bühne in einer grellen, lilabunten Lackfarbenwelt in modernen Kleidern Neureiche karikieren. Die Sparche unterscheidet sich auf beiden Ebenen: oben der klassische Ibsen, unten der veränderte Ibsen. Doch der Inhalt bleibt unverändert: Nora ist eine konsumsüchtige Püppchenfrau, die mit ihren Kindern ja in einem »Puppenheim« lebt, wie Ibsen sein Stück ursprünglich betitelt hatte.
Erpresst, weil sie ihm hochgeholfen hat
Nora behandelt ihren Mann Torvald kindlich-liebevoll, während er ihr gegenüber wie ein Vater auftritt, der sie wie ein Kind bevormunden und zurechtweisen kann, ganz nach Belieben, weil es eben zum echten Nachdenken nicht fähig ist. Darüber fühlt er sich groß, während in Wahrheit sie es ist, die ihm hochgeholfen hat, dann aber von einem seiner gerade entlassenen Mitarbeiter erpresst wird, weil sie die Unterschrift auf einem Schuldschein gefälscht hat.
Will er sich ihr nähern, macht er das plump und fordernd
Das festgefügte Rollenmuster, das hier gläsern die Lüge sichtbar macht, hindert die Protagonisten, ihren echten Gefühlen Ausdruck zu verleihen, daher wird auch die Sexualität zwischen den beiden künstlich und undurchführbar. Er: »Ich bin absolut sauber!« / Sie: »Kannst du ja gar nicht sein, sonst wärst du ja nicht Bankdirektor!« / Er: »Liebe! Schon mal gehört?«  Will er sich ihr nähern, macht er dies plump und fordernd, sie schreckt vor ihm zurück, weicht ihm aus, wehrt ihn ab. Beide bewegen sich keinen Millimeter aus den vorgegebenen Rollen heraus. Als der Ehemann von dem Erpresserbrief erfährt, dreht er durch und beschimpft seine vorher doch scheinbar so sehr Angebetete in ekelerregender Weise. Das Fehlen der Liebe wird vollständig enthüllt.
Nora hat es plötzlich begriffen: So ein Leben will sie nicht mehr
Freundlich wird er erst wieder, als sich die Sache mit dem Schuldschein erledigt hat. Er bittet um Versöhnung und stellt alles als Scherz hin. Doch da hat es Nora plötzlich begriffen. So ein Leben will sie nicht mehr führen und verlässt ihren Mann. Dies passiert allerdings hier dramaturgisch dermaßen schnell, dass man es im Grunde nicht richtig mitbekommt. Die Püppchenwelt war ihr doch auf den Leib geschnitten, woher nun plötzlich der Zweifel? Es ist so, als wäre Nora jetzt auch von der Regie verlassen.
Heute: Glitzern-gelacktes Bankenmilieu
Armin Petras’ Umschreibung spielt im Bankenmilieu, ebenso glitzernd wie gelackt vor modernistischen Möbeln in kalten Farben. Die Rolle der Nora ist mit Katrin Wichmann gut besetzt. Allerdings kann sie in der lasziv konzipierten Schwarzweißfassung ihren Schlafzimmerblick keine Minute ablegen.
Kinder kommen in Petras’ Variante gar nicht vor, da Nora sie ja nur zu Puppen in einem Puppenheim erzogen hat, interessiert sich auch der Autor nicht mehr für sie. Der Erpresser (Moritz Grove) ist als Charakter etwas eindimensional geraten. Der Ehemann (Bernd Moss, eine Starbesetzung), ist schärfer konturiert.
Sprache dem Volk abgelauscht, das sich auf facebook vernetzt
Die Sprache hat Petras dem Volk abgelauscht, das sich auf Facebook vernetzt. Es ist ein ubiquitär-neoliberaler Jugend-Slang, der menschliche Beziehungen versachlicht, ganz so, als hätte man es mit Apparaten und nicht mit Kommunikation und Interaktion zu tun. Da gibt es klare Antworten, entweder ja oder nein, eins oder zwei, der Mensch ist aber mehr ein Dazwischen. Da wirkt die Sprache manchmal ein ganz klein wenig zu jung für die Protagonisten. Weiterlesen
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Das Stück lebt von der Geschichte des Komponisten Hans Eisler und seinen zwei Geschwistern, Gerhard Eisler und Ruth Fischer, beide mit internationaler Wirkung, beschreibt und erklärt Weltgeschichte an einem konkreten Beispiel, würzt mit Musik von Hans und stellt Bilder nach, die Edward Hopper (amerikanischer Maler der Neuen Sachlichkeit und des Lichteinfalls urbaner Szenen) malte.
Die Regisseure Kühnel/Kuttner haben ihr Dokumentarstück, es arbeitet mit Verhörprotokollen aus amerikanischen Mc-Charty-Prozessen, in denen Ruth Fischer ihre Brüder denunziert, „Familienaufstellung“ genannt, nur dass man sich in dieser versöhnt, im Stück aber an die Behörden ausliefert.  Das Ganze lebt durch eine Athmosphäre von Kühlheit, Verlorenheit und Feindschaft, die den damaligen Zustand ungeheurer Niederlage der Linken nach dem Kriege beschreibt. Antithetisch dazu wirken die Lieder von Eisler. Sie erinnern an die Siegeszeiten des Kommunismus in den 20/frühen 30er Jahren.  Die Verlorenheit  wird unterstützt durch das Bühnenbild, dessen Raffinesse aus orginalgetreuer Nachstellung einiger Bilder von Hopper besteht, in die die Spieler integriert und dann daraus abgefilmt werden. Mehrfacher V-Effekt um Stimmungen zu erzeugen.  So wird ein ganzes Verhör in das Bild „Morning sun“ transponiert und das Verhör wird von einer eifersüchtigen Geliebten im Bett geführt, die ihren Freund am offenen Fenster nach seinem Seitensprung ausfragt.  Eine andere Szene spielt im Bild Nighthawks, dort sitzen einige voneinander getrennte Menschen an einer nächtlichen Bar, Matthias Schweighöfer als Inkarnation Marx macht dort den Eisler, Hans. Sie trinken und sind resigniert, denn nicht nur sind dem Kommunismus im Faschismus Millionen Menschen gefoltert und ermordet worden, auch in der SU sind durch Stalin die besten Frauen und Männer der revolutionären Aufbruchszeit verfolgt, hingerichtet und verbannt worden.
