Anja Röhl
KRITIKEN
Kritik zu: Die Gerechten
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Das Drama „Die Gerechten“, von Albert Camus wurde von ihm bewusst in einer Zeit verfasst, wo er seine Eindrücke aus dem bewaffneten Widerstand gegen die Nazi-Besetzung in Frankreich verarbeiten wollte. Es greift dazu aber eine Episode aus der Zeit der russischen Sozialrevolutionäre auf, denen man in ihrer Benennung noch ihr Ziel einer sozialen Umwälzung gelassen hat, im Gegensatz zu heute, wo solcherart Menschen nur noch Terroristen genannt werden. Und mit dieser diskriminierenden Benennung beginnt man heute schon in recht frühem Stadium des Protestes in Presse und Justiz. Man tituliert so schon Menschen, die zunächst nur Autobahnen blockieren, Bilder, durch Glasplatten geschützt, mit Pudding oder Kartoffelbrei bewerfen und friedlich auf sich aufmerksam machen.
 
Im Stück „Die Gerechten“, hier sehr frei von Peter Atanasof, mit dem Team Plötzensee des Gefangenentheaters AufBruch gegeben, trifft eine Gruppe von Attentätern sich in einer Beobachterwohnung, um ein Attentat auf einen Fürsten vorzubereiten. Der Attentäter Janek, ein mit seinem Vater in Ungnade lebender Intellektueller trifft auf den skeptisch-proletarischen Stepan, der ihn für unfähig hält, das Attentat zu vollziehen. Streit, Misstrauen, Gebrüll, dann wieder Beruhigung.
Jedoch danach „versagt“ Janek, er konnte die Bombe nicht werfen. Begründung: „Da saß ein Kind drin“. Stepan verweist auf die 200.000 russischen Kinder, die den Hungerstod erleiden, weil es den Großfürsten gibt. Die Diskussion wird grundsätzlich. Einige Zeit später wirft Janek die Bombe doch noch, verschont aber die Fürstin, samt ihren Kindern. Das wird benutzt, die Attentäter zu spalten. Warum haben sie das Leben der Kinder gerettet? Haben sie also Skrupel, glauben sie nicht an den reinigenden Faktor Gewalt? Nein, das tun die Sozialrevolutionäre nicht.  Sie hassen Gewalt, nutzen sie nur als Gegenwehr, weil sie verzweifelt über die zaristische Gewalt sind. Doch Stepan nicht, er liebt und verehrt die Gewalt, sie allein wird durch eine Katharsis in der Bevölkerung etwas neues ermöglichen, so schwärmt er. Aber sie scheitern. Ihr Opfer war umsonst, Attentate ändern nichts. So die Handlung und Botschaft.
 
Ein sehr wichtiger moralphilosophisch-politischer Debattenpunkt: Wenn sozialer Protest gegen Unterdrückung mit Gewalt gegen Menschen und noch schlimmerer Unterdrückung beantwortet wird, was dann? Alles gefallen lassen?  Und wenn friedlicher Protest gegen Sachen mit Gewalt gegen Menschen beantwortet wird, was dann? Ab wann, oder wann überhaupt, ist Gewalt gegen Menschen legitim? Wenn sie Unterdrücker sind? Wenn sie selbst Gewalt gegen Menschen ausgeübt haben? Auge um Auge? Die wenigsten Unterdrücker machen sich die Hände schmutzig, dafür haben sie Gesetze, Anweisungen, Leute. Also ist Gewalt auch gegen diese erlaubt? Oder nicht? Und ihre Kinder werden in ihre Fußtapfen treten, Gewalt gegen sie erlaubt? Nein? Also: Schwierig!
 
Auf all diese Fragen werden in dem Stück keine Antworten gegeben. Aber zum Denken wird unbedingt angeregt. Camus hat sehr früh die Gefahren erneuter gewalttätiger Unterdrückung in revolutionären Prozessen und nachrevolutionären Gesellschaften gesehen und in seinen Texten und Stücken verarbeitet. War er nur ein Janek mit Skrupeln, oder ein ernsthafter Sozialforscher?
 
