Anja Röhl
KRITIKEN
Kritik zu: Amir
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Berliner Ensemble, kleine Bühne, nichts für Rollifahrer, der Fahrstuhl ist noch nicht gebaut, man muss Treppen hochsteigen, die Bühne ist schwarz, bei Eintritt sieht man eine sich um ihre Mitte drehende riesige Betonmauer, die von vier jungen Leuten in Trainingsklamotten angetrieben wird. Die Zuschauer strömen in den Raum, die Protagonisten auf der Bühne rennen und keuchen.
Auf der stehenbleibenden Mauer sieht man den Namenszug AMIR als Videoprojektion auftauchen und die Strichzeichnung eines kleinen Männchens, eine Kinderzeichnung. Dann beginnt ein herrischer Mann zu sprechen, sein Konterfei tritt als riesiger Kopf neben das Strichmännchen, er fragt Lebensdaten ab: Geboren: Wann? Wo? Ein junger Mann, vorn auf einem Stuhl sitzend, antwortet: Palästina, so notiert der Beamte: Staatenlos.  Als er weiterfragt: Augenfarbe?, antwortet der Mann: Braun, der Beamte notiert: Schwarz! Danach erklärt er ihm umständlich, dass er nur eine Duldung bekäme. Der Mann springt auf, dreht sich zudem Mann um, meine Augen sind schwarz, verflucht nochmal, schwarz!
300.- Euro – und nie in der Lage die Familie zu ernähren
Von da ab rollt das Drama einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie ab, die in den 80 er Jahren mit drei kleinen Kindern aus  Sabra und Schatila geflohen ist, aber in Deutschland seit 30 Jahren keine Arbeitserlaubnis, nur Duldung bekommen hat. Die Generation der Kinder wächst heran, es kommt noch ein Kind hinzu, das bekommt die deutsche Staatsbürgerschaft, die drei anderen haben,wie Vater und Mutter, seit ihrer frühesten Kindheit nur die Duldung.  Die Generation der Eltern ist tief resigniert, Verzweiflung ist längst in die Depression gekippt, bietet den Kindern ein Bild der Schwäche und des Jammers. Und da sie immer auf dem Asylgeld – Level  von 300.- Euro im Monat gelebt haben, empfinden die Söhne tiefste Abscheu vor ihrem Vater, der in ihren Augen nie in der Lage war, seine Familie zu ernähren. Sie selbst sind seit der Vorpubertät in der Kriminalität zuhause, haben sich dort vielfältig nützlich gemacht für den Familienhaushalt, mit dem Abzocken von Mitschülern, mit kleinen und größeren Betrügereien, mit Diebstählen, später Überfällen, füllen sie seit Jahren den Familienkühlschrank und die Kleiderschränke auf.
Sie wissen doch genau
Im Amt, die Szene wird ständig zwischengeschoben, bettelt Amir jedes Mal darum, endlich die Anerkennung und damit die Arbeitserlaubnis zu bekommen, aber nichts,mit Hinweis auf seine Vorstrafen, die sich allmählich ansammeln, verwehrt man es ihm. „Sie wissen doch genau, dass ich mir das Geld dann woanders beschaffen muss! Ich will mein Abitur und arbeiten, verflucht nochmal!“
Aber es wird nichts draus, die Sache eskaliert immer mehr. Ein Überfall, ein Schussverletzter, Knast.  Dazu kommt eine Liebe, Amir hat sich in Hannah verliebt, will mit ihr ein neues Leben anfangen.
Zur falschen Zeit geboren 
Wie Menschen sich in widrigen Lebensbedingungen, von denen der normale Theaterbesucher keinen blassen Schimmer hat, bewähren müssen, welchen Qualen sie ausgesetzt sind, nur weiße zur falschen Zeit in die falsche Familie hineingeboren wurden, das wird hier sehr kunstvoll auf die Bühne gebracht. Dabei hat Nicole Oder das Drama des Mario Belazar, das als Textheft mitgeliefert wird, von der Mitte her aufgezogen, sie hat es im übrigen sehr frei interpretiert, aus der Schwester als Balletttänzerin macht sie eine für die Boxmeisterschaft trainierende, vieles wird in Rückblenden erzählt, immer wieder bricht sie den Erzählfluß ab, lässt neue Szenenstücke beginnen, unterbricht durch Lieder und Raps. Dadurch wird ein enormer Spannungsbogen erzeugt, die Figuren wirken wie leibhaftig aus der Karl-Marx-Straße, die Wirkung auf einen selber wird erst nach zwei Tagen klar, da geht man mal wieder zufällig ins Rollbergviertel oder auf die Hermannstraße und da sieht man die jungen Männer und Frauen nun mit anderen Augen an, interessierter, fragender. Welches Drama verbirgt sich hinter ihren teuren Autos, ihrem Machogetue, ihren frisch gestylten Haaren?