Nichts ist schlimmer, als wenn sich Geschwister öffentlich streiten
Ruth Fischer hat hier eine mehr als unrühmliche Rolle gespielt, zunächst galt sie als eisenharte Vertreterin der Durchsetzung von SU-Beschlüssen in der KPD, bekämpfte da stark die „Abweichler“, ganz im Sinne Stalins, nachher fühlte sie sich derart paranoid verfolgt von Stalin, dass sie ihre beiden eigenen Brüder der Spionage und des Mittuns an der Ermordung ihres Mannes beschuldigte, wofür es nicht die geringsten Hinweise gab. Nichts ist schlimmer, als wenn sich Geschwister öffentlich ans Messer liefern, da erwartet man doch eher einen Rest menschlichen Zusammenhalts über alle Klassen-, Standes-, politisch-, weltanschauliche Grenzen hinweg. Diese sind Ruth Fischer nachhaltig verloren gegangen, warum das geschah, kann hier nur aus der allgemeinen nachfaschistischen Resignation und dem Neuaufkommen antikommunistischer Hetze nach 1947 rückgeschlossen werden, persönlich-familiär entschlüsselt sich der Hass nicht. Ruth Fischers Hass richtet sich in erster Linie gegen Gerhard, Hans wird mit hineingezogen, stundenlange Verhöre sollen beide zermürben, die sich ihr Lebenswerk von vor dem Krieg nicht zerstören lassen wollen, aber selbstverständlich vor den Ausschüssen ableugnen.
Simone von Zglinicki als ältere Ruth gibt diese als Glanzrolle
Die Geschichte wird in zwei zeitlichen Ebenen inszeniert, einmal treten die Protagonisten 1947 als schon etwas Ältere auf, das andere Mal als junge Exilanten, den Beginn der Hitlerära noch unterschätzend. Die jungen Spieler sind Maren Eggert (als Ruth), ausgesprochen gut der jungen Ruth Fischer nachempfunden in Bewegung, Kleidung und Ausdruck, dann Daniel Hoevels (als Gerhart) und Ole Lagerpusch (als Hanns), damals sind sie noch nicht entzweit. Sie haben jeweils ein älteres Doppel zur Korrespondenz: Simone von Zglinicki als die ältere Ruth gibt eine Glanzrolle, naturgetreu und psychologisch schlüssig, Jörg Pose und Michael Schweighöfer als Hanns Eisler, mit viel Haar Karl Marx nachgestellt als Gegensatz zum echten Eisler, der glatzköpfig war.
Stalin als tragisches Problem der Linken 
Das Stück besteht aus dokumentarischen Szenen, daher ist es kein Schauspiel shakespearscher Prägung, obgleich es dazu doch den Stoff durchaus geboten hätte, es gibt einen Anreiz sich mit KPD-Geschichte zu beschäftigen, positiv fällt auf, dass die Kritik an Stalin hier nicht antikommunistisch ausgeschlachtet, sondern als tragisches Problem der Linken deutlich wird. Leider fällt aber das Stück manchmal dramaturgisch ein wenig auseinander und viele Fragen bleiben unbeantwortet. Die Musik, die Bildhaftigkeit der Hopper´schen Gemälde als Szenenhintergrund und die Ungeheuerlichkeit geschwisterlichen Hasses gibt dem Stück seine Dramatik. Es zeigt, was aus Menschen werden kann, die in den Strudel der Geschichte eingetaucht und hineingerissen werden, an ihr teilhaben und durch sie verletzt werden.  Es werden viele Eisler´sche Lieder gebracht, am Ende das ernste Klassikwerk, dass der Dramatik des Brudermordens gerecht wird. Unbedingt empfehlenswert! Weiterlesen
Kritik zu: Deutschstunde
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Im Berliner Ensemble hat Christoph Hein Deutschstunde „fürs Theater eingerichtet“, den Roman dramatisiert, der erstmals in den 60-er Jahren die psychologische Traumatisierung durch den NS-Faschismus zum Thema hatte.  Das Kind eines Polizisten hatte sich in seinem Heimatdorf mit einem Maler angefreundet, der ihm eine geistig freiere Welt eröffnet hatte und den er lieb gewann. Als sein Vater diesen Maler wegen Malverbot überwachen soll, warnt der Sohn oftmals den Maler und teilt mit ihm gegen seinen Vater viele Geheimnisse.  Gleichzeitig versucht der Vater ihn zum Spitzel gegen den Maler zu machen.
