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Glücklich ist, wer neben sich steht
  · 09.03.20
''Die großartige Katrin Angerer, Ex-Star der Berliner Volksbühne, schüttet in Pierrotkostüm und Kleinmädchenton Wortkaskaden aus über Gott und die Welt und mampft dazu Leibniz-Kekse. Sie verheddert sich in Kompliziertheiten: über den Kapitalismus, die Einsamkeit, den Optimismus, B-Movies und Gewerkschaften. Sie plappert vom Kampf der Theorien, der so spannend sei wie der Kampf der Leidenschaften und macht dazu große Augen. So, so. Es sekundieren: der sensible Damian Rebgetz, der so tut, als sei er ein rauhbeiniger Sheriff. Thomas Schmauser, der einen durchgeknallten Regisseur mit Parteiauftrag mimt. Benjamin Radjaipour theoretisiert zu apokalyptischen Steinschlägen elegant über das proletarische Theater der 1920er Jahre und die Schönheit bei Brecht, als sei er ein Kenner, während ein Syrer im Cowboy-Kostüm irgendwas arabisch Klingendes absondert, musikalische Wortwellen, aus denen nur ab und an das Wort „Volksbühne“ auftaucht. Doch Vorsicht! Einer kämpft gegen die Spinne wie Siegfried gegen den Drachen. Dafür wird er zum Liliputaner geschrumpft und muss sich vor dem Fauchen eines Kätzchens sowie dem Stiefel des überlebensgroßen Kollegen fürchten.

Unnötig zu sagen, dass das Leben anderswo stattfindet und der Sinn auch. Vor allem aber der „Tauschhandel von Gefühlen“, den man sonst zu sehen bekommt – auf der Bühne und überall. Wir wollen Emotionen erleben, die Schauspieler sollen liefern. Das ist bei Pollesch out. Thomas Schmauser, der „Regisseur“ erklärt: Außer dass er seinen Lebensunterhalt verdienen muss, hat ein Schauspieler keine persönlichen Gründe, um sich mit den Beziehungen und Konflikten von Figuren abzugeben, die er spielt. Und im Gegensatz zum „normalen“ Menschen, der dauernd auftritt, aber keine Ahnung hat, welche Rolle er spielt, weiß er, dass er nicht „ist“, sondern nur darstellt. Wobei gerade das Glück, ein anderer zu sein, ihn glücklich macht. „Authentizität“ ? Nicht möglich. Was man ehrlich anbieten kann, ist „Präsenz“.'' schreibt Petra Herrmann am 9. März 2020 auf KULTURA-EXTRA
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