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Die Tortenschlacht hat‘s ans Licht gebracht.
  · 27.08.22
Das klingt nach einem Zitat aus einer Boulevard-Komödie, in der mal richtig herumgesaut wird und ein Schenkelklopfer den anderen ablöst. Auch mal schön, jedoch weit gefehlt. Hier geht es zugegebenermaßen um eine Komödie, aber um eine tragische mit filigranem Humor, der in die Abgründe menschlichen Hochmuts wirkt.
Das neu erschienene Buch des Theaterstücks in sechszehn Szenen von Cordt Mannigel wurde vom Theater shortvivant in einer Streamingfassung uraufgeführt. Darauf lasse ich mich ein, obwohl ich doch jetzt wieder im Theater sitzen möchte. Nach einer Live-Ansage der Macher, die mal moderat und mal schon in ihrer Rolle internationales Publikum begrüßen und zum Kern führen, wird das Besondere und Lohnenswerte nun verständlich. Darsteller mit unterschiedlichsten Qualitäten werden weltweit gekonnt zusammengeführt und zwar von unterschiedlichen Orts in einem Theaterstück in zahlreichen Kulissen.
Die beiden Gastgeber, aus dem Backstage zugeschaltet, einer davon wird später das eingangs erwähnte Zitat von sich geben, kündigen an, nun gleich hinter den roten Vorhang zu gehen, der sich für die Gäste on demand gemeinsam kurz danach öffnet.
Es geht bei Mannigels Tragikomödie um eine Fahrt im Schnee, die grausam endet und die Beteiligten leugnen, verdrängen, beobachten, vertuschen, verstecken mit auch überzogener Inbrunst und gehen dabei vor und zurück.
Diese Motivation ist auch im kraftvollen und leidenschaftlichen Spiel der Gruppe präsent. Der ausgebildete Ballett-Tänzer Juan Negreira aus Brasilien wirkt zerbrechlich und setzt seine Pirouetten, die mehrfach im Stück im anderen Zusammenhang gesetzt werden, technisch präzise ein. Als Schauspieler möchte man ihm trotz diabolischer Facette näher sein. Sein Mitschüler ist da harscher unterwegs und Joao dos Anjos, der diesen mimt, zeigt sich fast emotionslos. Sein Talent als fertiger Ballerino ist ebenso beachtlich. Ann Chaterine Krippner vom Michael Tschechow Studio Berlin stellt die Schwiegermutter eines der Tänzer stimmlich spannend dar und hält ihren Sohn, den Anwohner und unangenehme Besucher auf Distanz. Joscha Dittrich ist dieser Nachbar, der ihre Nähe sucht, aber sie nicht finden kann oder will. Als beweglichen Schauspieler aus der Schmiede des Cours Florent ist auch sein Monolog zum mit Marko abgekarteten Spiel sehenswert. Wer ist dieser Marko, um dem sich alles dreht, wie es in der Ankündigung heißt? Es ist noch wichtig zu erwähnen: Er wird von einem Cowboy gestalkt. Linus Gomolka spielt diesen bewusst in leisen Tönen, gleichzeitig schön und bedrohlich. Alle haben mit Marko, einem erfolgreichen Ballett-Tänzer zu tun und kreisen um ihm. Stellen allesamt zwei unheimliche Geschehnisse in der Nähe einer teuren Villa aus ihrer Befangenheit und Absicht dar.
Ganz naiv wirken da Olaf Meier und Ralf Blank in den Rollen als zwei scheinbar Durchreisende, die einerseits klar geplant und andererseits bemitleidend für Unruhe sorgen. Beide Schauspieler wirken beiläufig und dann in entscheidenden Stellen dieser Tragischen Komödie als erlesen prägnant.
„Schnee ist nichts nur eine Sammlung von schmelzenden Kristallen“ zeigt die notwendige Auflösung egoistischer Selbstverliebtheit. Eben: “Die Tortenschlacht hat‘s ans Licht gebracht.“
Temporeich gelingt es dem Regisseur Leichtigkeit spüren zu lassen und dabei den Finger in die Wunde zu legen.
Das Theater shortvivant spielt noch bis Ende des Jahres. Ortsunabhängig durch Streaming. Tickets beim Theater. Hingehen, nein buchen und im Garten oder sonst wo gemeinsam bei einem Stück Torte genießen.
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