Als der Sohn nach 45 Zeuge wird, wie der Vater heimlich weiter die Bilder des Malers verbrennt, weil er meint, die Führerbefehl kann nicht falsch gewesen sein, befällt den Sohn eine Psychose, er beginnt dem Maler, der einst sein Freund war, Bilder zu stehlen, versteckt sie und sagt immer wieder zur Begründung, er wolle sie in Sicherheit bringen.  So schleppt man ihn ins Jugendgefängnis und dort gibt’s auch Unterricht und wie es so ist, sollen die Jungen einen Aufsatz schreiben. Das Thema: Die Freuden der Pflicht. Darüber muss der Junge so lange nachdenken, bis die Stunde vorbei ist und sagt dann, dass er leider erst beim Anfang gewesen sei, so viel habe er darüber zu schreiben. So setzen sie ihn in seine Zelle, er bekommt Hefte zugeteilt und darf ein Jahr lang seine Erinnerungen aufschreiben. Die Freuden der Pflicht, dazu war ihm sein Vater eingefallen und mit ihm kamen alle Erinnerungen in ihm hoch.
Manchmal noch Häftlinge, dann schon Dorfbewohner
Auf der Bühne sitzt vorne rechts der Junge, der an seinen Bleistiften knabbert und hinter ihm auf grauschwarzer Bühne werden die in einheitlichen Arbeitsmänteln steckenden  Mithäftlinge langsam zu den Protagonisten des Dramas.  Eine Uhr tickt. Die Häftlinge beginnen zu tanzen, sie schweben, sie spielen und geben den Rhythmus vor. Sie beginnen vor dem Jungen ein Eigenleben zu führen. Sie tun dies auf Löffeln und anderen Gegenständen, sie trommeln, kündigen eine neue Szene an, manchmal sind sie noch die Häftlinge in der Häftlingswerksatt, dann wieder die Dorfbewohner im Dorf des Malers.
Mit dem Rad in die Sackgasse seiner Mission
In der linken Ecke sieht man ein Telefon, dort ist die Amtsstube und Wohnung des Vater-Polizisten, einem von Pflichtgefühl aufgeblähtem Menschen, der einen Typus darstellt, der auf dem Fahrrad in die „Sackgasse seiner Mission strampelt, von Ewigkeit zu Ewigkeit…“. Es ist schwer ein so dickes Buch in Einzelszenen aufzulösen, was hebt man hervor, was lässt man weg? Die ausgewählten Szenen treten klar und farbig zu der Gefängnisumgebung in einen Kontrast, sie sind sehr naturalistisch gestaltet, die Menschen sprechen den nordischen Dialekt, die Landschaft wird beschrieben, die Farblinien des Hintergrundes sind den Bildern des Malers nachempfunden, der im Buch Nansen heißt und in Wahrheit Nolde ist.
Hauptpersonen typisch und echt
Die Verknappung hat zur Folge, dass die Nebenpersonen kaum hervorkommen, sie werden nach jeder Szene in das Ensemble der Mithäftlinge zurückgeführt.  Als Hauptpersonen werden der Polizist, sehr typisch, echt und authentisch gespielt von Joachim Nimetz, und der Maler Nansen einander diametral  gegenübergestellt. Martin Seifert gibt den Maler selbstironisch, klar und stark. Diese beiden führen durchs Stück und das Stück lebt durch ihre Dialoge.  Die Bedrängnis des Jungen fällt dagegen etwas ab, für die Ausgestaltung der Beziehung des Jungen (sehr gut besonders im zweiten Teil gespielt von Peter Miklusz) zum Maler bleibt manchmal nicht genügend Zeit.
Schutzlos und hilflos durch Wutprügelorgie 
Höhepunkt seiner Rolle ist die Szene, wo er den Vater bei seinen Verbrennungstaten entdeckt und sich erstmalig gegen ihn auflehnt und dann bei dem eine fürchterliche Wutprügelorgie hervorruft, der er schutzlos und hilflos ausgesetzt ist und die ihm anschließend das Rückgrat bricht. Das Publikum erkennt die Mechanismen, die danach die Psychose zum Ausbruch bringt, es erkennt und das ist gut.
Das Wesen der Nazi-Erziehung: Die kalte Mutter
Dieses und die gegeneinander kämpfenden Hauptpersonen, bei denen es sich um die Verkörperung der Hauptprinzipien Blinder Gehorsam gegen kreatives Selberdenken handelt, sind in allen Ausgestaltungsvarianten gut gelungen, die NS-Erziehung wird ganz folgerichtig durch eine kaltherzige Mutter ( wird durch einen Mann gespielt: Felix Strobel) verkörpert, da das Wesen der Nazi-Erziehung das Denunzieren der Muttergefühle als „Affenliebe“ , das vorsätzlich-bewusste Abtöten der Muttergefühle durch frühzeitige Entfremdung Prinzip ist.
Kapitän Andersen
Von den Nebenfiguren ist noch hervorzuheben der Kapitän Andersen, hier ist eine nordische Figur wie aus dem Buch herausgeschnitten gut getroffen worden, und Hinnerk Timmsen, der Wirt, der durch Martin Schneider auf wunderbar kleinbürgerlich-halbproletarische Weise gespielt wird.
