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Düsteres, feministisches Oratorium über Drill im Militärlager
  · 11.11.19
Sivan Ben Yishai, die in Tel Aviv aufgewachsen ist und seit einigen Jahren in Berlin lebt, reflektiert die düstere Lage der jungen Menschen in einem hochmilitarisierten Land. Dass Teenagerinnen in Uniform mit der Knarre über der Schulter in einen Laden kommen und nach DVDs stöbern, ist in Ben Yishais israelischer Heimat bis heute ein ganz alltäglicher Anblick, für Touristen allerdings ungewohnt und verstörend.

Der vom mehrere Generationen überspannenden Quartett hochkonzentriert vorgetragene Text erinnert fast an ein Oratorium, wie Frank Dietschreit im rbb-Kulturradio treffend feststellte, und kontrastiert drei Zeitebenen: Erstens das Hier und Jetzt der acht jungen Frauen, die Drill und Schikanen der Vorgesetzten ausgeliefert sind und Liegestütze vor den Stiefeln des Befehlshabers machen müssen. Um sexuelle Übergriffe der Männer abzuwehren, drängen sie sich eng einander. Kuschelnd, streichelnd und küssend entsteht eine homoerotische Verbindung zwischen den Frauen. Zweitens phantasieren sie sich nachs in albtraumhaften Sequenzen über Todesarten, Militärtribunale, vor denen sie sich verantworten müssen, und Tierkadaver hinein. Drittens erinnern sie sich in Rückblenden im Lager daran, wie ihr Vater ihnen davon vor schwärmte, dass die Jahre bei der Armee die „schönste Zeit seines Lebens“ gewesen seien. Als der Einberufungsbescheid in den Briefkasten flattert, bereitet der Vater seine Tochter stolz mit einem Initiationsritual auf den Wehrdienst vor. Von der männerbündischen Lagerfeuer-Romantik, von der ihr Vater seinen Kindern bei langen Autofahrten vorschwärmte, während die 80er Jahre-Hits von Phil Collins bis Michael Jackson aus dem Autoradio dudelten, ist die Realität der Töchter weit entfernt.

Sasha Mariana Salzmann lässt den Text ganz für sich sprechen und inszeniert ihn ziemlich minimalistisch. Die vier Frauen, die ihre weißen Röcke bald ablegen und in Camouflage-Montur durch die auf der Bühne aufgestellten Stuhlreihen pflügen, sprechen meist im Chor. Die Feel-Good-Popsongs werden passend zur düsteren Stimmung verzerrt und geloopt. Allgegenwärtiges Rauschen, Wispern und Knarren sorgt für einen irritierenden Klangteppich, in den die Patriarchats-Anklage der vier Frauen eingebettet ist.

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