Kritik zuDer Vampyr
4.0/5
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Fundsache mit etwas Blut und viel Fantasie
  · 26.03.22
Über dem nachhaltigen Ruhm des Musicals und der Polanski-Filmversion von "Tanz der Vampire" ist in Vergessenheit geraten, dass schon der Komponist Heinrich Marschner im Jahre 1828 seine Oper "Der Vampyr" in Leipzig zur Uraufführung gebracht hatte. In Hannover, wo Marschner jahrzehntelang als königlich-hannoveraner Kapellmeister und Intendant tätig war, hatte jetzt eine Neuinszenierung des Werkes in der Regie von Ersan Mondtag Premiere. Marschner gilt als wichtigster deutscher Opernkomponist zwischen Weber und Wagner. Am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover stand am Premierenabend Stephan Zilias.
Die Handlung der Oper erfordert vom Publikum die Bereitschaft, sich auf eine fantasievolle Fabel einzulassen, die tief in den Wesenszügen der Romantik wurzelt.
Erster Akt: Ahasver und Astarte treffen im Text von Wilhelm August Wohlbrück versgebunden beim Geistermeeting aufeinander. Hauptperson der folgenden Handlung ist der Vampyr Lord Ruthwen (Michael Kupfer-Radecky), der nach dem Gebot seiner Vampyrmeisterin (Oana Solomon) binnen 24 Stunden drei junge Frauen opfern muss, um ein weiteres Jahr leben zu können. Als erstes Opfer verführt er Janthe (Petra Radulovic), die Tochter des Kardinals Berkley ( Daniel Eggert).Janthes Vater Berkley versucht noch, seine Tochter zu retten, kann aber nur noch ihren Entführer Ruthwen im Handgemenge niederstechen.
Lord Byron (Benny Claessens) trägt in rosaseidenem Anzug (als Elton John-Adaption) ein ziemlich groteskes Gedicht und einen pointiert jetztzeitigen Song vor.

Der junge Edgar Aubry, dem Ruthwen einst das Leben rettete, kehrt in einem VW Käfer von der Reise zurück. Er weiss zwar, dass Ruthwen ein Vampir ist, hat jedoch geschworen, diesen Umstand geheim zu halten.
Aubrys Geliebte Malwina( Mercedes Arcuri) will ihrem Vater, dem Ölmagnaten Lord Davenaut (Shavleg Armasi) Edgar als ihren Verlobten vorstellen. Davenaut hat aber bereits den wohlhabenden Earl von Marsden als Ehemann für sie erwählt, den zu heiraten sich Malwina nun nachdrücklich weigert. Als Marsden inmitten einer grossen Schar von Geburtstagsgratulanten erscheint, erkennt Aubry in ihm den Vampir Lord Ruthwen. Da aber Malwina das nächste Opfer von Ruthwen werden könnte, muss er prüfen, wie er sein Schweigegelübde halten kann. Schöner mehrstimmiger Ensemblesatz mit Chorbegleitung. Davenaut lädt alle zum Hochzeitsfest ein.

Die Pause wird mit einer von leichter Hand gemixten Folge von Interviews mit den Hauptpersonen gefüllt. Darin gibt es auch eine Passage für den Dirigenten des Abends, Generalmusikdirektor Stephan Zilias, der einige Schwerpunkte der Musik Heinrich Marschners erläutert und dabei verwandte Züge sogar zu Gustav Mahler entdeckt.
Im zweiten Akt wird zunächst gezecht und gesungen - wieder eine gelungene Sequenz mit dem Chor (Einstudierung Lorenzo Da Rio). Dann treten anfangs wieder Ahasver (Jonas Grundner-Culemann) und Astarte ( Oana Solomon) als strippenziehende Geister aufeinander. Intelligente Texte für Freunde sarkastischer Interpretation. Auch Lord Byron gesellt sich wieder hinzu und steuert die gegenwartsnahen Boah-Eyh-Rap-Texte bei.
Emmy (Nikki Treurniet)(vielleicht der schönste Sopran des Abends) wartet auf ihren Bräutigam George (Philipp Kapeller), der dann rasend vor Eifersucht bemerkt, dass der Earl of Marsden Emmy einen Ring als Hochzeitsgeschenk übergibt. Dabei bleibt es nicht -Ruthwen nimmt sie gefangen. Nun sind die Hauptpositionen markiert, die Gegensätze abschliessend definiert. Noch einmal ein Auftritt der babylonischen Liebesgöttin Astarte.
Als eine Art Satyrspiel feiern die vier Trinker James Gadshill (Pawel Brozek), Richard Scrop (Peter o'Reilly), Robert Green (Darwin Prakash) und Toms Blunt ( Markus Suihkonen). Noch einmal kommt Lord Byron ausschweifend zu Wort. Sein heiseres Plädoyer ruft zur Revolution auf. Oder doch nicht ? Schüsse ertönen, und George kommt mit der Leiche von Emmy herein.

Hochzeitsfeier für Malwina. Earl von Marsden in Wartestellung. Edgar Aubry springt dazwischen und enthüllt das Geheimnis des vermeintlichen Earls. Doch nun schlägt die Uhr Eins, und Lord Ruthwens Lebensfrist ist überschritten. Alle feiern die Bestrafung des Vampyrs.

Regisseur Ersan Mondtag gelingt das Kunststück, die manchmal etwas starre Vorlage mit Ergänzungen auf legitime Weise so an die Gegenwart heranzuführen, dass die Szene immer fesselnd und nach aktuellem Verständnis unterhaltsam dargeboten wird, ohne dem überlieferten Material über Gebühr Gewalt anzutun. Dazu tragen auch die fantasievollen Kostüme von Josa Marx angemessen bei. Das Dirigat von Stephan Zilias wird der überlieferten, mit Sorgfalt freigelegten Marschner- Partitur mit Engagement gerecht. Marschners Musik hat einen wunderbar romantischen Touch, der irgendwo zwischen Weber und Lortzing angesiedelt ist. Insgesamt ein Abend mit einer reizvollen Entdeckung. Das Video ist noch einige Monate bei Opera Vision abrufbar.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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