Für alle diejenigen, die einmal die Jugend Deutschlands sein sollten: Unfrei und eingeschüchtert, zum Hass erzogen
Das Stück kann einen anregen, sich mit dem Buch „Deustchstunde“ noch einmal zu beschäftigen, sich hinein zu versenken in seinen episch-breiten, und doch etwas steif-hölzernen Stil, mit dem Lenz das Drama seiner eigenen Kindheit und Jugend am Beispiel eines psychisch schwer traumatisierten Halbwüchsigen zum Exemple macht für all diejenigen, die einmal die Jugend Deutschlands werden sollten: Unfrei und eingeschüchtert, zum Hass erzogen, zu Mördern geprügelt, angeblich hart, in Wahrheit gestört und verwirrt, einsam und traurig. Wie heißt das? Brüllt der Vater seinen Jungen an: Du hast um sechs zu  Hause zu sein!“  Wer kennt den Satz nicht, er schallte in den 50/60er  Jahren aus jedem Fenster übeer Straßen und Höfe, in denen das Kinderspielen verboten war. Weiterlesen
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An der Berliner Schaubühne wurde Stefan Zweigs Roman »Ungeduld des Herzens« zu neuem Leben erweckt. Regisseur Simon McBurney, Mitbegründer der berühmten britischen Theatergruppe Complicité, hat erstmals mit einem deutschen Schauspielerensemble gearbeitet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Zunächst wird betont, dass es sich um einen Lesestoff handelt. Alle haben Manuskripte in der Hand. An Tischen werden Mikrofone aufgebaut. Dann erklärt eine Art Programmleiter, was gleich gespielt wird. Auf der Bühne sieht’s aus wie in einem Rundfunkstudio. Im Sitzen lesen die Schauspieler mit verteilten Rollen, schauen unbeteiligt. Einer erhebt sich stocksteif. Man erwartet einen langweiligen Abend.
Die blaue Uniform mit Goldknöpfen
Die Handlung beginnt mit dem Auftritt eines jungen blonden Mannes. Er nimmt eine blaue Uniform mit Goldknöpfen aus einem Glaskasten im Hintergrund, legt sie an. Sie spannt etwas. So ausstaffiert, setzt er sich auf einen Stuhl in der Mitte und benimmt sich wie auf einem Fest. Die Lesung hinter den Mikrofonen läuft weiter, er macht zunächst nur Pantomime dazu. Im Verlauf der Inszenierung verlassen einzelne Spieler die Tische und schlüpfen in Rollen, die anderen lesen weiter den Text. Nur die Dialoge werden richtig gespielt. In den Prosapassagen verharren die Spieler, deuten Mimik und Gestik allenfalls an.

In dem Roman folgt ein Soldat in einem Provinzstädtchen der Einladung einer reichen Familie zu einer Abendgesellschaft, wo er die Tochter des Hauses zum Tanz auffordert. Ein Fauxpas. Sie ist gelähmt, was alle außer ihm wissen. Überstürzt flieht er aus dem Schloss. Später nimmt die Tochter seine Entschuldigung an, es kommt zu regelmäßigen Besuchen, bei ihm eher aus Pflichtgefühl und Mitleid, doch sie verliebt sich. Ihm ist jedes Gefühlsleben abtrainiert worden. Außerdem liegt es außerhalb seiner Vorstellungskraft, für eine »Lahme« zu entflammen. Als sie sich ihm offenbart, ist die Katastrophe unvermeidlich. Sie berührt seine Hand, er lässt es geschehen. »Nie vorher und nie nachher wurde jemals seine Hand mit so viel Hingabe und dem völligen Fehlen von einem bestimmten Ziel berührt«, heißt es dazu aus dem Off.
Die Frau mit der Behinderung – selbstbewusst und modern
Die Sprache ist so ausgefeilt wie die Psychologie der Charaktere, die Frau mit der Behinderung erscheint selbstbewusst und modern, hochaktuell sind Kriegswarnung und Analyse des Menschenfeindlich-Militaristischen. Verfasst wurde der Roman 1939, er spielt zu Beginn des Ersten Weltkriegs, wirkt aber wie heute geschrieben. Mit der Zeit nimmt man Tische und Mikrofone nicht mehr wahr, imaginiert einen nächtlichen Wald, das Schloss mit seinen Balkonen, den Rollstuhl – die Dramatik reißt einen mit. Es steckt viel Politisches in dem Stück: Kritik am Militarismus als einer absurden Flucht vor starken Gefühlen, vor Verantwortung, vor sich selbst. Soldaten haben kalt und gehorsam zu sein.
Vorkriegsgesellschaft wie im Brennglas
In der Figur des Schlossherrn wird ein typischer Aufsteiger beschrieben, dem als jüdischer Waise kein anderer Weg offenstand. Antisemitismus wird gezeigt, die Vorkriegsgesellschaft wie im Brennglas kenntlich gemacht. Die Stimmung im Stück erinnert an den Film »Das weiße Band«. Am Ende zeigt ein Bild im Hintergrund die abgebrannten Bäume von Verdun. Man sieht Soldaten in Filmsequenzen stolpern und fallen. Am Ende steht der Soldat selbst mahnend in dem Glaskasten, dem er zu Beginn seine Uniform entnommen hat. Nun ist sie blutig. Man ist wieder im Rundfunkstudio, das Stück ist aus. Eine Mahnung gegen den Krieg, die viel erklärt. Experiment gelungen. Große Empfehlung!
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Andreas Kriegenburg, bekannt aus den Münchner Kammerspielen (Der Prozess) hat sich nun fürs Deutsche Theater Kafkas kleinere Aphorismen und Textsequenzen vorgenommen, er hat sie miteinander verwoben rund um die Geschichten „Der Bau“ und „Blumfeld ein älterer Junggeselle“ und hat sie mit einem äußerst originellen Bühnenbild versehen.
Dazu hat er aus Blumfeld, dem älteren Junggesellen, fünf gleich angezogene und mit einer erstaunt blickenden Kafka-Maske versehene Herren K. gemacht, die in die übereinander getürmten, ineinander stürzenden und seitlich schräg abfallenden  Zimmer hinaufsteigen, wie in das Gerichtsgebäude einer nie endenden Behörde.