Eingearbeitet in diese Aufführung sind weitere Texte: Brecht, Bakunin, Peter Weiss, Hölderlin, ein Liedtext von Exodus von DJ Stalingrad. Dazu Lieder von Weill, Bernd Meinunger, und ein altes Partisanenlied aus Frankreich. Filmszenen von Eisenstein und alte Wochenschaubilder komplettieren die Aufführung, zeigen die Widersprüche auf, in dessen Feld sich die damaligen Handlungsträger bewegten.
 
Die Gefangenen, die das Stück auf die Bühne bringen, haben 7 Wochen geprobt, jeweils nach ihrer Arbeit,von 16 bis 20 Uhr. Unbezahlt, freiwillig. Ihre Leistung ist überragend. Ich sah dasselbe Stück seinerzeit im Staatstheater Oldenburg. Die Spieler dort waren nicht so überzeugend. Ihre Wut hatte etwas aufgesetztes, ihr Enthusiasmus war blutleer. Hier scheint alles echt. Wir haben alles unserem Regisseur zu verdanken, sagt einer der Hauptdarsteller im anschließenden Smalltalk, er holt das alles aus uns heraus. Und der den wütenden Stepan spielt, sagt: Ich bin in Wahrheit ganz anders, glaubt man nicht, oder? Nein, glaubt man nicht. Sehr überzeugend gegeben, die Tragik, die jeweilige Überzeugung, sehr gut herausgearbeitet!
 
Das Thema scheint wieder aktuell. Von Klima-RAF wird schon gesprochen, wo Aktivisten sich hauptsächlich nur selbst in Gefahr begeben. So war es auch seinerzeit 1968: zunächst war der Protest nur von Verweigerung bestimmt: Sitzstreiks, Sitt-Ins, Seminarboykotts. Als Pudding flog, hieß es: „Schmeißt sie über die Mauer!“, und: „Hängt sie auf!“. Später erst kam die RAF. Da waren vorher friedliche Demonstranten erschossen worden, da hatte man 2000 Menschen eingeknastet, da kannte der Staat keine Gnade. Da waren überall noch alte Nazis an den Schalthebeln, die in jedem Satz giftige Mordlust ausdünsteten. Der Satz: „Euch hat man vergessen zu vergasen“, der wurde einem hinterhergerufen, wenn man die Haare offen oder zu lang trug. Auf Dutschke, der keiner Fliege was zuleide getan hatte, wurden Hetzjagden veranstaltet. Erst da, erst da kam die RAF, und es war nur eine sehr kleine Gruppe, im Verhältnis zur ganzen damaligen Bewegung. Die Vorbilder der RAF waren tatsächlich die Sozialrevolutionäre Russlands. Zu dieser, unserer bundesdeutsch-jüngeren Geschichte kam in dem Stück kein Wort. Was sind die Argumente unserer Sozialrevolutionäre, aus den Jahren 1970, aufwärts gewesen? Sie verwiesen darauf, dass trotz des Scheiterns der Narodniki im vorrevolutionären Russland, der moralische Vorbildcharakter dieser Menschen eine Mut und Kraft gebende Bedeutung auf Unterdrückte gehabt hätte und daraus später die Revolution entstanden sei. Aber stimmt das? Stepan im Stück sagt das Gleiche. Das Volk wird sich erheben, schwärmt er, es wird etwas Neues, etwas Gerechteres schaffen, eine Welt ohne Gewalt. Camus meint, nein, auf Gewalt aufgebaute Revolutionen folgt eine noch brutalere Diktatur. Aber die Weltgeschichte zeigt: Ohne Revolutionen hat sich selten etwas verändert. Und allen Revolutionen gingen Aufstände voraus. Aber nicht allen Aufständen folgten friedliche Zeiten. 
 