Und dabei drängt Nicole Oder die 2. Generation Flüchtlingskinder nicht in eine Opferrolle hinein, im Gegenteil, sie macht klar, dass sie genau diese absolut nicht einnehmen wollen. Eine klare Positionierung für eine andere Asylpolitik, das ist dieses Stück, und großartig gemacht! Es lohnt sich zweimal hinzugehen!
Mitten rein
Und den Namen „Nicole Oder“ den sollte man sich merken! Das Stück „Amir“ von Nicole Oder ist wirklich eines der besten Stücke,  die ich in den letzten zehn Jahren über Flüchtlingsproblematik gesehen habe.  Es geht unter die Haut, es wühlt auf, es bringt einen nicht nur nah an die Flüchtlings- und Welt-Politik ran, sondern setzt einen mitten rein. Mit Arabqueen, Arabboy hat Nicole Oder seit 2009 im Neuköllner Heimathafen Stücke inszeniert, die dort noch heute vor ausverkauftem Hause boomen. Geboren 1978, ist sie inzwischen Mitglied der künstlerischen Leitung des anderen Volkstheaters in Neukölln.
Unserer Gesellschaft den Spiegel hinhalten
Schon 2004 inszenierte sie in Berlin Projekte mit dem Obdachlosentheater Ratten 07 und zeigte schon da, wie gut sie den Ton ausgestoßener Bevölkerungsgruppen punktgenau trifft. Ich erlebte ihre Obdachlosentheaterprojekte, ich sah Arabqueen und Arabboy, ich sah „Der falsche Inder“ im Münchner Volkstheater, ich sah „Baba oder mein geraubtes Leben“ in Neukölln, ich sah „Glückskind“ in Rostock. Und jedes dieser Stücke war einfach genial und traf die Wahrheit in den Verhältnissen, in denen wir leben, genau. Ohne Schnickschnack, ohne formale Überbetonung, mit einer dem Volk abgeschauten Sprache, ja unter Einbeziehung der Menschen selbst, die in diesen Verhältnissen geboren sind und sie kennen, schafft sie es, unserer Gesellschaft den Spiegel hinzuhalten, spannend zu sein, künstlerisch schöne Choreografien und Bilder zu liefern, und Dialoge treffsicher und authentisch zu gestalten. So sah es auch das Publikum, dass ihr kürzlich in München den Publikumspreis verlieh.
Gesellschaftliche Demütigung als Ursache von Kriminalität?
„Amir“ von Nicole Oder beginnt anders, als der Autor des Stücks, Mario Salazar, es konzipiert hat, es setzt politischer an, schildert zunächst, was ihm alle sechs Monate auf dem Amt passiert. Es beschreibt sein Leben chronologisch in Rückblende, aber betont stärker die gesellschaftliche Demütigung, die ihm jedes Jahr bei der Ausländerbehörde passiert,  wobei ihm das Leben vorgeworfen wird, dass er nur wegen ihnen und ihren menschenfeindlichen Gesetzen führen muss. Immer wieder dieses: „Melden Sie sich in sechs Monaten wieder!“. Und so ein Staat spricht von Demokratie und Grundgesetzen, in denen Menschenrechte garantiert seien! Ein Hohn! Das wird dem Publikum klar. Eines wird klar: Der Junge Amir kann seine Würde nur mit kriminellen Taten wahren. Anders geht es nicht. Fatal!  Tamer Arslan spielt den Amir sehr gut, man glaubt ihm den Abiturienten, der es weit bringen würde im Leben, wenn er nicht an die Ausländerbehörde und seine windigen Beamten gefesselt wäre. Man glaubt ihm den Liebenden, mit großer Sehnsucht auf ein anderes Leben. Man glaubt ihm das alles, weil er spielt, wie einer von Nebenan.  Das Kollektive Schicksal, er bringt es zum Ausdruck. Man hat noch lange nachzudenken.