Immer in Abwechslung kleine Prosatexte
Dort angekommen, macht jeder der Blumfelds (köstlich mit eingezogenen Schultern, grauem Anzug und unter den Arm geklemmter Aktentasche) ängstliche Gesten des Umschauens, des Kontrollwahns und der Langeweile, versetzt mit Übersprungshandlungen (Staub putzen, Sachen von A nach B räumen). Dazu sprechen sie, immer in Abwechslung,  die kleine Prosatexte Kafkas. Das ist originell und sehr witzig. Erholsam auch, dass die Masche, eine Person mehrfach auftreten zu lassen, nicht dazu führt, dass sie den gesamten Text im Chor deklamieren und ins Publikum schreien. Erholsam, dass ihre Bewegungen sich voneinander unterscheiden, wie auch ihre Sätze, die sie nacheinander, selten gemeinsam zu sprechen haben.
Einsamkeit, Isolation, Rückzug
Verhandelt wird das Thema Einsamkeit, Isolation, Rückzug. Es geht um das Drama des modernen Menschen, sein bienenhaftes und mäuseartiges Dasein, das nur Rädchen im großen Getriebe ist und nie selbstbestimmt sein darf.  Die Kafkaesken Männer in ihren herabstürzenden Zimmern ihrer bienenwabenartigen Einsamkeit sind aber auch auf irgendeiner Flucht und in irgendeiner wachsenden Furcht. Es ist die Furcht und die Angst vor dem Kriege, vor dem Verlust all dessen, was ihnen ihr Sicherheitskorsett bildet,  und die Flucht davor wird in absurden und unsinnigen Handlungen vollzogen.
Ein Zwillingspaar in rosa Kleidchen stilisert
Es kommen Frauen hinzu und Kinder. Eine Frau (recht kalt angelegt: Nele Rosetz) gibt die Erzählerin, sie scheint die Herren Blumfeld/K. zu beobachten und zu begleiten, ohne dass diese sie wahrnehmen, dann kommt ein Kind dazu (hier als Zwillingspaar in rosa Kleidchen stilisiert, das Publikum rätselt, ob es sich um echte Zwillinge und tatsächlich Kinder handelt, oder ob die Schauspielerinnen nur beide etwas kleinwüchsig sind), die Kraft dieser Figuren scheinen sich direkt aus dem Unbewussten herzuleiten, das die Herren Blumfeld vergeblich versuchen unter Kontrolle und unter Zwängen zu verbergen.
Alles ineinander gestrickt
Die Texte Kafkas sind dabei sprachmächtig und rätselhaft und werden es noch mehr in dem Stück, wo Anfang und Ende der einen Geschichte mit der nächsten verwischt und alles ineinander gestrickt, zu einem Ganzen verwoben wird. Aber so wie eine irische Volksmelodie, die sich in endlosen Wiederholungsschleifen ergießt, ist dieses reine Prosa-Sprechstück klangmäßig leider zu gleichförmig angelegt gewesen, es ist einfach zu lange in immer ein und derselben Geschwindigkeit, ( recht schnell), in ein und derselben Tonlage,( leicht ärgerlich), in inhaltlich einander stark ähnelnden Sequenzen (die um Einsamkeit kreisten) komponiert worden und fällt dann oder dadurch spannungsmäßig im Laufe der Darbietung ab. Die starken Texte, das starke Bühnenbild, die starken Figurenkompositionen verlieren an Kraft. Es passiert, dass die darstellerische Darbietung in Witz und fast Slapstick ausartet und die großartigen Texte nicht mehr hängen bleiben. Schade. Ich frage mich immer, es gibt so viel Theaterliteratur, warum wird neuerdings immer Prosa dramatisiert?  Merke: Nicht jeder Regisseur ist ein Dichter! Weiterlesen
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Das Stück „Der Selbstmörder“, aus dem Jahre 1928, geschrieben vom russischen Dichter Nicolai R. Erdmann (1900), den ich noch nie in Deutschland gespielt gesehen habe,  hat dem Dichter Verbannung, Ächtung und Ausgrenzung beschert, es hat drei Jahrzehnte nach Entstehung  erst Uraufführung gehabt. Es hat den Dichter Blut, Schweiß und Tränen gekostet und es ist in der Lage über die heutige politisch-historische Situation (Arbeitslosigkeit, Klassenabsturz) eine haarscharfe, feinjustierte Aussage zu treffen, die das Publikum elektrisiert, während es eben noch amüsiert ist.
Lust auf Leberwurst
Es beginnt mitten im Ehestreit, Semjonowitsch Podsekalnikow liegt im Bett und hat Hunger auf Leberwurst. Erst nach langem Rufen erhebt sich schließlich wütend, hinter ihm im Bett, Maria, seine Frau.  Sie hält ihm eine Standpauke, ein Wort gibt das andere, aus der Lust auf Leberwurst wird eine Grundsatzdiskussion über seine Arbeitslosigkeit, und die Demütigung, von den wenigen Groschen mit gefüttert zu werden, die seine Frau verdient, bewirkt, dass er mit den Worten droht, ob er wohl lieber weg sein sollte, sie solle das nur sagen. Als sie kurz zur abseits gelegenen, durch eine schmale Holztür stilisierten Toilette abgeht, verschwindet er wütend. Die Toilette ist dabei etwas nach hinten rechts versetzt, als alte Holztür im Raum installiert, so schmal und typisch, dass sie die Ärmlichkeit des kleinbürgerlich-proletarisierten Haushalts gut deutlich macht.
