Kritik zuExil
2.4/5
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Hölzernes Wimmelbild der Pariser Exilanten-Szene
  · 10.09.22
Eine Menge Holz sind aber auch die gewaltigen Textmassen, die hier auf das Publikum niederprasseln. Durch das Gewimmel von zwölf Spieler*innen, die in einigen Fällen auch noch Doppel- und Dreifach-Rollen besetzen, und ebenso vielen Statist*innen, die sich in Ted Stoffers Choreographie mal lethargisch wie in Zeitlupe, mal traumatisiert zuckend bewegen, hätten der belgische Regisseur und seine Dramaturgin Sibylle Baschung noch deutlichere Schneisen schlagen müssen. So bleibt der Eindruck von Unmengen an Monologen, die abgespult werden. Oft handelt es sich dabei um innere Monologe der Figuren aus Lion Feuchtwangers Roman, die die Spieler*innen aufsagen müssen, so dass der Abend stellenweise eher wie eine szenische Lesung wirkt. Dies wird im nächsten Moment durch oft unmotiviertes Schreien und Brüllen zu kompensieren versucht, was die Sache aber nicht besser macht.

Während Constanze Becker als Geliebte Lea de Chassefiere weitgehend beschäftigungslos bleibt, ernten zwei Spieler*innen den stärksten Applaus: Pauline Knof, Enkelin von Inge Keller und Tochter von Barbara Schnitzler, zwei über Jahrzehnte prägenden Spielerinnen des benachbarten DT Berlin, spielt Anna Trautwein als Frau, die zunächst sehr geerdet ist und ihren Künstlergatten Sepp auf dem Boden der Tatsachen hält, bevor sie sich in der zweiten Hälfte in einem theatralischen Tränenausbruch das Leben nimmt. Ihren Mann Sepp Trautwein verkörpert Oliver Kraushaar, der sich mit seinem raumgreifenden bayerischen Bass ins Zentrum der Aufführung spielt.

Wesentliche Konflikte aus Feuchtwangers Panorama der Literaten une Intellektuellen in der Pariser Exil-Szene der 1930er Jahre kommen in der „Exil“-Theaterfassung am Berliner Ensemble zu kurz: z.B. der Konflikt zwischen Vater Sepp und Sohn Hans Trautwein (Jonathan Kempf), ob ein Leben, das sich ganz dem Komponieren verschreibt, in Zeiten der NS-Gewaltherrschaft legitim ist, oder ob man politischen Widerstand leisten muss, wie es Hans propagiert. In dieser Figuren-Konstellation spiegelte Feuchtwanger auch sein eigenes Ringen, er war hin- und hergerissen zwischen kurzzeitiger Begeisterung für Stalins Sowjetunion, die auch Hans bejubelt, und einem nüchtern-distanzierten Beschreiben des Zeitgeschehens als Romanautor. Im Programmheft gibt die Slawistin und Germanistin Anne Hartmann einen Einblick in diese komplexe Thematik, die im schwer zugänglichen Unterholz des überlangen Theater-Abends zu wenig beleuchtet wird.

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