Anja Röhl
www.anjaroehl.de
1 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Einen sehr fröhlichen Einblick hinter die Bühne gewährte das Rambazamba – Theater mit dem Stück „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayns aus dem Jahre 1982.  Das Stück zeigt uns, im Gegensatz zu dem, was das Publikum zu sehen bekommt, einen Blick in die echte Welt der Theaterleute, nämlich in die Welt der zermürbenden Proben, hinter die Bühne.
Schwierigkeit des Stückes zunächst, wie unterscheidet man die beiden Welten, vor und hinter der Bühne? Das RambaZamba-Team mit Jakob Höhne (Regie) und Beatrix Brandler (Bühne) hat sich hier etwas Gutes einfallen lassen, im Probenraum sind die Spieler mit Gesichtern zu sehen, auf der Bühne nie. Dort treten sie zu Beginn als Türen und am Ende mit Masken auf.
Ordnen sich zu Formationen, stolpern und fallen
Als Einstieg in das Stück wird dem Publikum ein Tanz vieler bunter Türen geliefert, wie im Schwarzlicht-Theater,  Türen sind verschieden leuchtend angestrahlt und Spieler, die unsichtbar bleiben, tragen diese vor dunkler Bühne vor sich her und lassen sie tanzen.  Dann versuchen sie sich irgendwo reinzudrängen, reinzupassen, rennen herum, suchen ihren Platz, ordnen sich zu Formationen, stolpern und fallen.  Der in bunter Leuchtfarbe orange, gelb, lila, hellgrün angestrichene Türenreigen wird flugs zu einem Bild der Welt, die Türen stehen für den uniformen Menschen, der sich anpasst, einpasst oder stürzt.
Regisseur köstlich hysterisch
Dann Szenenwechsel ins Helle und man ist im Geiste hinter der Bühne, die Türen stehen wieder unbeweglich und weiß, in Reih und Glied fest in ihrer Wand und markieren nur den Auf und Abgang. Dafür sieht man einen Regisseur (köstlich hysterisch Stefan Urbanski) der anordnet, befiehlt, herumschreit und sich selbst und seinem Begehren junger Theatermädchen die meiste Aufmerksamkeit widmet. Er lässt eine Spielerin (einen Mann im Frauenkleid), die eine Art Diva gibt, immer nur einen absurden Satz wiederholen, der ihr selbst vollkommen widerwärtig ist, was durch Körperhaltung und Mimik köstlich karikiert ist.
Spieler reagieren mit Seitenhieben
Keiner versteht sich mit dem anderen, keiner ist bei der Sache, aber jeder findet, er bekomme zuwenig von allem, zu wenig Achtung vom Team, zuwenig Anerkennung vom Regisseur, alle jammern und maulen herum, der Regisseur teilt von oben herab aus, es regnet Beleidigungen und Drohungen, die Spieler reagieren in Form von Seitenhieben gegeneinander, sie teilen ihre eigenen Aggressionen hübsch untereinander auf. Wellenartig kommt es zu Szenen. Es wird geschrien, gebrüllt, übereinander hergefallen. Doch so ist das Leben und das Theater spiegelt das Echte nach Meinung des Stückeschreibers wohl mehr in der Probezeit, als am Premierenabend.
Das Publikum jedenfalls brüllt auch, vor lachen. Die Gags sind bestens gelungen, alle sind am Ende reif für die Nervenheilanstalt.
Regisseur macht jeder einzeln den Hof, verteilt Rosen, sucht Triebabfuhr
Einmal sieht man den Regisseur nach Abgang von der Bühne auf Leinwand. Was macht er seltsames? Er streift, mit Anklang an die Mee-too-Debatte am Premierenabend, wo er nichts mehr zu tun hat, durch die Umkleideräume und Requisite und man sieht ihn dort mit allem, was er finden kann, Tischkanten, Büromöbeln, Gardinen, Kostümen herummachen, als onaniere er. Danach macht er jeder Schauspielerin des Stückes einzeln den Hof, verteilt an jede Rosen, verspricht groß die Liebe, aber man hat kapiert, er meint nur sich selbst, sucht nichts als Triebabfuhr, die Frauen sind ihm gleichviel wie die Möbelstücke in seiner Pause. So wird er dann wunderbar von einer der Spielerinnen abgewiesen und komplett und bühnenreif zusammengebrüllt.
Theater immer Konstruktion
Also es geht hoch her bei diesem Stück, und man sieht den ganz normalen Wahnsinn der Welt, in der wir leben. Und es zeigt mehr als alles andere, das Theater immer eine  Konstruktion des Wunsches und der Sehnsucht ist, von dem, was wir besser machen und erreichen könnten.  Der Blick hinter die Bühne will dagegen nackte Wahrheit zeigen, das reale Leben.  Dass das so traurig-hysterisch ist, so gemein und aggressiv, hebt sich durch den Witz wieder auf.
Masken beenden den Wahnsinn
Die alles vereinende Hochstimmung kommt zwar schließlich noch so ein wenig auf, als es endlich an die Premiere geht, aber da erlebt das Publikum nun hier mit den Spielern den großen Abfall der Spannung, auch das ist sehr gut geglückt, die Spieler treten zunächst sehr schön mit riesigen Maskenköpfen auf, liegen aber bald darauf erschöpft herum, die Masken übrigens wunderbare Produkte des RambaZamba-Ateliers und der Maskenbildnerin.  Sie entfremden die Spieler nun von sich selbst und das Bühnen-Stück schimmert kurz ein wenig auf. Aber gleich darauf wieder der Blick hinter die Bühne: Spannungsabfall, Langeweile, Erschöpfung und die Obsessionen des Regisseurs mit den dazu gehörenden Weinszenen der betrogenen Frauen, beenden den Wahnsinn.
Wunderbar hochkochend gelungen
Was also ist die Premiere: Illusion. Und nur ein winziger Teil der Theaterwelt. Diese besteht im Wesentlichen aus Proben und diese aus Wiederholungen, die einem zum Hals heraus hängen. Der Alltag darin wird bestimmt von Angebrülltwerden, verzanken und versöhnen, Liebe, Freundschaft, Sex, Hass, Wut und Hysterie. Wie im Leben. Sehr gut und wunderbar emotional hochkochend gelungen, dazu schöne gestalterische Einfälle, herausragend der Tanz der Türen und der Masken.