Zwischen Naivität und Bauernschläue
Die Schwiegermutter ( Carmen Maja-Antonie, überaus lohnenswert) hat ihre Figur sehr schön dialektisch, zwischen Naivität und Bauernschläue schwankend aufgebaut, wird nach dem Lärm des Streits auf einer Treppe sichtbar, hockt dort und raucht, deklamiert und singt ein wunderschönes altes russisches Lied. Zu ihr geht nun Maria, klagt ihr erst über ihre Wut, dann, dass er verschwunden sei und ihre Angst, wegen seines letzten Satzes lässt sie fragen, ob er sich nicht womöglich etwas angetan hat.  Deutlich wird, wie eng der Zusammenhalt der beiden Streitenden doch in Wirklichkeit ist, wie sie ein gemeinsames Klassengefühl eint, denn nun klagt sie nur noch die Situation an, nicht mehr ihn.
Sich mit einer Pistole umbringen
Sie rüttelt den Nachbarn auf, der vor einer Woche seine Frau verloren und sich nun aber schon wieder mit einer anderen getröstet hat, diesem erzählt sie, dass ihr Mann sich etwas antun wollte, als sei es eine Gewissheit, daraus wird bei ihm, dieser habe sich mit einer Pistole umbringen wollen und als der dann schließlich den verwirrten Semjon trifft, ist dieser schon zum klaren Selbstmörder gestempelt, auf den man begütigend einreden muss.  Semjon seinerseits bringt das Ganze erst auf die Idee: Warum nicht, denkt er und besorgt sich nun tatsächlich eine Pistole.
Plötzlich besuchen ihn viele Leute
Aus diesem Anfang entwickelt sich im Laufe des Stückes eine allegorische Durchdringung der nachrevolutionären russischen Gesellschaft. Seine Suididabsichten sprechen sich im engen Proletarierhaus rasch herum, plötzlich besuchen ihn viele Leute, alle wollen, dass er sich für ihre Ziele opfere: Gewerbetreibende, Intelligenzler, unglückliche Frauen, alle besuchen und beknien ihn, sich für sie oder ihre Ziele umzubringen um damit ein Fanal gegen dies und das zu setzen. „In unseren Zeiten“, sagt der Repräsentant der Intelligenzija, „kann nur ein Toter aussprechen, was ein Lebender denkt.“, andere kommen hinzu, wollen das Gleiche, der Nachbar lässt Geld auf die Sache aufnehmen wie auf eine Wette, eine ganze Gesellschaft wird in witzig zugespitzter Weise in typisierten Figuren gezeigt, die ihn zum todesmutigen Märtyrer machen wollen.
Wie sich die Wirtschaft entspannen, die Unterdrückung vermindern
Eine enorme Chance, sagen sie, täte sich auf, und Semjon leuchtet das ein.  Als Semjons Todeszeitpunkt beschlossene Sache aller ist, nimmt die Gruppe seiner „Jünger“ an einer letzten großen Tafel zum Abschiedsschmaus teil und allen bessert sich die Stimmung zusehends, bis auf Semjon, der immer wieder nervös anfragt er, wie viel Zeit ihm noch bliebe. Die Gemeinschaft indessen träumt davon, wie sich die Wirtschaft entspannen, die Unterdrückung vermindern, der Diktator bessern und die Gesellschaft nun quasi über Nacht ins Positive verändern würde.  Das fühlt auch Semjon, der besonders glücklich ist durch die viele Aufmerksamkeit, das gute Essen und die vielen Komplimente der Frauen.
Komik und Tragik vereint
Nun muss man sich die Figur der Hauptperson Semjon anschauen, wie sie gespielt und komponiert  ist: Cholerisch und witzig, listig, komisch, staunend und großartig typisiert ist sie vom Dichter angelegt, und so wird sie von Georgios Tsivanoglou, einem in seiner Wandlungsbreite einzigartig witzigen Schauspieler, der Komik und Tragik besonders gut vereint, Grobschlächtigkeit, Wut und Zartheit zusammenbringen kann, auch gespielt. Herausragend! Man glaubt, nur ihn habe der Dichter vor sich gesehen, als er das Stück konzipierte. Der typische, ins Proletariat hinab gedrückte Kleinbürger, der nun zum Helden des Todes werden soll.
Weil ihm da die Erfahrung fehlt
Nur dumm, das Leben wird in der Heldenrolle immer schöner und endlich wieder lebenswert! Semjon will nicht mehr sterben, Semjon hat wieder Mut bekommen, er hängt am Leben, kann über den Tod nichts sagen, weil ihm da die Erfahrung fehlt („Das ist es ja gerade, was wird um halb eins sein?“) Köstlich witzig von Tsivanoglou gegeben. Er zögert solange den Zeitpunkt seines programmierten Suicids hinaus, bis er sich schließlich lebendig in den Sarg legt. Alle sind zufrieden bis auf Frau und Schwiegermama, die sind traurig. Da reicht es ihm dann und er beschließt „auferstehen“ zu wollen, erhebt sich und teilt allen mit, er wolle leben und habe es sich anders überlegt.
