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Von Aischylos bis Bullerbü oder Wer A sagt, ist nur zu faul zum B-Denken
  · 04.09.20
''Er hätte auch ganz gerne mal eine Gesamtansicht von sich, referiert er gewohnt fahrig von der Großbild-Videoleinwand herunter auf das Bühnenbild in zwei Zimmern. Das alte Lied der Innen- und Außenwahrnehmung. Sich selbst beim Handeln zusehen, eine Vorstellung davon haben, was man gerade tut. Man könnte das auch als Unvermögen der Reflexion bezeichnen, oder auch das Denken und Handeln nicht immer eine Einheit bilden. Der Zweifel und das Einverständnis als Triebkraft des Marxismus. Aber so ganz klar ist das dann wieder auch nicht. Nebenbei geht es neben dem geplanten Bankraub, der hier nur schleifendrehende Denkblase bleibt, außerdem noch um Brecht und die Weigel als Intendantin und Mutterdarstellerin, Leben und Tod, die paradoxe Gleichzeitigkeit des revolutionären Marxisten, den Wuttke hier mit Marxbart, russischer Fellmütze und Prawdazeitungs-Nachthemd gibt sowie um die Unmöglichkeit der Liebe in der falschen Gesellschaft.

Das Gefühl, die Revolution verpasst zu haben, führt bei Kathrin Angerer in einem letzten Monolog geradewegs zur postrevolutionären Depression, die sich ihre neuen Zeichen sucht und seien es nur Katzenvideos oder was René Pollesch im Lockdown sonst noch so gesehen und gelesen hat. Die Kritik der Repräsentationsroutine gegen die Routine des immer gleichen Diskurses nur in anderem Gewand. Dass man dabei auch wieder mit schönen Anekdoten gegen den Theaterbetrieb ätzt wie etwa Katrin Wichmann mit ihrem Bericht über entwürdigende E-Castings oder den kanonisierten Ton des Theaters von „Aischylos bis Bullerbü“ geißelt, ist schöne Abwechslung im allgemeinen Einerlei der Uneindeutigkeiten. Wenn Bernd Moss erkennt, dass man schon wieder in die falsche Richtung gespielt hat, weil ein voll besetzter Theatersaal im Großbild-Video an der Rückwand erscheint, dreht sich das Bühnenbild einfach um und lässt einen wieder allein mit der Ungewissheit offener Fragen. Auch das ein Spiegel der momentanen Ohnmacht des Theaters und einer Gesellschaft im Notstand.'' schreibt Stefan Bock am 4. September 2020 auf KULTURA-EXTRA
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