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Chris Michalskis Konsum- und Gesellschaftssatire
  · 08.06.21
''Anja Schneider und Manolo Bertling, beide schon am Schauspiel Leipzig engagiert, schlüpfen beherzt in die wechselnden Rollen. Ein Panoptikum seltsamer und kaputter Typen, die vergeblich ihren Platz in der modernen Konsumgesellschaft suchen. Die etwas ahnungslose Mutter, die schräge Ex, die Anja Schneider betont stark sächseln karikiert, oder der Bruder Chris, der Geschichten aus der Kindheit erzählt, niemand bekommt die Beweggründe von Jan L. wirklich zu fassen. Ein eher ruhiger und nachdenklicher junger Mann und Ex-Soldat, der eine ungeklärte Leerstelle hinterlässt. Nicht nur das erinnert an den jungen tschechischen Idealisten Zdeněk Adamec, der sich 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz angezündet hatte und von Peter Handke mit einem gleichnamigen Stück bedacht wurde, das 2020 ebenfalls hier am DT zur Aufführung kam.

Michalskis Sprache ist aber wesentlich expliziter und näher am Volk, was die drei DarstellerInnen für einiges an komödiantischer Übertreibung nutzen. Dennoch bleibt ein Rest von Ernst, der die Inszenierung nicht vollends in die Farce treiben lässt. In den Beschreibungen eines Vorgesetzten und einer Kameradin werden der Charakter Jans deutlich und dass ihm die Hintergründe seines Dienstes in Afghanistan und die Einheimischen nicht völlig gleichgültig waren. Er sei nicht hart genug für den Job, was auf ein Posttrauma schließen lässt. Fast schon poetisch wirkt die Erzählung über die Schaffung einer Heim- und Feindesarmee durch den jungen Jan. Ein ausgeklügeltes System des strategischen Gleichgewichts. Am Ende singt Anja Schneider noch Marlene Dietrichs viel gecoverten Hit Sag mir, wo die Blumen sind. Michalskis humorige Gesellschaftssatire wurde sicher nicht zu Unrecht prämiert und dürfte sich zu den ATT im Herbst auch in den Kammerspielen gut machen.'' schreibt Stefan Bock am 8. Juni 2021 auf KULTURA-EXTRA
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