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Melancholie und Verlorenheit
  · 29.09.20
''Schuberts Leiermann-Lied, das Elfriede Jelinek zur Reflexion des eigenen vergeblichen Schreibens („immer die gleiche Leier“) inspirierte, steht ganz am Anfang bei noch geschlossenem Gazevorhang, auf den Bilder von Wanderern im Schneegebirge projiziert werden. Tilo Krügel als Umherirrender gibt dann die Passagen, in denen Jelinek u.a. Heideggers Seins-Theorien verhandelt. Geworfen sind hier irgendwie alle, auch gebeutelt von Winden, denen sich die kleine, aus der Zeit gefallene Seilschaft entgegenstemmt. Dazu wird chorisch Das Wirtshaus („Auf einem Totenacker…“) oder Die Wetterfahne gesungen. Wenn aus dem Tale der Hüttenhit "Hurra die Gams" wummert, wird oben mit einem zarten "Am Brunnen vor dem Tore" dagegen gehalten. Die Melancholie der Texte und Lieder lässt Lübbe mit Slapstickeinlagen, Telefonklingeln und einem kauderwelschenden Kofferträger (Miloslav Prusak) als Running Gag brechen. Aber auch das verstärkt nur die marthalernde Wirkung.

Einen großen Auftritt hat zumindest noch Julia Berke mit einem Text über die Schwierigkeit beim Orgelstudium und den Zusammenhang von Musik, Zeit und Raum. Ihr im Stakkato wiederholtes Fazit lautet: „Rhythmisch bleiben!“ Anderes klingt dann doch schon etwas beliebig aus dem Zusammenhang gerissen. Jule Roßberg spricht über die Verfügbarkeit in den Online-Netzwerken, und Denis Petković philosophiert über die Technik, die Zeit und das Sein. Dazu gibt es Die Nebensonnen, wobei alle VR-Brillen tragen, oder das Wegweiser-Lied, obschon dieser Inszenierung so langsam Richtung und Ziel verlorengegangen scheinen. Final läuft es auf den Monolog von Ellen Hellwig, der 74jährigen Grande Dame des Schauspiel Leipzig zu. Ein halbstündiges Sinnieren eines alten Mannes, dessen Verstand verschwindet und mit dem Jelinek ihren dementen Vater meint. Ein letztes Aufbäumen gegen das Vergessen und Verdrängen aus der Zeit. Kienberger begleitet sie dabei zart auf der Glasharfe. Solche bemerkenswerten Einzelleistungen gab es auch in anderen Inszenierungen von Jelineks Winterreise. Der starke Schlusspunkt eines ansonsten recht unentschiedenen Abends.'' schreibt Stefan Bock am 29. September 2020 auf KULTURA-EXTRA
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