Kritik zuStummes Land
3.5/5
Bewertungen: 2
Rezensionen: 2
Alle Kritiken ansehen.
''Wer Ines Geipels Buch gelesen hat, ist klar im Vorteil. Freyer hat sich sicher auch daran orientiert. Seine Fälle, die das Quartett auf der Bühne in kleinen familiären Dramoletten aus der ostdeutschen Provinz mit Kostümen und Requisiten aus dem Paket vorspielt, greifen zurück bis zum 17. Juni 1953, der von den DDR-Oberen als faschistischer und vom Westen initiierter Anschlag dargestellt wurde, und gehen über den Mauerbau 1961 und die Verfolgung algerischer Vertragsarbeiter in den 1970er Jahren in Erfurt bis zum antifaschistischen DDR-Kultort KZ Buchenwald, wo die Jugend der DDR jährlich mit großen Fahnenappellen zur Jugendweihe auf den Antifaschismus eingeschworen wurde. Ein vielstimmiges „Nie wieder Krieg“, während in Erfurt Neonazis skandierten und die Stasi alte SS-Aufseher zur operativen Mitarbeit anwarb. Regisseur Tilmann Köhler bebildert recht sparsam, lässt höchstens mal Akten durch die Luft fliegen, verfremdet das Deutschlandliedsingen und lässt im Run um den Tisch immer wieder Figuren des Buchenwald-Denkmals darstellen.

Dass sich Freyer in diesem Teil so stark an das Buch von Ines Geipel anlehnt, obwohl er auch eigene kleine Familiengeschichten in die DDR-Historie einflicht, mag ein Manko sein, die beklemmende Situation im sehr intimen Raum der Hinterbühne macht diese Kammer-Inszenierung aber zum eindrücklichen Erlebnis, an dessen Ende noch ein kanonartiger Chor von Dörflern bei einem fremdenfeindlichen Angriff fast lyrisch seine Ressentiments herauslässt und sich in einem vom Schnürboden schwebenden Käfig einzäunt. Alles nur ein Traum und morgen wieder weg, vom Schnee verdeckt, beruhigen die Eltern ihre Kinder. Das System Schweigen funktioniert noch immer.'' schreibt Stefan Bock am 28. September 2020 auf KULTURA-EXTRA
War die Kritik hilfreich?