3.0/5
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O du Schaurige
  · 11.12.19
''Die Gesichter der Darsteller werden teils maskenhaft durch dicke Schichten aus Latex und Schminke entstellt. Auch die Kostüme von Teresa Vergho wirken oft grotesk deformierend. Ein siebenköpfiger Chor trägt so schweinsartig fleischfarbene Knautschmasken. Zwei Frauen spielen (wie schon in Ersan Mondtags Die Räuber-Inszenierung) zentrale Männerrollen. Benjamin Höppner gibt ein köstliches Bild als brutal anmutendes, grobschlächtig-massiges SA-Mitglied, das sich lustvoll von Gummischwänzen bepinkeln lässt, bevor es während einsamer Monologe erschossen wird. Auch Yvon Jansen sticht hervor. Sie zieht als Kriegswitwe Sophie perfide und skrupellos die Strippen in dieser abstoßenden Gemeinschaft. Bald wird sie jedoch durch ihren eigenen Sohn Martin (Ines Marie Westernströer) – bockig, moralisch-geistig verwirrt, mal pädophil und mal einfach nur hysterisch – in Grausamkeit überboten. Die Rolle des Martin verhalf einst Helmut Berger, Viscontis langjähriger Weggefährte, zum internationalen Durchbruch. Seine Persiflage von Marlene Dietrich in ihrer Rolle der Lola in Der blaue Engel war ein legendärer Kinomoment in Die Verdammten. Westernströer stimmt auch kurz seinen Chanson-Part an: „Kinder, heute Abend suche ich mir was aus“. Doch die schillernde Travestie von damals weicht einer unheimlichen und unterkühlten Entrücktheit.

Die zahlreichen Bezüge, die Visconti etwa zu Richard Wagners Götterdämmerung setzt, gehen bei Mondtag ein bisschen verloren. Er verfremdet und verformt das Geschehen und die politischen Hintergründe zu sehr. Fragen der zerstörerischen Allianz zwischen der Industrie-Aristokratie und aufstrebenden nationalsozialistischen Machthabern, der Schuld, Scham, Schwäche und Schande wird nur wenig nachgegangen. Mondtags Figuren erscheinen der Reihe nach inhuman; wie kalte und grobe Monstren, ohne Fallhöhe und mögliches Entwicklungspotenzial. Doch die erschreckenden, künstlich anmutenden Bilder atmosphärischer und menschlicher Kälte strapazieren über kurz oder lang. Sie lassen einen gar bald auch kalt.'' schreibt Ansgar Skoda am 11. Dezember 2019 auf KULTURA-EXTRA
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