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Venedig im Doppelpack
  · 23.02.20
''Wer das Blackfacing verdammt und der Ansicht ist, dass die Hautfarbe einer Darstellerin, eines Darstellers im Theater von Bedeutung ist, muss sich fragen lassen, was es aussagt, wenn Portia von einer Farbigen, Stacyian Jackson, gespielt wird. Das soll doch wohl nicht heißen, dass die Schwarze den Juden austrickst? Befremdlich, wenngleich im gegenwärtigen Klima wenig überraschend, ist eine weitere Analogie. Die Wiener Bearbeitung legt Jagos Frau Emilia (Sylvie Rohrer) die leicht variierten Worte Shylocks in den Mund: „Hat nicht eine Frau Hände?“ Da gibt es einen Aufschrei der Empörung, wenn jemand die Bagatellisierung der Klimakatastrophe und deren Folgen für die Nachwelt mit dem Holocaust vergleicht, aber man nimmt es widerspruchslos hin, dass die Situation der Frauen mit der der Juden gleichgesetzt wird. Trotz Holocaust. Was, wenn nicht dies, wäre frivol?

Kurz vor dem Schluss erstickt Desdemona in der Umarmung Othellos, der ihr als Todesengel erscheint. Schon zuvor ist ein Skelett über die Bühne geschlichen: der Tod in Venedig. Und irgendwie würde man sich doch gern die Zeit für zwei Abende nehmen, für Othello und für den Kaufmann von Venedig, die, genau und etwas weniger überkandidelt besehen, nicht viel mehr gemeinsam haben als Der Glöckner von Notre-Dame mit der Menschlichen Komödie. Spätestens wenn Portia auf das – für alle außer Shylock – Happy End zusteuert, muss klar werden, dass das herzlich wenig mit der vorausgegangenen Schießerei zu tun hat. Der Rest ist Kopfgeburt. Nicht wirklich zu Ende gedacht. Aber schön anzusehen, immerhin.'' schreibt Thomas Rothschild am 23. Februar 2020 auf KULTURA-EXTRA
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