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Sibylle Bergs Und sicher ist mir die Welt verschwunden
  · 27.10.20
''Den Tod im Auge muss die Protagonistin enttäuscht feststellen, dass ihr das Unterbewusstsein keine faszinierenden Bilder eines gelungenen Lebens zeigt, sondern nur Unterdurchschnittliches wie „Immobilien und Kühlschränke, triste Reisen und die Abwesenheit von Liebe.“ Das allein wiegt schon schwer. Hinzu kommt noch die Benachteiligung durch patriarchale Strukturen und das Herausdrängen aus dem Job, während Männer ihres Alters befördert werden. Hämisch böse performen die vier Damen dabei schwanzwedelnde misogyne Mansplainer. Wenn Svenja Liesau in einer aus der Rolle fallende Soloperformance als Betrunkene die letzte große Liebe Benny am Grab verabschiedet und sich dabei an der Souffleuse abreagiert, ist das aber durchaus selbstironisch angelegt. Und auch die anderen haben ihre Soloauftritte. In den chorisch vorgetragenen Textpassagen wechselt der Ton von bitterem Sarkasmus zur Resignation und zurück. Frau hat es sich in ihrem Leben zwischen Job, Mutterschaft und Ersatzbefriedigung Konsum mit einem Ferienhaus an der Côte d‘Azur gut eingerichtet. „Ich hatte daran geglaubt, dass Konsum glücklich macht, und, verdammte Scheiße, das stimmt.“

Auch die Familie bringt ihr nicht die erwartete Liebe entgegen. Die Mutter, die sie ins Pflegeheim abgeschoben hat, und die Tochter, die wie sie damals nur auf andere Art rebelliert, haben sich von ihr abgewendet. Es bleibt die Angst vor dem Ende. „Du kommst allein und du gehst allein“, lautet das deprimierende Fazit. Da hilft nur sich selbst wieder als 13jährige zu fühlen. Mit mehreren starken Showeinlagen, bei denen das spiel- und tanzfreudige Damenquartett u.a. ein Death-Metall-Band performt, oder Songs wie I wanna know what love is singt, versucht Regisseur Nübling die „unendliche Traurigkeit“ und Hoffnungslosigkeit des Textes zu durchbrechen. Und zumindest für 90 unterhaltsame Minuten sehen dabei die Schauspielerinnen wie Siegerinnen aus.'' schreibt Stefan Bock am 27. Oktober 2020 auf KULTURA-EXTRA
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