Anja Röhl
http://www.anjaroehl.de
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Siebte Klasse, Sexualkundeunterricht. Aber nicht für alle: Selma (Katja Hiller) und Anni (Lisa Klabunde) haben sich mit Edgar (Marius Lamprecht) und Junius (Jens Mondalski) auf die Toilette verdrückt, sie meinen, sie wüssten schon alles bzw. wollen lieber praktisch werden. Allerdings wissen sie noch nicht so genau, worauf sie Lust haben. Ihre Kenntnisse sind lückenhaft und von gesellschaftlichen Erwartungen überfrachtet. Dann, auf einmal, driften die vier ab in eine magische Welt und landen, klein wie Ameisen, im Innern einer Nacktschnecke. Die Bühne von »Das Nacktschnecken-Game« ist nun eine grüne Traumlandschaft, mit schwingenden Teilen, die ausschauen wie Nervenbahnen im Unterhautgewebe.

Die zwei Pärchen – Junius geht mit Ani, Selma mit Edgar – quälen sich durch eine klebrig wirkende Substanz, erst langsam kommen sie wieder zu Bewusstsein und ekeln sich fürchterlich. Eine Stimme aus dem Off verkündet Aufgaben. Sie sollen die Nacktschnecke von innen erforschen und sie dazu bringen, dass sie sich mit einer anderen Schnecke paart. Dann erst kämen sie frei. Selma schreit, die anderen erstarren. »Wie viele Leben haben wir?« fragt Edgar. Das Publikum lacht, die Kurve ist genommen – ein mit Symbolen aufgeladenes, gleichwohl witziges Spiel, ein Ausflug ins Unbewusste und zu den unterhalb normaler Aufklärung liegenden, wirklich relevanten Fragen zur Sexualität.

