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Muskelspiele und philosophisches Gedankenexperiment im leeren Theater
  · 09.01.21
Intendant Johan Simons, der für nachdenkliche, leise Inszenierungen bekannt ist, wirft zur Wiedereröffnung nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 die komplette Theatermaschinerie auf Hochtouren an. Lichtkegel kreisen, die Bühne hebt und senkt sich, die Technik des wochenlang leerstehenden Hauses wird stolz präsentiert, wie beim Bodybuilding jeder Muskel angespannt. An die Eröffnung der Intendanz von Chris Dercon an der Volksbühne, die nach wenigen Monaten so unglücklich endete, erinnert diese Eingangs-Sequenz.

Als Geistervorstellung-Live-Stream präsentiert das Schauspielhaus Bochum nun mitten im zweiten Lockdown seine Inszenierung eines nur noch selten gespielten Stücks, das Elias Canetti in den 1950er Jahren schrieb. „Die Befristeten“ eignen sich gerade deshalb besonders gut für die Corona-Zeit mit ihren Abstandsregeln, weil es ein philosophisches Gedankenexperiment ist. Was würde es für eine Gesellschaft bedeuten, wenn jeder Mensch genau wüsste, in welchem Jahr er sterben muss und wie viel Lebenszeit ihm bleibt. Würden wir die verbleibende Zeit besser einteilen und intensiver nutzen? Ein Großinquisitor, der hier Kapselan genannt wird, gilt als unumschränkte Autorität und ist der einzige, der die Kapsel öffnen darf, die jeder um den Hals trägt.

Bemerkenswert macht „Die Befristeten“ vor allem, dass der regieführende Intendant Johan Simons den kompletten Saal als Spielfläche nutzte. Auch im Live-Stream wird das Konzept der Inszenierung sehr deutlich: die Spieler*innen postieren sich mehrfach mit großem Abstand an den Aufgängen und neben den gähnend leeren Sitzreihen und legen damit ihre Finger in die Wunden des coronabedingt geschlossenen Theaters.

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