3.5/5
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Lukas Holzhauses zum Berliner THEATERTREFFEN eingeladene Inszenierung
  · 14.03.22
''Die Figuren der Mutter und der aufopferungsvollen Tante Juli werden von Stella Hilb gespielt. Mal gibt sie die sich gegen den Vater währende Mutter, die mehr und mehr in Depressionen versinkt, dann die ebenfalls im Dialekt sprechende und nicht auf den Mund gefallene Tante. Die Kinderdarsteller Noah Ilyas Karayar und Titus von Issendorff spielen alternierend Christians ein Jahr älteren Bruder Bennie. So entsteht ein eindrucksvolles Portrait der Familie und eines Jungen, der von Anfang an zwischen dem Arbeitermilieu, in das die äußere Welt nur über den Fernseher oder Filme aus der Videothek eindringt, und den gebildeten Schichten des Bürgertums, aber lange doch zu seinem Vater steht, der ihm den Stolz seiner Klasse einprägen will. Als der Vater arbeitslos wird, hungert die Familie lieber als sich die Blöße zu geben, Sozialleistungen zu beantragen. Erst die ältere Schwester der Mutter, die durch Heirat aus dem Milieu ausgebrochen ist, bringt Christian Kunst und Kultur näher. Hier räumt der Roman auch mit der Legende auf, das es jeder aus eigener Kraft schaffen kann.

Die Inszenierung arbeitet außerdem mit Videoprojektionen und Musik, vor allem von der vom Vater verehrten Band Queen. I Want to Break Free kann in diesem Zusammenhang als doppelte Befreiungshymne gelesen werden, einmal als Traum des Vaters, der sich schließlich nicht erfüllt. Er bleibt letztendlich ein Mann seiner Klasse, wohingegen Christian, wie schon der französische Soziologe Didier Eribon und sein Schüler, der Schriftsteller Édouard Louis, seine Klasse verlassen kann. Christian Baron erhebt in seinem Roman zwar keine so speziellen Anklagen an die politisch Verantwortlichen wie die beiden französischen Autoren, benennt aber auch die Agenda-Politik der Schröder-Regierung als mitverantwortlich für den Sozialabbau. In einem kurzen Videoeinspieler zu Hartz IV und Leiharbeit wird das in der Inszenierung thematisiert. Auch der Vater stirbt früh mit nur 43 Jahren an Organversagen. Die Frage steht im Raum, wer für diesen Tod verantwortlich ist und warum Christian im Gegensatz zu seinem Bruder dem Vater am Sterbebett nicht verzeihen konnte. Die Frage richtet sich am Ende auch ins Publikum. Ihr auszuweichen, dürfte künftig schwerer fallen.'' schreibt Stefan Bock am 14. März 2022 auf KULTURA-EXTRA
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