»Mädchen ekeln sich wohl weniger, weil sie selbst so viel Ekliges an sich haben?« fragt Junius Anni, die zwar entgeistert guckt, sich aber klug und selbstbewusst zu wehren versteht. Junius spricht allerdings ein für sexuelle Beziehungen zwischen Mann und Frau typisches Problem an – das des männlichen, oft angstvollen Ekels vor dem weiblichen Geschlecht. Mit all seinen Falten und der Feuchtigkeit erinnert die Vulva Männer an eine Wunde, in zahllosen Religionen gilt die Frau deshalb als unrein.

Der Mensch ekelt sich nicht nur vor Ausscheidungen und Körperöffnungen eines Fremden, sondern auch vor der Haut des anderen. Den Finger eines Fremden könnten wir nicht in den Mund nehmen, ohne uns zu ekeln, schrieb Thomas Mann. Die Liebe, so Mann, überwinde die Ekelschranke, die wir voreinander aufgebaut haben. Aber eben nicht zwingend. Viele Partner ekeln sich voreinander, vor allem in Zeiten flüchtiger Sexualkontakte. Und Jugendliche, die Begehren und Liebe noch nie erlebt haben, stellen sich die Angelegenheit häufig furchtbar eklig vor. Weshalb für ein Stück über sich erst langsam anbahnende körperliche Annäherung unter Jugendlichen die Nacktschnecke gewählt wurde, liegt also auf der Hand: Sie ist klebrig-eklig.

Wie sich die beiden Paare zurechtfinden, ihre Aufgaben zu lösen beginnen, wie sie dabei ins Gespräch kommen oder zu einem ersten Kuss, und es dabei die ganze Zeit um Aufklärung geht, man aber nie an eine wissenschaftliche Lehrveranstaltung denken muss – das hat was. Und ist der so skurrilen wie witzigen Phantasie geschuldet, mit der »Das Nacktschnecken-Game« von Regisseurin Maria Lilith Umbach inszeniert wurde, nach dem gleichnamigen Stück der Autorin und Kolumnistin Kirsten Fuchs.

Die Jungen sollen 100 verschiedene Begriffe für Geschlechtsorgane aufschreiben. Toilettenzeichnungen fallen ihnen ein, die notierten Begriffe sind sexistisch, gewaltsam, es sind gefährlich-abfällige Bemerkungen über Frauen: »Ich fick dich, bis du nicht mehr aufstehen kannst!« Angst soll durch Gewalt überwunden werden. Ekel, der die weibliche Vulva besetzt, verhindert, ihre Schönheit zu sehen.

Erklärt das Stück, weshalb Sexualität so oft mit Gewalt vermischt wird? Ich denke, ja, denn Ekel, verbunden mit erwachender Sexualität, erzeugt Angst. Angst erzeugt Abwehr, und daraus wird möglicherweise Gewalt. Die weibliche Vulva wird als ein zu durchbohrendes Etwas betrachtet, der pen*s zum Gewaltorgan, liebevolle Sexualität so bereits im Ansatz verhindert. Das alte Bild von der Sexualität als etwas Schmutzigem ist immer noch nicht überwunden.

Eine kluge symbolische, so witzige wie wichtige Reise ins Unbewusste im Gewand eines PC-Games ist dem Grips-Theater gelungen. Vielleicht erleichtert es Jungen und Mädchen (ab zwölf), besser mit Gefühlen wie Angst und Ekel umzugehen, Hemmungen abzulegen, Sexualität anders zu sehen. Damit wäre auf jeden Fall etwas gewonnen.

Anja Röhl
http://www.anjaroehl.de/

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