Figuren bilden Leben ab
In diesem Stück stimmen die Dialoge, sie sind knapp, leicht verständlich, aufeinander bezogen und aktuell, es stimmt der Spannungsbogen, es reißt einen mit ohne zu langweilen, es stimmt die Bühne, sie ist schön schlicht und einfach und es stimmen die Figuren, sie bilden Leben ab. Einem über Jahrzehnte verfemten Dichter wird ein aktuelles Denkmal unserer Zeit gesetzt, das sich sehen lassen kann! Stanislawski brach angeblich eine Probe des „Selbstmörders“ wegen eines Lachkrampfes ab, Gorki nannte Erdmann den neuen Gogol, Michail Bulgakow hat einen Brief an Stalin geschrieben, in dem er sich für Erdman einsetzte. Weiterlesen
Kritik zu: Laura war hier
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Das Stück ist ein typisches Gripsstück, eines, das an der gesellschaftlichen Wirklichkeit ansetzt und dann zeigt, dass sie zu überwinden ist. In der Angst, Traurigkeit, Sehnsucht gezeigt wird und deren Überwindung durch Aktivität.  Nach Brecht und Piscator die edelste Form der Theaterkunst. Sie soll nicht nur reproduzieren, sie soll überwinden und Mut machen.  Und das für Kinder ab der ersten Klasse. Übrigens ist das auch das Geheimnis des Erfolgs jeglicher Kunst, sie war historisch bisher immer nur dann erfolgreich, wenn sie geschafft hat, Bestehendes nicht nur zu hinterfragen, sondern auch im Neuen, im Antizipierenden, in dem, was geistig geschaffen wird, zu überwinden.
Kinder ermutigt und begeistert
Deshalb lachen die Kinder und Erwachsenen auf der Premiere nicht nur kurz und brav und wie gewollt und angestrengt, wie man es in konventionellen Kindervorführungen erleben kann, sondern befreit, laut aufschallend und echt. Und lang anhaltend. Und die Kinder, ermutigt und begeistert, die Mädchen, aus der Rosa-Mädchenrolle heraustretend, die Jungen, gemeinsam mit ihnen, spielen noch stundenlang den „Gorilla“ nach, den die Mutter der Laura von einem der neuen Nachbarsfreunde lernt, um ihr Kind auch ohne Papa gegen den meckernden Security-Mann im Treppenhaus besser beschützen zu können.
Einsamkeit, Lebensrealität
Das Stück ist aber nicht nur eine komische Sache, sie enthält viel Ernstes: Ungerechtigkeiten, Einsamkeit, Streits, Trauer, Ausgeschlossensein wegen Zappeligkeit, Pflegekindschicksal, schwierige Lebensrealität. Das aus konsequenter Kindersicht, den Erwachsenen zur Einsicht. Zur Wertschätzung kindlichen Fühlens werden die Probleme, die Angst, die Trauer, das Gefühl, wenn etwas Gemeines geschieht, gezeigt, zur Sprache gebracht, aufgedeckt und nicht verkleinert, verdeckt und veralbert. Nicht aus Bosheit wird ein Kind trotzig, zappelig, böse, gemein oder hinterhältig, sondern, weil es ein Problem hat. Nur kann man im Normalfall nicht in die Kinderseelen hineinsehen, sie verbergen es, Kinder sind Meister darin, hier aber werden die Seelen offengelegt, Einsicht in das Denken und Fühlen anderer wird möglich gemacht, Erklärungen kann sich der Zuschauer so selbst machen, warum sind Kinder oder Erwachsene so oder so oder so, woran es liegt, das wird hier verhandelt. Das ist gut, da freuen sich Kinder, das Gripstheater hilft ihnen, vertritt sie, zeigt ihr sie in ihrer eigenen Würde. Aber nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen werden „aufgedeckt“. Alleinerziehung ist das große Thema, wie auch die Isolation in einem großen Mietshaus.
Plädoyer für die Vielfalt von Familien
Inhaltlich ist das Stück ein Plädoyer für die Akzeptanz der Vielfalt von „Familien“-Entwürfen, Laura, der Werbung nachhängend, sehnt sich von der Einsamkeit ihrer alleinerziehenden Mutter weg in eine Werbefamilie aus der Pizza-Werbung. Sie verschwindet eines Tages auf Pantoffeln ins Treppenhaus und klingelt bei anderen „Familien“, dabei macht sie so ihre Erfahrungen. Bei einer Familie, wo zwei ältere Geschwister auf ihr Säuglingsgeschwisterchen aufpassen sollen, erzählen diese ihr von ihrer Sehnsucht danach, die Mutter oder ein Zimmer mal für sich zu haben. Diese Szene ist eine Fundgrube für Situationskomik und gleichzeitig ein dramaturgisches Meisterwerk, denn die antagonistischen Sehnsüchte werden in schnellen Dialogen passgenau gegeneinander gesetzt, was ausgesprochen echt und spannend wirkt.  Vielfalt möglicher menschlicher Probleme scheinen wie in einem Brennglas auf und Erkenntnis befreit sich bei groß und klein in wahren Lachsalven.
Wahlfamilie zusammenstellen
Laura, ein immerzu staunendes, ursprünglich ängstliches, noch ganz im magischen Denken verhaftetes Kind mit Kellerangst, gewinnt im Laufe des Stückes sowohl an Autonomie als auch an Selbstbewusstsein und Kraft. Sie läuft umher und sucht. Sie will eine „ganz normale Familie“, aber sie findet sie nicht, „in unserem Haus gibt es nur komische Familien“, ist ihr trauriges Resüme´, nachdem sie bei Justin anlangt, der zwei Väter hat. Da beschließen sie und Justin (Patrik Cieslik, wunderbar wild), der sich zu ihrem Zwillingsbruder macht,  sich eine Wahlfamilie im Haus aus lauter Einzelnen zusammenzustellen, am Ende ist das ganze Haus die Familie, was mit einer Treppen-Party endet.
