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Erinnerung an Scham und Demütigung
  · 12.07.21
Drei Frauen aus dem Residenztheater-Ensemble tasten sich gemeinsam mit der Autorin Annie Ernaux an die „Erinnerung eines Mädchens“ heran, das 1958 als Betreuerin in ein Ferienlager in Nordfrankreich fuhr und dort von einem ein paar Jahre älteren Jungen verführt und fallengelassen wurde. Das autofiktionale Buch von Ernaux erzählt von der Scham und der Demütigung, die sie damals als junge Frau erfuhr: in einer streng konservativen, patriarchal geprägten Gesellschaft auf dem Land aufgewachsen, fand sich das Mädchen, das von der großen, wahrehn Liebe träumte, wie sie die Schlager besingen, als Ausgestoßene wieder. Als „Flittchen“ wird sie gebrandmarkt, damals, zehn Jahre vor der politischen Revolte und sexuellen Liberalisierung von 1968. Jahrzehnte später blickt Ernaux nun in ihrem 2016 bei Gallimard erschienenen Bändchen „Mémoire de fille“ (deutsche Übersetzung 2018 bei Suhrkamp) auf die damalige Zeit zurück.

Vergleichbar mit den Texten von Didier Eribon unternimmt Ernaux den Versuch, eine sehr persönliche Emanzipationsgeschichte mit der Analyse gesellschaftlicher Wandlungsprozesse zu verbinden. Als Text ist das hochinteresant, auf der Bühne wenig spielerisch umgesetzt. Sibylle Canonica, Juliane Köhler und Charlotte Schwab, drei drei bekanntesten Akteurinnen im Ensemble des Residenztheaters, zelebrieren die Erinnerungsarbeit von Annie Ernaux als Messe im Halbdunkel. Kleine symbolische Gesten wie das Spannen von Fäden, das Belichten von Fotos oder das langsame Herabsinken eines Steins sind die einzigen spielerischen Momente.

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