3.3/5
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Lesung von Miniaturen
  · 20.11.19
Nur knapp hundert Seiten schmal ist das Bändchen, das im Juni 2019 erschienen ist und auf der gleichnamigen „Lecture Performance“ von Carolin Emcke basiert.

Der Begriff „Performance“ ist etwas hochgegriffen. Es handelt sich eher um eine klassische, konzentrierte Lesung von Miniaturen, unterbrochen von kurzen Musikstücken (meist Klassik, selten Rap) und im Hintergrund begleitet von Videos (Rebecca Riedel, Mieke Ulfig).

Mit dem Zweifel und dem Ringen um Worte beginnt und endet der 90minütige Abend. Dazwischen reflektiert Emcke in dem ihr eigenen Duktus, der stets zwischen präzisen Sätzen und einem zum Teil etwas zu predigerinnenhaften Ton schwankt, über Begehren und Sexualität in Zeiten von #metoo.

Spöttisch-stirnrunzelnd fragt sie, warum der Bademantel als Accessoire in so vielen Horror-Storys übergriffiger Alpha-Männer von Strauss-Kahn über Wedel bis Weinstein auftaucht. Der Abend folgt bewusst keinem stringenten roten Faden, sondern umkreist mit kleinen Skizzen die öffentliche Debatte.
Meist bleiben die Texte auf der Meta-Ebene und grübeln soziologisch-geschult über fragwürdige Begriffsverschiebungen wie „Tugendterror“, die Emcke klug auseinandernimmt. Seltener wird der Abend auch sehr persönlich: Emcke berichtet, dass sie als junge Redakteurin vom Herausgeber angerufen wurde, der einen Artikel lobte. Ihr Ressortleiter fragte besorgt, ob sie vom kaum noch präsenten Patriarchen  eine Einladung nach Hause bekommen habe. In dem Fall hätte er darauf bestanden, sie zu begleiten, da zu viele Geschichten über Treffen mit anderen jungen Journalistinnen kursierten.

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