Kritik zuDer Boxer
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Großes Regietalent auf kleiner Bühne
  · 16.11.19


Shapiro scheut keine Gefahr. Er setzt auf seine Körperkraft. Sie hat bisher seinen Erfolg garantiert. Als Boxer geht er meist als Sieger aus dem Ring. Der Pate von Warschau hat ihn in sein Team geholt. Und dass obwohl er Jude ist. So glaubt er auch gegen die aufkeimenden, rechts-nationalistischen Tendenzen in seiner Stadt gut gewappnet. Er will der König von Warschau werden, egal welche Gegner sich ihm entgegen stellen werden.
Shapiro unterläuft damit allen Klischees, die über einen Juden gemeinhin kursieren mögen. Er setzt ganz klar auf die Macht der Gewalt. Er will entgegen aller Warnungen in Warschau bleiben. Schließlich hat er noch Größeres vor: Er will König von Warschau werden.
Er umgibt sich mit Frauen, die ihm zu Willen sind. Ob die ehemalige Prostituierte Ryfka (Rosa Thormeyer), seine Frau Emilia (Anna Blomeier) oder die Tochter des Warschauer Staatsanwalts (Toini Ruhnke), sie alle himmeln diesen starken, selbstbewussten, muskulösen und durchsetzungsfähigen Siegertypen an.
Die in Polen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Regisseurin Ewelina Marciniak rückt die Frauenfiguren aus dem Schatten der Romanvorlage von Szczepan Twardoch ins Licht. Sie sind bei ihr ein wichtiges Korrektiv zu Shapiro, um seine Geschichte in allen Facetten zu erzählen. Während Shapiro nur wenig auf seinen Verstand setzt, ihn geradezu regelmäßig auszuschalten scheint, um seine Ziele durchzusetzen, mahnen die Frauen zur Vernunft. Seine Ehefrau will immer wieder nach Palästina ausreisen. Ryfka weiß, wie man strategisch an den richtigen Strippen zieht, um auch in politisch schwierigen Zeiten zu überleben.
Schon vor dem Einmarsch der Deutschen gewinnen sich in Polen die rechtextremistischen Stimmungen an Einfluss. Als der Pate gestürzt und verhaftet wird, steigt Shapiero zwar zunächst zu seinem Nachfolger auf, gerät aber danach in den Beschuss der neuen Regierungsmehrheiten. Die Juden werden zu unerwünschten Personengruppe erklärt.
In Zeiten des Holocaustgesetz, das Polens Regierungspartei PiS 2018 verabschiedet hat, enthält das Buch durchaus Diskussionsstoff. Während der Roman diesen fast hinten der spannenden Thrillerhandlung nebensächlich werden lässt, stellt Marciniak die Hinweise in eine größeren Zusammenhang. Sie hat keinen Thriller in Szene gesetzt sondern ein melancholisches Geschichtsdrama erzählt . Klug belässt sie die Geschichte in der Vergangenheit, verwischt aber auch hier die allzu eindeutigen Spuren, indem sie ständige Zeitsprünge einbaut. Sie erzeugt ein intelligentes vielschichtiges hintergründiges Kaleidoskop an Wahrheiten. Sie überlässt ihren Zuschauern das Weiterdenken und verzichtet zwar auf direkte Parallelen in die Gegenwart. Im Programmheft merkt sie nur an, dass Gewalt universell sei, weder deutsch jüdisch noch polnisch. Eine unanfechtbare, diplomatische, allgemeingültige Aussage.
Ihre Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk aus Musik (Livemusik: Anita Wälti), Sprache, Sprechtheater, Tanz (Choreografie: Dominika Knapik) und Bühnenbild (Miroslav Kaczmarek). Wunderbar stimmig komponiert wie für ein großes Orchesterwerk.
So klug verschränken sich die Figuren, ihre Bewegungen, ihre Äußerungen und ihre Geschichten, dass sie nicht nur für sich selbst sondern auch für ihre Zeit sprechen. Bei ihr sind die Rollen keine Klischeefiguren sondern echte vielschichtige Menschen. Kaum ist das Stück zu Ende, wünscht man sich, es noch einmal zu sehen, um all die weiteren Geschichten zu entdecken, die Marciniak in ihr versteckt hat und die man beim ersten Mal übersehen hat. Ein großes Theatertalent, dem man in Deutschland eine Inszenierung auf der großen Bühne wünscht.
Birgit Schmalmack vom 24.9.19

www.hamburgtheater.de
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