In einer Szene gelingt es dem Regisseur auch Witz herauszuarbeiten. Im Gefängnis hat Janek eine Begegnung mit zwei Kalfaktoren, deren einer ihn am nächsten Tage hängen helfen wird. Die Begegnung mit diesen zwei „Volksvertretern“ hat Witz und Tragik. Janek wird von ihnen nicht verehrt, wie er dachte, sondern als Spinner behandelt und nicht mal bedauert.
 
Das Volk muss schon mitgehen bei Revolutionen, sonst wird das nichts, so einfach ist es, meint Camus, aber schwer zu machen bleibt es trotzdem. Das zeigt das ganze Stück.
Dieses Stück und die Art wie es hier gebracht wurde, regt wahrhaft zum Denken an, es erfüllt damit alle Bedingungen des epischen Theaters von Brecht. Lohnt sich! Noch schnell Karten besorgen und ansehen! Im AufBruch-Gefängnis-Theater in Berlin. 

Anja Röhl
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Romulus, der Große, das ist ein Stoff mit Hauptpersonen und Geschichtsinhalt von 476 n. Christi. Der Zeit des Untergangs des Römischen Reiches. Dürrenmatt schrieb es 1949 als Gleichnis und ironische Parabel auf das Ende des Dritten Reiches. Das Gefängnistheater AufBruch gibt es dieser Tage im Freilufttheater Jungfernheide, als Parabel auf unsere heutige Endzeitstimmung. 
 
Der an antike Zeiten erinnernde ansteigende Halbkreisbogen der Freiluftbühne im verwilderten Park „Jungfernheide“, lässt die Zuschauer auf eine zugewucherte Bühne blicken, auf der um echte Büsche herum gespielt wird.  Das jährliche Sommerereignis des AufBruch-Theaters mit Freigängern und anderen Mitmachenden, hat sehr viele Zuschauer in den Park gelockt. Die Umsetzung führte zu Beifallsstürmen. 
 
Das Stück passt zum Spielort: Der letzte römische Kaiser scheint ein Privatmann - abgewandelt von der Historie schon etwas älter - der mit Frau und Tochter in einem Sommerhaus, abseits aller Kämpfe beschaulich-bäuerlich im Wald lebt. Sein Hobby ist die Hühnerzucht, seine Hühner heißen nach vormaligen römischen Berühmtheiten: Augustus, Caesar, Marc Anton…

Während Bedienstete Koffer aus dem Haus schleppen und Julia, seine Frau, hektisch die Flucht organisiert, übt die Tochter mit dem Hauslehrer Klassikertexte. Ein verzweifelt-hysterischer Bote und der durch Gefangenschaft zerstörte Schwiegersohn, berichten von der Zerstörung des Reiches. Sie erwarten von Romulus energisches Handeln, der aber schweigt. Sie  berichten von der baldigen Eroberung durch den Germanenfürsten Odoaker. Das schreckt Romulus nicht.
 
Der hühnerliebende Kaiser will Flucht und Krieg und Reichszerstörung nichts wissen, er lädt zu Wein und gutem Essen ein. Dabei wirkt er in seiner Naivität kindisch, albern und verrückt. Zum Ende hin enthüllt er, dass alles nur ein Trick von ihm war, um den Krieg nicht mehr verlängern zu müssen und das Land baldmöglichst den Germanen zu übergeben. 
 
Köstlich ironisch-witzig ist schon der Dürrenmattsche Text, noch eine Spur an Ironie mehr gab dem Stück die aktuelle Inszenierung des AufBruch. Die Hauptperson teilt sich in drei Ichs, die sich gegenseitig aushelfen, wenn sie in Bedrängnis geraten. Jede der drei Persönlichkeiten wird von unterschiedlichen Darstellenden gegeben. Einer davon ist ein sehr junger Mann, fast dem historischen Alter des Romulus entsprechend (16Jahre). Die beiden anderen sind eher ältere Varianten. Alle drei sind hervorragend: Sentimental, selbstironisch, harmlos, naiv, versponnen, idiotisch und thyrannisch, genau wie Herrscher in Untergangszeiten zu werden pflegen. Klare Stellungnahmen nie, stattdessen Gestammel, Ausweichmanöver, Zeitgewinn herausschlagen. Ausblenden der Realität im Lande immer, mit zu Boden gerichtetem Blick auf die eigene kleine Hühnerwelt. Nicht mal, was im Haus vorgeht, interessiert den Romulus noch, ewig sieht man ihn mit einem Huhn in den Händen herumstehen, welches er selbstvergessen streichelt.
 