Den Gorilla markieren
Vorher muss Yvonne Mackenbeck, die Mutter von Laura, aber noch ihre Angst vor dem Hausmeister (Security Manager) überwinden, die sie dazu veranlasst hat, zu lügen, nämlich dem verhassten Wesekus (genannt Käsefuß) freundlich gegenüberzutreten, obwohl sie ihn hasst, und ihr geliebtes Kind zu beschuldigen, obwohl sie weiß, dass es nichts getan hat. Eine starke Szene, in der die Mutter lernt, mittels Körpersprache und Turnübungen einen Gorilla zu markieren und Angst einzujagen.
Nicht wie für Kinder, sondern das eigene Kind spielen
Die Hauptperson, Amelie Köder (seit einiger Zeit neu beim Grips) schafft etwas ausgesprochen Erstaunliches, gleichzeitig sehr Gripstypisches, und das in bewundernswürdiger Art, nämlich, das eigene innere Kind mit solcher Sensibilität und Echtheit aus ihrem Erwachsenenleben herauszuklauben und in sich selbst hervorzuholen, dass man wirklich glaubt, sie sei kleiner als die anderen. Sie spielt die  Kinderrolle nicht so, wie sie sich ein Kind als Erwachsene denkt,  sondern sie spielt sich selbst als Kind. Es sieht nicht falsch aus, wenn die sie von ihrer Mutter hochgehoben, herumgeschleudert, auf den Schoß genommen wird, es wirkt eher seltsam, wenn man nach der Premiere gewahr wird, dass es sich um eine junge Frau von 20 Jahren handelt, die diese Rolle gespielt hat.  Sie kann auch das Alter des Kindes im Spiel so genau fokussieren, dass der Abstand zu den älteren Kindern, selbst wo dieser nur ein/zwei Jahre beträgt, so konkret fühlbar wird, als bestünde tatsächlich ein Größen-, Alters- und Reifeunterschied zwischen ihnen. Doch auch die Erwachsenenrollen sind sehr gelungen, vor allem in ihrer Widersprüchlichkeit, nie wird dabei nur ein Aspekt typisierend gestaltet: Der Hausmeister ist nicht nur böse, die Mutter nicht nur überfordert, die ältere Frau nicht nur alt, der Zappeljunge nicht nur zappelig. Alle Eigenschaften werden mehrfach gebrochen, aufgehoben, verändert, immer wieder passiert Unerwartetes.
Verbeugung vor alleinerziehenden Müttern
Inhalt, Dramatik, Form und Verdichtung bestens gelungen, ein Muss für alle Familienpolitiker, die sich danach für die Vielfalt verschiedener Familienformen einsetzen und alle diejenigen Hürden, die heutigen Menschen das Zusammenleben erschweren, (fehlende Kita-Plätze, Festhalten an traditionellem Familienbild, etc.) überwinden helfen könnten. Eine Verbeugung vor allen alleinerziehenden Müttern und deren Kindern. Für alle ab 5 Jahren! Kinder- und Erwachsenentheater! Ganz nach Volker Ludwig, mit wunderschönen neuen Liedern von ihm. Weiterlesen
Kritik zu: Der Schuss
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Zu seinem eigenen Teil der eigenen Geschichte spürt man eine hohe Verantwortung und hat einen großen Anspruch, wenn man sie erkenntnistheoretisch zu durchdringen und künstlerisch zu verarbeiten sucht. Die Neuköllner Oper, als linke Volksoper selbst ein Produkt der 68er Zeit, jahrelang nomadisierend auf Plätzen und in Kirchen spielend, hat sich nun als „Alternatives Musiktheater“ der Aufgabe gewidmet, die Geburtsstunde der Neuen Linken aus dem Schmerz seines ersten Opfers heraus zu erklären. 
Dazu hat sie sich ein „freies Künstlerkollektiv, eine unkonventionell arbeitende deutsch-isländische Musikgruppe: „Ensemble Adapter“ sowie „Theaterleute gesucht, die das Prozesshafte betonen“. Herausgekommen ist etwas, das auf keinen Fall „Dokumentarisches Theater“ sein sollte (so Glocksin im Programmheft).
Kein Musical, kein Singspiel, nichts Komödiantisches, sondern eher ein nächtlicher Alptraum, indem eine Vorschau auf das, was nach dem Schuss kam, passend zum 50.-jährigem Todestag der Ermordung von Benno Ohnesorg, an der Neuköllner Oper gegeben wird. (...)
Eine sehr intellektuelle Aufführung mit zT etwas schwer verständlichen Assoziativ-Zusammenhängen, deren Haupthandlung, das Leiden der Christa Ohnesorg beim Warten auf ihren toten Mann, eine interessante neue Perspektive war. Sie ist etwas für die Liebhaber nordisch-neuer Musik, diese ist grandios, ebenso wie auch das wunderbare Spiel der noch sehr jungen Josephine Lange als Chris, die sehr bei sich selbst bleibt, sehr glaubwürdig spielt, und dem ganzen Stück eine Art roten Faden, eine eigene Geschichte gibt, von der bisher noch kaum je etwas zu hören war.
Benno Ohnesorg ist ein Symbol und darüber vergisst man oft, dass er auch ein Mensch war, diese Aufführung erinnert ein wenig daran, sie hat Schwächen, ist aber eine Anregung, sich mit diesem Thema erneut zu beschäftigen. Weiterlesen

Premieren

10 September 2017
Die Kameliendame
Philip Tiedemann
Schlosspark Theater

10 September 2017
Jacobowsky & der Oberst
Jürgen Wölffer
Ku'damm Bühnen

19 September 2017
Zeppelin
Herbert Fritsch
Schaubühne

20 September 2017
It Can't Happen Here
Christopher Rüping
Deutsches Theater

21 September 2017
Caligula
Antú Romero Nunes
Berliner Ensemble

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