Kritik zuEffingers
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Stiller Pandemie-Moment in aufgekratzter Albernheit
  · 27.12.21
Mehr als drei Stunden dauert dieser Abend bereits, als es im Publikum ganz still wird. Julia Gräfners sachliche und doch einfühlsame Schilderung der Spanischen Grippe ist einer dieser Theatermomente, in denen man eine Stecknadel fallen hören kann. Dieser kurze Monolog von Klara Effinger über den Tod ihres Sohnes Fritz hallt durch den pandemiebedingt spärlich besetzten Raum. Während in Hamburg und Berlin häufig noch vor vollem, zum Teil sogar maskenlosem Haus gespielt werden darf, profilierte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder mal wieder als Chef des „Team Vorsicht“ und lässt nur noch 25 % Auslastung des Saals zu.

In diesem Moment, in dem der Bericht über eine Pandemie auf ein verunsichertes, seit zwei Jahren stressgeplagtes Publikum trifft, kommt Jan Bosses Inszenierung für ein paar Momente zur Ruhe. Regelrecht aufgekratzt springt der Abend ansonsten von Albernheit zu Slapsticknummer und rattert in enormem Tempo die wichtigsten Stationen des 900 Seiten dicken Wälzers der Gerichtsreporterin Gabriele Tergit, der 2019 wiederentdeckt wurde, streng chronologisch herunter.

Viel Ratlosigkeit spricht aus den häufigen Szenen, in denen wieder mal ein Stuhl kaputtgetreten werden muss. Der gefragte Regisseur, der zuletzt auf dem Vorplatz des Deutschen Theaters Berlin aus Peter Lichts seichter Molière-Überschreibung einen erstaunlich unterhaltsamen Sommer-Theater-Abend zauberte, scheitert daran, die jüdische Familiensaga „Effingers“ überzeugend auf die Bühne zu bringen. Kathrin Plath durfte in opulenten Kaiserreich-Kostümen schwelgen, auch ein hochkarätiges Ensemble war zur Spielzeiteröffnung der Münchner Kammerspiele versammelt, doch der Abend verzettelt sich darin, eine Strichfassung des Romans auf karger Bühne von Stéphane Laimé nachzuerzählen.

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