Was immer glückt im AufBruch-Theater ist die Arbeit mit den Laien, sie scheinen nicht nur wie, sondern besser als Professionelle zu spielen. Wie das Wunder glückt, versteht man nicht. Warum kann hier Tragik, Komik, Emotion, Witz und Ironie derart gut gespielt werden? Von Menschen, die keine Schauspielschule besucht haben, sondern nur in Kursen des AufBruch waren? Warum wirkt alles absolut authentisch, wahr? Die Spielenden scheinen über sich selbst zu sprechen, sich selbst zu spielen, und es scheint auch um ihr Leben zu gehen. Genial ist zum Beispiel eine kleine Szene, wo einer der Kammerdiener dem Huhn ein türkisches Kinderlied vorsingt. Die Poesie und Melancholie, die Schönheit dieses Zwischenspiels, das völlig unverbunden mit allem, einfach nur vom Schauspieler in seiner Sprache dargebracht wird, wirkt, als hätte dieser es spontan ins Stück hinein improvisiert. Solche kleinen Soli werden öfters geboten. Die Spielenden bekommen dadurch eine eigene Rolle im Spiel, sie sind nicht nur Ausführende einer Autoren- und Regieidee, sie bringen sich selbst ein. Auch Sätze des Beckmann aus „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert werden passend zitiert. ( Ich will Ihnen was zurückgeben... die Verantwortung) Hans – Dieter Schütt schreibt dazu im Programmheft: „Die Geschichte, wer macht sie? Die brennenden Leiber, aus denen das Fett tropft, mit dem wechselnde Kaiser...die Motoren ihrer Bomber schmieren?“, und  beklagt sich über mangelnden Zorn: „Der Zorn über die Weltverhältnisse liegt als Hund des Gehorsams unter unseren gedeckten Tischen“. 
 
Die Parallelen zu heute sind frappierend und gewollt. Die momentane Atombomben-, Inflations- und Klima-Weltzerstörungsdrohungen, die uns alle wie in einem Schraubstock gefangen halten, finden ihren Niederschlag in den Schilderungen des Boten und heimkehrenden Kriegsgefangenen von „draußen“, aus dem Reich, ähnlich unserer Zeitungsmeldungen. Das bäuerlich-idyllische Häuschen des Herrschers wird zum eigenen Zuhause, wo wir glauben durch Bioanbau dem Inferno entkommen zu können. Die drei Herrschenden erinnern ein wenig unserem Regierungs-Dreigespann, der englisch sprechende Hosenfabrikant dem Neue- Weltordnung-Prediger USA. 
 
Ein Stück, was sich lohnt anzuschauen, mit Erkenntnissen über unsere heutige Situation, eingebettet in Weltgeschichte, ironisch zugespitzt, kreativ erweitert, genial gespielt und inszeniert, noch schnell Karten bestellen: aufbruch@gefaengnistheater.de


