Kritik zuMÖWE.​LIVE
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Tschechow-Klassiker trifft auf Social Media
  · 11.12.21
Das virtuose Spiel mit Social Media ist das Markenzeichen von punkt.live, einer Gruppe junger Theatermacher*innen um Cosmea Spelleken, die mit „werther.live“ den Hit des vergangenen Lockdowns landeten. Ihre Frischzellenkur für den Goethe-Klassiker hätte eine Einladung zum Theatertreffen verdient gehabt.
 
Ein Jahr später nehmen sie sich in Kooperation mit dem Staatstheater Nürnberg einen weiteren Suizid-Klassiker vor: Anton Tschechows „Möwe“ wird in die Welt von Instagram-Storys, Zoom-Übungen für das Vorsprechen und Whatsapp-Sprachnachrichten übersetzt. Der Kern bleibt aber gleich: sowohl in der punkt.live-Version als auch im russischen Klassiker-Original erleben wir eine neurotisch-selbstgefällige Künstlerblase, die um sich selbst kreist.

Das wird zum zentralen Problem der knapp zweistündigen Live-Stream-Show, die heute Abend auf der Plattform nachtkritik.plus Premiere feierte: Die Figuren machen keine Entwicklung durch, reden in langen Monologen aufeinander ein und aneinander vorbei. Durch die fancy Tools der digital natives wird das Stück zwar etwas aufgelockert, aber die hübsch arrangierten Nachrichten und Links können nicht wettmachen, dass sich die Figuren im Kreis und um sich selbst drehen.

Eine Stärke der Werther-Inszenierung war es, dass es zwischen den Insta-Kurznachrichten und Sprachanrufen auch immer wieder gelungene Miniaturen gab, in denen sich die Spieler*innen im Video-Chat intensiv begegneten. Bei Tschechows „Möwe“ fehlt dies fast zwangsläufig: die innere Leere des Kunstblasen-Personals, das sich hier in Liebeswirren und Lebenslügen verstrickt, ertrinkt zu oft in Selbstgesprächen und Lamento.

Interessant war, wie sich zwei Spieler*innen aus dem Staatstheater-Ensemble in das punkt.live-Ensemble integrierten: Ulrike Arnold als Arkadina und Janning Kahnert als Trigorin spielen die beiden Etablierten, auf die sich die Sehnsüchte der Jüngeren projizieren, die sich innerhalb der Blase jedoch noch mal abschotten und ungerührt zusehen, wie die Träume der anderen zerschellen.

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