Anja Röhl
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Schon im Jahre 1986 hatte Sewan Latchinian sein Debüt als Dramatiker mit dem Theaterstück „Grabbes Grab“ (Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin), mit dem er den Dichter Christian Dietrich Grabbe im wahrsten Sinne wieder „ausbuddelte“. 2009 nahm er diesen Stoff erneut auf, in dem er den „betrunkenen Shakespeare“, (Heinrich Heine über Grabbe) in mehreren Stücken lebens- und zeitgeschichtlich präsentierte. Sewan Latchinian fragte damals: Wie wird Geschichte gemacht, wer macht sie und was macht sie mit dem Volk? Der Dichter Grabbe kam als Sohn eines "Zuchtmeisters" im Detmolder Zuchthaus zur Welt. Sein Leben war kurz und selbstzerstörerisch. Er hat schon mit 16 sein erstes Stück verfasst. Er gilt als Vorläufer des realistischen Theaters. Die damals von Latchinian in diesem Rahmen aufgeführte „Hermannsschlacht wurde in „Theater der Zeit 11/9“ von Martin Linzer als Rehabilitierung des Stückes empfunden, dass lange Zeit nur im Sinne eines aufgeblähtem Nationalismus interpretiert, schon 1893 öffentlich antisemitisch aufgeladen und schließlich von den Nazis in diesem Sinne vergöttert wurde. Grabbe hingegen legte den Konflikt als eine Auseinandersetzung zwischen einem starren, technischen Apparat von Eroberern und einem partisanenähnlichen Abwehrkampf unterlegener Volksgruppen an. Sein Stück heroisiert grade nicht, sondern beide Seiten werden realistisch und humorvoll, mit negativen und positiven Eigenschaften behaftet dargestellt. Arminius, genannt „Hermann“ ist dabei einer, der durch Aufwachsen im Staat der Eroberer, plus militärischer Ausbildung, umfangreiche Kenntnisse erworben hat, die er dem eigenen unterdrückten Volk zu Gute kommen lassen will. Dabei aber auch herabsieht auf die noch unterentwickelten Unterdrückten, von denen er nie ganz als ihresgleichen akzeptiert wird. Sein Ziel als Grenzgänger, der im römischen Heer dient, aber heimlich die Stämme der Germanen hinter sich vereint, war zwar, das römische Joch ganz abzuschütteln, dabei gelingt es ihm aber nicht, die Befindlichkeiten der vielen unterschiedlichen Stämme zu vereinen und einem Sieg über den Römer Varus folgt schließlich nicht der Sturz Roms, wie von ihm beabsichtigt.
 
Diesen Stoff nahm sich Regisseur Peter Atanassow als ein Lehrstück über das so häufige Scheitern des Sich-Wehrens einer unterdrückten Volksgruppe gegen eine technische Übermacht vor und inszenierte es mit dem Erwachsenen-Team des AufBruch-Gefängnistheaters im alten Innenhof der JVA Tegel. Dort umstehen drei alte leerstehende Gefängnishaus - Längsfronten in einer düsteren Kulisse aus dem 19. Jahrhundert die Handlung, wie in einem Film. Das Stück: „Hermanns Schlacht“ nach Christian Dietrich Grabbe zeigt arrogante, gebildete, städtische Umgebung gewohnte Römer (mit roten Schulterkappen) und verzweifelte, starke, wald-bäuerische Umgebung gewohnte (mit unterschiedlichen Pelzen behangene) Germanen. Hart geht es zu und unerbittlich. Auf beiden Seiten, Gewalt verroht, das wird klar. Das Besondere: Parallelen werden gezogen: Zu Beginn ein eindrucksvoller Monolog. Ein Mann mit schwarzer Hautfarbe deklamiert Worte des Patrice Lumumba: „Die Gringos sagen nicht die Wahrheit…wir können sie verjagen…Alle Menschen wurden von demselben Geist geschaffen… alle Menschen sind Brüder…unser Volk stirbt…um uns zu schützen, müssen wir kämpfen“
Römische und germanische Gruppen werden in ihren Lagern und bei Kampfhandlungen gezeigt. Humorvolle Darstellung. Kein bisschen heroisch. Es geht um Gewalt von Herrschenden und Unterdrückten, wie sie sich ähnelt und worin sie sich unterscheidet. Die unterdrückten Germanen sind uneins, streiten und misstrauen sich, können ihren Sieg nicht für sich nutzen, bekämpfen einander, aussichtslose Tode, Varus stürzt sich ins Schwert, andere machen es ihm nach, die vom Krieg erschöpften Männer ermorden sich selbst und gegenseitig. Das Gefängnis blickt auf Tote und Besiegte.


 
Einer erzählt das Experiment von den Mäusen. Sie wurden in eine Schachtel mit Strom am Boden gesperrt. Alleine und mit Ausweg, fanden sie diesen schnell, alleine ohne Ausweg, wurden sie nach verzweifeltem Springen und gegen die Wände rennen müde und resigniert und gaben sich schließlich krampfend den Schmerzen hin. Zu zweit, beide den schmerzenden Stromstößen ausgesetzt, fielen sie übereinander her und töteten sich.  Laut: Das ist der Weg des Hasses!
 
Eine Nebenhandlung wird eingefügt: 1960 gelang es Lumumba, das Volk des Kongo zu befreien. Die Unabhängigkeit ist aber dornenreich. Die alte Eliten, gespielt von den Römischen Truppen mit schwarzen Umhängen als Bankiers verkleidet, denken sich eine Reihe von Intrigen aus, wie sie ihn mit seinem Volk entzweien oder die ehemals Unterdrückten gegen ihn aufbringen können, als das nicht hilft, lassen sie ihn ermorden. Die Bankiers resümieren, es käme darauf an, die Freiheit, die von den Unterdrückten eigentlich im Kampf erobert wurde, als von obersten Gnaden „empfangen“ darzustellen. Es lebe die Freiheit, ja, die Freiheit der Diamanten, des Kupfers…
 
Hier wird Zeitgeschichte aus dem 9. Jahrhundert mit der von heute abgeglichen. Dabei kommt man ins Nachdenken: Heute heißt es auch oft: Für die Freiheit. Welche Freiheit ist es, fragte schon Brecht. Die der Menschen oder des Geldes? Das fragt heute auch die Jugend in der Klimabewegung Geld vor Mensch? Sehr leerreich.  Dabei, wie so oft, sehr gut und authentisch gespielt.
 
Die Themen Gewalt, Krieg, Misstrauen, Hass schmerzen, auch das Scheitern von Partisanenbewegungen und die immerwährende Macht des Geldes. Das alles wird von heutigen Deklassierten emotional sehr gut nachgespielt. Der Zuschauer erlebt dazu etwas von der Gewalt, die die Spieler selbst erfahren. Staatliche Gewalt wird in Natodrahtrollen sichtbar, auf hohen Mauern, zeigt sich in martialischen Häusern, einer halben Stadt, vielfach vergittert. Aus den Fenstern schreien Verzweifelte, die staatliche Gewalt hält sich bewaffnete Uniformierte, sie bewachen, wie sich die Gefangenen im Guerillakampf üben, gegen die Römer.   
 
Am Ende Trauer und Nachdenklichkeit: Unsterbliche Seele…liegt es an uns? Die Götter gaben den Menschen eine letzte Chance. Wehe, wenn dann der Falsche kommt. Am Ende steht einer aus den Trümmern auf, schreit: Reißt die Fahnen hoch!  
 
Das Stück macht sehr gut deutlich wie modern Grabbe war und dass seine Hermannschlacht jedenfalls nichts mit den Deutschnationalen zu tun hat. Es erzählt etwas für alle Geschichtsepochen Bedeutsames.
 
Besonders herausragend spielten: H.Peter Maier C.d.F. als Varus und Paul E. als Arminius. Aber auch Adrian Zajac als Thusmelda war großartig, und witzig und Nicolas als Lumumba sprach den Erstmonolog mit einer sehr eindrucksvollen, wie von innen her kommenden tiefen Überzeugung.
Großartig, sehr empfehlenswert! Leider schon letzte Aufführungen: Noch am 23., 24., 29., 30., und 1.7. Karten hier: https://www.gefaengnistheater.de/

Anja Röhl
https://anjaroehl.de/